07.02.2015

MaliIm Reich des Schrecklichen

Zwei Jahre nach dem Militäreinsatz der Franzosen sind die Islamisten zurück und kontrollieren wieder Teile des Nordens. Ein Besuch in der Stadt Kidal.
Im Herbst 2012 reiste Paul Hyacinthe Mben, 41, Journalist aus Mali, erstmals für den SPIEGEL in die Städte Gao und Kidal im Norden seines Heimatlands. Von dort beschrieb er das Schreckensregime der Islamisten (SPIEGEL 44/2012). Im Januar 2013 begann dann eine internationale Truppe unter Beteiligung der Franzosen, die Islamisten aus den Städten zu vertreiben. Blauhelme und die malische Armee sollten die zurückeroberten Gebiete sichern. Doch im Mai 2014 marschierten Tuareg und Islamisten erneut in Kidal ein. Nun hat sich Mben wieder in die von den Islamisten kontrollierten Gebiete gewagt - eine Reise, die für westliche Journalisten unmöglich gewesen wäre.
Die Sandpiste von Gao nach Kidal im Norden Malis ist wohl eine der gefährlichsten Straßen der Welt. Sie ist voller Sprengfallen und führt durch ein Niemandsland - mitten ins Reich der Dschihadisten. Nur selten fährt von Gao ein Bus in den Norden, an Bord Frauen mit dicken Bündeln und Bauarbeiter, die sich im Süden verdingt haben. Ich habe mich ganz nach hinten gesetzt, auf die letzte Bank.
Nur bis Almoustarat reicht die Macht der demokratisch gewählten Regierung in Bamako. Dort stehen Soldaten hilflos um das Wrack eines Geländewagens herum. Tote und Verletzte liegen im Staub, Frauen schreien. Das Auto ist auf eine Mine gefahren, die Islamisten gelegt haben. Wir sind wieder da, wir töten weiter - das soll wohl die Botschaft sein. Es ist ihnen egal, wen sie treffen, sie wollen Angst verbreiten.
Ich verstecke alle Papiere, die meine Identität verraten könnten, und hoffe, dass unser Bus verschont bleibt. Am Ortseingang von Kidal haben Islamisten und Tuareg-Kämpfer eine Straßensperre errichtet: sieben Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren, 15 Kämpfer mit Kalaschnikows und ein alter Panzer, den sie der malischen Armee abgejagt haben. Einer der Männer mit schmutzigem blauem Turban tritt an unseren Bus heran: "Sind nur Tuareg an Bord oder auch andere?"
Ich drücke mich in meinen Sitz, denn ich gehöre zum Volk der Bambara aus dem Süden. Die Tuareg stellen hier im Norden zwar nicht die Mehrheit der Bevölkerung, kämpfen aber seit Jahrzehnten für ihren eigenen Staat, den sie Azawad nennen.
Der Mann mit dem Turban blickt argwöhnisch in die Gesichter der Reisenden. Ich taste nach meinem Telefon, wähle die Nummer eines Kontaktmanns in Kidal, damit er mir helfen kann. Es hat mich wochenlange Verhandlungen gekostet, die Reise hierher möglich zu machen. Ich habe mit Scheichs telefoniert, mit Islamisten, mit religiösen Würdenträgern und Tuareg-Führern. Wer in Kidal wirklich das Sagen hat, ist kaum zu durchschauen. Ich habe an ihre Gastfreundschaft appelliert, und schließlich sagten sie, ich könne kommen.
"Salam alaikum", sagt der Kontrolleur, dann steigt er aus und winkt uns durch. Ich atme auf.
Kidal war einst ein Handelszentrum, das Tor zur Sahara. Jetzt liegt ein Fluch auf der Stadt, die meisten Geschäfte sind geschlossen, von den einst 25 000 Einwohnern sind mehr als die Hälfte geflohen, kaum jemand ist zu sehen. Die Rebellen halten die Verwaltungsgebäude besetzt. Im Wüstenwind flattert die grün-rot-schwarze Fahne der Tuareg mit dem gelben Dreieck. Trümmer liegen herum, zerschossene Autos, an einer Mauer steht weiß auf schwarzem Grund das muslimische Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter."
