31.01.2015

EuthanasieMein Wille geschehe

Die Niederländerin Annie Bus war nicht sterbenskrank, wollte aber sterben. Sie bat eine Ärztin um eine tödliche Spritze. Ihre Geschichte zeigt, wie schwer es ist, Grenzen zu ziehen, wenn eine Gesellschaft die Sterbehilfe erlaubt.
Constance de Vries sitzt in ihrer Küche und zieht die Spritzen auf. Die eine füllt sie mit einem starken Betäubungsmittel, die andere mit Gift. Langsam tupft sie die Nadeln an einem Stück Papier ab und packt sie vorsichtig ein. Dann geht sie zu ihrem Auto. Um zwei Uhr nachmittags soll Annie Bus sterben.
Immer wieder sind die beiden Frauen den Ablauf durchgegangen. Sie saßen dabei an dem massiven Holztisch in Annie Bus' Häuschen, 15 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Über ihnen hingen die Fotos der Kinder, darüber das Kreuz Jesu, und immer wieder fragte de Vries: "Bist du dir sicher?" Bus hockte in ihrem elektrischen Rollstuhl, die Beine unter einer Strickdecke verhüllt, die Schultern leicht nach vorne gesackt, und lächelte vergnügt: "Ja, ich bin sicher."
Geduldig hörte die 75-Jährige zu, wie die Ärztin die niederländischen Euthanasieregeln erläuterte. Dass sie wählen könne, ein tödliches Mittel zu trinken oder es injiziert zu bekommen. Dass das Betäubungsmittel innerhalb von zehn Sekunden wirke; vielleicht entfahre ihr noch ein Gähnen, bevor sie das Bewusstsein verliere. Und wenn danach eine Überdosis Muskelrelaxan ihre Atmung lähme, dann würde sie das schon nicht mehr spüren.
Bus rutschte auf ihrem Sitz umher. Nichts mehr spüren: der Gedanke gefiel ihr. Schwach fühle sie sich, sagte sie, und doch wirkte sie in diesem Moment unfassbar lebhaft. Sie erzählte, wie sie als Mädchen in den Lokalen tanzte, wie sie mit 24 Jahren Mutter wurde und mit 44 Jahren Oma. Dann stockte ihre Stimme. Sie stöhnte leise und beugte sich nach vorne.
Seit einer Embolie vor 23 Jahren ist Bus' Körper von der Brust abwärts gelähmt. Osteoporose hat ihre Knochen brüchig werden lassen. Beide Oberschenkelknochen und mehrere Wirbelkörper hat sie sich gebrochen, die unteren linken Rippen ebenfalls, die nun auf die Organe drücken. Bus leidet an furchtbaren Schmerzen - doch an keiner tödlichen Krankheit. Wenn ihr Mann kocht, schält sie die Kartoffeln und wäscht das Gemüse ab; und wenn sie einen guten Witz hört, lacht sie spitzbübisch. Sie könnte noch viele Jahre leben.
Aber warum weiterexistieren, hat sie sich gefragt, wenn jeder Tag mit Qualen beginnt und mit Qualen endet? Und wenn sie die Zeit dazwischen nicht mehr genießen kann.
Ein Jahr ist es her, dass Bus um ihren Tod gebeten hat. Wer in den Niederlanden Sterbehilfe erhalten möchte, muss unheilbar krank sein und unerträglich leiden. So besagt es das Gesetz. Was es nicht verrät: Wie misst man unerträgliches Leid?
Ihr Hausarzt, eigentlich für die Euthanasie zuständig, lehnte die Sterbehilfe ab. Ihr Ehemann beharrte darauf, seine Frau weiterzupflegen. Ihre drei Töchter haderten: "Mach das alleine. Sonst heißt es noch: Ihr wollt mich loswerden!"
So wandte sich Bus an jene Spezialklinik, in der sich die Ärzte nicht darum kümmern, das Leben zu verlängern, sondern es zu beenden. Die Levendseindekliniek ("Lebensendeklinik") liegt in Den Haag, hohe Decken, kleine Balkone vor den Fenstern, mehr Büro als Krankenhaus. Hier stehen keine Betten, auch stirbt hier niemand. Stattdessen kommen die Sterbehelfer nach Hause.
