07.02.2015

KünstlerMeese grüßt

Jonathan Meese ist 45 Jahre alt geworden und schon ein historisches Phänomen. Wegen der Inszenierung von Hitlergrüßen wurde er zum großen Missverständnis. Von Ulrike Knöfel
Lauter gemalte Ausbrüche, auf große Leinwände geschmiert, knallende Farben auf stumpfem, schwarzem Grund. "Da musste alles raus, wumm, wumm, wumm, die ganze Wut", so hat es Jonathan Meese noch in seinem Atelier in Berlin gesagt, und nun sind die Bilder in einer Pariser Galerie ausgestellt.
Sie sind Parsifal, dem Helden aus Richard Wagners Oper, gewidmet. Auf einem der Gemälde sieht es so aus, als trage diese Gestalt eine Rüstung aus Blut. Verwundet und doch entschlossen wie der Science-Fiction-Bösewicht Darth Vader. Das Werk ist beängstigend, aber auch komisch, schon vor Beginn dieser Ausstellung in der Galerie Templon war es verkauft. Man kann es als Selbstporträt Meeses sehen: Dieser naive Parsifal der Kunst fühlt sich angegriffen. Und jetzt schlägt er zurück. Es ist nicht so, dass sich der Künstler mit diesen Werken völlig neu erfindet, warum auch, er ist gerade erst 45 geworden und längst eine kunsthistorische Figur. Stattdessen spitzt er nun sein ganzes Meesetum noch einmal richtig zu.
Das Bild trägt den Titel "Parsifal de Large", die Schau ist danach benannt. Am Abend der Vernissage betritt Meese die Galerie. Wie immer trägt er eine schwarze Trainingsjacke mit weißen Streifen, lange Haare, Sonnenbrille. Im Grunde ist auch er selbst, seine ganze Erscheinung, ein Bild. Das lebende Porträt eines Künstlers namens Jonathan Meese. Und sobald er erscheint, macht er seinen Werken Konkurrenz.
Er hebt den Finger, die Hände, er doziert auf Englisch über die Wagner-Festspiele in Bayreuth, wo man ihn, den großen Wagner-Verehrer, für eine Neuinszenierung des "Parsifal" erst engagiert und im vergangenen November wieder hinausgeschmissen hat. Ein Eklat im fernen Deutschland, aber jetzt ist Meese in Paris, mitten im Marais. Drei Tage vor der Eröffnung war der Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo", am Tag zuvor sind die Täter erschossen worden, aber die Angst ist immer noch spürbar. Irgendwie weiß man nicht so genau, ob das verletzte, übergroße Künstler-Ego gerade besonders gut in die Stadt passt.
"Sie werden schon sehen, was sie davon haben", sagt er in eine Fernsehkamera hinein und meint die Leitung der Bayreuther Festspiele. Leute drängeln sich im kleinen Raum. Im November, kurz nach dem Wagner-Eklat, hat er das Publikum auf dem Münchner Literaturfest zugebrüllt. Der Schriftsteller Clemens Meyer hatte ihn eingeladen, ein paar Hundert Leute waren gekommen. Und dann ging es los: Goebbels-Lautstärke, zwei Stunden lang, alles gegen die "Wagner-Verbands-Pisser". "Schnallt es endlich! Steht stramm für Richard Wagner." Das Publikum ließ das als Ereignis über sich ergehen.
In Paris, am Vernissage-Abend, sagt er deutlich leiser, dass er nur die Herrschaft der Kunst akzeptiere. Er buchstabiert nun auf Deutsch: "K. U. N. S. T." So akzentuiert, wie er das ausspricht, klingt es wie der Name einer anrüchigen Partei. 2002 hat er zum ersten Mal in dieser Pariser Galerie ausgestellt, es ist seine fünfte Schau hier. Und das, was er sagt, was er eigentlich immer und überall sagt, wirkt plötzlich nicht mehr nur seltsam, sondern auch seltsam aktuell. Diktatur der Kunst, damit meint er die Abwesenheit aller Ideologien.
Deutschland gilt weltweit als die Nation der prägenden Gegenwartskünstler, und Meese nimmt auch aus ausländischer Perspektive noch eine Sonderstellung ein. In Ländern wie England oder Frankreich sieht man ihn als eine Art Beuys, allerdings exzentrischer, wilder, obszöner. In Deutschland jedoch wissen sie langsam nicht mehr, wie sie mit ihm umgehen sollen. Der Kunstbetrieb ist müde geworden, in Geldgier erstarrt, und Meese ist anstrengender denn je. Diese sture Mischung aus Geschmacklosigkeit und Humor kennzeichnet alles, was er macht: seine Performances, seine Manifeste, seine Bilder und Skulpturen.