Eine Frau wuchtet eine hölzerne Schulbank über die Straße. Zu Hause wird sie damit das Kochfeuer machen. Es gibt wenig Lebensmittel in der Stadt, die Versorgung ist schlecht. Dafür floriert das Geschäft mit Drogen, der Sportplatz ist die Börse für das Kokain. So rückwärtsgewandt das Regime der Islamisten auch ist, so zynisch ist ihr Geschäftsgebaren: Ihre Einnahmequellen waren schon immer Lösegelder aus Entführungen, der Schmuggel von Waffen, Rauschgift und Zigaretten.
Eigentlich sollten in der Stadt 750 Blauhelme aus dem Senegal und dem Tschad patrouillieren. Doch seit im Mai die Rebellen zurückgekehrt sind, haben sich die Soldaten der internationalen Gemeinschaft hinter Sandsäcken und Stacheldraht verschanzt. Sie trauen sich kaum noch auf die Straße. Die Stadt sei "kabulisiert", sagen ihre Bewohner mit bitterem Humor.
Am Abend treffe ich zwei islamistische Kämpfer, die ihre Waffen offen tragen. Wir sind verabredet, sie fahren mich zu dem Mann, der über Kidal gebietet: Iyad Ag Ghali. Er hält sich derzeit nicht in seiner Villa am Flughafen auf, sondern kampiert in einem geräumigen Zelt rund 65 Kilometer vor der Stadt. Meine Fahrer tun alles, damit ich die Orientierung verliere. Denn Ag Ghali ist ein gesuchter Mann, die USA halten ihn für einen Terroristen.
Ag Ghali ist ein alter Bekannter von mir, er war nicht immer so. Ich kenne ihn als politisch gut vernetzten Unternehmer, einen, der weiß, wie er seine Verbindungen zu Geld machen kann. Schon in den Neunzigerjahren hatte er sich auf die Seite der Separatisten geschlagen. Damals galt er noch als gemäßigt, handelte der Regierung in Bamako Autonomierechte für sein Tuareg-Volk ab. Er wurde sogar Diplomat, vertrat Mali in Saudi-Arabien, ein Frauenheld, der Zigarren und Whiskey mochte.
Doch dann wurde Iyad Ag Ghali Islamist. Er gründete in Mali die islamistische Kampftruppe Ansar al-Din, versorgte sie mit Waffen aus Libyen und übernahm 2012 die Macht in Kidal. Als die Franzosen 2013 Truppen in den Norden entsandten, wurde er verletzt und erholte sich anschließend im algerischen Tamanrasset. Jetzt sitzt er auf einem edlen Teppich, den ihm Freunde aus Katar geschenkt haben. Eine Kalaschnikow, vier Magazine, zwei Handys und ein Satellitentelefon liegen griffbereit.
Der "Scheich", wie er sich anreden lässt, begrüßt mich: "Der mutige Bambara, willkommen im islamistischen Azawad." Er hat zugenommen, seit ich ihn vor gut zwei Jahren zuletzt sah. Er lässt Tee ausschenken und beginnt seinen Vortrag mit den Worten: "Die Scharia ist der einzige Weg zur Genesung. Sie sorgt dafür, dass die Menschen sich züchtig benehmen." Im Namen Gottes ließ er Dieben die Hand abhacken, Andersdenkende auspeitschen und Bomben legen. Sorgen er und seine Islamisten für Krankenhäuser, Schulen und Lebensmittel? "Alles eine Frage der Zeit."
Gemeinsam fahren wir in eine Schule, die Mädchenklasse darf ich nicht sehen, das wäre "haram", unrein. In der Jungenklasse sitzen zehn Schüler über den Koran gebeugt. Iyad Ag Ghali sagt stolz: "Wir bilden hier kleine Kämpfer für den Dschihad aus. Der Dschihad beginnt im Kopf. Erst wenn jemand unsere Ideologie nicht akzeptiert, so wie die Regierung in Bamako, wenden wir Gewalt an."