Fast drei Jahre nach Eröffnung beschäftigt die Klinik 37 Teams aus jeweils einem Arzt und einem Pfleger. Im vorigen Jahr leisteten sie über 200-mal Sterbehilfe; viermal so viele Patienten hatten darum gebeten. Wenn der Hausarzt die Euthanasie verweigert, findet ein Patient hier Experten fürs Sterben. Und wer hier arbeitet, hegt großes Verständnis für die Todeswünsche seiner Patienten.
Es sind oft die besonders heiklen Fälle, die bei der Levendseindekliniek landen. Solche, die an einen sensiblen Punkt der Euthanasie rühren: Wenn eine Gesellschaft die Sterbehilfe legalisiert - wo zieht sie die Grenzen? Unter den Patienten waren eine Frau mit krankhafter Angst vor Schmutz und Bakterien und einem Waschzwang und ein 63-jähriger Mann, der sich vor der Einsamkeit nach der Rente fürchtete. Beiden halfen die Ärzte zu sterben.
De Vries und Bus lernen sich am 27. August 2014 kennen. Die Patientin wird die Levendseindekliniek nie betreten; wie fast alle zieht sie es vor, daheim zu sterben. Als ambulante Sterbehelfer fährt die Ärztin mit einer Krankenschwester zu ihr. De Vries, 65, die Augen schwarz umrahmt, die Fingernägel orange lackiert, ist eine energische Frau. Eine, die nicht zaudert, sondern Verständnis dafür hat, dass man eine Zeit lang so leben kann wie Bus - aber nicht jahrelang.
Neben ihr liegt die Akte ihrer Patientin, in der sie jeden Besuch, jedes Telefonat notiert. Wenn Bus tot ist, wird eine dreiköpfige Kommission aus einem Arzt, einem Juristen und einem Ethiker prüfen, ob de Vries sorgfältig gehandelt hat. Sechsmal werden die Ärztin und ihre Patientin sich insgesamt treffen, vier Monate werden zwischen dem ersten und dem letzten Besuch vergehen.
De Vries zieht drei Seiten hervor, beschrieben in zittriger Handschrift: "Annie Bus, geboren am 25.08.1939, schriftliches Ersuchen um Euthanasie." Sie verspüre "unerträgliche Schmerzen", schreibt Bus weiter, "und ein Gefühl, als ob ihr Körper verbrannt ist". Es erniedrige sie, in einen Beutel zu pinkeln, und sie schäme sich dabei. Sie habe "das Gefühl, von den Ärzten aufgegeben worden zu sein". Denn wann immer sie um Hilfe bitte, bekomme sie zu hören: "Wir können nichts mehr tun."
Ein Psychiater der Levendseindekliniek erkennt bei Bus Verbitterung, aber einen klaren Verstand. Ein Neurologe bestätigt, jene neuropathischen Schmerzen, an denen Bus leidet, seien mit Medikamenten nicht zu lindern. Erneut erhält Bus die Diagnose: hoffnungslos. De Vries beratschlagt sich mit der Krankenschwester, konsultiert die Klinik, ruft den Hausarzt an. Nach Meinung aller sind die Voraussetzungen für eine Euthanasie erfüllt.
Im Oktober verkündet Bus ihrer Familie, es könne ihr mit dem Sterben nicht schnell genug gehen. Am liebsten noch im Laufe des Monats solle es passieren. Sie bittet nun nicht mehr, sie besteht darauf.
"Wenn du stirbst, dann nicht daheim", verlangt ihr Mann. Wenn er schon alleine in diesem Haus weiterleben müsse, dann nicht mit der Erinnerung an den Tod seiner Frau. Ihre Töchter flehen: "Denk doch auch an deine Enkelkinder."
De Vries seufzt, wenn sie über die Familienstreitereien spricht. Bus ist für sie einer der schwierigeren Fälle. Die Eheleute reden gleichzeitig, aber wenig miteinander. Die Patientin kann missgünstig wirken. Einmal hatte Bus die Ärztin an der Haustür zurückgehalten und ihr zugeraunt, das Erbe vermache sie ihren Töchtern. Ihr Ehemann sei ja schon immer hinter ihrem Geld her gewesen.
