31.01.2015

ArchäologieMultikulti in der Steinzeit

Schon vor 8000 Jahren war Deutschland ein Einwanderungsland. Eine neue Genstudie belegt: In vier großen Wellen fluteten fremde Flintstein-Siedler heran.
Wer in der ewigen Kette von Geburt und Untergang Orientierung sucht, kann sich an folgende Stammbaumformel halten: Vor 3 Generationen, als die Urgroßeltern lebten, war Weltkrieg. Vor 30 Generationen herrschte Mittelalter. Und vor 300 Geschlechtern traten in Europa die ersten Bauern und Viehzüchter auf.
Zwei Millionen Jahre lang war die Gattung Homo durch die Flur gepirscht. Dann, um 8000 vor Christus, machte sich im Orient eine neue Lebensweise breit, die mit Joghurt, Käseessen und Unkrautjäten einherging. Knorrige Ackerleute rissen mit Hacken und Steinbeilen jungfräulichen Boden auf und pflanzten Getreide.
Bald rückte die Technik auch nach Europa vor. Um 6000 vor Christus breitete sich auf dem Balkan die geheimnisvolle Starčevo-Kultur aus. Ihre Vertreter wohnten in ovalen Hütten und verehrten stabförmige Figuren mit dicken Gesäßen. Skelette aus der Zeit sind selten erhalten - wahrscheinlich wurden die Toten in der Wildnis aufgebahrt, um sie von Raubtieren fressen zu lassen.
Wie der Siegeszug der Sesshaftwerdung genau vonstattenging, gehört zu den großen Mysterien des Neolithikums. War da eine Idee gewandert? Oder wanderten die Menschen selbst?
Kopfzerbrechen bereitet vor allem die "Bandkeramik", die auf die Starčevo-Kultur folgte: Um 5600 vor Christus breitete sich die Bewegung (benannt nach den Mustern auf den Gefäßen) explosionsartig von ihrer Urzelle in Westungarn aus. Plötzlich färbten sich die Frauen vom Pariser Becken bis in die Ukraine die Haare mit Henna und schmückten sie mit Muscheln und Schneckengehäusen. Die Männer trugen Hose und Käppi. Genormt wie die Zinnsoldaten, tranken sie aus bauchigen Gefäßen ("Kümpfen"), bauten die gleichen wuchtigen Reethäuser und hüteten dieselben Rinderrassen.
Ist es denkbar, dass die Bandkeramiker alle miteinander verwandt waren? Oder hatte man quer über den Kontinent nur Know-how ausgetauscht?
Die "Arbeitsgruppe Palaeogenetik" an der Universität Mainz hat das Rätsel nun offenbar gelöst. Die Forscher untersuchten 47 Starčevo-Skelette sowie 61 Gebeine von frühen Bandkeramikern aus Ungarn und Kroatien. Diese verglichen sie mit dem Erbgut von insgesamt 67 996 modernen Europäern.
Das Ergebnis der Fleißarbeit, veröffentlicht im Onlineportal BioRxiv, belegt eine Massenwanderung. Die Menschen in Europa sind verschwippt und verschwägert.
"Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus", erklärt Studienleiter Kurt Alt.
Die Urfarmer aus dem Karpatenbecken bestimmen noch heute unser Erbgut. Bis zu 48,6 Prozent ihrer mitochondrialen DNA ist im deutschen Gegenwartsbürger enthalten.
In einem Fußmarsch von rund 800 Kilometern waren die Leute entlang der Elbe nach Norden vorgestoßen. Ihre frühesten Dörfer hierzulande liegen in der Magdeburger Börde. Wohl kein Zufall: Die Region ist mit fruchtbaren Lössböden gesegnet. Wer dort sät, erzielt Rekordernten.
Dieses Land der goldenen Sichel wählten die Immigranten treffsicher als neue Heimat aus. Grabungen zeigen, dass Dörfer mit bis zu hundert Häusern entstanden. Bewohnt wurden sie ausschließlich von Kolonisten.
Ihr Saatgut - Emmer, Gerste, Einkorn und Linsen - hatten die Zuzügler mitgebracht. Auch ihre Rinder stammten nicht vom nordischen Auerochsen ab, sondern von Viehzeug aus Anatolien.
Was aber geschah mit den Altbewohnern, jenen mesolithischen Jägern, die zuvor in den einsamen Wäldern am Harzrand gelebt hatten?
Sie nahmen reißaus. Die Wildbeuter, das zeigen die Gen-Analysen, "wichen nach Norden aus" (Alt).
Zum Tête-à-Tête am Lagerfeuer hatte offenbar niemand Lust. Kein Wunder: Die Jäger lebten im Rhythmus der Natur. Sie folgten den Tierherden und beteten zum Mond. Machten sie fette Beute, lagen sie hernach tagelang mit vollem Bauch im Zelt.
Die eingewanderten Bauern dagegen bückten, plagten und mühten sich unentwegt. So blieb man sich fremd. Der Molekularbiologe Joachim Burger vermutet gar, dass ein "Heiratsverbot" bestand.
