24.01.2015

LiteraturYeah! Yeah! Yeah?

Als Sänger der Band Blumfeld war Jochen Distelmeyer einer der wichtigsten Popmusiker seiner Generation. Nun hat er einen von Homers „Odyssee“ inspirierten Roman geschrieben. Oje.
Für seine Bescheidenheit ist Jochen Distelmeyer nicht bekannt. Aber sogar als Sänger der Band Blumfeld und als einer der wenigen wirklichen deutschen Rockstars seiner Generation muss man ganz schön Mut haben, um über seinen Debütroman einen Satz zu sagen wie: "Ich fühle mich einer Tradition verpflichtet, die von Homer zu John Lee Hooker reicht."
Yeah!
Es ist ein Freitag im Januar, Distelmeyer hat in ein Café im Berliner Bezirk Neukölln geladen, um über "Otis" zu sprechen, so heißt das Buch. Er trägt einen schmalen schwarzen Anzug und lila Wildlederschuhe.
"Otis" - so wie der antike Odysseus sich nennt, als er dem Zyklopen begegnet, wie der Soulsänger Otis Redding und die Fahrstuhlfirma, die auch das World Trade Center ausgestattet hat. Es ist einer der heiß erwarteten Titel dieses Bücherfrühjahrs - 20 Jahre lang haben die unterschiedlichsten deutschen Verlage immer wieder versucht, Distelmeyer zu überzeugen, einen Roman zu schreiben, und nie klappte es.
Kommenden Freitag erscheint er also. Und "Otis" soll nicht einfach ein Rockstar-Buch sein, es ist tatsächlich von Homers "Odyssee" inspiriert. Kleiner macht Distelmeyer es nicht. "Die 'Odyssee' ist der paradigmatische Text der vergangenen 15 Jahre: Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge, Datennetze, Waffentechnik, Männer und Frauen."
Noch mal: Yeah!
So ist Jochen Distelmeyer groß geworden: als Chefcharismatiker des deutschen Indie-Rock. Davon gibt es zugegebenermaßen nicht viele, schon gar nicht in Hamburg, der Stadt, die Distelmeyer vor einigen Jahren für Berlin verlassen hat. Aber das soll keine Einschränkung sein. Niemand hat das Wir-gegen-sie des Indie-Rock und die Nuancen dazwischen verkörpert wie er.
Nun ist Pop immer auch die Kunst der Behauptung und die Performance meist wichtiger als das, was man zu sagen hat. Sein Instrument nicht wirklich zu beherrschen hat noch niemanden davon abgehalten, einen großen Popsong zu machen.
Ist "Otis" deshalb gescheitert?
Es hilft alles nichts: Als Werk der Erzählkunst ist "Otis" ein ziemlicher Unfall.
Nicht nur, weil bemerkenswert wenig passiert in diesem Buch. Um nicht zu sagen: fast nichts. Keine Kriegsheimkehrer, keine Flüchtlinge, keine Waffentechnik. Da gibt es den Helden Tristan Funke, einen Slacker um die vierzig, der gerade von Hamburg nach Berlin gezogen ist und sich dort an einem Roman versucht, der heißt wie Distelmeyers Roman, "Otis". Er kommt aber nicht so recht voran, aus Gründen, die ausführlich beschrieben werden.
Funke trifft einen Verleger. Geht einen Freund besuchen, der nach Amerika ziehen will. Begibt sich nach Hause. Trifft seine Freundin, dann seinen Onkel. Geht ins Theater. Geht auf eine Party. Und schließlich wieder nach Hause. Das war's. Eine Geschichte im engeren Sinne hat dieser Roman nicht, einen Konflikt eigentlich auch nicht. Die Figuren, und von denen gibt es eine Menge, bleiben blass, im Grunde werden sie eher aufgezählt, als dass von ihnen erzählt wird. Nun muss ein Roman ja keine Geschichte erzählen, er kann auch das Innenleben seiner Figuren ausleuchten, der Subjektivität des Autors Raum zur freien Entfaltung geben, mit Sprache spielen.
Eigenartigerweise ist die Sprache von "Otis" allerdings die zweite große Schwäche dieses Buches - aber vielleicht ist es eine Illusion zu glauben, ein Songwriter wie Distelmeyer könne Prosa schreiben. "Otis" klingt, als wäre es in einer Rüstung verfasst worden, voller Angst, die Figuren wirklich an sich herankommen zu lassen.
Da gibt es etwa die Stelle, wo Funke seine Freundin besucht. Er klingelt an ihrer Haustür, sie öffnet, er geht die Treppe hinauf, die Tür ist angelehnt, er betritt die Wohnung und sieht seine "Gastgeberin im Türrahmen der Küche auftauchen". Ein paar Zeilen später fällt sein "Blick automatisch auf die Rückenansicht der Fotografin". Die Gastgeberin? Die Fotografin? Funke ist nicht wegen einer formalen Einladung gekommen. Dies ist die Frau, die er liebt und mit der er erst essen und dann ins Bett geht. Ja, tagsüber arbeitet sie als Fotografin. Warum diese eigenartigen Synonyme, die eine Distanz herstellen, die dem Erzählten gänzlich unangemessen ist?
Sprache lügt nicht. Fast keine Figur in diesem Buch funktioniert als Charakter. Es sind Pappkameraden, die sich mit einem kleinen Schubs umkippen lassen. Warum also dieses Buch?
47 Jahre ist Distelmeyer jetzt alt. Zweimal hat er mit seiner Band Blumfeld den deutschen Pop revolutioniert. Anfang der Neunziger setzte er dem satten und zufriedenen Deutschrock der Kohl-Jahre ein philosophisch-lyrisches Wutidiom entgegen, das dem HipHop genauso viel schuldete wie der deutschen Klassik. Ende der Neunziger öffnete der George-Michael-Fan Distelmeyer Blumfeld dann für den großen Pop, ohne an Haltung zu verlieren.
