24.01.2015

Presse„Wir waren arrogant“

Dean Baquet, Chefredakteur der „New York Times“, ist ungewöhnlich selbstkritisch. Dass Edward Snowden seine Enthüllungen anderswo veröffentlichte, schmerzt ihn. Die Mohammed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“ nicht zu drucken, hält er dagegen für richtig.
Baquet, 58, ist seit Mai 2014 Chefredakteur der "New York Times". Er leitete bis 2006 die "Los Angeles Times" und kam dann als Chef des Washingtoner Büros zur "Times". Für eine Recherche über Korruption in Chicago erhielt Baquet den Pulitzerpreis.
SPIEGEL: Mr. Baquet, Ihre Kollegen bei der "New York Times" erzählen, Sie würden manchmal Löcher in die Wand schlagen, wenn Sie wütend sind. Stimmt das?
Baquet: ( lacht) Das ist genau einmal passiert, und das war in meiner Zeit als Büroleiter in Washington. Ich war sauer über eine Entscheidung der Chefredaktion in New York, die eine Geschichte nicht auf Seite eins drucken wollte, und habe ein Loch in die Wand meines Büros geschlagen. Jetzt, wo ich in New York sitze und selbst entscheide, finde ich natürlich, dass das falsch und übersteigert war. Und dann habe ich mich mal mit Jill Abramson gestritten, meiner Vorgängerin. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich aber kein Loch geschlagen, sondern nur gegen die Wand gehauen - was genauso unreif ist.
SPIEGEL: Worüber haben Sie sich denn mit ihr in die Haare bekommen?
Baquet: Ich weiß es nicht mehr, wir waren unterschiedlicher Meinung, aber das waren wir ständig. Das heißt nicht, dass wir uns oft gestritten hätten, aber die Nummer eins und die Nummer zwei einer Redaktion haben nun mal Meinungsverschiedenheiten.
SPIEGEL: Ihre Kollegen erzählen, es sei darum gegangen, dass die "New York Times" populärere Geschichten brauche, um mehr Aufmerksamkeit im Netz zu bekommen.
Baquet: Jill mochte es, wenn Geschichten im Internet ein bisschen "Buzz" bekommen. Ich bin nicht dagegen, aber für Medien wie die "New York Times" und den SPIEGEL gibt es immer eine Spannung zwischen hoch seriösem Journalismus und solchem, der einfach nur Spaß macht. Ich würde nicht leugnen, dass wir manchmal zu seriös sind. Aber wir schreiben heute mehr über Popkultur als je zuvor, die Style-Seiten sind auch nicht gerade unser seriösester Teil. Wir haben eine Menge "Buzz", manchmal vielleicht sogar zu viel.
SPIEGEL: Digitale Konkurrenten wie BuzzFeed und Huffington Post bieten eine extrem bunte Mischung und haben die "New York Times" damit im Netz abgehängt.
Baquet: Weil sie kostenlos sind. Gratisseiten werden immer mehr Reichweite haben. Wir haben aber nie abgestritten, dass wir nicht gut genug darin sind, unsere Geschichten an die Leser im Netz zu bringen. BuzzFeed oder Huffington Post sind darin viel besser, und ich beneide sie darum. Aber ich glaube, die Kunst für die "New York Times" wird darin liegen, so zu bleiben, wie sie ist. Das heißt nicht, dass es keine Veränderung geben darf, aber ich will nicht BuzzFeed werden. Wenn wir das versuchen würden, würden wir verlieren.
SPIEGEL: Im Mai vergangenen Jahres sickerte der interne Innovationsreport der "New York Times" durch, der zu einem harschen Urteil kam: Der journalistische Vorteil der "New York Times" schwinde. Sie haben die neue digitale Konkurrenz unterschätzt.
