24.01.2015

KrisenHasen mit Wampe

Borussia Dortmund lebte den Traum, dass Teamgeist immer noch mehr zählt als Geld. Jetzt kämpft Trainer Jürgen Klopp gegen den Abstieg - und ausgerechnet mit der Psyche seiner Spieler. Von Rafael Buschmann und Jürgen Dahlkamp
Am 26. Februar 2011 trug Jürgen Klopp eine Brille, randlos, die Bügel aus Titanstahl. Sie sah aus wie aus der Weltraumforschung; so federleicht, so hochstabil, sie war wie das Spiel seiner Mannschaft, das genauso aus der Zukunft zu kommen schien. Vom anderen Stern.
Hinterher war die Brille gebrochen, zerstört durch eine höhere Macht, den Geist und die Begeisterung seiner Elf. Nach dem Abpfiff, nach dem 3:1 gegen die Bayern, sprangen die Dortmunder Spieler aufeinander, ein Moment purer, ekstatischer Energie, und in dieser Traube erwischte es auch die Brille des Trainers.
Sie liegt heute im Museum.
Stattdessen trug Klopp jetzt in der Vorrunde so ein Retrogestell, mit einem schwarzen Trauerrand oben, eine Brille, mit der er in guten Momenten wie ein Intellektueller wirkte. Aber weil es kaum gute Momente in dieser Vorrunde gab, der "beschissensten unseres Lebens", sah er damit meistens wie ein müder Studienrat aus, nach einer Doppelstunde Kunst an der Problemschule, zehnte Klasse. Ständig sagte der Mund vernünftige Sätze wie "Wir glauben, die Probleme erkannt zu haben", aber das Gesicht fragte: Was rede ich hier eigentlich, was ändert das?
So wie er sich das bei seinen Problemschülern in den vergangenen Monaten immer wieder gefragt hat: warum seine Jungs nicht tun, was er ihnen sagt. Warum sie nicht mal mehr Gegner schlagen, die von keinem anderen Stern kommen, sondern aus den Tiefen der zweiten Liga.
Am kommenden Wochenende startet der BVB in die Rückrunde, als Vorletzter, es geht für ihn nicht nur um den Klassenerhalt, irgendwie. Es geht für Klopp, für den Verein um alles, es geht darum, durch welche Brille man die vergangenen sieben Jahre des BVB sehen wird. Nur eine Mode, gekommen und gegangen? Oder doch ein Modell für die Zukunft des Fußballs?
Denn Dortmund, das war ja nicht nur der Überraschungsmeister 2011, der Double-Sieger 2012, der Finalist der Champions League 2013. Nicht nur eine Idee, wie man den Fußball renoviert, ach was, revolutioniert, mit Überfall-Angriffen. Mit einer Meute, die rennt und rennt und alles überrennt. Mit einem Trainer, der, O Captain! My Captain!, immer den richtigen Matchplan für seine Jungs hatte.
Der BVB der Meisterjahre, das war über die Idee hinaus ein Ideal. Der scheinbare Beweis, dass das Spiel größer ist als das Geschäft. Dass es für die Legenden gespielt wird, die sich Fans noch in 30 Jahren erzählen. Nicht für Legionäre, denen egal ist, wo sie ihre Schecks abholen.
Dortmund, das stand - und wollte stehen - für einen Rausch der Romantik im Fußball, der alle unerbittlichen Gesetze dieses Geschäfts wegfegte: dass Geld Tore schießt, man nur mit teuren, reifen Spielern Meister werden kann, mit Superstars und Super-Egos. Dass Fußball eine Unterhaltungsindustrie ist, alles, nur nicht "Echte Liebe". Jenes neue Credo des BVB, nachdem der Verein in den Neunzigern zum größten Millionenzocker geworden war und beinahe pleite gewesen wäre. Heute ist der Klub schuldenfrei, mit 70, 80 Millionen Euro Festgeld auf dem Konto. Wer aber wird noch vom neuen Weg reden, wenn jetzt der sportliche Bankrott eintritt?
"Das wäre der schlimmste Absturz, den du im Fußball in Europa erleben kannst", sagt Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer, der den scheintoten BVB mit Klopp und Sportdirektor Michael Zorc reanimiert hatte. Watzke geht gerade durch "die schlimmste Zeit" seines Lebens, er grübelt und grübelt, stundenlang, er fragt sich, wie es dazu kommen konnte. Warum spielt die Mannschaft so? Nicht nur so schlecht, dass sie von Platz zwei im Vorjahr auf Platz acht oder neun gefallen wäre, was ja mal passieren kann. Sondern so schlecht, dass die Suche nach den Ursachen weiterreichen muss: in die Psyche der Mannschaft.
