24.01.2015

„Auschwitz ist keine Frage, die Gott betrifft, sondern die Menschen.“

JERUSALEM, 5. JANUAR.
Marta Wise, 80, schaut sich Fotos an, sie liegen auf ihrem Wohnzimmertisch und zeigen sie als kleines, blondes Mädchen in einem Kleidchen und mit seitlich sitzendem Hut, umringt von Geschwistern. Und dann ist da auch ein Foto aus Auschwitz, nur ein paar Jahre später. Sie ist darauf abgemagert, im gestreiften, viel zu großen Anzug. Wise hat Auschwitz nach dem Krieg mehrmals besucht. Sie hat sich eine Kopie des Dokuments besorgt, das während ihres Aufenthalts im Vernichtungslager angefertigt wurde. Marta Wise, 10 Jahre alt, "Jude", steht dort. Warum sind Sie erst so spät, Ende 1944, nach Auschwitz verschleppt worden?

Mein Vater hatte vorgesorgt. Er wurde Eugen, der Pessimist, genannt. Aber ich glaube, er versuchte einfach nur, immer auf alles vorbereitet zu sein.
Wir lebten in einem schönen Haus gegenüber dem Präsidentenpalast in Bratislava. Im Park stand plötzlich ein Schild: Juden und Hunde verboten. Mein Vater war sehr beunruhigt.
Damals hatten wir noch Geld. Er kaufte unserem Kindermädchen eine Wohnung. Dafür musste es versprechen, uns Mädchen im Notfall zu verstecken. Mein Vater und mein Onkel besaßen eine Textilfabrik. 1939 kamen die Nazis. Dann wurde der Betrieb arisiert. Der neue Besitzer konnte weder lesen noch schreiben. Er brauchte einen Juden als Geschäftsführer. Er entschied sich für meinen Vater. Dadurch waren wir geschützt. Mein Onkel und seine Familie wurden nach Auschwitz transportiert und sofort ermordet.
Mein Vater hat all seine Kinder versteckt. Wir beiden Mädchen wohnten erst bei einer Adoptivfamilie in Ungarn und später allein in einer slowakischen Kleinstadt, in der Wohnung, die mein Vater für das Kindermädchen gekauft hatte. Sie gab uns die Geburtsurkunden ihrer beiden jüngeren Schwestern und kam zu Besuchen. Wir gaben uns als katholische Waisen aus, deren Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen waren. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche. Meine Schwester war wütend auf mich, weil ich mir das Vaterunser nicht merken konnte. Ich hatte einen inneren Widerwillen dagegen.
In die Klasse meiner Schwester ging auch die Tochter des höchsten SS-Manns in der Stadt. Meine Schwester freundete sich mit ihr an, weil das eine gute Tarnung war. Der SS-Mann bekam mit, dass meine Schwester eine gute Schachspielerin war. Er kam oft zu uns in die Wohnung und spielte Schach mit ihr.
An meinem zehnten Geburtstag standen plötzlich Soldaten vor unserer Wohnung. Sie verprügelten meine Schwester. Der SS-Mann, der für uns hätte bürgen können, war zu diesem Zeitpunkt gerade verreist. Wir wurden jede Nacht aufgeweckt und verhört. Wir sagten nichts. Aber sie erwischten auch unser Kindermädchen. Sie schlugen es. Es hat sofort zugegeben, dass wir nicht seine kleinen Schwestern, sondern Juden sind: Sie wussten alles, wie wir heißen, woher wir kommen. Schließlich haben wir zugegeben, dass wir Juden sind, und behauptet, unsere Eltern wären 1942 nach Auschwitz abtransportiert worden, damit sie sie nicht suchen. Ein paar Minuten später kam ein Bote des SS-Manns, wir seien Katholiken, und man solle uns sofort freilassen. Es war zu spät.
Ich weiß nicht, wie ich Auschwitz überlebt habe. Ich weiß nicht, wie irgendwer das überlebt haben kann. Als wir dort ankamen, am 3. November '44, wurden meine Schwester und ich getrennt. Sie wurde zum Arbeiten ausgewählt und ich für die Gaskammer aussortiert. Dann tauchten plötzlich sowjetische Flugzeuge über uns am Himmel auf. Da beschlossen sie wohl, dass sie keine rauchenden Schornsteine wollten, das waren ja alles Beweise. Also führten sie die beiden Gruppen wieder zusammen. Noch so ein Zufall. Ein paar Minuten, die über Leben und Tod entscheiden.
Es waren nicht mehr viele Kinder im Lager, und der SS-Arzt Josef Mengele fand wohl, er habe nicht mehr genügend für seine Experimente. Wir kamen in seinen Block. Wir wurden als Zwillinge eingestuft, obwohl sie wussten, dass wir gar keine Zwillinge waren. Wir bekamen Spritzen, mal von den Schwestern, mal von Mengele persönlich. Meine Schwester wurde krank.
Dann sagten sie uns, wir würden am nächsten Tag nach Deutschland aufbrechen. Ich wollte meine Schwester nicht auf der Krankenstation zurücklassen. Also holte ich sie dort weg. Mengele erwischte mich. Er lächelte mich an und gab mir zwei Ohrfeigen. Er war immer am grausamsten, wenn er lächelte. Dann ließ er mich gehen. Er wusste ja, dass wir auf einen Todesmarsch gingen.
Doch wir blieben im Lager. Sie konnte nicht gehen. In den folgenden zehn Tagen gab es gar nichts mehr zu essen. Und dann hörten wir Soldaten. Und wir sahen den roten Stern auf den Mützen. Die Russen versuchten, sehr nett zu uns zu sein. Einer schenkte mir eine Flasche Wodka. Sie hatten nicht viel zu geben.
Ich weiß nicht, wie ich überlebt habe. Ich denke, durch Gott. Wenn die Leute mich fragen, wie ich nach alldem noch an Gott glauben könne, dann sage ich: "Gott hat den Menschen den freien Willen gegeben." Wenn er alles bestimmen würde, gäbe es den freien Willen nicht. Auschwitz ist also keine Frage, die Gott betrifft, sondern die Menschen. Und die Menschheit hat nichts gelernt. Ich bin geschockt von dem, was jeden Tag auf der Welt passiert, über all dieses Morden.

DER SPIEGEL 5/2015
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