Eigentlich führt de Vries eine Praxis als Hausärztin. Ihre Patienten leiden an Magengeschwüren oder Allergien, auch an Demenz oder Krebs. Aber die allermeisten wollen leben. Als Sterbehelferin arbeitet de Vries nebenbei, aus Überzeugung. Sie habe ihre Euthanasiepatienten nicht gezählt, vielleicht seien es sieben pro Jahr, maximal zehn. Und niemals zwei an einem Tag; nur einmal habe sie eine Ausnahme gemacht.
Aber ganz gleich, wie viele Leben sie beende, zur Routine werde es nie. Da steht sie vor einem Menschen, der in einem Moment noch atmet und spricht, und im nächsten Moment ist er tot.
"Und ich habe ihn getötet", sagt de Vries. "Beim ersten Mal habe ich noch gezittert." Bis heute sei sie dabei nervös.
Einmal hat sie sich von einer Feier weggestohlen, um Sterbehilfe zu leisten. Als sie zurückkehrte, zwinkerte ihr Mann ihr zu. Nur er wusste, wo sie gewesen war.
Wenn de Vries unter ihrer Berufung leidet, dann hat sie gelernt, es zu verbergen.
Als erstes Land der Welt stellten die Niederlande 2002 das Töten auf Verlangen für Ärzte straffrei. 2003 erhielten 1815 Menschen aktive Sterbehilfe, 2013 waren es schon 4829, mehr als drei Prozent aller Todesfälle. Die meisten von ihnen waren unheilbar an Krebs erkrankt. Aber die Zahl der psychiatrischen Patienten, die an Depression, Schizophrenie oder Angststörungen litten, steigt; 42 waren es im vorigen Jahr. Es sind die schwierigen Fälle, weil bei ihnen die Antwort besonders schwerfällt, was einem Menschen zuzumuten ist.
Erst kürzlich rügte die Kommission einen Arzt der Klinik: Er hatte einer 47-Jährigen Mutter mit schwerem Tinnitus geholfen zu sterben - obwohl "nicht alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft waren", wie sie bemängelten. Es war der dritte Verweis für die Klinik innerhalb eines Jahres.
Weichen die Grenzen also auf? Während die Gegner der Sterbehilfe davor warnen, einen Menschen zu früh aufzugeben, sehen die Befürworter in der Euthanasie einen Akt der Selbstbestimmung.
Jedes Mal, wenn de Vries einen neuen Patienten trifft, muss sie eine Entscheidung treffen, die schwieriger nicht sein könnte: Darf dieser Mensch sterben?
Es war bereits dunkel, als de Vries bei der 82-jährigen Frau K. auf dem Sofa saß. Ihr linkes Bein ruhte auf einem Hocker, ihr Rücken schmerzte. Ihr Kontakt zur Welt sind der Fernseher und das Internet, aber auch das lässt nach. Sie habe sich immer Kinder gewünscht, sagte sie, aber ihr erster Mann starb bei einem Flugzeugabsturz, der zweite an einer unheilbaren Krankheit. Damals endete ihr Leben, trotzdem sei sie noch da.
Die 82-Jährige leide "an einem vollendeten Leben", so de Vries. Es klingt wie eine Diagnose. Und de Vries hätte ihr vielleicht geholfen, wäre ein Leben, das zum Problem wird, weil es nicht enden will, Grund genug für Euthanasie. Stattdessen verweigerte die Klinik jedoch die Sterbehilfe, weil keine Krankheit vorlag. Was sie nun vorhabe, fragte die Ärztin abends noch auf dem Sofa. "Mich ertränken", antwortete Frau K.
Etwa 1854 Niederländer brachten sich im vorigen Jahr um. Bevor sich ein Mensch auf womöglich grausame Weise selbst tötet, so argumentieren die Befürworter der Sterbehilfe, sei es doch humaner, ihnen einen Tod in Würde zu ermöglichen.
