24.01.2015

EssayDie Spielverderber und wir

Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode*. Von Elke Schmitter
So schlimm war es noch nie. So etwas gab es noch nie. So fühlt ein Schock sich an, so reagiert die Seele, wenn sie überfordert ist. Wenn man plötzlich die Diagnose einer schweren Krankheit erhält, wenn man unerwartet verlassen wird, wenn jemand stirbt. Oder wenn Menschen sterben, weil sie Juden sind oder weil sie eine satirische Zeitung machen oder weil sie zum Schutz dieser Leute am Platz sind.
Das Gefühl von Einzigartigkeit gehört dazu. Es beglaubigt den Schock, es ist die Maßeinheit für das Unfassbare.
Insofern ist es verständlich, dass die westliche Welt am 7. Januar und an den Tagen danach den Atem anhielt. Und dass als erster Vergleich das Attentat 9/11 auftauchte. Das Unfassbare wurde mit dem Unfassbaren verglichen. Dann erst kam die Erinnerung an die Morde an drei Soldaten, drei jüdischen Kindern und einem Rabbiner in Montauban und Toulouse, 2012, und die vier Toten beim Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel, 2014. An die Niedermetzelung des britischen Soldaten in London, 2013. An die Hinrichtung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh, 2004, auf offener Straße in Amsterdam. An die Bomben in London, 2005, 56 Tote, und in spanischen Nahverkehrszügen, 2004, 191 Tote. Und dabei reden wir, und keineswegs vollständig, nur von Europa und den USA. Nicht von Nigeria, nicht von Pakistan, nicht von Algerien, nicht von den vielen anderen Orten des Terrors.
Seitdem sammeln wir Informationen und nehmen sie auf, drehen Meinungen und Annahmen hin und her, mäandern zwischen sozialen Fragen, der Definition des Islamismus, Pegida und der Verantwortung der Presse. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern normal: Ein soziales Desaster kann nur mit einem sozialen Miteinander sinnvoll beantwortet werden. Und zu jedem Zusammenkommen, bei einer Mahnwache wie in den Medien, gehört das Unsortierte des Ausdrucks, die Vielschichtigkeit von Erfahrung; es geht ja bei so etwas nicht um Lösungen, sondern erst mal darum, durch Mitteilung und die friedliche Nähe anderer Menschen aus der Schockstarre zurück ins Lebendige zu finden.
Doch dieses Reden und Denken aus der unmittelbaren Erfahrung heraus hat auch etwas Verunklarendes. Selbstverständlich: Es ist nicht nur interessant, sondern auch notwendig, so viel wie möglich über die Täter zu erfahren, über ihre sozialen Hintergründe und die Sollbruchstellen in ihren Biografien, über ihre Motive. Die Bedingungen zu verstehen, aus denen etwas derart Monströses entsteht - und das immer neu und immer häufiger.
Aber durch diese Kontextualisierung wird auch ein Spalt verdeckt, der sich nicht schließen lässt. Auf der einen Seite dieses Spalts steht unsere Hilflosigkeit. Auf der anderen der Terrorist.
Er ist ein Spielverderber. Seine Rede ist: Ich spiele nicht mit, egal, was ihr mir anbietet. Ich bin nicht fair. Ich stehe außerhalb des Systems, und ich will es zerstören. Und er bewirkt damit viel.
Was wir derzeit erleben, ist die blutige Nachstellung des Kommunikationsdilemmas von Jürgen Habermas in den (in der Rückschau) so übersichtlichen Achtzigerjahren: was tun mit denen, die nicht reden wollen?
Die Demokratie lädt jeden ein dazuzugehören. Zu einer Sprechergemeinschaft, deren Werte und Lebensweisen verhandelbar sind. "Wir können doch über alles reden", das war das Credo der bundesrepublikanischen Philosophie, die als "Theorie des kommunikativen Handelns" zum Exportschlager wurde. Eine Erholung von allen sinnstiftenden Maßnahmen, von allen Ideologien außer der einen: dass Verständigung über allem steht. Dass der Prozess der herrschaftsfreien Kommunikation, also die Methode selbst, sinnstiftend ist. Weil sie niemanden ausschließt, weil sie alle Probleme, jedes Unbehagen und jeden Wunsch zunächst gleichrangig behandelt. Sodass der Diskurs zu Ergebnissen führt, denen alle zustimmen können. Nicht, weil sie inhaltlich immer überzeugt wären, aber weil sie von der Fairness des Verfahrens überzeugt sind. "Verfassungspatriotismus" hieß das dazu passende Zauberwort.