Und natürlich ist er der Typ mit den Hitlergrüßen. Dafür stand er 2013 vor Gericht. Anlass für den Prozess war eine Veranstaltung des SPIEGEL im Jahr zuvor in Kassel, kurz vor dem Start der Documenta. Die Richterin betonte schließlich, Meese verspotte den Nationalsozialismus und seine Persiflage müsse im Kontext der Kunst erlaubt sein. Sie sprach ihn frei, geholfen hat das nur bedingt. Einige Feuilletons waren längst im Sinne der Staatsanwaltschaft über ihn hergefallen, Meese wolle nur den billigen Tabubruch. Dieselben Zeitungen übrigens feierten ihn später (nach der Bayreuth-Sache) wegen seines Außenseitertums. Fragt sich, wer da eigentlich unberechenbar ist.
Vor Londoner Kunststudenten hielt er einen Vortrag, und er erzählte ihnen, dass viele Freunde während des Prozesses abtrünnig geworden seien. "Die haben gedacht, hahaha, nun hat er das Ende des Himmels erreicht, nun ist es mit der Karriere vorbei. Karriere! Sie denken immer in solchen Begriffen." Er hatte das Gefühl, dass nicht einmal seine Berliner Galeristenfreunde hinter ihm standen. Vor den Studenten hat er deshalb auch bekundet, nach seinem 45. Geburtstag am 23. Januar wolle er keine neuen Freunde mehr finden.
Mit seinen letztlich immer kritisch gemeinten Botschaften zieht er einfach weiter, ein Richter des Bundesgerichtshofes hatte ihn eingeladen, vor ein paar Tagen vor Leipziger Jurastudenten zu sprechen. Meese beharrt übrigens nach wie vor auch darauf, dass man sich in der Kunst mit Hitler befassen müsse, "das geht gar nicht anders". Und: Eines Tages werde man ihm dankbar dafür sein, dass er den Hitlergruß umgedeutet und entkräftet habe. Viele sprächen doch schon vom Meesegruß.

In der Galerie Templon in Paris beschließt seine Mutter Brigitte Meese, ihren Sohn in seinem Redefluss vor dem Kameramann zu stoppen, weil er sonst kein Ende findet. Die beiden lassen sich dann fotografieren, die Fotografen sind begeistert. Seine Mutter ist 85 Jahre alt und meistens in seiner Nähe. Sie gehört zum Kunstwerk Meese dazu.
Einer der ersten Besucher an diesem Abend ist ein Unternehmer und Sammler jüdischer Abstammung. Er ist gekommen, obwohl er in jüngerer Zeit zweimal zusammengeschlagen worden ist, obwohl er wegen der antisemitischen Übergriffe nur noch ungern das Haus verlässt. Aber er will dem Künstler, den er schätzt, die Ehre erweisen.
Später beim Essen in kleinerem Kreis erhebt sich der Galerist Daniel Templon, der seit Jahrzehnten eine Größe in der französischen Kunstwelt ist. Doch er hält keine Tischrede, sondern verabredet mit Meese nur die nächste Ausstellung. "Der Deal ist gemacht! Vor Zeugen!", ruft er.
Neben Meese sitzt Jacques Toubon, er war bis 1997 französischer Justizminister und vorher Kulturminister, damals wollte er die Anglizismen in der französischen Sprache verbieten lassen. Meese erzählt ihm von Bayreuth, und Toubon sagt in fließendem Englisch, dass sich Politik nie in die Kunst einmischen dürfe. Meese strahlt und sagt, das sei ein wichtiger Satz. Alle stoßen an: auf Meeses Mutter, dann auch auf Meeses Freundin, die isländische Künstlerin Gudný Gudmundsdottir, die sonst gern im Hintergrund bleibt, aber nun erheben alle das Glas auf "la muse".
Solange ihm niemand in die Quere kommt, solange sich alles um ihn und mit ihm dreht, ist Meese zufrieden, und so lange kommt er auch mit dem Establishment gut aus. Bayreuth, der Betrieb auf dem Hügel, hat ihn aus seiner Sicht aber hintergangen - "widerlichst", wie er meint. Die Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier hatten sich 2012 damit geschmückt, ihn verpflichtet zu haben. 2016 sollte Premiere sein. Meese war für die beiden Urenkelinnen von Richard Wagner offensichtlich die Symbolfigur ihres Mutes. Er sollte Regie führen, Kostüme und Bühnenbild entwerfen. Das Gesamtkunstwerk von einem, der keine Noten lesen kann.
2013 stellten die Bayreuther Gesellschafter den beiden Chefinnen einen Geschäftsführer an die Seite. Der besuchte Meese, und der Künstler will das Wort Hausverbot gehört haben. Meese lacht: "Hausverbot! Weiß der eigentlich, wer ich bin? Ich bin kein Regisseur, ich bin Künstler, mich interessieren Hausverbote nicht." In Bayreuth heißt es weiterhin, dass Meese nicht mit dem vereinbarten Etat ausgekommen und dies der Grund für die Trennung gewesen sei. Meese sagt, "wenn ich die Leute nackt auf die Bühne geschickt hätte, hätten sie trotzdem behauptet, die Kostüme wären zu teuer".