Zwei Jahre nach dem Eingreifen der Franzosen also spaziert Ag Ghali völlig ungestört in Kidal herum und fühlt sich sicher. Es gibt Gerüchte, wonach er sich mit dem französischen Geheimdienst arrangiert hat. Er soll bei der Freilassung der französischen Geisel Serge Lazarevic Anfang Dezember vermittelt haben. Der Geschäftsmann war vor drei Jahren im Norden Malis von al-Qaida entführt worden. Schon 2003 hatte Ag Ghali seine Kontakte spielen lassen, als 14 Sahara-Geiseln freigekauft wurden.
Zwei Tage später ruft er mich noch einmal an, er will mir einen seiner "Leutnants" vorstellen. Der Mann ist hager, klein und sehr ruhig, er trägt einen Bart und an diesem Tag, mir zu Ehren, eine Tarnuniform: Rhissa Ag Bounounou, die Amerikaner nennen ihn "the terrible" (den Schrecklichen). Seine Truppe ist spezialisiert auf illegale Waffenimporte aus Libyen; durch seine Minen starben in Mali Soldaten, aber auch Zivilisten. Ag Bounounou ist umgeben von einer Gruppe bewaffneter Männer, die ihn nicht aus den Augen lassen. Er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. "Iyad Ag Ghali ist hier der Stärkste, mit ihm arbeite ich zusammen", sagt er. "Ich bin Geschäftsmann. Die Kämpfer brauchen meine Ware. Ich liefere, wenn sie bezahlt haben."
Wir fahren in einem nagelneuen, klimatisierten Geländewagen nach Essouk Tadmekka, 110 Kilometer nordöstlich von Kidal. Dort hat Ag Bounounou in Höhlen seine Waffen versteckt: "Die Europäer haben ja keine Ahnung, wie viel Material wir in den letzten Jahren hier gehortet haben", sagt er. "Sie können so viele Drohnen schicken, wie sie wollen. Sie werden uns nicht finden."
Er führt mir ein ganzes Arsenal vor: Gewehre, Granaten, Sprengstoffe, Minen, tragbare Raketen, Zelte, Schuhe, Uniformen. Alles stammt aus der Konkursmasse der libyschen Armee und liegt jetzt unter Felsvorsprüngen, Gestrüpp und Tarnnetzen für den nächsten Waffengang bereit.
Es ist zu spät geworden, um noch nach Kidal zurückzukehren. "The terrible" bietet mir ein Nachtlager an. Ich schlafe schlecht: Bin ich noch Gast - oder schon Geisel? Aber am nächsten Tag bringen mich Ag Bounounous Leute wieder zurück. Doch bevor ich in den Bus nach Gao steige, habe ich noch einen Besuch vor mir: Ich will zu Lala Arkech, die ich von meiner letzten Reise in den Norden kenne.
Die Studentin hatte es, gemeinsam mit Gleichgesinnten, gewagt, offen gegen das Regime der Bärtigen zu protestieren, gegen deren Musikverbot und die drakonischen Strafen. "Kidal-Amazonen" nannten sie sich, sie demonstrierten, nahmen mutig Stockhiebe und Festnahmen in Kauf. Was ist wohl aus ihr geworden?
Lala Arkech ist nicht mehr da, nur ihre Mutter empfängt mich. Sie wohnt in einem Nomadenzelt am Stadtrand - und erzählt, was geschehen ist: Vor zwei Jahren habe ihre Tochter eine Kundgebung organisiert. Alle 15 Teilnehmer seien festgenommen und nach Abeïbara an der Grenze zu Algerien verschleppt worden. Die Islamisten sollen Lala vergewaltigt haben, sie sei schwanger gewesen; das ist das Letzte, was die Mutter von ihrer Tochter gehört hat.
"Es ist gut, dass Sie gekommen sind", sagt sie weinend. "Die Welt muss wissen, dass sich hier nichts geändert hat. Sonst werden wir weiter in Unfreiheit leben."
Von Paul Hyacinthe Mben

DER SPIEGEL 7/2015
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