07.02.2015

Finanzindustrie„Wir sind selber schuld“

Der Chef der Schweizer Vontobel Bank, Zeno Staub, sieht sich von deutschen Behörden zu Unrecht kriminalisiert und erklärt, wie sein Haus zum Kunden Uli Hoeneß stand.
Die Schweizer Privatbank Vontobel stand lange im Schatten größerer Konkurrenten wie UBS, Credit Suisse und Julius Bär, auch wenn es um den Vorwurf ging, deutschen Steuerflüchtlingen zu Diensten gewesen zu sein. Doch der Fall des Ex-Bayern-Präsidenten und Steuersünders Uli Hoeneß rückte Vontobel ins Rampenlicht. Unter den fast 40 000 Deutschen, die sich im vergangenen Jahr wegen Steuerhinterziehung selbst angezeigt haben, sollen auch etliche Vontobel-Kunden gewesen sein. Für die Rolle ihrer Bankberater interessieren sich nun die Fahnder. Vontobel-Chef Staub, 45, wehrt sich gegen die Angriffe.

SPIEGEL: Herr Staub, deutsche Steuerfahnder befragen derzeit Kunden von Schweizer Banken, ob ihre Berater Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet haben. Sind Sie und Ihr Haus Steuerfluchthelfer?
Staub: Nein, das sind wir nicht, und das waren wir nie. Es gibt nach unserem Kenntnisstand auch keine Verfahren gegen unser Haus. Aber wie wir lesen konnten, soll es solche Kundenbefragungen geben.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich von den deutschen Steuerbehörden verfolgt?
Staub: Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren sehr deutlich gemacht, dass sie keine Schwarzgeldfluchtburg sein will. Wenn der deutsche Staat seine Bürger, die nun in die Steuerehrlichkeit gegangen sind, als Informationsquelle nutzt und daraus im Vierfachsalto eine Kriminalisierung der Bank herleitet, dann irritiert uns das schon ein wenig.
SPIEGEL: Haben die deutschen Steuerbehörden einfach noch nicht verstanden, dass sich in der Schweiz viel verändert hat?
Staub: Es sieht so aus, aber daran sind wir selber schuld. Der Schweizer Finanzplatz hat sich tatsächlich zu lange auf das Steuerthema reduzieren lassen.
SPIEGEL: War für den Sinneswandel Ihrer Branche nicht vor allem der Druck der Amerikaner und später auch der europäischen Behörden ausschlaggebend?
Staub: Die Frage ist eher, ob Behörden in Europa jetzt versuchen, das harte Vorgehen der amerikanischen Justiz nachzuahmen, um Bußgelder von Schweizer Banken einzufordern.
SPIEGEL: Sie meinen deutsche Steuerfahnder?
Staub: Das haben Sie gesagt. Dem möchte ich nicht widersprechen.
SPIEGEL: Die Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse haben wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in Deutschland hohe Strafen zahlen müssen. Warum sollte ausgerechnet Vontobel davonkommen?
Staub: Wir haben uns immer an Schweizer Recht gehalten. Zudem haben wir uns immer als Vermögensverwalter und -berater verstanden und nicht als Vermögensverstecker.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sicher, dass kein Geld aus schmutzigen Quellen wie dem Drogenhandel bei Ihnen lagert?
Staub: Wir verfügen über effiziente Prozesse, um die Herkunft der Gelder zu überprüfen, die jedem Vergleich mit anderen Staaten oder Finanzplätzen standhalten.
SPIEGEL: Wenn bei Ihnen eine Stiftung aus Guernsey oder anderen Steueroasen ein Konto eröffnet, dann wissen Sie, welcher wirtschaftlich Begünstigte dahintersteht?
Staub: Absolut. Es ist ja ein Treppenwitz der Geschichte, dass immer wieder Leute glauben, wir wüssten bei einem Nummernkonto nicht, wer der Kunde ist. Sie werden bei keiner Schweizer Bank Geld finden, dessen finaler wirtschaftlich Berechtigter nicht namentlich bekannt ist - und das seit Jahrzehnten. Wir kennen unsere Kunden, und wir kennen die Herkunft der Gelder, selbst wenn die Verbindung 17-fach verschachtelt ist.
SPIEGEL: Sie fühlen sich also zu Unrecht verfolgt?
