07.02.2015

ChristentumGottes Diener

Willie Parker ist der letzte Arzt im US-Staat Mississippi, der noch Abtreibungen ausführt. Als Monster beschimpft, zählte er einst selbst zu jenen, die Abtreibung für eine Todsünde halten. Von Claas Relotius
Willie Parker saß im marmornen Senatssaal von Jackson, Mississippi, als man ihn fragte, wie viele heranwachsende Menschenleben er schon beendet habe. Parker trug einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd mit einer Fliege. Er wollte einen guten Eindruck machen, wollte den Leuten zeigen, dass er nicht der Dämon ist, zu dem sie ihn stempelten. Aber mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Parker überlegte, er rechnete laut vor sich hin: mehrere Dutzend jede Woche; mehr als hundert jeden Monat; knapp vier Jahre. "Einige Tausend", sagte Willie Parker schließlich mit fester Stimme, "müssen es gewesen sein."
Danach wurde es sehr laut im Senat von Mississippi. Zuhörer sprangen von den Bänken auf, fassungslos, sie schrien "Mörder", "Monster", "schwarzer Teufel", und wieder und wieder riefen sie voller Abscheu seinen Namen: Parker! Der Angeschrieene hielt stand, er sah den Leuten in ihr verzerrtes Gesicht. Er sah ihren Hass, ihre Wut, er selbst verzog keine Miene, er saß einfach nur da. Wie einer, der solchen Ärger schon lange gewohnt ist.
Schon bevor Willie Parker das erste Mal nach Mississippi und in die Hauptstadt Jackson kam, hatte er gewusst, dass er sich viele Feinde machen würde und kaum Freunde. Er hatte gewusst, dass viele Menschen im Bibelgürtel der USA in ihm nichts als einen kaltblütigen Henker sehen würden, einen Verbrecher, der ins Gefängnis gehört. Er hatte auch geahnt, wie viel Gewalt ihm drohte, die Gefahr für sein Leben, aber nichts dergleichen hielt ihn fern.
Jeden Montagmorgen tritt er seinen Dienst an in einem rosafarbenen Flachbau im Norden der Stadt. In einem Haus, das viele Leute hier die "Todesfabrik" nennen.
Das einstöckige Gebäude, kaum größer als ein Einfamilienhaus, liegt inmitten einer Siedlung mit organisierten Nachbarschaftswachen, aufgeräumten Vorgärten und amerikanischen Flaggen auf den Dächern. Vor zwei Jahren ließ die Besitzerin, eine alte Bekannte Parkers, es wie eine Festung umzäunen und in greller Farbe streichen. Es sollte vor Anschlägen geschützt sein, aber nicht länger im Straßenbild untergehen wie etwas, das es zu verstecken galt. Es sollte auffallen, hervorstechen, als Zufluchtsort für jede Frau, die beschließen würde, hierherzukommen.
"Jackson Women's Health Organization" steht auf dem Eingangsschild, ein stolzer Name, hinter dem sich nicht mehr als eine einfache Privatpraxis verbirgt. Und doch ist der Titel Hilfsorganisation nicht übertrieben, weil Frauen im Staat Mississippi nicht viele Möglichkeiten haben, eine Schwangerschaft zu beenden. Sie können Hunderte Kilometer weit fahren, über die Grenzen hinaus nach Louisiana oder Texas, Missouri oder Oklahoma. In Mississippi selbst gibt es nur noch das kleine Haus, in dem Willie Parker, ein kräftiger Mann mit ergrautem Bart und tiefer Stimme, hilft. Er ist der letzte Arzt in Mississippi, der Abtreibungen praktiziert.
An einem seiner Arbeitstage betritt Parker das Wartezimmer, einen fensterlosen Raum mit Plastikstühlen, eine defekte Klimaanlage rasselt in der Wand. Parker schließt die Tür hinter sich und blickt in 15 ängstliche Gesichter. Es sind mehr Frauen da, als es Stühle gibt. Manche hocken auf dem Linoleumboden, halten ihre Knie umfangen und zittern vor Aufregung. Cynda, ein dünnes Mädchen mit bunter Bluse, ist gerade 18 geworden und will im nächsten Jahr die Highschool beenden. Ferlisha, 19, trinkt manchmal Abflussreiniger, weil ihr Bauch immer größer wird und sie nicht weiß, wohin mit ihrem Problem. Evette, 21, zieht allein zwei Kinder groß und trägt nicht genug Hoffnung in sich, ein drittes zu ernähren.