Diese Formulierung von Demokratie, das macht ihren spröden Charme und ihre Erfolgsgeschichte aus, kann nur zweierlei Einwände auf sich ziehen. Der eine ist inhaltlicher Natur. Eure Neutralität, besagt er, ist eine Fiktion. Denn über das Recht auf Leben, die Gleichbehandlung der Geschlechter und die Privatheit von Religionen kann mit euch eben nicht verhandelt werden. Auch ihr habt Werte, für die es keine Letztbegründung gibt, sondern nur starke Intuitionen: dass es besser ist zu leben als zu sterben, dass alle Menschen die gleichen Rechte auf Schutz und Entfaltung haben, dass die Gewalt ein Monopol des Staates und seiner Institutionen ist. Wer diesen Glaubenssätzen nicht zustimmt, der ist eben nicht zu gewinnen für die Demokratie.
Der zweite Einwand ist radikaler. Er braucht gar keine Gründe mehr. Er kennzeichnet die Position des Spielverderbers. Der gar nicht reden will. Sondern der handelt.
Das ist der Terrorist. Seine Beziehung zur demokratischen Gesellschaft ist im System nicht vorgesehen: Sie ist die totale Negation. Was er möglicherweise will, erhält er in so vielen Fällen posthum: Aufmerksamkeit. Der absolute Außenseiter bekommt so einen Platz im Zentrum; er ist der unbewegte Beweger. Aus dieser Paradoxie kommen wir nicht heraus. Nach jedem Attentat, nach jedem Terroranschlag fragen wir uns erneut: Wie können wir etwas verstehen, was in unserer Sprache nicht einmal eine Tat, sondern eine Untat ist?
Früher hat, so will mir scheinen, eine einfache Unterscheidung genügt: Es gibt den strategischen Terrorismus. Er folgt rationalen politischen Zielen. Er nimmt dafür den Tod auf allen Seiten in Kauf, aber er ist nicht per se destruktiv. Er ist auch, wie jede revolutionäre Bewegung, mehr oder minder verständlich oder rechtfertigbar. Und er kann sich, aus einer ursprünglich politischen Motivlage heraus, verselbstständigen - wie beim "Leuchtenden Pfad" in Peru, wie bei der baskischen Eta. Das große Ziel gerät dann aus den Augen, und das Spiel findet nur noch zwischen den Attentätern und den Sicherheitskräften statt; die Gesellschaft ist nichts mehr als Material - für blutige Inszenierungen von Geiselnahmen, für die Erzeugung von Schrecken. Für Bilder und Erfahrungen, die Druck machen und Reaktionen erzwingen.
Dieser Terrorismus kann sehr erfolgreich sein. Er beruht auf Ungeduld, Empörung und politischem Kalkül, das sich lohnen kann oder eben nicht. Die meisten Attentate auf Zaren und Päpste sind gescheitert; die RAF hat sich auch nicht durchgesetzt. Bei der IRA und der PLO kann man wiederum konstatieren, dass terroristische Gewalt sie ziemlich weit gebracht hat. Dieser Terrorismus ist, weil er mit seinen horriblen Tatsachen die nationalen Gesellschaften und die internationale Politik vor sich hertreibt, ein aussichtsreicher Versuch der absolutistischen Durchsetzung relativer Ziele. Er kann sich sogar zu einem politischen System verdichten, wie beim Nationalsozialismus, beim Stalinismus, beim Maoismus. Das ist dann der größtmögliche Erfolg, allerdings um die Preisgabe des ursprünglichen Labels: Die Avantgarde wird zum Mainstream. Aus Terrorismus entsteht Regierungshandeln, und man spricht vor der Uno-Vollversammlung.
Auf der anderen Seite gibt es den Attentäter als Einzelfigur. Sein Terrorismus ist individuell, paranoid und in keinem Sinne vernünftig. Er schießt Leute wahllos über den Haufen, er sprengt ein Bürogebäude, er ermordet einen Popstar oder greift eine ganze Regierung an. Er hat eine Wahnvorstellung, die sich allerdings naturgemäß schon vorhandener Ideologien bedient. Deshalb zwingt er gelegentlich seine Gesellschaft in Grübelei und Selbstvorwürfe, stellt also vorübergehend ein Spiel wieder her, das heißt: Wir versuchen, dich zu verstehen als einen aus unserer Mitte. So geschehen bei Anders Behring Breivik, der auf einer norwegischen Insel ein ganzes Jugendcamp der Sozialdemokraten auszulöschen versuchte und über dessen Nähe zu rassistischen und ultrarechten Bewegungen diskutiert worden ist. So auch bei den jungen männlichen Schulattentätern in Deutschland und den USA.