Staub: Wie man mit Bürgern verfährt, die in die steuerliche Regularisierung gehen, muss jeder Staat für sich entscheiden. Die Amerikaner etwa verhängen zwar hohe Strafen gegen Finanzinstitute, die ihren Kunden unzulässige Strukturen angeboten haben, um Steuern zu vermeiden. Dafür rechnen sie Banken, die ihre Kunden bei der Legalisierung ihrer Steuerangelegenheiten aktiv unterstützen, diese Hilfe bußmindernd an. Ich möchte aber anmerken, dass Vontobel für sich in Anspruch nimmt, keine US-Steuergesetze verletzt zu haben. Daher erwarten wir keine Bußzahlungen.
SPIEGEL: Erwarten Sie etwa ein Dankeschön von deutschen Behörden statt weiterer Verfolgung?
Staub: Ich würde mir wünschen, dass die deutschen Behörden zur Kenntnis nehmen, dass Schweizer Banken ihre Kunden aktiv in die Steuerehrlichkeit begleiten.
SPIEGEL: Sie haben 2009 die Schweizer Tochter der Commerzbank gekauft, die damals schon zu gut 25 Prozent in deutschem Staatsbesitz war. Mussten Sie auch da einige Kunden zur Steuerehrlichkeit überreden?
Staub: Wir haben das Geschäft übernommen, als wir schon lange eine tragfähige und zukunftsgerichtete Strategie des transparenten Umgangs mit Steuerfragen in unserer Bank umgesetzt haben ...
SPIEGEL: Unsere Frage!
Staub: Wir mussten leider im Rahmen der Integration feststellen, dass zahlreiche deutsche Kunden aus dieser Übernahme bei der Regularisierung ihrer Steuerangelegenheiten gezwungen waren, unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen.
SPIEGEL: Haben Sie auch Ihrem wohl bekanntesten Kunden, Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß, geraten, seine Konten beim deutschen Fiskus zu melden?
Staub: Auch im Zeitalter der Steuertransparenz sprechen Schweizer Banker nicht über ihre Kunden. Aber es sind ja ein paar Dinge durch das Gerichtsverfahren öffentlich geworden. Ich möchte noch einmal festhalten, dass wir hier nicht von einer klassischen Privatkundenbeziehung sprechen, sondern von einem Handelskunden unserer Investmentbank. Wir waren in besagtem Fall nie involviert in Themen wie Vermögens- oder Steuerberatung. Was aber nicht heißt, dass wir ihn auf dem Weg der Selbstanzeige nicht unterstützt haben.
SPIEGEL: Sie habe ihn also nicht gedrängt, seine Steuerfragen zu bereinigen?
Staub: Ich denke, es ist absolut verständlich, dass deutsche Kunden auf das bereits ratifizierte deutsch-schweizerische Steuerabkommen vertraut haben. Sie sahen sich dann mit der Tatsache konfrontiert, dass dieses in letzter Minute doch nicht zustande kam, und haben sich in der logischen Konsequenz für die Selbstanzeige entschieden.
SPIEGEL: Im Prozess gegen Hoeneß im vergangenen März hieß es, man habe die Höhe der hinterzogenen Steuern erst zu Beginn der Verhandlung von 3 auf fast 30 Millionen nach oben korrigiert, weil man die entsprechenden Unterlagen erst kurz zuvor aus der Schweiz erhalten habe. Haben Sie wirklich so lange gebraucht, um die Bankbelege zusammenzustellen?
Staub: Devisengeschäfte sind per Definition äußerst komplex. Im vorliegenden Fall sprechen wir von Unterlagen im Umfang von weit über 100 000 Seiten. Aber gehen Sie davon aus, dass wir alle Unterlagen komplett und zeitnah übermittelt haben.
SPIEGEL: Haben Sie, nachdem der Fall Hoeneß bekannt wurde, untersucht, ob in Ihren Depots noch ähnliche Überraschungen lagern?
Staub: Sie können sicher sein, dass wir einen guten Überblick über all unsere Kundenbeziehungen haben - wenn da etwas gewesen wäre, hätten wir gehandelt.
SPIEGEL: Haben Sie organisatorische Konsequenzen aus der Affäre Hoeneß gezogen?
Staub: Dafür gab es keinerlei Veranlassung. Besagte Kundenbeziehung ist bezüglich Risiko, Kontrolle und Aufsicht jederzeit korrekt und nach unseren strengen internen Vorgaben bewirtschaftet worden. Wir sind ein überaus konservatives Haus. So stellen wir Kunden nie Kredite für Handelszwecke zur Verfügung, sondern lassen nur Spekulationsgeschäfte zu, wenn sie mit eigenem Geld unterlegt sind.
