24.01.2015

Der Mann der vielen Worte

Papst Franziskus amüsiert die Welt. Aber hilft das seiner von Krisen geschüttelten Kirche?
Am Anfang war das Wort. "Buona sera", sprach der neue Papst am 13. März 2013. Nicht etwa: "Gelobt sei Jesus Christus". Nein, nur buona sera - guten Abend. Und schon jubelte das Volk.
Ob am Ende vom Pontifikat des Franziskus, geboren als Jorge Mario Bergoglio, vor allem das im Gedächtnis bleibt - Leut- und Redseligkeit? Nachdem der Papst Anfang der Woche schwadroniert hatte, gute Katholiken müssten nicht notwendigerweise "wie die Karnickel" Kinder zeugen, fiel der Jubel schon verhaltener aus. Denn so gewagt diese Wortwahl war, so schnell wurde auch klar: Der argentinische Oberhirte, erklärter Bewunderer des als Pillen-Paul verschrienen Papstes Paul VI., rückte mit seiner Bemerkung keinen Millimeter vom Verbot künstlicher Empfängnisverhütung ab.
Franziskus weckt, seit seinem unverkrampften ersten Auftritt als Papst auf der Loggia des Petersdoms, hohe Erwartungen. Weil er für Überraschungen gut und für Reformen vielerlei Art offen zu sein scheint. Weil sein Führungsstil anarchisch wirkt und sein theologisches Gerüst biegsam. Das befremdet strenggläubige Katholiken, die vom Papst das genaue Gegenteil erwarten - stabile Leitplanken als Wegweiser zu Gott. Aber es ermutigt all jene, die der von Missbrauchs- und Finanzskandalen gebeutelten Kirche Veränderung wünschen.
Südamerikas Katholiken etwa wollen, dass unter dem Argentinier im Vatikan das Augenmerk entschiedener auf die Armut gerichtet wird. Afrikanische Bischöfe fordern mehr Aufmerksamkeit für das Problem der Polygamie und - an der Seite konservativer Glaubensbrüder aus den USA und Australien - weniger Getöse um Geschiedene und gleichgeschlechtliche Paare. Deutsche Katholiken wiederum setzen darauf, dass Franziskus die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten und die Anerkennung homosexueller Partnerschaften vorantreibt.
Wie aber kommt es, dass ein und derselbe Papst so unterschiedliche Hoffnungen nährt? Bergoglio, erster Jesuit auf dem Thron Petri, hat seinen Anteil daran. Er gibt publikumswirksam den Unruhestifter und vermittelt durch sorgsam gewählte Gesten, dass er Neues ermöglichen will. Er schließt wenig aus und lässt vieles offen. Dabei vergisst er bisweilen seine Stellenbeschreibung als Papst: Er ist da, um Verbindliches zu liefern.
Wann gab es das zuvor, dass der Pressechef des Vatikans darum bitten muss, man möge aus den ständig publik werdenden Telefonaten des Papstes keine Rückschlüsse auf die "Lehrmeinung der Kirche" ziehen? Wie konnte es passieren, dass der Gründer der Tageszeitung "Repubblica" ein theologisch heikles Interview mit dem Papst aus dem Gedächtnis wiedergeben und veröffentlichen durfte? Und wozu hat die Kurie PR-Berater von McKinsey eingestellt, wenn Franziskus nach den Mordanschlägen auf "Charlie Hebdo" spontan mehr Respekt vor Religionen anmahnt, und zwar mit den Worten: "Beleidigt einer meine Mama, dann erwartet ihn ein Faustschlag"?
Bei den volksfrommen und wenig verzärtelten Bewohnern seiner argentinischen Heimat trifft dieser Papst damit den Ton. Auf europäische Empfindlichkeiten hingegen kann und will er nicht ständig Rücksicht nehmen - mittlerweile leben die meisten der weltweit 1,2 Milliarden Katholiken ohnehin auf der südlichen Erdhalbkugel. Europa, das hat Franziskus vor Parlamentariern in Straßburg verkündet, wirke müde und unfruchtbar. Im Klartext heißt das: Der alte Kontinent ist nicht mehr der Nabel der Welt - und damit auch nicht der Weltkirche.
Bemerkbar machte sich diese franziskanische Wende bereits bei der Ernennung neuer Kardinäle und bei der vatikanischen Kurie, der vom Papst zuletzt vor laufenden Kameras "spiritueller Alzheimer" bescheinigt worden war. Franziskus beruft nun Führungskräfte aus Weltgegenden, die wenig im Vatikan vertreten waren. Männer, vor allem aus Lateinamerika, aber auch aus Asien und Ozeanien, die der bisher so eurozentrischen Kirche ein neues Gesicht geben sollen.
Zwar füllt der Papst weiter die Piazza vor dem Petersdom, aber in den Gotteshäusern und Priesterseminaren der alten Welt setzt sich der Niedergang des Katholizismus ungebremst fort. Der "Franziskus-Effekt", klagen Kleriker innerhalb der vatikanischen Mauern, das ganze Mediengeschnatter also um diesen Papst samt den dazugehörigen symbolträchtigen Bildern, dürfe über eines nicht hinwegtäuschen: Von einer Trendwende im christlichen Abendland sei nichts zu spüren.
Zweifelsfrei hat sich der inzwischen 78-jährige Franziskus vorgenommen, noch eine Weile lautstark Unruhe zu stiften - durch seine zwanglose Art bei all denen, die nach Gewissheit suchen; und durch sein starres Familienbild bei jenen, die von einer Kirche nach Patchwork-Muster träumen.
Es spricht vieles dafür, dass am Ende beide Lager enttäuscht sein werden. Weil dieser Papst keiner der Ihren sein wollte.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 5/2015
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