Am 5. Dezember trifft Dortmund zu Hause auf Hoffenheim, und Jürgen Klopp setzt eine dieser Motivationsspritzen, die manchen Trainern wohl nicht mal einfielen, wenn sie bewusstseinserweiternde Mittel schlucken würden. Innen, auf den Trikots, haben alle aus der Geschäftsstelle unterschrieben, Sekretärinnen, Sachbearbeiter. In der Kabine, kurz vorm Spiel, heizt Klopp sein Team an: Heute geht es nicht nur um uns; es geht um den Arbeitsplatz von jedem Mitarbeiter, dessen Namen ihr mit auf den Platz nehmt. Dortmund stürmt, gewinnt, 1:0. Eines der besten Spiele, eines wie früher, schnell, überlegen, den Gegner erdrosselnd.
Beim folgenden Ligaspiel, in Berlin, tragen Klopps Spieler wieder die Trikots mit den Namen. Sie verlieren 0:1, sie spielen in der ersten Hälfte, als wollten sie die ganze Geschäftsstelle aufs Arbeitsamt schicken.
Klopp ist ein Motivationstrainer - sicherlich nicht nur, auch ein verbissener Arbeiter, ein präziser Analytiker, kürzlich bekam er eine SMS von Sir Alex Ferguson, dem Übervater von Manchester United, der ihm bescheinigte, den Fußball in Europa taktisch geprägt zu haben, egal was die Tabelle sage. Doch schon Klopps erste Ansprache als Trainer war reines Adrenalin, 2001 in Mainz. Die Mannschaft lag auf einem Abstiegsplatz, und Christian Heidel, der Manager, erinnert sich: "Selbst mir standen die Härchen vom Oberarm ab, ich dachte nur, bitte gib mir Schuhe, lass mich auf den Platz."
Wenn aber Klopps Motivationskunst die Spieler nicht erreicht, fehlt seinem Plan das Extra. Vor dem Spiel gegen Gladbach sagte er ihnen, sie sollten jetzt alle die Augen zumachen und sich vorstellen, wie sie nach dem Sieg vor der brodelnden Südtribüne stehen, der "Gelben Wand" mit ihren 25 000 Fans. Ergebnis: 1:0. Nächster Spieltag, Paderborn: Zur Halbzeit führt der BVB 2:0; Klopp predigt, dass sie genau so weitermachen müssen, aber plötzlich stellen seine drei Angreifer im Mittelfeld das Pressing ein. Nichts klappt, nichts kloppt, am Ende 2:2. "Die Halbwertszeit seiner Motivation wird kürzer", sagt einer, der im Verein gehört wird, aber so etwas nie offen sagen würde. Weil Zweifel an Klopp, die Wende zu packen, beim BVB an Landesverrat heranreichen.
Woanders hätten sie längst den Trainer entlassen; in Dortmund hätten sie damit aber auch ihren Markenkern rausgeworfen: dass Freundschaft und Treue der Kitt im Kick des BVB sind. Also saßen Watzke, Zorc und Klopp nach dem letzten Spiel, 1:2 in Bremen, achteinhalb Stunden zusammen, ohne auch nur eine Sekunde über die Ablösung von Klopp zu sprechen. Sagt Klopp. Und wenn es nicht ganz so war, wie auch zu hören ist, dann allenfalls so, dass Klopp klarmachte, sie könnten auf jeden Fall auf ihn zählen, wenn sie wollten. Über Watzke heißt es, er habe im kleinen Kreis schon angekündigt, Klopp ein Angebot zu machen: Wenn zweite Liga, dann mit ihm.
Die drei schauten sich Videoszenen an, Gegentore, versemmelte Chancen. Sie sprachen darüber, dass die Borussen immer noch wie die Hasen rennen. Aber eben wie die Hasen, nicht als rasende Meute, um dem Gegner den Ball abzujagen; das Pressing war oft nur noch halbherzig.
Sie gingen auch die vielen Ausfälle durch, jeden einzelnen, und ob es vielleicht doch am Dortmunder Dauergerenne liegt. Aber die Krankengeschichten zeigten kein Muster: zu unterschiedliche Verletzungen. Auch durch Tritte des Gegners. Oder in der Vorsaison bei Jakub Blaszczykowski, dem Mittelfeldmann, gleich im ersten Spiel nach der Winterpause; wie sollte das an einer Überbelastung liegen?