Was weiter verblüfft: Die Landwirte in den Holzsiedlungen waren oft nicht direkt miteinander verwandt. "Das spricht für eine erhebliche Fluktuation unter den bandkeramischen Dorfbewohnern", erklärt Alt. Besonders die Frauen reisten viel. Womöglich gab es einen Heiratsmarkt quer über den Kontinent.
Der Massenzustrom der Bandkeramiker im sechsten vorchristlichen Jahrtausend war allerdings nur der Auftakt. Insgesamt kamen in der Magdeburger Börde drei weitere neolithische Siedlungswellen an.
Um das Völkergeschiebe zu fassen, erstellten die Mainzer Urdemografen eine weitere Studie. Diesmal legten sie das Augenmerk nur auf das Mittelelbe-Saale-Gebiet, das sich wie ein fruchtbarer Halbmond um den Harz legt (siehe Karte). Über 600 Skelette aus der Region wurden genetisch untersucht. Sie stammen von 25 Friedhöfen aus dem 6. bis 2. Jahrtausend vor Christus.
Eifrig bohrten die Forscher Rippen, Schädel oder Schlüsselbeine an, um aus den Knochen Erbgut zu gewinnen. Die ermittelten Daten zeigen, dass es auch danach ziemlich turbulent weiterging. Etwa um 4900 vor Christus geriet die Bandkeramik in eine blutige Krise. Davon zeugen viele Beilhiebe oder Messerattacken an den Gebeinen.
Ganz Europa stürzte in ein blutiges Chaos, überall wurde gemetzelt und geraubt. In einem Bandkeramiker-Dorf bei Schletz (Österreich) kamen Skelette von 50 erschlagenen Männern zutage. Ähnliche Gräuel sind für Talheim nachgewiesen. In Herxheim erfolgten derweil rund 500 sakrale Tötungen. Die Opfer wurden geschlachtet und verspeist.
In dieser Wolke des Zorns ging die Kultur der Bandkeramiker um 4900 vor Christus unter. In der Folgezeit nahm die Körpergröße der Männer ab. Auch litten sie verstärkt an Zahnfäule. Der Genetiker Alt führt den Karies auf die einseitige Nahrung zurück: Ständig gab es Getreidebrei.
Was die Krise auslöste, ist unklar. Vielleicht waren die Böden ausgelaugt, oder das Klima hatte sich verschlechtert. Klar ist jetzt immerhin, dass die Not hausgemacht war. Ein Zuzug fand damals nicht statt.
Erst um 3100 vor Christus erstürmten erneut Fremde die Edelkrume der Börde. Ausgerechnet den vertriebenen mesolithischen Jägern gelang die Rückkehr. Deren Nachfahren hatten sich während der langen Diaspora in Skandinavien zu Meistern der Agrartechnik gemausert. Nun brandeten sie als "Trichterbecherkultur" von Norden aus Richtung Harz
Ziemlich seltsame Kerle kamen da angestürmt, sie türmten riesige Hinkelsteine ("Menhire") auf und bestatteten ihre Ahnen in Hünengräbern. Ihr größter Trumpf: eine neuartige Zugmaschine, die sie erfunden hatten. Es war ihnen gelungen, jeweils zwei Ochsen ins Joch zu spannen und mit ihnen wie mit einem John-Deere-Traktor übers Feld zu pflügen.
Das war effektiv, kastrierte Bullen haben enorme Muskelkraft. Doch die Tiere lassen sich schlecht lenken. Hindernissen weichen sie ungern aus. Beim Wenden mussten die Gespanne große Kurven machen - die schiere Ochsentour.
Wohl deshalb, vermutet die Archäologin Susanne Friederich, hätten die Rückkehrer aus dem Norden "alle Baumstümpfe aus dem Boden gerissen" und störende Findlinge an den Rand gerollt. Zugleich vergrößerten sie die Felder: "So erst entstanden die Sichtachsen, in denen ihre Dolmen und Menhire zur Geltung kamen."
Viele Skelette der Zeit weisen Blessuren auf. Offenbar gab es Kämpfe um die beste Scholle.
Gleichwohl kamen noch zwei weitere Migrantentrupps. Um 2800 vor Christus tauchten in der Börde "Schnurkeramiker" aus der russischen Steppe auf. Sie nutzten bereits Wagen und Pferde.
Die letzten Einwanderer erschienen kurz danach - diesmal von der Iberischen Halbinsel. Es waren die handwerklich geschulten Vertreter der "Glockenbecherkultur". Wie eine Sekte von Meisterschmieden, so die Vermutung, hüteten sie geheime Erzformeln und stellten edle Tonware her.
Insgesamt haben die vier Steinzeit-Wanderwellen mit bis zu 76,8 Prozent zum Erbgut der heutigen Bevölkerung Zentraleuropas beigetragen.
Anders gesagt: Im nordischen Tann herrschte Multikulti. Die vermeintliche Edelrasse der Germanen beruht in Wahrheit auf einer Mixtur verschiedenster Sippen, Clans und Ethnien, die einst aus allen Himmelsrichtungen heranströmten, um jene edlen Ackerböden zu erobern, in deren Nähe sich heute Pegida-Anhänger vor der Überfremdung des Abendlands fürchten.
"Keine Sorge", möchte man ihnen zurufen: "Wir sind alle Ausländer."
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 6/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 6/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Archäologie:
Multikulti in der Steinzeit