Baquet: Ja, wir haben lange fälschlicherweise angenommen, dass BuzzFeed und andere nur deshalb erfolgreich sind, weil sie sich für einen Journalismus entschieden haben, den wir gar nicht machen wollen. Wir waren arrogant, um ehrlich zu sein. Wir haben auf unsere neuen Konkurrenten herabgeblickt - und wissen jetzt, dass das ein Fehler war. Die haben es vor uns verstanden, ihren Lesern zu liefern, was sie interessiert. Wir waren darin zu langsam.
SPIEGEL: Der Report hat viele Zeitungsmanager desillusioniert: Die "New York Times" galt als Vorbild, wenn es darum ging, mit Journalismus im Internet Geld zu verdienen. Stattdessen bescheinigte der Bericht der "Times", sie habe keine digitale Strategie, und die Redaktion sei weit von einer digitalen Kultur entfernt.
Baquet: Erstens war und ist die "Times" digital weit vorn, der Bericht hat nur einige Schwächen aufgezählt. Zweitens: Die eine Hälfte des Berichts bestand aus Kritik, die andere aus Vorschlägen, was wir besser machen könnten. Einiges davon haben wir schon umgesetzt.
SPIEGEL: Was hat sich verändert?
Baquet: Wir haben jetzt ein großes Team, das sich darum kümmert, die Beziehungen zu unseren Lesern in den sozialen Netzwerken zu pflegen. Das Team arbeitet seit drei Monaten, und unsere Reichweite ist seither um gut 20 Prozent gestiegen.
SPIEGEL: Welchen Einfluss hat das auf die Arbeit der Redakteure?
Baquet: Als Journalist hat man bisher seinen Artikel geschrieben und sich dann auf den nächsten gestürzt. Wir haben gewartet, bis die Leser unsere Geschichten finden, entweder weil sie die Zeitung aufschlagen oder auf unsere Homepage gehen. Aber wir haben jetzt verstanden, dass unsere Geschichten auch ihren Weg zu den Lesern finden müssen. Ein großer Teil unserer Leser erhält seine Nachrichten über Facebook oder Twitter, und wir wollen sicherstellen, dass sie dort einige der besten "New York Times"-Geschichten finden. Das machen wir viel aggressiver als früher.
SPIEGEL: Sie selbst haben bisher genau zwei Tweets abgesetzt, zuletzt im Juni.
Baquet: ( lacht) Ich weiß, dass mich das in Schwierigkeiten bringen wird, aber ich sage es trotzdem: Die Idee, dass ich ständig twittern soll, ist lächerlich. Es gibt bei der "New York Times" viele Journalisten, die twittern. Ich bin nicht dagegen. Aber ich habe dafür zu wenig Zeit. Und Chefredakteure haben doch wenig zu erzählen. Meine Welt besteht aus diesem Büro hier, dieser Etage, meiner Wohnung und aus tollen Gesprächen mit unseren Redakteuren und Korrespondenten, die alle mehr über die Welt wissen als ich.
SPIEGEL: Drei Viertel ihres Umsatzes kommen immer noch von der gedruckten Zeitung. Wie soll sich eine Online-first-Kultur durchsetzen, solange die Bilanz nach Print first verlangt?
Baquet: Ich fand Online first immer eine vereinfachende Idee, und ich weiß bis heute nicht, was das heißen soll. Es muss doch heißen: Storys zuerst. Nehmen wir die Anschläge in Paris. Wir haben den ganzen Tag über berichtet, nichts zurückbehalten und alles, was wir wussten, online geschrieben. Und wenn der Redaktionsschluss für die Print-Ausgabe kommt, gibt es zwei Dinge zu tun: die Online-Geschichten bearbeiten, die in die gedruckte Zeitung sollen, denn Papier verzeiht weniger Fehler. Und im Idealfall pickt man eine Sache heraus, die sich für den Leser frisch anfühlt, wenn er morgens in die Zeitung guckt.
SPIEGEL: Die Redaktion der "New York Times" kostet über 200 Millionen Dollar im Jahr. Werden die Einnahmen aus digitalen Abos jemals ausreichen, um die Redaktion zu finanzieren?
