24.01.2015

„Am Morgen sang der Rabbi ein Kaddisch, ein Gebet für die Toten.“

WARSCHAU, 29. DEZEMBER.
Zofia Posmysz, 90, wechselt beim Erzählen zwischen dem Polnischen, dem Russischen und dem Deutschen. In ihrem Wohnzimmer hängt ein Porträt des Paters Maximilian Kolbe, der in Auschwitz ermordet wurde, und es hängen Bilder der Päpste Johannes Paul II. und Franziskus - Franziskus wird sie eine Woche später zur Audienz empfangen. Posmysz ist gläubige Katholikin und nach Auschwitz gekommen, weil sie als Mitglied des Widerstands identifiziert worden war. Haben Sie Ihren Peinigern vergeben?

Das ist kompliziert. Wem kann ich vergeben? Denen, die um Vergebung bitten. Und denen, die diese Vergebung erwarten. Aber doch nicht Hitler. Doch nicht denen, die diese Menschen damals zwangen, unsere Henker zu werden. Ich hatte vor Kurzem ein Treffen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz. Eine junge Deutsche kam zu mir und bat mich um Vergebung. Ich sagte: "Ich danke dir, dass du hier bist und dass du das erfahren willst. Aber ich habe dir nichts zu vergeben." Sie war vielleicht 18 - so alt wie ich bei meiner Festnahme.
Das war 1942. 1939, als die Deutschen in Krakau einmarschiert waren, hatten sie alle höheren Schulen geschlossen. Alle jungen Menschen mussten sich beim Arbeitsamt melden. Das habe ich gemacht und bekam eine Stelle als Kellnerin in einem deutschen Kasino. Parallel ging ich zum Untergrundunterricht, der war natürlich illegal, er fand in Privatwohnungen statt.
Ein paar Männer aus meiner Klasse hatten Kontakt zum Widerstand. Das wusste ich, weil sie Informationen von der Front an uns weitergaben, die sie nicht aus der offiziellen Presse kennen konnten. Wie sich zeigen sollte, verteilten sie Flugblätter.
Am 15. April 1942 war ich mit vier anderen zu früh zum Unterricht gekommen. Hätte die Stunde begonnen, wären wir 20 gewesen. Die Gestapo kam und nahm uns fest. Was mit den vier anderen passiert ist? Ich habe sie nie wieder gesehen.
Als ich im Juni 1942 in Auschwitz ankam, hatte ich Hoffnung, weil ich die Toraufschrift "Arbeit macht frei" gesehen hatte. Ich dachte: Ich werde frei sein, wenn ich arbeite, mir wird ja nichts Ernstes vorgeworfen - wie der Besitz einer Waffe oder eines Radios. Zudem hatte ich vorher im Kasino gut gearbeitet.
1943 wurde ich sogenannte Schreiberin, in der Buchhaltung. Meine Aufseherin Anneliese Franz brachte eines Tages einen Häftling aus dem Männerlager vorbei, der mir die Abläufe beibringen sollte. Das war Tadeusz, er wurde so etwas wie ein spiritueller Führer für mich.
Er schenkte mir ein Medaillon aus Silber. Vorne ist Jesu Antlitz abgebildet, auf der Rückseite steht "Oświęcim 1943". Tadeusz hatte das aus der Kunstwerkstatt, in der Häftlinge das Gold und Silber, das man den Menschen an der Rampe abgenommen hatte, für die SS zu Schmuck verarbeiteten. Insgeheim entstanden dort Kunstwerke wie mein Medaillon.
Ich versteckte es in der Baracke, in der ich auch auf dem obersten Bett lag, in einem Spalt zwischen den Brettern. Manchmal nahm ich es im Schuh mit. Es war mein Amulett. Tadeusz wurde später erschossen. Das Medaillon habe ich bis heute. Nach dem Tod von Tadeusz sagte die Franz zu mir: "Schade um den Kerl." Sie meinte das ernst. So war die Aufseherin Franz auch.
Jahre nach Auschwitz arbeitete ich als Journalistin. Einmal durfte ich nach Paris, fuhr zur Place de la Concorde. Massen von Touristen. Plötzlich hörte ich: "Erika, komm! Wir fahren schon!" Eine scharfe Stimme, ich dachte: Das ist die Franz. Aber ich hatte Angst hinzusehen. Dann rief sie noch einmal. Ich drehte mich um - und sie war es nicht. Wenn sie das gewesen wäre, was hätte ich gemacht? Die Franz wurde nach Auschwitz nie festgenommen. Wäre das passiert und hätte man mich als Zeugin geladen, hätte ich ihre Worte aus dem Lager wiederholt. Für diese Worte wäre ich bereit gewesen, sie zu verteidigen: "Schade um den Kerl."
Eines Nachts weckte mich ein Gesang. Mir wurde klar, dass das von außen kommen musste und nicht aus der Baracke - weil das eine männliche Stimme war. Also ging ich raus. Das durfte man zu dieser Uhrzeit nicht. Draußen lagen Menschen auf dem Rasen. So, als würden sie schlafen. Der Morgen graute. Inmitten dieser Menschen stand einer - und sang. Das war ein Rabbi. Er sang ein Kaddisch, ein Gebet für die Toten.
Nach zweieinhalb Jahren in Auschwitz wurde ich in ein Außenlager des KZ Ravensbrück gebracht. Nach der Befreiung bin ich mit einer Gruppe von 20 Frauen in die Heimat zurückgelaufen. Auf dem Weg wurden wir mehrmals von russischen Soldaten überfallen.
Zwei Wochen nachdem ich zu Hause angekommen war, fuhr ich mit meiner Mutter nach Auschwitz. Sie wollte sehen, wie ich da gewohnt hatte. Gewohnt. Das Wort hat mich getroffen. Alle Blöcke standen offen. Und die Arme fragte mich: "In diesen Schubladen habt ihr geschlafen?" Dann wollte sie nichts mehr wissen. Als wir wieder zu Hause ankamen, sagte sie: "Du musst das vergessen." Mich hat Auschwitz aber nie verlassen.

DER SPIEGEL 5/2015
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