24.01.2015

KarrierenEine Couch von Kisch

Ein Topjournalist ist nicht mehr gefragt - und landet als Verkäufer in einem Möbelhaus. Nun beschreibt er seinen Abstieg in einem Roman.
Solche Storys hat er in seinem alten Leben geliebt, wie alle Journalisten, denn Geschichten über Verlierer sind gute Geschichten. Diese handelt vom Absturz eines Überfliegers, Robert Kisch hat sie aufgeschrieben. Recherchieren musste er dafür nicht. Der Protagonist ist er selbst.
Kisch - der Name ist sein Pseudonym - war im Journalismus einmal weit oben. Als junger Reporter erhielt er den bedeutenden Theodor-Wolff-Preis, weitere Auszeichnungen folgten. Er schrieb für große Blätter über Literatur, Popmusik, deutsche Geschichte, Schicksale und Lebensdramen. Er reiste viel, stieg in teuren Hotels ab, traf Hollywood-Stars. In seinen besten Zeiten verdiente er monatlich 10 000 Euro.
Der Abstieg begann vor ein paar Jahren, als das Hochglanzmagazin, für das er als Autor arbeitete, eingestellt wurde. Eine Entwicklungsredaktion, der er danach angehörte, machte bald wieder dicht, das geplante Heft erschien nie. Dann kam nichts mehr. Er war Mitte vierzig, und niemand wollte ihn haben. In der kriselnden Branche waren reichlich Journalisten nachgewachsen, die ebenso gut waren wie er - zudem jünger und günstiger. Die spärlichen Aufträge, die ihn noch erreichten, hätten vielleicht ihn selbst über Wasser gehalten, aber nicht Frau und Kind. In seiner Not nahm er einen Job in einem Einrichtungshaus an. Was als Übergang gedacht war, ist seither sein neues Leben. Kisch verkauft jetzt Schrankwände und Polstermöbel. Er verdient rund 1400 Euro brutto im Monat, etwa dasselbe kommt als Provision obendrauf.
Von seinem Dasein zwischen Polstermöbeln erzählt nun ein Buch(*). Im autobiografischen Roman "Möbelhaus" schreibt Kisch über jene Härten der Arbeitswelt, die er zuvor nur aus Texten kannte. Er zeigt Deutschland nicht als Servicewüste, sondern als Verkäuferhölle. Kunden gebärden sich wie kleine Diktatoren, der Chef drängt Kranke zur Arbeit, alles ist reglementiert, Verkäufer sollen nicht in Gruppen zusammenstehen und sich nicht setzen, sie intrigieren gegeneinander, manche zerbrechen unter dem Druck.
Einige Passagen lesen sich wie Günter Wallraffs Reportagen aus dem Alltag deutscher Betriebe. Nur dass Wallraff abends seine Perücke und falschen Kontaktlinsen ablegen konnte, während für Kisch die Pro-
bleme nach Dienstschluss weitergehen. Unter dem beruflichen Druck ist auch seine Ehe gescheitert.
Man kann Kisch treffen, in einem Hotel am Rande einer deutschen Großstadt, unter dem Versprechen, seinen echten Namen geheim zu halten und auch seinen Wohnort.
Dass er sein Pseudonym beim legendären Reporter Egon Erwin Kisch borgte, ist weniger Anmaßung als Selbstironie. Mitunter fühlte er sich früher tatsächlich kischgroß. "Ich war ein Reporter, dessen Texte inhaliert wurden", schreibt er im Buch.
Robert Kisch galt als Edelfeder und wurde entsprechend hofiert. Er erhielt Einladungen zu Filmpremieren und Partys, auf denen er sich zum allgemeinen Amüsement demonstrativ langweilte. Ähnlich pointiert waren seine Texte. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Welt sich einmal nicht mehr für meine Gedanken interessieren könnte", gibt er zu.
Kisch sagt, der Roman erzähle nicht nur seine Geschichte. "Ich kenne viele Journalisten, die schon seit Langem keine Texte geschrieben haben, weil sie nicht mehr gefragt sind." Auch das Möbelhaus, in dem er arbeitet und das er "mein Gefängnis" nennt, soll stellvertretend für eine Branche stehen.
"Für die meisten Kunden bist du nur Personal, also kein Mensch. Oder du bist ein Betrüger, der sie über den Tisch ziehen will", sagt Kisch. Manche werden persönlich, wie der junge Mann, der ihn anbrüllt, er habe seinen Eltern eine Garnitur aufgeschwatzt. Andere monologisieren stur wie jener Herr, der von der Feststellung, der Euro habe "ja alles teurer gemacht", nahtlos zum Fazit gelangt, einmal müsse Schluss sein "mit der Schuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg".
Kisch sagt, durch die Arbeit im Möbelhaus gebe es in seinem Wortschatz heute einen Begriff, mit dem er früher nicht so viel anfangen konnte: Demut.
Seine alte Branche sieht er inzwischen kritischer. Einmal begegnet sie ihm auf der Straße wieder, in Gestalt eines früheren Kollegen. Der trägt jetzt eine Nerd-Brille, redet affektiert daher, sieht alles ironisch. Verächtlich notiert Kisch: "Ich wäre mit Ende vierzig ein genauso lächerlicher Popmusikanalytiker."
Trotzdem würde er natürlich sofort in den Journalismus zurückkehren. Allein wegen der Freiheiten, die er dort genoss. Seine Tage konnte er gestalten, wie er wollte. Hauptsache, es kamen gute Texte heraus.
Zu Beginn seiner Zeit im Möbelhaus fragte er seinen Vorgesetzten einmal, ob er eben schnell zum Friseur gehen könne, es seien gerade keine Kunden da. In seinem alten Leben war das normal. Der Blick seines Vorgesetzten sagte ihm: Hier fragst du so etwas nie wieder.
* Robert Kisch: "Möbelhaus - ein Tatsachenroman". Droemer Knaur, München; 320 Seiten; 12,99 Euro.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 5/2015
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