24.01.2015

ÖkologieNashörner der Meere

Die Sägefische verschwinden - erstmals trifft es nicht nur eine Art, sondern gleich eine ganze Fischfamilie.
Die Seeleute zitterten an allen Gliedern. Dann beteten sie zur Jungfrau Maria del Carmelo. Es half.
Fast schon hatten die brausenden Fluten den Segler verschlungen, da "hielten die Wasser im Innern des Schiffes inne". Verwundert begannen die Matrosen, das Boot zu lenzen. Dann sahen sie den "ungeheuer großen Fisch", der wie ein Pfropfen "den größten Spalt des Schiffes" abdichtete.
Gemeiner Sägefisch heißt die Kreatur, die das neapolitanische Schiff 1573 auf dem Mittelmeer vor dem Untergang bewahrt haben soll. Das sogenannte Rostrum des Tieres - jene wie das Blatt einer Motorsäge geformte Knorpelschnauze - wird bis heute in der Basilica Santa Maria del Carmine Maggiore zu Neapel aufbewahrt.
Ein Sägefisch als Stöpsel: wenig überraschend, dass in den Annalen des Gotteshauses von einem "Wunder" die Rede ist.
Rund 450 Jahre später könnte der Seenotretter selbst gut ein Wunder gebrauchen. "Sägefische sind die am stärksten bedrohten Meeresfische", sagt der Meeresbiologe Nick Dulvy von der kanadischen Simon Fraser University. Fünf Arten der mitunter mehr als sieben Meter langen gelegentlich auch in Süßwasser vorkommenden Fische leben auf der Erde. Sie alle sind stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
Eine "Ikone der Meere", mahnt Dulvy, könne bald für immer verschwinden. "Die Tiere sind die Nashörner der Ozeane", sagt der Forscher, der für die Weltnaturschutzunion IUCN einen Sägefisch-Rettungsplan mit erarbeitet hat, "wir können von Glück sagen, dass es sie überhaupt noch gibt."
In den Gewässern von 92 Ländern waren Sägefische einst zu Hause. Inzwischen werden sie regelmäßig nur noch vor Florida und Nordaustralien gesichtet. Aus bis zu 80 Prozent ihres historischen Verbreitungsgebietes sind die Tiere verschwunden. Der Grund: Die Biologie der Knorpelfische passt denkbar schlecht zu den Begierden einer stetig wachsenden Weltbevölkerung:
‣ Sägefische sind in Küstengewässern zu Hause, die intensiv befischt werden. Ihre Jungen fühlen sich dort am wohlsten, wo das Wasser kaum einen Meter tief ist. Die Tiere leben in Mangrovenwäldern, Seegraswiesen und naturnahen Flussdeltas - und diese werden immer seltener.
‣ Manche Sägefische werden mehr als 50 Jahre alt. Weil ihre Reproduktion sehr energieaufwendig ist, gelingt es ihnen in vielen Meeren nicht mehr, genug Nachwuchs zu produzieren, um den eigenen Niedergang aufzuhalten.
‣ Fast alle Organe des Sägefischs werden verwertet: Die Flossen landen in der Suppe (zum Preis von bis zu 4000 Dollar pro Fisch); aus Galle oder Eiern gewinnen Chinesen obskure Heilmittel; und aus der Sägefischsäge wurden sogar schon Pfosten für Gartenzäune gefertigt. Die Sägeschnauze wird den Tieren ohnehin oft zum Verhängnis. Sie sieht zwar imposant aus, verheddert sich aber leicht in Fischernetzen. Den Fischer freut es: Kaum eine andere Trophäe ist so beliebt.
So scheint es fast unausweichlich, dass die Tiere als erste marine Fischfamilie der Gegenwart aussterben. Warnendes Beispiel ist der Fall des Nicaraguasees in Zentralamerika. Dort kollabierte die Population der Sägefische, nachdem Fischer ab 1970 in nur fünf Jahren etwa 100 000 Exemplare fingen, um deren Fleisch und Flossen zu verkaufen. Der Bestand hat sich bis heute nicht erholt. Nun befürchten Biologen, dass der geplante Nicaraguakanal zwischen Atlantik und Pazifik den verbliebenen Tieren zum Verhängnis wird.
Gehören Sägefische also bald der Geschichte an? Ein biologisches Unikat wäre dahin. Sägefischjunge schlüpfen noch im Körper der Elterntiere aus Eiern, die zu den größten im Tierreich gehören. Die Säge wiederum beherbergt Elektrorezeptoren, mit denen die Fische die Muskelaktivität von Beutetieren erspüren können. Gleichzeitig setzen sie die ominöse Knorpelschnauze wie einen Baseballschläger ein: Ein Hieb - und das Opfer sinkt betäubt oder zerfetzt zu Boden.
Auch kulturelle und religiöse Bedeutung haben die Tiere. Sägefischschnauzen zieren altägyptische Statuen. In Niger und Togo werden sie bis heute auf Geldscheine gedruckt. In Panama glauben viele Menschen, dass Sägefische die Seelen Verstorbener in die Totenwelt führen, berichtet Dulvy. "Sie sind oft ein wichtiger Teil der Mythologie", sagt der Forscher, "in vielen Kulturen sorgen sie für gutes Karma."
Noch haben die Forscher die Hoffnung nicht aufgegeben, die Tiere retten zu können. Weltweit sind Sägefische inzwischen streng geschützt. Ihr Fang und der Handel mit ihnen ist nach dem Übereinkommen zur Erhaltung wandernder Tierarten und dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen verboten.
"Ich bin vorsichtig optimistisch", sagt deshalb Sonja Fordham von der Organisation Shark Advocates International. Zumindest in Florida würden sich die Bestände langsam erholen. Entscheidend sei es, Mangrovenwälder besser zu schützen, Grundschleppnetze aus den letzten Refugien der Tiere zu verbannen und die Angler besser aufzuklären.
"Viele wissen gar nicht, dass es strafbar ist, die Tiere zu fangen", sagt Fordham. Und selbst wenn: "Die Versuchung, mit einem Sägefisch für ein Foto für Twitter zu posieren, ist leider ziemlich groß."
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 5/2015
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