24.01.2015

ArgentinienKontakte zu den Mullahs

Ein Staatsanwalt, der gegen die Präsidentin ermittelte, wird tot aufgefunden. Die Spuren führen in eine Halbwelt aus Mafia und Politik.
Sie nennen ihn den "Franzosen". Sein echter Name: Ramón Allan Bogado. Er ist Argentinier, 44 Jahre alt und soll im Auftrag seiner Präsidentin Kontakt zur Regierung in Teheran gehalten haben. Geholfen hat ihm dabei angeblich ein iranischstämmiger Agent.
Das klingt wie der Anfang eines Spionagethrillers. Doch Bogado ist eine der Schlüsselfiguren in einem realen Kriminalfall, der ganz Argentinien in Atem hält: der mysteriöse Tod des Staatsanwalts Alberto Nisman. Dessen Leiche wurde am vergangenen Sonntag in seiner Wohnung aufgefunden. Am Tag bevor er dem Parlament seine Anklageschrift gegen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner vorstellen wollte.
Nisman starb durch einen Kopfschuss. Die Ermittler gaben zunächst bekannt, dass sie von einem Selbstmord ausgehen. Doch an den Händen der Leiche fanden sich keine Schmauchspuren, dafür entdeckten die Polizisten einen Fußabdruck. Viele Argentinier sind überzeugt, dass Nisman wegen seiner Ermittlungen ermordet wurde.
Der explosive Kern seiner Anklage lautet: Die argentinische Regierung habe mit Teheran konspiriert, um die Urheber des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires zu schonen. Im Jahr 1994 kamen dabei 85 Menschen ums Leben.
Nismans früheren Erkenntnissen zufolge waren hochrangige iranische Geheimdienstleute für den Anschlag verantwortlich. Diese wollte Präsidentin Fernández angeblich von den Fahndungslisten Interpols nehmen und das Attentat stattdessen rechtsradikalen argentinischen Gruppen in die Schuhe schieben. Als Gegenleistung habe Iran das von einer Energiekrise gepeinigte Argentinien mit Öl beliefern sollen - die Regierung weist alle Vorwürfe zurück.
Die Spuren des Falls führen in eine Schattenwelt aus Geheimdiensten, Mitarbeitern der Justizbehörden, Politikern und Verbrechern. Viele der Akteure sind aus früheren Affären bekannt: Dazu gehören Spione, dubiose Aktivisten, schillernde Figuren aus der mafiösen Halbwelt Argentiniens.
Manche dieser Gestalten verhinderten bereits nach dem Attentat vor 21 Jahren, dass die Ermittlungen vorankamen. Damals war Präsident Carlos Menem an der Macht. Sein Nachfolger Néstor Kirchner setzte Staatsanwalt Nisman 2004 ein, um das Verbrechen aufzuklären. Nisman, der selbst Jude ist, trieb seine Arbeit unermüdlich voran und untermauerte die These, dass Teheran und die Hisbollah für den Anschlag verantwortlich seien.
Doch dann vollzog Kirchners Frau Cristina, die nach dem Tod ihres Mannes Präsidentin wurde, eine Kehrtwende: Sie näherte sich Iran an. Ausgerechnet ihr jüdischer Außenminister Héctor Timerman knüpfte Kontakte zu den Mullahs. So ist es in Nismans Anklageschrift zu lesen. Die Regierung habe sich dabei dubioser Figuren bedient.
An dieser Stelle kommt wieder Bogado ins Spiel. Warum er der "Franzose" genannt wird, ist ungeklärt. Doch in den Ermittlungen von Staatsanwalt Nisman war er eine Schlüsselfigur. Ein Zeitungsfoto in dessen Akten zeigt Bogado mit Baseballkappe, er posiert mit drei Frauen und einem Baby am Río de la Plata in Buenos Aires.
Die Regierung bestreitet, dass Bogado im Auftrag des argentinischen Geheimdienstes agiert habe. Doch in der Casa Rosada, dem Regierungspalast, ging er laut Medienberichten ein und aus. Als Mitglied einer regierungstreuen Peronistenorganisation war er schon öfter in inoffizieller Mission unterwegs gewesen - mal als Informant, mal als Vermittler zu militanten Protestorganisationen, die eine Säule der Macht von Präsidentin Fernández bilden.
Eine dieser Organisationen, "El Quebracho", spielte offenbar eine entscheidende Rolle. Sie steht in der Tradition linker Guerillabewegungen, viele ihrer Mitglieder sind gewaltbereit. Mit Protestaktionen ist El Quebracho in Argentiniens Medien dauernd präsent. Deren Chef soll dem "Franzosen" Bogado einen argentinisch-iranischen Agenten namens Jorge Khalil vorgestellt haben; die beiden Männer installierten daraufhin angeblich den geheimen Kommunikationskanal nach Iran.
Für die Gespräche in Teheran war eine weitere schillernde Gestalt der argentinischen Politik verantwortlich: der Ex-Gewerkschaftsboss Luis D'Elia. Der korpulente Verbündete der Präsidentin steht ebenfalls El Quebracho nahe und pflegt beste Beziehungen zu den Iranern. Er vertritt die Verschwörungstheorie, dass die USA und der Mossad hinter dem Anschlag steckten. Im Jahr 2010 interviewte er im Fernsehen einen der iranischen Hauptverdächtigen.
Wenn Nismans Tod kein Selbstmord war - sind die Verantwortlichen für den Mord dann in dieser Halbwelt zu suchen? Oder verschaffte sich gar ein iranisches Mordkommando Zugang zu dem Apartment des Staatsanwalts? Sogar die Präsidentin verkündete am Donnerstag, sie glaube nicht an einen Selbstmord.
Nisman hinterlässt neben den umfangreichen Akten 961 CDs mit abgehörten Telefongesprächen - nicht alle waren mit gerichtlicher Genehmigung angezapft. Der Staatsanwalt war von seiner Mission besessen, er setzte sich offenbar öfter über Verordnungen hinweg. Wurden seine Ermittlungen den Mächtigen gefährlich?
Richter Ariel Lijo, der den Anschlag von 1994 aufklären soll, dürfte die nächsten Monate beschäftigt sein. Er hat Polizeischutz für sich, den Agenten Bogado und weitere Zeugen beantragt.
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Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 5/2015
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