Das sind zwei Eintragungen im Buch der deutschen Kulturgeschichte. Aber auch schon eine Weile her. Zahlt das die Miete?
Fast 20 Jahre lang war Distelmeyer der Kopf von Blumfeld, 2007 löste sich die Band auf. Er versuchte sich als Solokünstler, mit mäßigem Erfolg - obwohl sein Soloalbum "Heavy" von 2009 eine der großen Platten über die Krise ist, die damals gerade begonnen hatte und an die sich Deutschland inzwischen längst gewöhnt hat. Im vergangenen Spätsommer fanden sich Blumfeld wieder zusammen und gaben ein paar Konzerte. Will man das? Blumfeld als Oldies-Band? Manchmal. Aber nicht immer.
Eigentlich sei "Otis" aus einem geplanten zweiten Soloalbum sowie aus einem Spaziergang entstanden, bei dem ihm die ersten Absätze zuflogen, sagt Distelmeyer. Es dürfte aber auch ein Teil seiner Karriere-Mischkalkulation sein. Die wenigsten Künstler werden gut alt im Rock 'n' Roll.
Blumfeld waren und sind die Band eines bestimmten Milieus. "Hamburger Schule" hat sich als Begriff für die Szene eingebürgert, aus der sie einst hervorgegangen sind, eine Band wie Tocotronic gehörte auch dazu. Aber eigentlich war dieses Milieu größer als Hamburg und größer als die Musik.
Distelmeyer und seine Verbündeten spielten den Soundtrack zur letzten großen Ära des mühelosen Mittelschichtsbohemiens in Deutschland. Die Musik des jungen Mannes aus meist einigermaßen gesicherten Verhältnissen, der in die große Stadt aufbricht und viel, viel Zeit hat. Erst Zivildienst, dann ein geisteswissenschaftliches Studium mit relativ liberaler Studienordnung: Kommst du heute nicht zum Seminar, kommst du eben morgen. Und morgen am besten auch nicht.
Es waren Songs für junge Männer, die einige Jahre damit zubringen konnten, sich ganz auf die Kunst des Tresengesprächs zu konzentrieren. Die Vorliebe für eine Band war damals auch zum vorläufig letzten Mal ein politisches Distinktionsmerkmal, zumindest fühlte es sich so an. Es gab junge Männer, die damals wegen Distelmeyer nach Hamburg zogen. Allerdings ist diese Welt mit der Aussetzung der Wehrpflicht und der Einführung der Bachelor-Studiengänge untergegangen.
Das ist das Gute an "Otis": Diesem Milieu setzt das Buch ein Denkmal - und dem, was aus diesen Leuten geworden ist. Fotografen, Schauspieler, Journalisten, Künstler und Musiker zwischen 40 und 50, die zu hippen Galerieeröffnungen und Theaterpremieren gehen. Die in den Neunzigern französische Philosophen gelesen haben, heute amerikanische Fernsehserien gucken - und eine Geschichte mit Distelmeyers Band haben.
Man glaubt Daniel Richter zu hören, damals Hamburger Punkrocker, heute Malerstar und Kunstprofessor und auch so ein Thekengesprächsweltmeister, wenn in "Otis" am Kneipentisch die Figur des Nerd und die frühen Christen zusammengeschmissen werden, Whistleblower und Ödipus, Stasi und iPhone. Oder Schorsch Kamerun, damals ebenfalls Punk und heute staatlich subventionierter Theaterregisseur. Vielleicht waren ihre Gespräche ohnehin immer besser als ihre Kunst.
Auch Distelmeyer ist so jemand. Wenn er erst einmal in Fahrt ist, kann er die Fernsehserie "Homeland" in einem Atemzug mit der "Odyssee" erklären: "Brody ist Odysseus, man muss nur die ersten beiden Buchstaben seines Namens wegnehmen, ein Kriegsheimkehrer, der im Hades war, nach Hause kommt und seine Frau belagert von Verehrern sieht."
Es ist fast schon tragisch, wie Distelmeyer, der an die Kunst als lebensverändernde Kraft glaubt wie sonst wahrscheinlich nur noch Jonathan Meese, mit seinem Versuch scheitert, all das in einen Roman zu gießen. Er, der große Charismatiker. Der Roman, die große Kunstform des Subjekts.
Aber vielleicht liegt dem Ganzen auch ein einfaches Missverständnis zugrunde. "Ich bin anders als ihr" ist Jochen Distelmeyers Lebensthema. Womöglich hat er dieses Buch wirklich als Sänger geschrieben und nicht als Schriftsteller.
Dafür spricht die Art, wie er seinen Vertrag bekam: Ohne ein großes Konzept zu haben, nur mit den ersten Seiten des Buches im Kopf, traf sich Distelmeyer mit den wichtigsten Verlegern des Landes in Restaurants. Nach dem Essen bat er sie vor die Tür und rappte herunter, was er hatte. Man munkelt von einem hohen Vorschuss.
Von daher ist es ein wenig egal, was in "Otis" wirklich steht: Ab Februar wird Distelmeyer mit dem Buch auf Tour gehen. Die Lesungen werden vor allem in Konzerthallen und Theatern stattfinden. Distelmeyer wird als vorlesender Popstar unterwegs sein. In der Tradition von Homer und John Lee Hooker. Das könnte funktionieren.

Jochen Distelmeyer: "Otis". Rowohlt Verlag, Reinbek; 288 Seiten; 19,95 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 5/2015
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