24.01.2015

„Meine stärkste Erinnerung an Auschwitz ist der ständige Lärm, das ewige Schreien und Brüllen.“

NEW YORK, 30. DEZEMBER.
Frederick Terna, 91, empfängt in seinem Reihenhaus im Brooklyner Stadtteil Clinton Hill. Überall, im Flur, im Treppenhaus, im Ess-, Schlaf- und Wohnzimmer, hängen seine Bilder. Schon als junger Mann, während seiner Odyssee durch die Konzentrationslager der Nazis, spürte Terna, dass er Maler werden würde. Die Bilder in seinem Haus erzählen vom Holocaust, das häufigste Motiv sind Flammen. Warum all die Flammen?

Alles, was ich male, hat mit Auschwitz zu tun, manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlich. Meine Ausdrucksform als Maler ist das Lager. Meine Erinnerungen, meine Gefühle stecken in meinen Bildern. Meine stärkste Erinnerung an Auschwitz ist der qualmende Kamin des Krematoriums. Es ist mehr als eine Erinnerung, eher ein Albtraum. Genau wie der schwarze Regen. Ich weiß noch genau, wie er zum ersten Mal auf mich herabfiel. Ascheregen. Es stank fürchterlich.
Irgendwann wollte ich damit aufhören, ständig Motive aus dem Lager zu malen. Aber ich musste erfahren, dass das nicht funktioniert. Das Lager ist in mir. Ich habe auch versucht, das Böse zu malen, ich habe düstere, schwarze Bilder gemalt, aber ich habe versagt. Das Böse verlangt, dass man eine Person malt oder etwas Konkretes wie Stacheldraht. Das wollte ich nicht. Ich wollte das Böse abstrakt malen - und bin gescheitert. So bin ich bei meinen Flammen gelandet.
Bevor meine lange Reise durch vier verschiedene Lager begann, waren wir eine typische Prager Familie. Wir lebten ähnlich wie die Kafkas, wir sprachen Deutsch und Tschechisch. Es wurde viel gelesen. Meine Mutter war früh verstorben, mein Vater, der für eine Schiffs-Rückversicherung arbeitete, mein Bruder und ich lebten mit anderen Familienmitgliedern, zum Beispiel meiner Großmutter, in einer Art WG. Wir waren nicht reich, aber es ging uns gut.
Mein Vater lehrte mich in unseren Gesprächen, die Dinge von außen zu betrachten. Er sorgte dafür, dass ich wusste, was politisch vor sich ging. Mir war also klar, was für eine Rasselbande die Nazis waren. Das half mir, all die Grausamkeiten, die sie uns zufügten, nicht persönlich zu nehmen. Das war gut für die Seele. Ich wusste: Ich bin ich. Und nicht der Untermensch, zu dem die Nazis mich erklären wollten.
Am 29. September 1944 wurde ich nach Auschwitz verfrachtet. Meine stärkste Erinnerung ist der ständige Lärm, das ewige Schreien und Brüllen. Niemand wurde persönlich angesprochen, wir wurden immer nur angebrüllt. Gewöhnlich mit Schimpfworten, oft mit "Saujude" oder "Schweinehund". Die meisten Wärter redeten zudem sehr schlechtes Deutsch. Entweder sprachen sie tiefes Bayerisch oder eine andere primitive Form des Deutschen.
Die meisten meiner Mitgefangenen stammten wie ich aus Böhmen oder Mähren. Mit einigen war ich schon in den vorherigen Lagern zusammen gewesen. Wir waren eine Tschechisch sprechende, ziemlich intelligente Gruppe. Oh ja, eine denkende Gruppe. Wir waren noch immer dieselben Leute, die wir vorher gewesen waren. Man hat uns zwar in Uniformen gesteckt und als Vieh betrachtet. Aber wir selbst sahen uns als eine Kulturgruppe, mit einer Geschichte, einer persönlichen, einer jüdischen Historie, einer Gruppengeschichte aus Prag. Wir blieben, was wir waren, genau wie Goethe es im "Faust" geschrieben hatte: "Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer, was du bist." Auch damals hätte ich Goethes "Faust" zitieren können. In unserer Gruppe sagten wir einander "Bitte" und "Danke", wir benahmen uns wie zivilisierte Leute. Das war unsere Waffe: dass wir eine Zivilisation blieben.
Nach der Befreiung wurde ich als frühererer Tschechoslowake nach Prag transportiert. Ich klopfte an der Wohnung, in der wir gelebt hatten. Ein Mann öffnete die Tür, er trug die Abzeichen der Kommunisten. Ich stellte mich vor und erzählte ihm, dass wir hier gewohnt hätten, bevor die Nazis uns vertrieben. Der Mann explodierte fast. Ich solle mich fortscheren, brüllte er. Sonst werde er dafür sorgen, dass ich großen Ärger bekäme. Es war nicht mehr schön in Prag. Nach einiger Zeit floh ich vor den Kommunisten nach Paris, zwei Jahre später kam ich nach New York.
Wie viele andere Überlebende habe ich die Geschehnisse zunächst verdrängt. Ich habe mich um einen harmonischen Alltag bemüht, vor allem mit meiner ersten Frau Stella, die ich noch in Prag kennengelernt hatte und die wie ich in Theresienstadt und Auschwitz gewesen war. Stella aber ließ die Vergangenheit nie wieder los, sie wurde manisch-depressiv. Am Ende hat sie in ihrem Wahn sogar versucht, mich umzubringen. Wir mussten uns trennen, und Stella starb in den Siebzigern, weil sie sich aufgegeben hatte und verwahrlost war.
Meine Aufgabe nach dem Holocaust war es, vernünftig zu leben. Ich habe nie versucht, reich und berühmt zu werden. Ich hätte wahrscheinlich mehr Zeit darauf verwenden sollen, ein bekannter Maler zu werden. Hat mich nicht interessiert. Die Qualität des Lebens war wichtiger, wie man lebt, vernünftig und menschlich. Es reichte zum Essen, zum Kleiden, zum Wohnen. Das ist ungefähr alles, was ich wollte.

DER SPIEGEL 5/2015
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