Die Frauen, alle dunkelhäutig und viele fast noch Mädchen, sind von weit her gekommen. Aus Greenville und aus Hattiesburg, aus Grenada und aus Southaven, aus fernen Kleinstädten und entlegenen Dörfern des ganzen Bundesstaats; lange Strecken mit dem Bus oder mit dem Zug liegen hinter ihnen, die Fahrt war anstrengend und teuer. Sie sind gekommen, weil Parker ihnen helfen soll, aber jetzt, da er groß und kräftig vor ihnen steht, blicken sie ihm nicht in die Augen, sondern schuldig zu Boden wie Verbrecherinnen.
Cynda sagt, ihre Eltern hätten ihr verboten, zu ihm zu kommen. Ferlisha sagt, sie bete jeden Morgen zu Gott und wolle nichts Falsches tun. Evette erzählt, sie habe in ihrer Gemeinde gelernt, dass man nicht töten dürfe. Parker kennt diese Sätze, diese Blicke. Die Angst und die Scham. Er sagt den Frauen, nur sie selbst hätten das Recht zu entscheiden. Nicht ihre Eltern, nicht ihre Kirche, nicht der Staat. "Auch ich bin nicht euer Richter", sagt er, verständnisvoll und hart zugleich, "ich helfe euch, weil ihr meine Hilfe braucht."
Besonders groß war die Zahl der Abtreibungsärzte in Mississippi nie. Amerikas ärmster und gläubigster Bundesstaat zählt drei Millionen Einwohner und dreimal so viele Kirchen wie Schulen. Der Streit um Abtreibungen ist hier ein Kampf, der seit Jahrzehnten tobt. Einst wütete die Army of God in dieser Gegend, christliche Fundamentalisten, die im Süden von Stadt zu Stadt zogen und Jagd auf Frauen machten, die abtrieben. Sie steckten auch Kliniken in Brand. Es war die schlimme Zeit, in der Ärzte wie Parker um ihr Leben fürchteten und auf offener Straße erschossen wurden. Ganz zu Ende gegangen ist sie nie.
Auch die Regierung von Mississippi bekennt sich zu dem Ziel, Abtreibungen aus dem Staat zu verbannen. "Abortion-Free State" steht in roter Schrift auf Plakaten, die in der Hauptstadt an jeder dritten Straßenecke zu sehen sind. Die Partei der Republikaner lässt sie kleben, verärgert darüber, Abtreibungen nicht per Gesetz verbieten zu können. Deshalb erlässt die Regierung immer neue, kujonierende Vorschriften. Es geht mal um die Zulassung der Ärzte, mal um die Größe einer Praxis, mal um die Zahl der Parkplätze davor. Es gab einmal gut ein Dutzend kleine Abtreibungskliniken in Mississippi, die mittlerweile alle geschlossen sind, weil sie Auflagen nicht mehr erfüllen konnten. Nur das rosafarbene Gebäude in Jackson ist noch übrig.
Willie Parkers Sprechzimmer ist ein kleiner Raum mit kahlen Wänden, nicht viel größer als eine Abstellkammer. Auf dem Schreibtisch vor ihm türmen sich meterhohe Stapel aus Ordnern und Akten, jede Woche werden es mehr, jede Woche reisen mehr Frauen hierher. Die meisten von ihnen seien schwarz und stammten aus ärmlichen Verhältnissen, sagt Parker, die wenigsten hätten einen Schulabschluss. Wenn der Arzt über die Patientinnen in seinem Wartezimmer spricht, fährt Sorge in seine Züge. Er sieht aus wie einer, der nicht weiß, ob er noch lange helfen kann.