Am Ende waren sie sich einig, wie sie die Krise erklären sollten, ziemlich einfach: dass die halbe Mannschaft zum Saisonstart nicht fit war - mit fünf Spielern, die von der WM in Brasilien kamen und zu wenig Pause hatten, und anderen, die vorher lange verletzt waren. Als die dann endlich fit waren, fielen die nächsten aus.
"Fast alle Probleme basieren auf Verletzungen oder der nicht vorhandenen gemeinsamen Vorbereitung", behauptet Klopp. Und weil man nun in der Winterpause mit 15, 20 Mann endlich hart arbeiten konnte, werde man einen anderen BVB erleben. Einen, der dann die Mittel hat, so zu spielen, wie der BVB eben spielt: überall Überfall. "Wir bekommen das hin."
Es ist eine Analyse, an der vieles richtig ist; vermutlich gut für 60, 70 Prozent der Probleme. Vielleicht auch für 95. Aber nicht gut genug für die fehlenden 5 Prozent. Jene 5 Prozent, von denen Watzke in einer Rede an die Mannschaft sprach, als sie nach der Pleite von Bremen zusammensaßen. Von den 100 Prozent Konzentration auf den BVB seien 5 Prozent verloren gegangen, sagte Watzke.
Es sind 5 Prozent, die keine Frage der Fitness sind, sondern des Charakters. Die, wenn es gut läuft, vermutlich nicht viel ausmachen. Aber, wenn es schlecht läuft, dafür sorgen können, dass zwar alle noch laufen, aber eben nichts mehr zusammenläuft. Und auch Klopp mit seinen Motivationstricks nicht mehr durchkommt.
"Die anderen Mannschaften sind im Abstiegskampf besser, weil sie mehr eine Mannschaft sind als die Dortmunder", sagt der Berater eines Teammitglieds, der, na klar, auch nicht offen reden möchte. Denn dass die Spieler nicht mehr die elf Freunde aus den Meisterjahren sind, stattdessen auch nur eine Profitruppe, zusammengestellt für das Prinzip Leistung wie jede andere, das rührt am Kern des Projekts. An der Philosophie, von Klopp und vom Verein, dass der Erfolg beim BVB eine Frage des Charakters ist. Am guten Charakter aber habe sich nichts, gar nichts geändert.
Wenn wahr wäre, was Klopp sagt, wenn fast alles nur eine Sache des Körpers war, wie kann es dann sein, dass die Borussen 120,3 Kilometer pro Spiel liefen, mehr als alle anderen Mannschaften und sogar mehr als in der Vorsaison? Oder dass keine Elf mehr Sprints anzog, 243 pro Spiel, wie eine Auswertung der Firma Opta ergibt? Aber dass die Spieler in den ersten zehn Partien im Schnitt 253-mal losspurteten, in den letzten sieben, mit der Angst im Nacken, nur noch 228-mal, das zeigt, wo ein massives Problem liegt: in den Köpfen.
Schon neun Gegentore kassierte der Klub nach krassen persönlichen Fehlern; in der ganzen Vorsaison sechs. Im Angriff versiebt nur der Hamburger SV noch mehr Großchancen. Und keinmal konnte der BVB ein Spiel drehen, wenn er hinten lag. Eine Sache der Nerven, was sonst?
Es klingt paradox, aber ein Problem der Mannschaft ist nun gerade, dass Klopp nur Spieler mit gutem Charakter erträgt. Keine Stinkstiefel, keine Alpha-Kotzbrocken. Das war schon immer so. "Jürgen hat lieber auf zehn Prozent Qualität als auf zehn Prozent Charakter verzichtet", sagt Heidel, der mit ihm Spieler für Mainz einkaufte.
In Dortmund war vor der Saison Mario Mandžukić ein Thema, der kroatische Stürmer von Bayern München. Ein harter Junge, dem der Ruf nachläuft, im Training schon mal mehr als nötig draufzugehen, wenn es hilft, in die Startelf zu kommen. Mandžukić wäre rein sportlich der beste Ersatz für den abgewanderten Weltklasse-Angreifer Robert Lewandowski gewesen - anderer Stürmertyp, aber vorm Tor auch so abgezockt wie der Pole. Watzke und Zorc waren dafür, Klopp dagegen. 2:1, damit war es entschieden; bei Transfers gilt in Dortmund das Einstimmigkeitsprinzip. Heute, heißt es aus dem Umfeld der Chefs, würde es 3:0 für Mandžukić ausgehen.