Gegründet hat die Levendseindekliniek der "Verein für ein freiwilliges Lebensende", der "NVVE". Für seine 161 000 Mitglieder ist Sterben ein Menschenrecht. Seit Jahren kämpfen sie für eine "Letze-Wille-Pille", die jeder Bürger, der nicht mehr leben will, schlucken darf.
Doch für Ärzte wie de Vries ist es nicht leicht herauszufinden, ob tatsächlich alle Hoffnung verloren ist. Manchen Menschen reichen ein paar gute Erlebnisse, um wieder Lebensmut zu schöpfen - wie jene Diabetespatientin, die sich vor ihrem geplanten Tod noch von ihrer Schwester verabschieden wollte, die auf der karibischen Insel Aruba lebt. Nach dem Urlaub traf de Vries eine braungebrannte, gut gelaunte Frau, die alles, nur nicht sterben wollte.
Auch Annie Bus zögert vor dem letzten Schritt. Es ist November und bitterkalt, aber der erste helle Tag seit Wochen. Plötzlich sagt sie etwas, das die Ärztin aufhorchen lässt: "Ich finde das alles so schön. Ich will leben." - "Wenn du zweifelst, machen wir es nicht", sagt de Vries. Bus überlegt. "Wären die Schmerzen nicht da", sagt sie, "würde ich weiterleben wollen."
Sie fürchte sich vor der Nadel, sagt Bus, sie habe doch so kleine Rollvenen. Was, wenn die Ärztin danebensticht? De Vries nimmt Bus' Hand, streicht die Adern entlang des Handgelenks. "Du musst keine Angst haben."
Bus' Mann hat seinen Stuhl nah an seine Frau gerückt, geistesabwesend wischt er mit seinen breiten Fingern den Staub vom Rollstuhl. "In guten wie in schlechten Zeiten", brummt er. Bis dass der Tod sie scheidet. So hat es der Pfarrer gesagt, damals, vor 52 Jahren, als sie versprachen, füreinander zu sorgen. Er trug einen Zylinder, sie Schleier. "Ginge es nach mir, würde sie hundert Jahre alt werden." Er weiß nicht, ob er bei ihrem Tod dabei sein will.
Doch zwei Wochen später gibt es für Bus keine Zweifel mehr: Sie will sterben. Ein zweiter unabhängiger Arzt bestätigt de Vries' Einschätzung. Sie sprechen mit der Familie, die Töchter weinen, der Mann wütet: "Nicht in unserem Bett!" Sie einigen sich darauf, dass Bus in ihrem Rollstuhl sterben wird. An einem Dienstag um 14 Uhr soll es so weit sein.
Man könnte meinen, Bus habe doch ein gutes Leben. Sie wohnt in einem ebenerdigen, einstöckigen Haus. Die Türen sind so breit, dass sie mit ihrem Rollstuhl hindurchfahren kann. Ihr Ehemann hebt sie jeden Morgen aus dem Bett in die Dusche. Vor dem Schlafengehen mischt er zwei Paracetamol in ein Glas lauwarme Milch, manchmal auch ein bisschen Cognac in den Kaffee. Nachts, wenn das Liegen zu sehr schmerzt, wendet er sie. Um drei Uhr führt er ihr ein Zäpfchen ein, damit sich am frühen Morgen ihr Darm auf eine Windel unter ihr entleert. Bus hat es so satt.
In ihrem Schlafzimmer sieht es aus wie in einem Krankenhaus. Bus hängt in einem Hebelift, mit dem ihr Mann sie auf die Matratze herabsenkt. Eine Windel liegt schon bereit. Sie schnauft, zieht die Luft ein. "Es tut weh", stöhnt sie. Er rollt ihre Strümpfe von ihren dürren Beinen, schiebt ein Kissen unter ihre eiskalten Füße.
Vorsichtig streckt Bus sich nach ihrer Schnabeltasse, doch sie reicht nicht heran. Ihr Gesicht verzieht sich, mehr vor Ärger als vor Schmerz.
"Ich bin durstig, und ich muss um Wasser bitten", sagt sie. "Ich will auf die Toilette, und ich muss jemanden fragen." Sie klagt, dass es sie demütige, wie ein Kind behandelt zu werden. Ihr Mann unterbricht sie. Er hält einen grauen Notknopf in der Hand. Als er ihn drückt, läutet im Haus eine Klingel. Wenn er das höre, dann komme er sofort. Er lächelt, seine Frau flucht.
