24.01.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteGut gebrüllt

Warum ein junger Israeli, der in Berlin von Judenhassern verprügelt wurde, kein Opfer sein will
Ein Hinterhofzimmer am Maybachufer, Berlin-Neukölln. Shahak Shapira sieht anders aus, als Deutsche sich einen Israeli vorstellen mögen: Blonder ist er, blauäugiger. Er hat sich auf dem Sofa eingerollt, blaue Krümelmonster-Schlappen an den Füßen, den Laptop auf dem Schoß.
Shapira, 26 Jahre alt, hat verwirrende Wochen hinter sich. Es war in der Silvesternacht, als er sich in der U-Bahn mit ein paar antisemitischen Hohlköpfen anlegte, und seither wehrt er sich dagegen, vereinnahmt zu werden, ob als Opfer oder als Held. Mehrmals stand er danach mit TV-Teams an Bahnhöfen herum und sollte traurig gucken. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, das Geschehene zu begreifen. Er klickt auf seinem Rechner durch Fotos und Videos, sieht demonstrierende, trauernde Menschen, sieht Plakate, Parolen, Karikaturen.
Er spricht jetzt über Terror, was der anrichten kann bei Menschen, wie er Hass schürt und wieder Terror sät - denn mit Terror kennt sich Shapira aus. Die Familie seiner Mutter stammt aus Warschau, man hat sie in Treblinka vergast, ein halbes Dutzend Menschen, nur der Großvater konnte sich verstecken, bis er befreit wurde und dann nach Israel auswanderte. Der Großvater väterlicherseits ist ein Volksheld in Israel, er starb 1972 auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Amitzur Shapira war Trainer der israelischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen in München. Eine von elf Geiseln, getötet von der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September". Durch eine Handgranate, die ein Terrorist in den Hubschrauber geworfen hatte.
Und Shapira selbst, der 1988, zwei Jahre vor dem Golfkrieg um Kuwait, in Tel Aviv zur Welt kam? Zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen, sagt er, zählten die Stunden, die er mit der Mutter in Bombenkellern verbrachte, es sei bloß ein Spiel, sagte die Mutter, "komm, schlüpf in deine Kinder-Gasmaske". Als er 14 war, zog er mit der Mutter zu deren Freund nach Deutschland, in das nicht für Weltoffenheit bekannte Sachsen-Anhalt. Eines der ersten deutschen Wörter, die er dort aufschnappte, war "Judensau".
Warum wird so jemand, der Leid und Ausgrenzung erlebt hat, nicht auch zum Radikalen, zum verblendeten, bewaffneten Irgendwas-Hasser - warum steht dieser junge Jude auf und brüllt wie ein Löwe und besteht darauf, dass man seinen Fall nicht für antimuslimische Propaganda missbraucht? "Weil ich Rassismus sehr früh erlebt habe", sagt Shapira. "Ich habe ihn immer als Dummheit empfunden."
Das Video ist verwackelt. Shapira kramt es hervor auf seinem Laptop, es dauert 14 Sekunden. Er hat es in der Silvesternacht mit seinem Handy aufgenommen. Zu erkennen sind Gestalten in dunklen Daunenjacken, sie grölen in einer Berliner U-Bahn, es ist der 1. Januar, 2.30 Uhr.
Shapira lebt seit sechs Jahren in Berlin, als freischaffender Werber, er war mit Freunden unterwegs zu einer Party in Prenzlauer Berg. Sein neues Jahr hatte nicht besonders gut begonnen: Erst musste er eine Freundin verarzten, der eine Rakete vor dem Gesicht explodiert war, dann waren sie durchs ballernde Berlin gelaufen, und er fühlte sich unter Beschuss wie früher als Kind in Nahost. Sie stiegen in die U6, an Bord sieben Männer "arabisch-türkischer Herkunft", so Shapira, die tranken Bier und johlten "Fuck Jude", "Fuck Israel". Das Abteil war voller Menschen, nur zwei reagierten. Shapira ging zu den Männern, forderte sie auf, still zu sein, "Ich bin Jude, habt ihr ein Problem damit?" Er weiß nicht, ob sie ihn gehört hatten, er nahm sein Handy und filmte sie.
Am Bahnhof Friedrichstraße wollten sie, dass er das Video löscht, bespuckten ihn, sie prügelten sich, er löschte nichts. Shapiras Freunde zogen ihn zurück in die U-Bahn, er erstattete Anzeige bei der Polizei.
In den Tagen darauf empörten sich Israels Medien über Shapiras Fall und ein Berlin, in dem Juden nicht mehr sicher seien. "Es geht mir gut", postete Shapira auf Facebook mit dem ihm eigenen trotzig-ironischen Humor: "Berlin ist immer noch fantastisch. Ich würde sogar ohne Angst durch die Stadt laufen, nur bekleidet mit einem Davidstern, der an meinem beschnittenen, jüdischen Schniedel hängt, aber das ist nicht so mein Ding. Sorgt ihr lieber dafür, dass erst mal euer eigenes Land weniger rassistisch wird."
Die Geschichte des jungen Mannes, der allergisch reagiert auf jede Form von Terror, der sich nicht vereinnahmen lässt als Muslimhasser, vor allem nicht nach den Pariser Anschlägen, macht die Runde. Auch Pegida postet seine Geschichte auf Facebook, als weiteren Fall der Islamisierung des Abendlands. Shapira postet zurück: "Ihr stinkt!"
Er hatte seine Mutter gefragt, was er unternehmen solle, stillhalten oder in die Öffentlichkeit gehen. Die Mutter sagte: "Die Zeiten, in denen wir uns verstecken mussten, sind für immer vorbei", und rief bei einer Nachrichtenagentur an. Ein bisschen jugendliche Selbstinszenierung, klar, spielt für ihn auch eine Rolle.
Seitdem ist Shapira im Fernsehen oder trifft Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt. Er ist der Terror-Allergiker, seine Botschaft: die Hassspirale beenden. Antisemitismus, sagt er, dürfe nicht dazu benutzt werden, Islamhetze zu rechtfertigen. Rassismus, sagt er, sei keine Frage der Herkunft, "jeder kann überall ein Arschloch sein. Natürlich hätte ich auch was gesagt, wenn jemand ,Fuck Palästina' gerufen hätte".
Beim nächsten Mal werde er "noch lauter brüllen", sagt Shapira auf seinem Sofa. Vorerst aber, nach Wochen des Trubels, muss er erst mal wieder arbeiten, Geld verdienen. Das Werbekonzept für ein Fitness-Start-up muss geschrieben werden, das liegt schon seit Wochen.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 5/2015
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