Im vergangenen Sommer, an jenem Nachmittag im Juli, als er im Senatssaal gehört wurde und die Volkswut über ihn hereinbrach, als sie ihn als Mörder und Monster beschimpften, ging es auch um die Frage, was den Frauen denn übrig bliebe, wenn die Regierung bald auch die letzte Abtreibungsklinik schließen würde. Parker sagte, nur wenige Frauen könnten es sich leisten, noch weitere Reisen auf sich zu nehmen, um in anderen Bundesstaaten Hilfe zu suchen. Er sagte, die Regierung dürfe die Bürgerinnen nicht im Stich lassen. Kaum jemand im Saal wollte das hören; Parker wolle doch nur Geld damit machen, dass er hilflose Babys umbringe.
Er kennt solche Sätze, er hört sie jede Woche. Am Tag, als Cynda, Ferlisha und Evette ängstlich auf ihn warten und sich auf den Eingriff vorbereiten, sitzt Parker hinter dem Schreibtisch seines Büros und erzählt von seinem ersten Arbeitstag in der Stadt, als ihn Abtreibungsgegner mit Morddrohungen empfingen. Er erzählt vom Gouverneur Mississippis und von dessen Versprechen, Ärzten wie ihm das Handwerk zu legen. Auch von der bibeltreuen Lokalzeitung, deren Leser ihn erst kürzlich zum größten Feind des Bundesstaats erklärten.
Parker bleibt auffällig ruhig, während er darüber spricht. Nichts in seiner Stimme verhärtet sich, kaum eine Veränderung. Er ist 51 Jahre alt und folgt der ärztlichen Pflicht zu helfen, er könnte sich als Opfer fühlen, an den Pranger gestellt und bedroht, aber er sagt: "Ich kann den Hass der Leute hier verstehen. Schließlich bin ich so gläubig aufgewachsen wie die meisten von ihnen."
Er holt tief Luft wie vor einem Tauchgang. Dann erzählt er die Geschichte eines Mannes, der Abtreibungen sein Leben lang für Todsünden hielt und der irgendwann, zur Mitte dieses Lebens, vom Pfad abkam. Es ist seine eigene Geschichte.
Als Willie Parker geboren wurde, an einem Junimorgen 1963 in Alabama, waren Abtreibungen im größten Teil der USA verboten, sie blieben es noch für zehn Jahre. Parker war das fünfte von sechs Kindern, seine Mutter, eine strenge Baptistin, zog sie allein groß, den Vater lernte er nie kennen. Die Familie, erzählt Parker, lebte in bitterer Armut, sie wohnte in einem kleinen Haus ohne Strom und Wasser, aber ihre Kirchengemeinde kümmerte sich um Jungen wie ihn. Parker besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst. Mit 12 Jahren wurde er Messdiener, mit 14 las er jeden Abend die Bibel, mit 16 konnte er eine Menge Verse auswendig.
Parker lernte auch in der Schule schnell. Er wollte etwas aus seinem Leben machen. Seine Freunde gingen zur Armee, wurden Soldaten, verdienten bald ihr erstes Geld. Parker dachte nicht an Geld. Er dachte an das, was die Kirche ihn gelehrt hatte: an die Heiligkeit des Lebens. An das Gebot, nicht zu töten.
Er beschloss, keine Waffe zu tragen, sondern Arzt zu werden. Er bewarb sich in Harvard. Seine Familie hatte kein Geld für das Studium, aber es gab Stipendien. Die Hochschule führte eine Liste, um zu ermitteln, welcher ihrer Bewerber der Bedürftigste war. Der Name "Willie J. Parker" stand ganz oben; der Junge aus einem Armenviertel Alabamas ging auf die Eliteuniversität. Parker erzählt, dass er ein fleißiger Student gewesen sei, aber seinen Glauben darob nie in Frage gestellt habe. Jeden Samstagmorgen zog er in seinem Wohnheim von Tür zu Tür, verteilte Flugblätter mit Versen aus der Bibel und verbreitete Gottes Wort.
Es dauerte nicht lange, dann machte Parker seinen Abschluss und wurde Gynäkologe. Er war einer der besten Absolventen seines Jahrgangs und arbeitete bald an Krankenhäusern im ganzen Land. Ohio, Kalifornien, Hawaii, in den Bundesstaaten, in die es Parker zog, gehörten Schwangerschaftsabbrüche zum Klinikalltag; er selbst lehnte es ab, sie durchzuführen.