Sie streiten, wenn sie friert und er ihr einen Pulli überstülpen will. Sie zanken, wenn er sie im Auto spazieren fahren möchte, sie aber klagt, jede Erschütterung würde sie peinigen.
Bus will keine Last sein, aber sie ist es. In manchen Nächten muss ihr Mann sechsmal aufstehen, um sie zu wenden.
Doch vielen Menschen, die heute jung sind, wird es im Alter ähnlich ergehen wie Annie Bus. Sie werden im Heim leben, möglicherweise dement sein, schwach, auf Fürsorge angewiesen. Ist es nicht wichtiger, die Pflege zu verbessern, statt Leidende in den Tod zu schicken?
"Es ist doch keine Frage guter Pflege", widerspricht de Vries. "Was zählt, ist Freiheit." Die Menschen, mit denen sie spricht, wollen nicht "hinter Gittern" im Altersheim leben. Es sind Alzheimerpatienten, die nicht mit "den anderen Dementis" puzzeln, und Männer, die nicht in eine Windel pinkeln wollen. Den Tod sehen sie als Wohltat. Nach der Euthanasie schicken die Angehörigen de Vries manchmal Blumen.
Auch Bus sehnt sich zurück nach dem, was sie vor 23 Jahren verloren hat: ihre Unabhängigkeit. Eines Morgens, kurz nach ihrem 54. Geburtstag, wich auf einmal alles Gefühl aus ihren Beinen. Zwei Schritte schaffte sie noch, bevor sie zu Boden stürzte. Sie schrie um Hilfe, hinein in ein leeres Haus. An das Telefon reichte sie nicht heran. Sie robbte sich mit den Armen den Boden entlang Richtung Fenster und zerrte am Vorhang.
Ein Nachbar bemerkte den wehenden Stoff und rief den Hausarzt um Hilfe. Doch es dauerte bis zum Abend, bis ein Facharzt herausfand, was geschehen war: losgelöstes Gewebe hatte eine Ader verschlossen, die zum Rückenmark führt; die Nerven waren bereits geschädigt. Bus ist bis heute davon überzeugt, dass man ihre Beine hätten retten können. Wahrscheinlicher ist, dass sich ihr weiteres Leben innerhalb weniger Sekunden entschied.
Mühsam stemmt sie sich im Bett auf. "Wenn so etwas mit 75 geschieht, dann ist das schrecklich", sagt sie. "Wenn es dir mit 54 passiert, dann ist es nicht fair."
"Unsere Mutter hat ihr Schicksal nie akzeptiert", sagt eine ihrer drei Töchter, und die anderen beiden nicken. Seit feststeht, dass ihre Mutter sterben wird, besuchen sie sie jeden Tag. Heute haben sie zusammen Rindersuppe gekocht. Die Jüngste trägt ein Gedicht vor. Sie stehen beisammen und erinnern sich an den Menschen, der ihre Mutter einmal war.
Früher, vor dem Unglück, radelte sie überallhin: zur Elektronikfirma Philips, wo sie putzte, und ins nahe Deutschland, wo sie Schuhe nähte. Immer arbeitete sie. Nie saß sie still.
Sie liebte Karneval. Abends in den Kneipen rief die Mutter ihren Töchtern zu, die längst hätten nach Hause gehen sollen: Bleibt noch! Trinkt ein Bier, trinkt ein Schneewittchen! Und dann tanzten sie gemeinsam auf den Tischen. Auf den Tischen? Sie lachen."Oh ja, auf den Tischen!"
"Und abends gingen wir oft zusammen im Wald spazieren", sagt die jüngste Tochter. Ihr kommen die Tränen, und die Zweitälteste drückt ihre Schwester an sich.
Kann man das verstehen: dass die Mutter gehen will? "Ich schaue sie an, und oberhalb der Brust scheint doch alles in Ordnung zu sein", sagt die eine Tochter. "Sie sagt, sie hat Schmerzen", wendet die andere ein. "Aber das können wir ja nicht fühlen", sagt die dritte.