SPIEGEL: Für Vontobel ist die Affäre Hoeneß noch nicht ausgestanden. Im Oktober wurde der frühere Leiter der Devisenabteilung, Jürg Hügli, in Warschau wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung festgenommen, kam gegen Kaution auf freien Fuß und fuhr heim in die Schweiz. Sind Sie froh, dass er nun nicht gezwungen ist, vor der Staatsanwaltschaft über die Geschäftspraktiken in Ihrem Haus aussagen zu müssen?
Staub: Das war eine persönliche Entscheidung des Kollegen, die ich nicht kommentieren will, auch weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt.
SPIEGEL: Hat ihm die Bank bei der Flucht geholfen?
Staub: Nein.
SPIEGEL: Aber Sie haben die Kaution für ihn gestellt.
Staub: Wir haben sie vorgeschossen, wie es der Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers entspricht. Auch weil wir der Überzeugung sind, dass sich der Kollege nach Schweizer Recht korrekt verhalten hat. Er hat uns die Kaution inzwischen zurückbezahlt - und damit ist die Sache für uns erledigt.
SPIEGEL: Ist diese drastische Maßnahme der deutschen Behörden, einen Haftbefehl gegen einen Schweizer Banker auszustellen, für Sie nachvollziehbar?
Staub: Ich halte das für überzogen, der Mann hat sich nichts zuschulden kommen lassen.
SPIEGEL: Wenn die Schweiz als Fluchtburg für Steuerhinterzieher nicht mehr taugt, ist das Geschäftsmodell der eidgenössischen Privatbank dann überhaupt noch zu retten?
Staub: Ich bin überzeugt, dass der Schweizer Finanzplatz nach wie vor eine große Zukunft vor sich hat, gerade als Vermögensverwaltungszentrum für reiche Privatpersonen. Sie finden auf der Welt wenige Orte, wo Sie als Kunde eine wirklich globale Vermögensberatung bekommen. Wir sind ein kleines Land, wir haben keine andere Chance, als wirtschaftlich international zu denken und zu handeln. Außerdem hat die Schweiz ein stabiles politisches System, und wir sind bekannt für Qualität und Verlässlichkeit.
SPIEGEL: Wollen Sie uns weismachen, es seien nicht Milliarden abgeflossen, seit die Schweiz vom Schwarz- zum Weißgeldland mutiert ist?
Staub: Sie werden es nicht glauben, aber wir wachsen. Auch die Anlagen von deutschen Kunden nehmen zu.
SPIEGEL: Das heißt, Ihre Kunden haben ihr Geld nicht in verbliebene Steueroasen wie Dubai oder Singapur transferiert?
Staub: Wenn sie das gemacht hätten, wären sie nicht mehr unsere Kunden. Wir buchen nicht außerhalb von Europa. Das war schon immer unsere Geschäftspolitik.
SPIEGEL: Der Schweizer Franken ist in Turbulenzen geraten. Wie wichtig ist eine stabile Währung für den Bankenplatz?
Staub: Ein unabhängiges Land braucht eine unabhängige Nationalbank, darin sind wir uns einig. Die Abkoppelung des Franken vom Euro und die damit erfolgte Aufwertung erzeugen Druck und werden weiter Anpassungsschmerz für die Schweiz bedeuten. Aber die Schweizer Wirtschaft und die Bevölkerung verstehen die Entscheidung und akzeptieren sie.
SPIEGEL: Spüren Sie schon die Auswirkungen der Aufwertung?
Staub: Für unsere ausländischen Kunden ist das ja gar nicht schlecht. Der Dax erreicht neue Höchststände. Wir haben unseren Kunden unmittelbar nach dem Entscheid der Notenbank zum Kauf europäischer Aktien geraten, weil sie zu den Gewinnern der Aufwertung gehören.
SPIEGEL: Und was bedeutet die Aufwertung für die Schweizer Wirtschaft?
Staub: Das ist jetzt am Anfang sicher schwer für unsere Exporteure. Aber es hält sie auch fit. Sie müssen mit den Kosten runter, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
SPIEGEL: Man kann sich die Frage stellen, ob ein kleines Land wie die Schweiz sich langfristig noch eine eigene Währung erlauben kann. Werden wir in zehn Jahren hier mit dem Euro bezahlen?
Staub: Nein. Die Mehrheit der Schweizer will die politische Unabhängigkeit - und dazu gehört auch eine unabhängige Währung.
Interview: Martin Hesse, Jörg Schmitt
Von Martin Hesse und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 7/2015
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