Wann immer Frauen ihn baten, ihr Kind abzutreiben, schickte er sie nach Hause oder verwies sie an andere Ärzte. "Ich wollte vor Gott nichts Falsches tun", sagt Parker. "Ich wollte kein Leben nehmen, sondern Leben schenken." Er suchte eine Bestimmung und fand sie in der Geburtshilfe. Er half, Kinder zur Welt zu bringen, zwanzig Jahre lang. Es waren Tausende Kinder, und seine Arbeit erfüllte ihn.
Der Bruch kam an einem Pfingstsonntag im Mai 2009. Parker lebte mittlerweile in Chicago, als er durch den Nachrichtensender CNN von der Ermordung eines Freundes und ehemaligen Kollegen erfuhr. Der Mann hieß George Tiller. Parker hatte mit ihm an verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet, ehe Tiller in den Süden gezogen war, um als Abtreibungsarzt zu praktizieren. Am Tag seines Todes besuchte Tiller den Gottesdienst einer Kirche in Wichita, Kansas, als ein Fremder, ein christlicher Rächer, ihm aus kurzer Distanz eine Kugel in den Kopf schoss.
Parker sagt, die Ermordung Tillers war für ihn selbst "wie eine Erweckung". Er sprach bald immer häufiger mit Ärzten, die im Süden arbeiteten, und erfuhr, dass die Not vieler Frauen dort von Tag zu Tag größer wurde. Parker hörte von schwangeren Mädchen, die eher Terpentin tranken oder sich Treppen hinunterstürzten, als Säuglinge zu gebären, und er verstand, dass viele, die in dieser Gegend Kinder austragen sollten, selbst noch halbe Kinder waren.
Er sah, dass der Staat Mississippi die wenigsten Abtreibungskliniken hatte, und er sah, dass es derselbe Staat war, der sexuelle Aufklärung aus den Schulen verbannte und die Hilfe für alleinerziehende Mütter kürzte. Parker las auch, dass in kaum einem anderen Bundesstaat so viele Frauen durch Schwangerschaften starben, und er erinnerte sich an die Zeit, als Abtreibungen in den USA unter Strafe standen; als Jahr um Jahr Tausende werdende Mütter starben, weil sie sich selbst behandelten und dabei elendig ums Leben kamen.
Wenn man Willie Parker heute fragt, wie aus ihm, einem treuen Christen, einem Geburtshelfer, ein Mann geworden ist, der mehr Schwangerschaftsabbrüche verantwortet als die meisten Ärzte in den USA, dann spricht Parker wenig von sich und viel über die Bibel. Vom Gebot der Nächstenliebe. Von der Pflicht, für seine Nächsten da zu sein. "Mein Glaube zwang mich zu entscheiden, was ein guter Christ an meiner Stelle tun sollte", sagt Parker. "Sollte er den Frauen hier helfen oder sie im Stich lassen?"
Es verging ein Jahr, in dem Parker mit sich und seinem Gewissen rang, aber irgendwann beschloss er, nicht länger wegzusehen. Er ließ sich zeigen, wie Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen waren, und stieg bald jede zweite Woche in ein Flugzeug, um an der Abtreibungsklinik in Jackson zu praktizieren. Er war nicht der Einzige. Auch andere Ärzte reisten regelmäßig von weit her an, sie arbeiteten unter falschem Namen, um sich und ihre Familien nicht in Gefahr zu bringen. Im vergangenen Frühjahr gab auch der letzte Kollege die Arbeit auf. Nur Parker ist geblieben, vielleicht hilft es ihm, dass er nie eine eigene Familie gegründet hat, um deren Sicherheit er auch noch hätte fürchten müssen.
An diesem Arbeitstag entscheiden sich drei der Patientinnen, die am Morgen in seinem Wartezimmer gesessen haben, gegen eine Abtreibung. Die anderen entscheiden sich dafür. Es ist Nachmittag geworden, die Frauen haben sich umgekleidet. Sie tragen ein weißes Hemd am Körper und Anspannung im Blick, als Parker sie nacheinander in das Operationszimmer bittet. Wenn sie mit vorsichtigen Schritten über den Klinikflur laufen, zitternd und blass, läuft leise Musik aus einem CD-Player, es ist immer dasselbe Lied: Tom Petty, "I won't back down". Die Hymne der Klinik sei kein Gospel, sagt eine Schwester, sie sei ein berühmter Rock-Song.