Die drei Frauen tragen den Gewissenskonflikt einer ganzen Gesellschaft aus: Ist der Tod für Menschen wie Annie Bus eine Erlösung? Oder ein schrecklicher Fehler?
Zwei Tage vor ihrem Tod gibt ein pensionierter Pfarrer Bus die Letzte Ölung. Zwei amtierende Pfarrer hatten dies abgelehnt. Bus' Wunsch verstoße gegen Gottes Willen. Sie kann gar nicht aufhören, darüber zu schimpfen. 75 Jahre lang war sie Katholikin, vier Holzkreuze hängte sie in ihr Haus; und als sie die Kirche brauchte, half sie nicht.
Am folgenden Tag schaut sich die Familie zusammen alte Videos an. De Vries feiert derweil in ihrer Praxis ein kleines Abschiedsfest: Es ist ihr letzter Tag als Hausärztin. Für die Levendseindekliniek aber will sie weiterarbeiten.
Dann ist Dienstag. Am Vormittag hält ein Krankenwagen vor dem grauen Klinkerhaus der Bus'. Ein Rettungsassistent legt einen Zugang in Annie Bus' Vene, um die Kanüle wickelt er einen Verband. De Vries hatte ihn gerufen, ihr fehlt die Übung, und sie will vermeiden, dass sie im entscheidenden Moment danebensticht: Sie fürchtet die Blicke der Angehörigen, die Ängste der Patientin.
Um 13.15 Uhr sitzt de Vries zu Hause am Esstisch und sticht die Nadeln in die Ampullen. Die Mittel lagern seit einer Woche bei ihr im Kühlschrank. Langsam zieht sie eine Spritze auf. Ein paar Meter entfernt schauen ihre beiden Enkel Fernsehen. Die sieben Zwerge tanzen gerade singend um Schneewittchen herum.
De Vries nummeriert die Spritzen. Nummer eins enthält eine Kochsalzlösung zum Durchspülen der Kanüle. Nummer zwei wird Bus' Vene leicht betäuben, bevor sie mit der dritten Spritze das Betäubungsmittel injiziert. Erst dann füllt de Vries die letzte Spritze mit 150 Milligramm Rocuronium, das die Atemmuskel blockiert.
Sie legt die Spritze vorsichtig in eine Tupperdose. "Tauche nie zu früh auf", erklärt sie im Auto. "Sonst störst du die Familie bei ihrem Abschied." Auf der Rückbank liegt in einer Apothekentüte das Notfallset. "Man weiß nicht, was passiert", hat sie vorher gesagt.
Um 13.45 Uhr schwenkt das Auto in die kleine Straße der Bus ein. De Vries greift ihre Arzttasche, die Tüte und die Tupperdose. Sie klingelt an der Haustür.
Alle sind sie gekommen, die Töchter, ihr Mann, die Enkelkinder, 15 Angehörige und Freunde. Alle umringen Annie Bus. Eine der Töchter hält die Hand ihrer Mutter, ihre Augen sind gerötet. Bus lächelt. So viele Menschen. Nur wegen ihr.
De Vries rollt den Verband ab und legt die Kanüle frei. Sie greift nach der ersten Spritze.
"Bist du dir sicher?", fragt sie.
"Ja, ich bin sicher."
Sie fahren die Lehne des Rollstuhls zurück, unter Bus' Kopf schieben sie ein Kissen. Ihr Mann rückt nah an sie heran, ihre mittlere Tochter fasst ihre Hand fester, die jüngste hockt zu ihren Füßen: "Mama, willst du noch etwas sagen?" Sie drückt ihre Hand.
Als Bus ihre letzten Worte spricht, beginnt sie zu weinen. "Ich wünsche euch, dass ihr so etwas nie bekommt", sagt sie.
Sie sagt noch, dass sie alle zusammenhalten sollen, dass sie es immer gut hatte, dass sie über Probleme sprechen sollen. Dann versiegen die Tränen, ihre Stimme wird leiser. De Vries streicht über ihre Wange.
Um 14 Uhr läuten die Glocken der Wanduhr, aber das Weinen ihrer Familie übertönt das Geräusch. Annie Bus spürt nichts mehr.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 6/2015
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