Aber der Unterschied zum politischen Terrorismus wird nach diesen schockartigen Wellen aus Kommunikation und Rätselraten schnell wieder klar: Bei Attentätern wie diesen gibt es kein Erfolgsmodell. Ihr einziger Gewinn besteht in der Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken, weil polizeiliche Vernehmungen, Gerichtsverfahren und Medienecho die absolute Einsamkeit, in der sie sich befinden, vorübergehend aufheben. Prominenz kann zu Nachahmungen verleiten. Gegen Attentäter wie diese gibt es keinen Schutz. Ihr Auftreten ist nicht vorhersehbar, und ihre Ziele sind es ebenso wenig. Man kann lediglich feststellen, dass sie in Gesellschaften, wo Waffen und gefährliches Material leicht zu beschaffen sind, größeren Schaden anrichten.
Diese Trennung scheint mir nicht mehr zu funktionieren, und ich glaube, dass daraus unsere Verwirrung entsteht. Denn für eine vom Terrorismus verletzte Gruppe ist diese alte Unterscheidung zunächst eine große Hilfe: Sie leitet die Energie, die zur Schockverarbeitung nötig ist. Beim paranoiden Einzeltäter fließt sie sinnvollerweise nicht in das Ringen um Kommunikation. Er berührt das Selbstverständnis der Gesellschaft weder geistig noch moralisch. Er ist ein Fall für die Polizei, und vielleicht für das Erbarmen.
Der politische Terrorismus aber zwingt uns zum Nachdenken. Nicht unbedingt, weil man seine Strategie oder auch seine Ziele gutheißen würde, aber weil man es mit vernunftbegabten und sogar rational handelnden Menschen zu tun hat. Weil deren Motive grundsätzlich nachvollziehbar sind und weil sie aufgrund von Wahrnehmungen und Theorien tätig werden, die, wie verzerrt und solipsistisch auch immer, jedenfalls nicht vollkommen wahnhaft sind. Aufgrund dieser Prozesse von Kommunikation kann aus einem ehemaligen Terroristen ein Staatsmann werden, wie Menachem Begin oder Jassir Arafat selig.
Doch womit hat man es nun bei Boko Haram, beim IS und bei den Kollegen von al-Qaida zu tun?
Ihr Weltbild ist wahnhaft und krude, aber das war der Nationalsozialismus auch. Und beide Ideologien haben Elemente, die es in anderen, nicht terroristischen Systemen ebenso gibt: den Antisemitismus, die Vorstellung rassischer Reinheit, ein kompromissloses Glaubensbekenntnis, eine spezielle Auslegung von Weiblichkeit. Vor allem aber sind sie nicht verhandelbar, und ihr Erfolg wäre die Weltherrschaft - die kein politisches Ziel, sondern ein Wahnsystem ist.
Zugleich bilden sie eine Melange aus ganz unterschiedlichen Formen des Verbrechertums. Waffenhandel und Kunstraub, Erpressung und Geiselnahme stehen auf der rationalen Seite, die pure Lust an Gewalt und Zerstörung auf der anderen. Selbstauslöschung und narzisstischer Rausch, Sadismus und Größenwahn, sozialer Halt durch den Kampfverband und Sinnstiftung durch religiösen Fanatismus: Da ist für viele Verwirrte und Traumatisierte etwas dabei. Da fließen die beiden Strömungen ineinander, der politische Terrorismus und der unkalkulierbare Irrsinn des Einzelnen.
Auch das macht den Umgang damit so schwer. Wir können die klare Linie nicht ziehen, die es lange zu geben schien. Rationalität und Wahn haben sich untrennbar vermischt. Wir können nur dafür sorgen, dass uns das nicht auch passiert. Dass wir weder paranoid noch unmenschlich werden. Dass der Spielverderber eben nicht gewinnt. ■
Die Beziehung des Terroristen zur demokratischen Gesellschaft ist im System nicht vorgesehen: Sie ist die totale Negation.
* Aus "Hamlet" von William Shakespeare.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 5/2015
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