Denn obwohl das öffentlich niemand sagt, sobald es um Gründe für die Krise geht: Auch in der BVB-Führung fragen sie sich jetzt, ob sie zu viele nette Spieler haben. Spieler wie den Armenier Henrich Mchitarjan, der im Restaurant 20 Minuten lang sein Essen kalt werden lässt, bis auch die anderen am Tisch bedient werden. Egal wie groß eine Torchance ist, er trifft nicht mehr. Oder Shinji Kagawa, der Japaner, ein großartiger Fußballer, ein höflicher junger Mann. Trifft nicht mehr. Nuri Şahin, Spielmacher der Meistersaison 2011, ein dezenter Charakter: trifft nicht mehr. Reus, Piszczek, Großkreutz, Schmelzer, Subotić, Bender, Ramos, keiner ein "Aggressive Leader", der jetzt, am Abgrund, ein Spiel an sich reißt, bei einem Spannungsabfall Stromstöße durchs Team jagt.
Das ist eine Frage der Match-Mentalität, eine andere, was es ganz grundsätzlich mit dem Charakter von Spielern macht, wenn sie mit 23 Jahren zweimal Meister sind, aber mit 24 auch schon ein Champions-League-Finale verloren haben. Vielleicht das einzige ihrer Karriere, in der 89. Minute. Und mit 25 ein deutsches Pokalfinale, bei dem sie sich um den Sieg betrogen fühlten. Dazu dann noch die üblichen Kopfverdreher der Branche: Berater mit Angeboten, Freundinnen mit Ansprüchen, Autos mit AMG-Tuning.
Natürlich, ob das Älterwerden, Anderswerden der Meistergeneration einer der Gründe für die Krise ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Schon 2012 hatte es mal eine Schlägerei in der Kabine gegeben, zwischen den Stürmern Lewandowski und Lucas Barrios; trotzdem holte Dortmund das Double. Aber damals hatte der BVB einen "Flow", wie sich Abwehrmann Neven Subotić erinnert; egal wer kam, "wir hatten schon vorher das Gefühl, die machen wir heute weg". Jetzt aber gibt es keinen "Flow", sondern einen Sog, und da fallen Haarrisse im Teamgeist, Häutungen im Charakter von Einzelnen meist mehr ins Gewicht.
Im Spiel gegen Hoffenheim stand plötzlich Mitch Langerak im Tor, der junge Australier, nicht Roman Weidenfeller, der Stammtorwart. Er habe das "Lächeln von Mitch" im Tor sehen wollen, sagte Klopp hinterher. Was er für sich behielt: dass auch die Mannschaft lieber das "Lächeln von Mitch" im Tor sehen wollte. Weidenfeller hatte nach Gegentoren abgewinkt, eine Geste, was er von seinen Vorderleuten hielt. Aber vor allem: Er soll mal, so heißt es aus Klubkreisen, den jungen Neuzugang Matthias Ginter ziemlich übel zusammengebrüllt haben. Als ob der nicht schon verunsichert genug gewesen wäre.
Weidenfeller gehört wie Ginter zu den vier BVB-Nationalspielern, die bei der WM waren, keine Minute gespielt haben, aber sich "so was von als Weltmeister fühlen", wie ein Kluboffizieller klagt. Die Jungs seien nach der ganzen Feierei nicht nur mit einem kaputten Körper, sondern auch mit kaputtem Kopf von der WM gekommen. High. Überhypt. Vor allem Kevin Großkreutz, der sich gleich den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren ließ.
Großkreutz - das war in den Erfolgsjahren der Inbegriff der BVB-Romantik, das eingelöste Versprechen, dass die Fans der zwölfte Mann der Mannschaft sind. Der Fan Kevin Großkreutz hatte es tatsächlich von der Südtribüne auf den Platz geschafft, eines dieser Fußballmärchen, wie sie Dortmund wahr werden ließ. Großkreutz hatte keine Zauberfüße, aber er pflügte den Platz um, als gäbe es nie wieder ein Spiel; er verwandelte Wunsch in Willen, Willen in Wirklichkeit. Inzwischen aber haben selbst die größten Romantiker im Verein genug von ihm. Er startete mit den miesesten Ausdauerwerten seiner BVB-Zeit in die Vorbereitung, nach ein paar Ligapartien ging ihm die Puste aus. Trotzdem tat er beleidigt, wenn er nicht spielte. Und flirtete mit dem 1. FC Köln, ausgerechnet in einem Pullover der Kölner Ultra-Gruppe Boyz, die von Polizisten am rechten Rand angesiedelt wird - auch wenn die Boyz das anders sehen. "Der Kevin hat Freunde, die mehr trinken, als ihnen guttut", sagt ein Borusse, der ihn gut kennt; auch Großkreutz selbst pinkelte schon mal besoffen in eine Hotellobby, nach dem verlorenen Pokalfinale.