Baquet: Ich weiß es nicht. Ich glaube jedenfalls, dass wir eine Redaktion dieser Größe brauchen. Wir würden einen großen Fehler machen, wenn wir schrumpften. Ich glaube auch nicht, dass unsere Einnahmen irgendwann nur aus digitalen Abos kommen. Wir haben einen Mix aus Einnahmen, und das wird noch eine ganze Weile so bleiben. Nervöser macht mich, dass unsere Redaktion in Zeiten hoher Gewinne aufgebaut wurde, die in den letzten Jahren stark geschmolzen sind. Ich habe Sorge, dass wir auf Dauer nicht die Gewinne erwirtschaften, die wir brauchen, um diese große, starke Redaktion zu finanzieren.
SPIEGEL: Die "New York Times" hat in den vergangenen Jahren Jobs gestrichen, allein 100 in den vergangenen drei Monaten. Bei der " Los Angeles Times" sind Sie 2006 gegangen, weil Sie sich geweigert haben, ein massives Sparprogramm umzusetzen. Was macht Sie so sicher, dass das der "New York Times" nicht auch bevorsteht?
Baquet: Ich habe nie gesagt, dass nicht noch etwas kommt. Aber es gibt zwei große Unterschiede: Als ich zur "Los Angeles Times" kam, arbeiteten dort 1200 Journalisten, als ich ging, waren es 900, und heute sind es weniger als 500. Ich hatte nicht das Gefühl, dass dem Verlag die Qualität der Zeitung am Herzen lag. Die Eigentümerfamilie Sulzberger hat bei der "New York Times" über Generationen bewiesen, dass ihr Qualität wichtig ist. Jede andere Redaktion in den USA ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich kleiner geworden. Wir hatten bis zur letzten Kürzungsrunde noch 1300 Leute. Deswegen habe ich größeres Vertrauen.
SPIEGEL: Die "Times" hat 875 000 Digital-Abonnenten. Stoßen Sie an eine Grenze?
Baquet: Das glaube ich nicht. Wir haben noch gar nicht herausgefunden, wo und wie wir international wachsen können. Wir haben in China eine Website auf Chinesisch gestartet. Die chinesische Regierung hat die Seite blockiert, trotzdem wird sie gelesen. Der britische " Guardian" ist mit seiner Website in den USA dramatisch gewachsen. Wir müssen Leser in anderen Erdteilen finden.
SPIEGEL: Die " Washington Post" expandiert unter ihrem neuen Besitzer, dem Amazon-Gründer Jeff Bezos. Profite spielen dort keine große Rolle mehr. Das muss Ihnen Sorge machen.
Baquet: Die eine Hälfte in mir macht das sehr nervös. Die " Washington Post" war und ist unser größter Konkurrent. Die andere Hälfte in mir, der uneigennützige Journalist, ist begeistert. Ich will, dass Zeitungen erfolgreich sind. Nehmen Sie den " Guardian", der für uns ein neuer digitaler Wettbewerber ist. Macht es mich nervös, dass sie uns Konkurrenz machen und uns bei den Snowden-Enthüllungen geschlagen haben? Ja! Der Journalist in mir, der Lust am Wettbewerb hat, sagt: Kommt nur alle her, das macht mehr Spaß.
SPIEGEL: Sehr sportlich.
Baquet: Ich bin in der traditionellen amerikanischen Zeitungswelt groß geworden: Da machte die Morgenzeitung der Nachmittagszeitung Konkurrenz, und beide versuchten sich bei jedem, aber auch jedem Thema den Rang abzulaufen. Ich hatte nie so viel Spaß wie damals. Und es war großartig für den Journalismus.
SPIEGEL: Wie sehr hat es Sie geschmerzt, dass Edward Snowden sich nicht an die "New York Times" gewandt hat?
