24.01.2015

FilmkritikBatmans Bruchlandung

„Birdman“, nominiert für neun Oscars, ist eine böse Komödie über das Showgeschäft. Bester Gag: die Besetzung.
Es ist nicht leicht, ein Hollywood-Star zu sein. Die Fans! Das viele Geld! Und bloß nicht älter werden! Noch schwieriger ist es nur, ein Star gewesen zu sein. Der Ruhm vergeht, die eigenen Erinnerungen bleiben; manche drehen dabei durch.
Auch Michael Keaton war einmal ein Star, er spielte die Titelrolle in "Batman" (1989) und "Batmans Rückkehr" (1992). Nach ihm trugen Val Kilmer und George Clooney das olle Fledermauskostüm, anschließend Christian Bale, mit unterschiedlichem Erfolg. Im nächsten Jahr kommt "Batman gegen Superman: Dawn of Justice" in die Kinos, dann mit Ben Affleck. Bale und Clooney versuchen derweil, in Würde zu altern. Der eine dreht gute Filme, der andere heiratete eine schöne Anwältin.
Und Michael Keaton? Die "Batman"-Filme waren der Höhepunkt seiner Karriere, zumindest finanziell. In den letzten Jahren war er Dauergast einer Fernsehsendung zum Thema Angeln im Outdoor Channel, einem amerikanischen Spartenkanal: Batman in Gummistiefeln statt Altern in Würde.
Keatons Abstieg erklärt die Überraschung und Begeisterung, die er jetzt mit seinem Comeback auslöst. Kritiker und Kollegen feiern ihn, völlig zu Recht, für seinen Auftritt in der Komödie "Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)". Er hat für die Rolle einen Golden Globe gewonnen und wurde für einen Oscar in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" nominiert. Hollywood liebt gefallene Helden, die sich wieder aufrappeln. Mit insgesamt neun Nominierungen, darunter als "Bester Film", gilt "Birdman" als einer der Favoriten bei den Oscars. Auch Alejandro González Iñárritu, der Regisseur und Drehbuchautor, ist nominiert.
"Birdman" ist eine wunderbar böse Satire über den Ruhm und das Showgeschäft in der Tradition von Billy Wilders Klassiker "Sunset Boulevard". Regisseur Iñárritu, bisher eher für programmkino-gerechtes Pathos wie "Babel" bekannt, zeigt darin den Selbsthass der amerikanischen Filmindustrie. Öde Comic-Adaptionen und Fortsetzungen bereits bewährter Stoffe dominieren heute die Multiplexe, Superman gegen Batman bis in alle Ewigkeit. In einem Interview lästerte Iñárritu über Filme mit "Helden in Nylonkostümen", die Tiefsinn vortäuschten, in Wahrheit aber "manchmal ein faschistoides, rechtes Weltbild" propagieren würden. Eine Kritik, die Christopher Nolans letztem "Batman"-Spektakel "The Dark Knight Rises" gelten dürfte.
Michael Keaton, mittlerweile 63 Jahre alt, spielt in "Birdman" einen fast vergessenen Hollywood-Star namens Riggan Thomson, der einst mit einer Superheldenrolle berühmt wurde und sich nun am Theater als Künstler versucht. Für den Ruhestand ist er, also Thomson, zu ehrgeizig, zu neurotisch und zu pleite.
Deshalb muss sein Debüt am Broadway in New York unbedingt ein Erfolg werden. Als Regisseur und Hauptdarsteller will Thomson "What We Talk About When We Talk About Love" auf die Bühne bringen, eine der berühmten Kurzgeschichten von Raymond Carver. Prestigeträchtiger, aber altmodischer Stoff, Absturzgefahr. Thomson hat sein Strandhaus in Malibu für die Produktion verpfändet.
Immer wieder wird er während der Proben von der Vergangenheit einholt, von Birdman, seinem Alter Ego. Bühnenarbeiter haben ein altes Filmplakat in seine Garderobe gehängt, hämische Journalisten erinnern ihn an alte Zeiten. Aber am schlimmsten ist die Stimme in Thomsons Kopf, Birdmans dumpfe Superheldenstimme, die ständig ungefragt ihre Kommentare abgibt. "Du warst ein Star", raunt die Stimme, "hochnäsig, aber glücklich." Wie zum Beweis läuft auf einem Fernseher im Umkleideraum Werbung für den neuen "Iron Man" mit Robert Downey Jr. Wie soll man sich so auf die Kunst konzentrieren?
Thomson fürchtet um seinen Verstand, und seine Mitmenschen treiben ihn weiter in den Wahnsinn. Thomsons erwachsene Tochter (Emma Stone), gerade aus der Entzugsklinik entlassen, verflucht ihren neuen Job als persönliche Assistentin ihres Vaters, manchmal verflucht sie auch Thomson selbst. Noch anstrengender ist Mike (Edward Norton), der zweite männliche Hauptdarsteller, ein Mann mit einem Ego wie der junge Marlon Brando. Auf der Bühne trinkt Mike statt Wasser echten Gin, er besteht auf echtem Sex mit seiner Kollegin (Naomi Watts). So tun als ob kann ja jeder. In den Pausen flirtet er mit Thomsons Tochter.
Schauspieler, die Schauspieler spielen, das kann sehr schnell sehr prätentiös werden, wie gerade "Die Wolken von Sils Maria" mit Juliette Binoche bewiesen hat. Doch die Darsteller in "Birdman" haben Mut zur Selbstironie. Nicht nur Keaton kann mit Superheldenfilmen in der Vita kokettieren. Edward Norton verkörperte einst den "Unglaublichen Hulk", Emma Stone spielte die Freundin von "The Amazing Spider-Man".
In der schönsten Szene von "Birdman" läuft Thomson bei Nacht über den Times Square. Eine Tür ist versehentlich hinter ihm zugefallen, er muss dringend zurück zum Theater, aber Passanten versuchen ihn aufzuhalten. Sie fragen nach Autogrammen und machen Fotos mit ihren Smartphones.
Michael Keaton trägt in dieser Sequenz nur eine Unterhose. Das Superheldenkostüm hat er endgültig abgelegt.
Kinostart: 29. Januar
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 5/2015
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