24.01.2015

„Wir haben die Leichen zu den Gruben gezogen und dann abgekippt.“

SHARON / USA, 8. JANUAR.
Morris Kesselman, 88, hat in Auschwitz im Sonderkommando gearbeitet, es bestand aus jüdischen Häftlingen, die dazu gezwungen wurden, erst die Ermordung der Selektierten vorzubereiten, dann die Leichen auszuplündern und schließlich zu verbrennen. Noch heute quälen ihn nachts Albträume. Auch seine Frau und fast alle seine Freunde waren im KZ. Wenn sie abends zusammensitzen, kommt früher oder später das Gespräch auf die Zeit im Lager. Seine drei Söhne, sagt er, hätten sich immer die Bettdecke über den Kopf gezogen. Sie wollten die Geschichten nicht hören. Wie sind Sie ins Sonderkommando gekommen?

Als die großen Transporte aus Ungarn begannen, haben sie das Sonderkommando aufgestockt, von etwa 200 auf rund 800 Mann. Da haben sie auch mich geschnappt. Ich weiß nicht, warum sie mich rauspickten. Ich war damals, im April 1944, schon lange in Auschwitz, seit gut einem Jahr. Wir hatten durch den Zaun mit den Leuten vom Sonderkommando gesprochen, deshalb wussten wir, was sie dort machten.
Viel Zeit nachzudenken hatte ich allerdings nicht. Gleich am nächsten Morgen brachten sie uns raus zu einer Hütte. Dort haben sie die Leute vergast. Wir haben die Leichen dann auf Karren geladen und sie vielleicht eine viertel Meile weit zu den Verbrennungsgruben gezogen. Da haben wir sie dann abgekippt. Zwei Tage lang ging das so, ohne Unterbrechung. Das Schlimmste waren die Kinder. Die haben sie gar nicht erst in die Gaskammer geschickt. Wenn die schrien, dann haben die SS-Männer - sozusagen um Ruhe zu schaffen - die Kinder gepackt und lebendig in die Grube geschmissen. Ich konnte nicht denken. Ich habe einfach dafür gesorgt, dass ich beschäftigt blieb. Und dann war da noch ein Gedanke: Hier, dachte ich, kommst du nie wieder raus. Nie.
Später wurde ich dem Krematorium II zugeteilt. Wir schliefen dort, in einem Raum über den Öfen, zu dritt oder viert in Stockbetten. Ich musste nie im Krematorium selbst arbeiten. Der Kapo griff mich raus, weil ich der Jüngste war - ich war damals 17 -, um die Büros der SS-Offiziere zu putzen, ich kannte sie gut am Ende. Aber ich habe nicht oft mit ihnen geredet. Einmal fragte mich einer, ob ich ihm Whiskey besorgen könnte. Den konnte man von den Zivilisten organisieren, die in Auschwitz arbeiteten. Ich habe ihn gefragt, ob seine Familie wisse, was er hier mache. "Nein, das weiß sie nicht", sagte er.
Ich sah, wie die Transporte kamen. Sie hatten die Eisenbahngleise ja ganz bis hin zu den Krematorien ausgebaut, ehe die ungarischen Juden eintrafen. Weil ich die Büros in beiden Krematorien putzen musste, in II und III, hatte ich eine rote Binde am Arm, die erlaubte es mir, auf dem Gelände frei herumzulaufen. Da konnte ich sehen, dass sie sich manchmal schon draußen ausziehen mussten, ehe sie runter in die Gaskammern gingen. Später kamen dann die Lkw, um die Kleider abzuholen. Meine Freunde im Sonderkommando mussten hinterher die Leichen in den Aufzug packen, der sie nach oben ins Krematorium brachte. Da haben sie sie in Reihen zu je vier ausgelegt. Die meisten Arbeiten waren nicht fest zugeteilt. Nur an den Öfen standen immer dieselben. Und der, den wir den Zahnarzt nannten. Er brach ihnen immer die Goldzähne heraus. Vor dem Fenster des SS-Büros stand eine große Kiste, da musste er das Gold dann reintun.
Von dem Aufstand des Sonderkommandos habe ich vorher nichts mitbekommen. Irgendwann kamen sie und haben uns in den Bunker gescheucht. Da hockten wir vielleicht sieben, acht Stunden. Dann war es ruhig, und wir durften wieder hochkommen. Am nächsten Tag haben wir dann mitgekriegt, dass Leute versucht haben zu flüchten. Aber sie haben alle gefunden. Sie haben dann mehr als 400 von uns getötet - auch weil ja die Transporte nicht mehr kamen. Da brauchten sie keine 800 Leute mehr im Sonderkommando.
Irgendwann blieben nur noch 200 übrig, ein Teil davon im Krematorium V, dem einzigen, das bis zum Ende in Betrieb war. Uns hatten sie ins Lager Birkenau verlegt. Von dort marschierten wir nun jeden Morgen ins Krematorium. Da haben wir die Türen der Öfen abmontiert, aber eigentlich wussten sie nicht, was sie mit uns anstellen sollten. Ungefähr zwei Monate lang ging das so.
Eines Morgens dann, am 18. Januar, kam ein Häftling herein und sagte, er befürchte, dass sie jetzt das Sonderkommando liquidieren würden: "Seht zu, dass ihr euch unter die anderen mischt." Das machten wir auch. Sie ließen uns dann ins Stammlager nach Auschwitz marschieren - nicht die SS, sondern die Kapos. Ich hätte dableiben sollen, dann wäre ich von den Russen befreit worden. Aber ich hatte zu viel Angst.
In Auschwitz, im Hauptlager, war noch SS, die hat uns auf einen Marsch geschickt, 27 Tage lang. Als wir schließlich in Mauthausen angekommen waren, sagte ein SS-Mann, den ich aus Auschwitz kannte: "Wer von euch hat im Sonderkommando gearbeitet? Ich habe gute Jobs für euch." Natürlich hat sich keiner gemeldet.
Von Nicola Abé, Susanne Beyer, Martin Doerry, Markus Feldenkirchen, Johann Grolle, Julia Amalia Heyer, Wolfgang Höbel, Karoline Kuhla, Christoph Scheuermann und Jurek Skrobala

DER SPIEGEL 5/2015
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