Baquet: Es hat sehr geschmerzt. Damit waren zwei Botschaften verbunden. Moralisch hat es bedeutet, dass jemand, der eine große Geschichte zu erzählen hatte, uns nicht als die richtige Adresse ansah. Und dann hat es dazu geführt, dass wir bei der Geschichte, die wahrscheinlich die größte Enthüllung im Bereich der nationalen Sicherheit in vielen Jahren war, von anderen geschlagen wurden. Nicht nur vom " Guardian", sondern auch von der " Washington Post". Wir haben versucht aufzuholen und haben einige sehr gute Geschichten aus dem NSA-Material publiziert. Aber insgesamt hat es sehr, sehr, sehr wehgetan.
SPIEGEL: Snowden hat sich unter anderem deshalb nicht an die " Times" gewandt, weil sich die Zeitung 2004 weigerte, eine frühe Enthüllung über das Ausmaß der NSA-Spionage zu drucken. Erst Ende 2005 wurde die Geschichte gedruckt. War es ein Fehler, die Recherche zurückzuhalten?
Baquet: Ich war damals noch nicht bei der "New York Times", sondern bei der " Los Angeles Times" und kenne die damalige Diskussion nicht im Detail. Der frühere Chefredakteur Bill Keller hat angeführt, dass die ursprüngliche Recherche nicht so gut war, wie die später publizierte. Es wäre für mich einfach zu sagen, dass das ein Fehler war. Aber ich möchte nicht über die Kollegen urteilen.
SPIEGEL: Die " Times" hat auch in anderen Fällen viel Rücksicht auf die Regierung genommen. Sie haben etwa 2011 eine Recherche über eine US-Drohnenbasis in Saudi-Arabien zuerst nicht veröffentlicht. Nach welchen Kriterien halten Sie sensible Recherchen zurück?
Baquet: Ich habe entschieden, die Geschichte über die Drohnenbasis in Saudi-Arabien nicht zu veröffentlichen - und es war ein Fehler. Damals war der in Amerika geborene Prediger Anwar al-Awlaki durch einen Drohnenschlag getötet worden, und wir saßen an einer Geschichte darüber. Kurz vor Redaktionsschluss rief mich ein hochrangiger CIA-Mann an. Er bat mich darum, den Ort, von dem aus die Drohne gestartet war, nicht öffentlich zu machen. Ich habe das zugesagt und es schon am nächsten Tag bedauert. Wir haben die Information dann später veröffentlicht. Für mich war das eine Lehrstunde. Es gibt allerdings auch Situationen, in denen ich es für gerechtfertigt halte, Dinge zurückzuhalten, und in denen ich es nicht bedauert habe, so entschieden zu haben.
SPIEGEL: Nennen Sie uns ein Beispiel.
Baquet: Während der WikiLeaks-Affäre 2010 gab es ein bemerkenswertes diplomatisches Kabel. Gaddafi war damals noch an der Macht, und in dem Kabel wurden Vorgänge beschrieben, die von jemandem stammen mussten, der Informationen aus erster Hand hatte. Es wäre großartig gewesen, darüber zu berichten - aber die US-Regierung hat argumentiert, dass Gaddafi den Informanten dann wahrscheinlich töten würde. Nachdem ich mir das Kabel nochmals angeschaut hatte, hat mich diese Argumentation überzeugt. Damals haben alle beteiligten Medien eingewilligt, das Papier nicht zu publizieren ...
SPIEGEL: ... auch der SPIEGEL ...
Baquet: ... und auch WikiLeaks. Diese Entscheidung bedauere ich nicht.
SPIEGEL: Wie oft kontaktiert Sie die Regierung, damit Sie eine Recherche nicht veröffentlichen?
