31.01.2015

Modernes LebenNahkampf im Stadion

Fotostangen zum Knipsen von Selbstporträts gelten als neues Kult-Gadget der Generation iPhone. Dabei ist die Erfindung uralt.
Eine Stange spaltet die Gesellschaft. Ob auf Konzerten, vor Sehenswürdigkeiten oder bei Familienfesten: Wo immer sich Menschengruppen versammeln, ist neuerdings garantiert irgendjemand dabei, der eine Stange mit Handy in die Höhe hält, um Fotos zu schießen. Während die Fans ihre sogenannten Selfie-Sticks als die wichtigste Erfindung seit dem iPhone bejubeln, lästern ihre Gegner über die peinlichen "Narziss-Stöckchen".
Es tobt also wieder einmal ein existenzieller Streit, fast so erbittert wie weiland bei der Frage: Beatles oder Stones? Zumindest der kommerzielle Erfolg gibt den Anhängern des Gadgets recht: Allein in den USA wurden im Dezember schätzungsweise 100 000 Stück verkauft.
Kulturpessimisten behaupten, die Fotostangen trügen nur zur weiteren Vereinsamung der Menschen bei, weil niemand mehr bei Erinnerungsfotos wildfremde Passanten um Hilfe bitten müsse. "Es ist genau andersherum", widerspricht Wayne Fromm: "Selfie-Sticks bringen die Menschen wieder näher zusammen, denn sie sind ideal für Gruppenbilder."
Das Lob des 50-jährigen Kanadiers für die Fotostange ist nicht ganz uneigennützig: Er gilt als ihr Erfinder.
Der Ökonom und Psychologe aus Toronto staunt noch immer über den Siegeszug seines Produkts, das er selbst Quickpod getauft hat. Der Gründungsmythos geht so: Vor gut zehn Jahren bereiste er mit seiner Tochter Florenz; das Touristengedränge auf dem Ponte Vecchio war so arg, dass den beiden ständig jemand vor die Linse lief.
Lange tüftelte er herum, zunächst mit umgebauten Regenschirmen; über hundert Varianten hat er angeblich getestet. 2005 endlich meldete er seine Fotostange zum Patent an.
Und es passierte: nichts.
Jahrelang tingelte Fromm über Messen, um das Ergebnis seiner Tüftelei anzupreisen. Aber niemand kapierte, wozu sein Quickpod zum stolzen Preis von etwa 50 Dollar gut sein soll. Eine Lösung auf der Suche nach einem Problem.
Es schien aussichtslos. Asiatische Freunde erklärten ihm, der Selfie-Stick sei einfach zu peinlich. "Mein psychologischer Sachverstand gab ihnen recht", sagt Fromm: "Ich kam zu der Überzeugung, die Selfie-Stangen könnte man nur heimlich zu Hause einsetzen, etwa um die eigene Abendgarderobe zu checken."
Dabei war Fromm nicht einmal seiner Zeit voraus - sondern Jahrzehnte hinterher. "Schon um 1925 herum wurden Stangen zur Aufnahme von Selbstporträts verwendet, zumindest um den Auslöser zu bedienen", berichtet Christian Stiegler, Professor für Medienmanagement an der Karlshochschule in Karlsruhe. Bereits 1983 brachte die japanische Firma Minolta eine Kamera mit angeschraubtem Selfie-Stick auf den Markt, die Disc-7. Doch das Produkt hinterließ keine bleibenden Erinnerungen, nicht einmal beim Hersteller selbst, der sich inzwischen aus dem Kamerageschäft zurückgezogen hat.
Seit den Achtzigern wurden immer wieder Fotostock-Patente eingereicht - ohne Erfolg. Bereits Mitte der Neunzigerjahre wurde die Knipserstange in einem japanischen Buch veralbert als Beispiel für Erfindungen, die die Welt nicht braucht.
Dann aber kam plötzlich doch noch der Durchbruch für den Quickpod. Wie nur konnte das geschehen?
Die Pioniere kamen aus zwei komplett unterschiedlichen Richtungen: Großgruppen in Südostasien und Extremsportler in den USA. Letztere schraubten GoPro-Actionkameras an Fromms Stangen, um ihre Stunts zu verewigen. "Durch Snowboarder wurde aus einer peinlichen Erfindung eine coole", so der Kanadier.
Aufgrund der Vogelperspektive sind die Fotostangen ideal für Massenspektakel aller Art - aber auch unhandlich. Schnell verwandeln sie sich in Nahkampfwaffen, mit böser Absicht oder ohne. In einigen Fußballstadien sind sie schon verboten.
Ein weiteres Problem: Während Billigstangen nur mit dem Selbstauslöser der Handykamera funktionieren, bieten Luxusvarianten einen Fernauslöser, vernetzt über den Funkstandard Bluetooth. In der Nähe von Touristenattraktionen könnten sie jedoch wie Störsender wirken. Der Einsatz nicht zertifizierter Stangen sei daher illegal, mahnen südkoreanische Behörden.
Vor allem Produktpiraten verdienen eine Stange Geld mit seinem Stock, ärgert sich Fromm: "Chinesische Firmen haben mein Design geklaut und werben sogar mit Fotos von mir und meiner Tochter!"
Aber der Kanadier weiß natürlich, dass der Kampf gegen die Kopisten aussichtslos ist: "Auch tausend Patente würden mir nichts nützen. Das Wichtigste ist es, schnell eine starke Marke zu entwickeln."
Am meisten Spaß macht ihm derzeit ohnehin weniger das Erfinden als vielmehr das Dozieren darüber. Fromm träumt davon, einen Vortrag an der elitären Harvard University zu halten. Er vorn am Rednerpult - das wäre das perfekte Selfie-Motiv.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 6/2015
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