Marco Reus fuhr Auto ohne Führerschein, Ilkay Gündogan kam nach 14 Monaten Verletzung mehr fett als fit zurück; im Verein soll sich mancher gefragt haben, wer das mit der Wampe ist, ein Fan? Und drei Spieler meldeten sich in der Vorrunde bei Klopp und meinten, sie würden gern auf die Zehn wechseln. Auf die Spielmacherposition in der Mitte, wo man die Angriffe lenkt, aber nicht ganz so viel laufen muss wie außen. "Es ist schwer, den Hunger aufrechtzuerhalten", sagt Patrick Owomoyela, Mitglied der beiden Meisterkader; ein Funktionär sieht es ähnlich: "Die sind jetzt alle älter, das ist nicht mehr die Mannschaft, die nur Fußball im Kopf hatte." Und im Fußball nur den BVB.
Mancher sieht heute ein Team, das in zwei Teile zerfällt: in die Höchstbegabten, Reus, Hummels, Gündogan, die sich überlegen müssen, ob sie zu einem der Megaklubs in Europa wechseln. Um weiter Titel zu gewinnen. Um das Doppelte oder Dreifache zu verdienen. So wie Mario Götze, das größte Talent des Vereins, so wie Lewandowski, beide jetzt in München. Was sollte die Besten in Dortmund halten?
Dann aber sind da noch die anderen, Spieler wie Schmelzer, Bender, Subotić, die nur laufen, nicht fliegen können. Die in den Meisterjahren mit den Meistermannschaften an ihrem absoluten Limit gespielt haben. Die nun aber mit dem Gedanken klarkommen müssen, dass sie die beste Zeit ihrer Karriere vielleicht schon hinter sich haben. Oder sogar die zweite Liga vor sich? Die Verträge gelten auch dort. Den einen und den anderen den Glauben zurückzugeben, den einen an den Verein, den anderen an sich selbst, das wird nun Klopps Aufgabe sein. Eine, die größer ist, als die Spieler fit zu bekommen.
Gegen Ende der Hinrunde dachte auch der Mainzer Manager Christian Heidel, dass "der Jürgen" angeschlagen ist. Aber so hatte ihn Heidel schon in Mainz erlebt, im Abstiegskampf: kurz angeknickt, aber am nächsten Morgen "kam der zurück und wollte am liebsten vor lauter Energie das Stadion abreißen". Klopp war jetzt im Urlaub, Sylt, Dubai, "er ist total motiviert, hat den unbändigen Ehrgeiz, die Sache mit seiner Mannschaft zu regeln", sagt Heidel.
Eines ist aber auch klar: Wenn der Klub die Krise übersteht, wenn Klopp die Saison in Dortmund überlebt, wenn er dann bleibt, statt nach England zu gehen, weil er, keine Frage, am BVB hängt - dann wird sich etwas ändern. Das Gesicht der Mannschaft. "Bei Platz 10 wäre nur die Stimmung schlecht, bei Platz 17 musst du nachdenken, generell", sagt Klopp.
Noch mal 28 Millionen Euro für nur einen Spieler wie Mchitarjan, noch mal 19 für einen Stürmer, Ciro Immobile? Noch mal Transfers, mit denen der Verein zurückgekehrt war in die Welt der Geldgiganten? Eher nicht. Sie werden Jonas Hofmann zurückholen, ausgeliehen an Mainz, Moritz Leitner, ausgeliehen an Stuttgart, junge Leute, wie 2008 und 2009. Wer aber in der Rückrunde auf Klopp den Eindruck macht, dass "Nur der BVB" für ihn nicht zählt, der fliegt. Damit der BVB in ein, zwei Jahren endlich wieder fliegt.
Im Trainingslager trug Klopp an manchen Tagen eine andere Brille, eine aluminiumgraue. Sah wieder leichter aus. Moderner. Sie stand dem Verein besser. ■
Von Rafael Buschmann und Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 5/2015
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