Baquet: Manchmal alle zwei bis drei Wochen, manchmal hören wir sechs Monate nichts. Zuletzt war es wieder häufiger. Ich sage in fast allen Fällen Nein, aber es gibt immer wieder Situationen wie bei Gaddafi, wo ich einwillige, wenn ein Mensch durch die Veröffentlichung in Gefahr geraten würde. Viele glauben, dass die Presse irgendwie feige ist und die Regierung nur anrufen und sagen muss: "Veröffentlichen Sie das nicht!" Das entspricht nicht der Realität. Tatsächlich ist es so, dass die Regierung in 70 bis 80 Prozent der Fälle mit der nationalen Sicherheit und dem Leben von Menschen argumentiert. Wir wägen dann ab, wir diskutieren. Und in den meisten Fällen veröffentlichen wir trotzdem.
SPIEGEL: Im Fall von Gaddafi hat WikiLeaks das komplette Kabel nach Gaddafis Sturz publiziert - und es ist nichts passiert. Wir fragen uns, ob viele Redaktionen, auch der SPIEGEL, in der Vergangenheit nicht zu oft zu zurückhaltend waren.
Baquet: Ich glaube, dass das so ist. Wir waren zu zurückhaltend.
SPIEGEL: Wer hat Ihre Einstellung verändert? Snowden? WikiLeaks?
Baquet: Da kamen mehrere Dinge zusammen. Snowdens Enthüllungen. WikiLeaks. Eigene Fehler, die ich bedauert habe. Die Erkenntnis, wie sich unser Land durch den Krieg gegen den Terror verändert hat. Für mich persönlich war die Saudi-Arabien-Geschichte sehr wichtig. Ich habe danach noch mal in Gedanken durchgespielt, wie unsere Reporter am Telefon mit mir gestritten hatten. Damals habe ich die Entscheidung getroffen, ohne genug mit ihnen geredet zu haben. Ich habe dabei so ziemlich alles falsch gemacht. Snowden hat dann den letzten Anstoß gegeben.
SPIEGEL: Sie haben auch entschieden, keine der Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" abzudrucken. Warum nicht?
Baquet: Das war eine sehr schwierige Entscheidung. Mein erster Impuls als Journalist war, Solidarität mit den getöteten Journalisten zu zeigen. Deshalb hatte ich mich am Morgen nach den Anschlägen entschieden, die Karikaturen zu zeigen. Aber nach nochmaligem Nachdenken habe ich mich anders entschieden. Ich saß im Zimmer, habe mir den Stapel mit Cartoons angeschaut und versucht, nicht an die Tragödie in Paris denken zu müssen. Diese Art von Humor ist eine unnötige Beleidigung, ohne dass ich das kritisieren will. Der Humor erfüllt nicht die Standards der "Times". Wir können die Cartoons beschreiben, aber zum Verständnis dessen, was in Paris geschehen ist, war es für unsere Leser nicht nötig, sie zu sehen.
SPIEGEL: Aber die Zeichnungen waren doch genau der Grund für die Angriffe.
Baquet: Das stimmt.
SPIEGEL: Wäre es dann nicht ein Zeichen der Solidarität gewesen, sie zu zeigen? Sie müssen sich nicht den Inhalt zu eigen machen, wenn Sie das Recht verteidigen, in einer freien Gesellschaft selbst geschmacklose Dinge veröffentlichen zu dürfen.
Baquet: Ich denke, dass es Wege gibt, dieses publizistische Recht zu verteidigen und gleichzeitig an den eigenen Standards festzuhalten. So sehr ich es liebe, Solidarität zu zeigen: Das ist erst meine zweite oder dritte Aufgabe als Chefredakteur. Meine erste Aufgabe ist es, den Lesern zu dienen - und ein großer Teil unserer Leser sind Menschen, die sich durch Satire über den Propheten Mohammed beleidigt fühlen würden. Dieser Leser, um den ich mich kümmere, ist kein IS-Anhänger, sondern lebt in Brooklyn, hat Familie und ist strenggläubig. Wenn wir diese Leser vergessen, machen wir einen großen Fehler. Entscheidend war für mich auch die Frage, ob wir ähnliche Cartoons über andere Religionen abdrucken würden. Das würden wir nicht. Warum also soll ich einen Cartoon über Mohammed abdrucken, wenn ich einen über Jesus nicht publizieren würde?