Hey baby, there ain't no easy way out
Hey I will stand my ground
And I won't back down
Well I know what's right,
I got just one life
In a world that keeps on pushin'
me around
But I stand my ground
Parker benötigt für den Abbruch einer Schwangerschaft nicht länger als fünf Minuten. Er sagt, der Eingriff sei mittlerweile Routine für ihn. Er beschreibt das Absaugen eines Embryos als ein kurzes, leise zischendes Geräusch. Es ist der Moment, in dem die Schwestern nicht hinsehen und sich in den Augen der Patientinnen Tränen sammeln.
Parker hört dieses Geräusch 23-mal an diesem Tag. Statt wegzusehen, trägt er das entfernte Gewebe nach jedem Eingriff in einen schmalen Nebenraum, der wie eine grell beleuchtete Küchenzeile aussieht. Er beugt sich dort über eine Spüle, um es zu untersuchen. Manchmal erkennt er in der Schale zwischen seinen Händen dann winzige Züge eines Menschenlebens. Wann wird ein Embryo zum Menschen? Wann hat er das Recht auf Leben?
Parker martern diese Fragen, seit er Arzt geworden ist. Er hat keine eindeutigen Antworten gefunden, nicht als Mediziner und nicht als Christ. Er sagt: "Mit Sicherheit weiß ich, dass die Frauen in dieser Klinik Menschen sind und dass sie deshalb das Recht besitzen, selbst über ihr Leben zu entscheiden."
Es ist ein Recht, das er nie in Frage gestellt hat, und doch gab es eine Zeit, da wollte er keiner Frau dabei helfen, von ihrem Recht auch Gebrauch zu machen. "Die Angst, eine Sünde zu begehen, war stärker als mein Gewissen als Arzt", sagt Parker. "Heute glaube ich, die einzige Sünde besteht darin, ärztliche Hilfe zu verweigern, wo immer sie benötigt wird." Er spricht im Ton eines ruhigen, abgeklärten Predigers. Er klingt wie ein Geläuterter.
Und er gibt nicht klein bei. Vor ein paar Monaten ist er von Chicago zurück in den Süden gezogen, zurück nach Alabama. Er gab seinen gut bezahlten Job an einem Krankenhaus und ein teures Apartment gegen die Chance auf, noch häufiger nach Jackson reisen zu können. Er nennt die Arbeit in Mississippi seinen "Auftrag".
Um ihn zu erfüllen, packt er immer von Sonntag auf Montag seine Tasche, steigt in einen alten Volkswagen und fährt entlang weiter Felder und Sümpfe 400 Kilometer Richtung Westen. Er bleibt nie länger als nötig in Jackson. Gerade lang genug, sagt er, um so vielen Patientinnen wie möglich zu helfen, mehr als 2000 werden es allein dieses Jahr wieder sein. Auch seine Feinde wissen das.
Sie lassen in ihren Zirkeln die lebensgefährliche Frage kursieren: Wie viele Frauen würden ihr Kind bekommen, wenn Parker nicht mehr da wäre, um es abzutreiben? Es ist nicht lange her, da tauchte Parkers Privatadresse zum ersten Mal im Internet auf. Die Betreiber einer christlichen Website hatten sie veröffentlicht. Es war, als gäben sie ihn zum Abschuss frei.
Ein paar Tage später, die Sonne über Jackson war gerade untergegangen, verließ Parker die Klinik und wollte zurück nach Alabama fahren, als er auf dem Weg zu seinem Auto hörte, dass Menschen auf der Straße auf ihn warteten. Er erinnerte sich an die Morddrohungen und bekam üble Ahnungen. Es geschah erst nichts, er zog sich eine Baseballkappe tief ins Gesicht, um beim Verlassen der Stadt nicht gesehen zu werden. Er ließ den VW vorsichtig vom Parkplatz rollen und nahm den kürzesten Weg Richtung Highway.
