24.01.2015

KommentarArme Kinder

Wer würde nicht gern den bedürftigsten Kindern dieser Welt zu solider Bildung verhelfen? Jetzt gibt es die Gelegenheit: Ende März ist Anmeldeschluss für einen denkwürdigen Wettbewerb der amerikanischen X-Prize-Stiftung. 15 Millionen Dollar lobt sie aus für die Entwicklung der besten Lernsoftware zum Selbststudium. Ganz allein sollen Abermillionen Kinder sich damit das Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen: In Äthiopien und Ruanda, in Uruguay und der Mongolei büffeln sie dann fröhlich vor sich hin - geleitet nur von der Zauberkraft des Computers. Denn wo die Armut am größten ist, mangelt es oft auch an Lehrern. Darum setzt die wohltätige Stiftung auf den Lerneifer der Kleinen. Der Wettbewerb führt ein ähnlich grandioses Projekt fort, das der Computervisionär Nicholas Negroponte vor einem Jahrzehnt begonnen hatte: Der wollte damals die Armen erleuchten, indem er Unmengen robuster Billigcomputer an Schulen in knapp 40 Ländern verteilen ließ. An die zweieinhalb Millionen Geräte brachte seine Initiative "One Laptop per Child" schließlich unter die Leute.
Nur, geholfen hat es nichts. Zahlreiche Studien erbrachten vernichtende Resultate. Der jüngste Befund kam im vergangenen Herbst aus Uruguay, wo 570 000 Laptops zum Einsatz gelangt waren. Die Kinder verbesserten sich aber weder im Rechnen noch im Lesen. Wenn sie etwas lernten, dann das rudimentäre Fummeln an den Geräten - was man eben braucht, um sich Sachen aus dem Internet herunterzuladen. Die meisten jungen Nutzer verloren nach einer Weile das Interesse. Ähnlich ging es in Peru zu, wo der Staat für Anschaffung und Unterhalt von 850 000 Laptops umgerechnet stolze 225 Millionen Dollar ausgab. Die Lehrer waren mangels Fortbildung überfordert, und die Geräte gingen oft kaputt. Die genialste Software wird an solchen Problemen wenig ändern. Unter Pädagogen hat sich inzwischen herumgesprochen, dass ein Flächenbombardement mit Computertechnik niemandem hilft. Es kommt auf die Lehrer an. Guter Unterricht kann vom Computer profitieren, schlechter bleibt schlecht - aber der schlechteste ist besser als gar keiner.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 5/2015
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