24.01.2015

„Ich kam in der Erwartung, vergast zu werden. Plötzlich drückte man mir ein Cello in die Hand.“

LONDON, 23. DEZEMBER.
Anita Lasker-Wallfisch, 89, nimmt Platz in ihrem Schaukelstuhl im Wohnzimmer und zündet sich eine Dunhill an. Ihr Cello, auf dem sie so lange musiziert hat, steht im Nebenzimmer. Warum spielen Sie nicht mehr?

Ich spiele schon lange nicht mehr, irgendwann habe ich die Lust verloren. Aber wenn man so will, hat das Cello mir mein Leben gerettet.
Meine Schwester Renate und ich hatten ja versucht, aus Breslau nach Paris zu fliehen, und waren von der Gestapo festgenommen und ins Gefängnis gesteckt worden (siehe Protokoll Seite 54). Das Glück war, dass dadurch unsere Ankunft in Auschwitz um circa ein Jahr verzögert wurde. Renate wurde zu dreieinhalb Jahren und ich zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Als wir schließlich beide Ende 1943 separat nach Auschwitz gebracht wurden, war es in einem Gefangenenzug und nicht in einem der üblichen Riesentransporte von Tausenden Juden, von denen die meisten direkt in die Gaskammer kamen.
Mit anderen Worten: Es war besser, als Verbrecher in Auschwitz anzukommen denn als unschuldiger Bürger. Wir waren sogenannte Karteihäftlinge. In Deutschland ist ja immer alles sehr präzise.
Mein erster Eindruck war: Rauch, Geschrei, bellende Hunde, Gestalten in schwarzen Umhängen. Und über alldem der Gestank.
Dann kam die Empfangszeremonie. Man musste alles ausziehen, das war die erste Entwürdigung. Man war nackt.
In Auschwitz hing das Leben davon ab, eine Funktion im Lager zu bekommen. Wenn man gebraucht wurde, hieß das, dass man vorerst nicht ermordet wurde.
Es gab in Auschwitz, wie in vielen Lagern, ein Orchester. Wie sich herausstellte, brauchte das Frauenorchester dringend ein Instrument, das tiefe Noten spielen konnte. Ein Mädchen lief los und ging Alma Rosé holen, die Leiterin der Lagerkapelle. Ich wusste schon damals, wer sie war. Sie stammte aus der musikalischen Aristokratie Österreichs, ihre Mutter war die Schwester Gustav Mahlers. Mit Alma Rosé führte ich dann eine Unterhaltung über Musik und bei wem ich Unterricht hatte. Eine wahnwitzige Situation, ich war ja noch nackt.
Alma war furchtbar streng, sie war eine komplizierte Frau. Hin und wieder hat sie uns angeschrien, wir hatten Angst vor ihr. Aber trotzdem verdanken wir ihr unser Leben.
In der Kapelle gab es vielleicht fünf Musiker, die ihr Instrument wirklich beherrschten. Die anderen waren Kinder, die irgendwann einmal Mandoline gelernt hatten oder Geige. Es gab mehrere Blockflöten, eine Querflöte und zwei Akkordeons. Eine vollkommen verrückte Mischung aus Instrumenten. Daraus musste Alma ein Orchester konstruieren. Sie hatte eine unmögliche Aufgabe.
Man hat mich später einmal gefragt, wie ich in Auschwitz überhaupt Musik machen konnte. Das sei doch furchtbar, inmitten der Hölle. Aber ich war in der Erwartung angekommen, vergast zu werden. Und plötzlich drückte mir jemand ein Cello in die Hand und sagte: Spiel mal. Glauben Sie, dass es da jemanden gibt, der sagt, nein, ich spiele nur in der Carnegie Hall?
Alma Rosé ist im April 1944 im Lager gestorben, sie hatte die Symptome von Meningitis und Vergiftung. Es ist nie ganz klar geworden, wie und woran sie gestorben ist und ob es ein natürlicher Tod war. An ihre Stelle hat man eine russische Pianistin gesetzt. Das Niveau im Orchester ist sofort heruntergegangen.
Es war wahnsinnig wichtig für meine Schwester Renate und mich, dass wir uns hatten. Wenn man in Auschwitz alleine sitzt, hat man kaum eine Chance. Eine Schwester verleiht einem Sinn und Kraft, man kann einander helfen, man kann füreinander da sein. Man kann sich gegenseitig Hoffnung geben.
Renate sah furchtbar aus, sie war bei ihrer Ankunft mehr tot als lebendig. Dank der Tatsache, dass ich die einzige Cellistin im Lager gewesen bin, konnte ich ihre größte Misere etwas lindern. Sie wurde mit Bauchtyphus ins Krankenrevier gebracht, außerdem hatte sie wegen Vitaminmangels Löcher in den Beinen.
Es muss Ende Oktober gewesen sein. Die russische Front näherte sich, die Lager wurden gesäubert, die Gaskammern gesprengt und die Gefangenen Richtung Westen getrieben. Wir wurden in einen Viehwaggon gesteckt. Da war's aus mit der Musik. Wir fuhren ab nach Bergen-Belsen. Das nächste Konzentrationslager.
Es war trotzdem ein großartiges Gefühl, sich von Auschwitz-Birkenau zu entfernen, denn niemand hatte geglaubt, dass man der Gaskammer entrinnen könnte. Allerdings ahnten wir nicht, was uns noch alles in Bergen-Belsen bevorstand.
Nach unserer Befreiung dachten Renate und ich, dass sich jetzt die Welt verändern würde. Aber in den folgenden Jahren stellte uns kaum jemand Fragen, niemand wollte etwas wissen. Nach Auschwitz kam das große Schweigen.

DER SPIEGEL 5/2015
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