SPIEGEL: Kann eine Redaktion wie die "New York Times" den Slogan "Je suis Charlie" vertreten, wenn sie nicht bereit ist, so weit zu gehen wie "Charlie Hebdo"?
Baquet: Die Entscheidung, eine Position wie "Wir sind Charlie" einzunehmen, ist
Aufgabe der Meinungsredaktion, nicht meine. Meine Aufgabe ist es, über die Geschichte so aggressiv und intensiv wie möglich zu berichten. Wirklichen Mut beweisen Nachrichtenorganisationen dort, wo es darum geht, zu berichten. Sei es, Reporter zu haben, die über den IS recherchieren, nach Bagdad reisen oder über den Afghanistan-Krieg berichten. Während der Journalist in mir nun solidarisch aufsteht, fragt sich der Chefredakteur der "New York Times" in mir, wie wir am besten über diese Geschichte berichten können. Das ist wichtiger, als symbolische Zeichnungen auf der Titelseite abzudrucken.
SPIEGEL: Im August haben Sie beschlossen, dass die "New York Times" die Verhörtechniken der CIA fortan als Folter bezeichnet - jahrelang hat sich die " Times" mit Formulierungen wie "harsche Verhörmethoden" gewunden. Warum so spät?
Baquet: Ich war nicht bei der " Times", als die Entscheidung fiel, das Wort "Folter" nicht zu gebrauchen, aber ich kann die Entscheidung verstehen. Damals wussten wir noch nicht sehr viel darüber, was geschehen ist, wir wussten nicht, wie oft das Waterboarding bei Chalid Scheich Mohammed angewendet worden war. Aber als wir davon erfahren hatten, hätten wir den Begriff "Folter" verwenden sollen. Wir haben zu lange gewartet.
SPIEGEL: Lag es daran, dass Sie der Definition der Regierung gefolgt sind, die darin keine Folter "im juristischen Sinne" sah?
Baquet: Die Regierung sollte nicht definieren, was Folter ist. Wir hätten das Wort schon lange vorher gebrauchen sollen. Ich habe damit vor ein paar Monaten begonnen, kurz nachdem ich Chefredakteur geworden war. Mark Mazzetti, der bei uns über die CIA berichtet, rief mich an und sagte, dass wir anlässlich des demnächst herauskommenden Senatsberichts unsere Linie überdenken sollten, nicht von Folter zu sprechen. Ich habe daraufhin eine Telefonkonferenz einberufen, bei der die Kollegen erzählt haben, was wir selbst über die Methoden berichtet hatten. Danach habe ich entschieden, dass das natürlich Folter ist. Manchmal sind wir einfach zu langsam, denken nicht früh genug über Dinge nach, oder sie geraten aus dem Blickfeld. Ganz ehrlich: Manchmal benehmen wir uns einfach dämlich.
SPIEGEL: Einer Ihrer besten Reporter, James Risen, argumentiert, die Massenmedien hätten "nach dem 11. September versagt". Stimmen Sie ihm zu?
Baquet: Ja, absolut. Die Massenmedien waren nach dem 11. September 2001 zweifellos nicht aggressiv genug, haben die Entscheidung für den Irak-Krieg und die Folgen des Anti-Terror-Krieges nicht genug hinterfragt. Das gilt auch für die "Los Angeles Times" und die "New York Times".
SPIEGEL: Erzählen Sie uns, warum sich der nächste Edward Snowden an die "New York Times" wenden sollte.
Baquet: Ich würde argumentieren: Wir haben die Möglichkeiten, die Leute und den Mut, zu veröffentlichen. Wir würden dem nächsten Snowden zeigen, dass wir bereiter sind als jede andere Nachrichtenorganisation.
SPIEGEL: Mr. Baquet, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Isabell Hülsen und Holger Stark in New York.
Von Isabell Hülsen und Holger Stark

DER SPIEGEL 5/2015
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