Niemand schien ihm gefolgt zu sein. Kurz hinter dem Ortsausgang aber, wo am Rand von Jackson die weißen Vorstadtvillen den endlosen Wäldern Mississippis weichen, vibrierte sein Handy. Das Display zeigte keine Nummer an. Parker nahm den Anruf entgegen und hörte eine Männerstimme, die er nicht kannte: "Komm nie wieder, oder wir kommen zu dir." Der Fremde sagte nur diesen Satz, er sagte ihn dreimal, dann brach die Verbindung ab. Parker überlegte sechs Tage lang, was er tun sollte. Am siebten Tag fuhr er zurück nach Jackson und setzte seine Arbeit fort.
Parker sagt, er dürfe sich keine Angst leisten. Er sagt, dass Angst zu viele Menschen wie ihn daran hindern würden, das Richtige zu tun. Früher, als junger Mann, studierte er neben der Bibel auch die Reden des Bürgerrechtlers Martin Luther King. Er denke jetzt häufig an dessen Worte, sagt Parker, denn noch immer verlaufe der Streit um Abtreibungen in Mississippi nicht nur entlang von Glaubensfragen, sondern auch entlang von Hautfarben.
Es sind vor allem weiße Männer der Mittelschicht, die vor der Klinik in Jackson protestieren. Die Frauen, die in Parkers Sprechzimmer sitzen, sind überwiegend schwarz, viele so arm, dass ihnen schon ohne Kind jede Perspektive fehlt. Für Parker ist das, was er tut, nicht nur ein Kampf um Entscheidungsfreiheit, es ist auch ein Kampf für Chancengleichheit. Er glaubt, dass Gott ihn in diesem Kampf beschützen wird, und doch: Jedes Mal, wenn er die Klinik verlässt, verabschieden ihn die Schwestern, als wäre es für immer.
Die Dämmerung legt sich über Mississippi, als Parker auch an diesem Abend durch die Hintertür tritt und nach Alabama aufbricht, fünf Stunden Fahrt liegen vor ihm. Seine Patientinnen umarmen ihn. Sie sagen, er sei ein Held. Parker will dieses Wort nicht hören. Er zieht ein Gesicht, als würde es ihm Schmerzen bereiten.
Als Parker seinen Wagen zügig aus der Stadt und auf den Highway lenkt, weht schwüle Luft durchs Fenster. In der Dunkelheit ziehen beleuchtete Kirchen vorbei, die überall im Staat wie Raststätten an den Straßen stehen. Mississippi ist nur das Herzstück dieses riesigen, bigotten Landstrichs, der sich durch den Süden der USA zieht.
Parker sagt, dass die Abtreibungsgegner in der gesamten Region seit Jahren auf dem Vormarsch seien. Dass von Oklahoma im Westen bis nach Florida im Osten von Jahr zu Jahr mehr Ärzte ihre Arbeit aufgäben, mehr Kliniken schlössen. Dass Texas, ein Staat, größer als Frankreich, schon vor wenigen Jahren nur 44 Praxen zählte und bald nur noch 5 haben werde. Es sind dieselben Staaten, sagt Willie Parker, die zugleich am häufigsten die Todesstrafe vollstreckten. Er glaubt nicht, sagt er, dass die Regierungen hier für das Leben einträten. "Sie sind nur für die Geburt."
Wenn Parker erzählt, klingt er wie einer, der keine Zweifel mehr hat. Er klingt wie einer, der mit sich und seinem Glauben im Reinen ist. Nur ein Gedanke treibt ihn immer einmal wieder um, wenn er diesen Weg in seine Heimat fährt. Er fragt sich dann, wie seine eigene Mutter sich entschieden hätte, damals, als Abtreibungen in den USA noch verboten waren.
Sie bekam ihr erstes Kind mit 17, sie starb mit 53, krank und ausgezehrt von einem Leben, das ihr sechs Geburten brachte und nie einen Mann, der für die Familie sorgte. Parker erinnert sich, wie gläubig sie war, wie sie jeden Abend vor seinem Bett kniete, um mit ihm, ihrem fünften Kind, zu beten. Mit ihm, für den sie eigentlich weder die Kraft noch den Mut übrig hatte, den sie kaum ernähren konnte. Hätte es damals einen Arzt wie ihn gegeben, sagt Parker und hält lange inne. Er selbst wäre wohl nie geboren worden. ■
Von Claas Relotius

DER SPIEGEL 7/2015
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