Bald ist Katharina Wagner alleinige Festspielleiterin, sie hat dann das Sagen. Aber: "Ich glaube", sagt Meese, "dass sie unter Druckverhältnissen steht, die wir gar nicht kennen, und die sind so schrecklich und so erpresserisch." Er werde sie sogar malen, sich überhaupt an dem ganzen Vorfall abarbeiten. "Das kommt jetzt raus, und es kommt noch mehr raus an Bildern. Ich will das jetzt mal ein, zwei Jahre komplett so durchjagen als Thema."
Das ist eine Drohung. Meese will sich auch den Mythos von Bayreuth endgültig aneignen. Wer an Bayreuth denkt, soll immer auch an ihn denken, an seine Kunst. Und dieses Werk ist eine einzige dunkle, bunte, irre Bedeutungshölle, vollgestopft mit Figuren wie dem römischen Kaiser Caligula, mit Stalin, Hitler, dem einstigen Kino-Finsterling Gert Fröbe, mit der US-Schauspielerin Scarlett Johansson, durchaus auch schon mit Wagner und seinem Personal. Es geht oft um Eiserne Kreuze, um Erz und Gral und Blutzoll. Wie ein Echo von Vergangenheit und Gegenwart und Weltwahrheit, und das alles als Schmierenkomödie, deren eigentliche Geschichte niemand versteht außer dem, der sie erzählt.

Der Hamburger Sammler Harald Falckenberg hat als einer der Ersten Werke des Künstlers erworben. "Bei Jonathan Meese wird Geschichte getrasht", sagt er. "Meese trifft damit einen wunden Punkt in uns allen, denn wir wissen nicht, wie wir mit Geschichte umgehen sollen, wie wir sie angemessen aufbewahren."
Falckenberg sagt auch, Meese habe den Kunstbetrieb von Anfang an skeptisch beurteilt, denn dieser habe ihn regelrecht gezwungen, auf eine bestimmte Art zu funktionieren. In den Neunzigern sei der Markt zusammengebrochen, und alle hätten nach Künstlern gesucht, die, wenn schon nicht mit Verkäufen, so doch mit ungewöhnlichen Ausstellungen auffielen. Dann zog das Geschäft wieder an. Londoner Künstler wie Damien Hirst und all die anderen sogenannten Young British Artists entwickelten sich zum Maßstab. Je schockierender, desto besser, desto verkäuflicher. Meese, sagt Falckenberg, sei in dieser Zeit von seinen Anhängern als jugendlicher Rebell, von seinen vielen Gegnern aber als Krawallbruder angesehen worden. Und jetzt gehe es darum, sich von diesen Zuschreibungen zu emanzipieren.
Tatsächlich aber wird Meese immer noch mehr Meese. Berlin, sein Atelier. Vor fünf Jahren hat er im Viertel Prenzlauer Berg ein historisches Pumpwerk samt Nebengebäuden erworben. Meese wandert durch den riesigen Raum, in dem er malt, dann durch eine Halle, in der zwischen altertümlichen Maschinen und Anlagen die Requisiten für seine Performances herumliegen. Kostüme, Schilder, Puppen. Dann hinüber in den Seitentrakt an den Esstisch, Meeses Mutter sagt, das Essen werde bald angeliefert, nichts Großes. Oben, in seiner Bibliothek, liegen die Skizzen, die er voller Euphorie für Bayreuth angefertigt hatte.
Es ist an diesem Tag viel die Rede davon, wie ihm die vergangenen Jahre zugesetzt haben. Ganz am Anfang, Ende der Neunziger, habe es zu viele Schulterklopfer gegeben. "Obwohl schon damals viele dachten, der tanzt nur einen Sommer lang, was will der denn noch Geileres machen, das ist im nächsten Jahr over." Inzwischen hat er das Gefühl, dass er viele Feinde hat, er fühlt sich benutzt. Man holt sich den Meese, man profitiert von ihm, und hinterher hat er den Ärger. "Ich bin eine Figur, an der sich alles manifestiert. Und ich frag mich immer, warum, weil ich eigentlich nett bin."
Kränkungen sind allerdings auch ein Motor für ihn geworden. Im vorigen Jahr kündigte er seiner Berliner Stammgalerie Contemporary Fine Arts (CFA). Er fühlte sich bevormundet von den CFA-Gründern Bruno Brunnet und Nicole Hackert. Brunnet sagt am Telefon, er wolle nicht mehr über Meese sprechen. Vielleicht in zehn Jahren wieder.
Lange war bei CFA alles dicke Freundschaft. Der Maler Daniel Richter war einer der jungen CFA-Künstler, dann kam sein Kumpel Jonathan Meese dazu, man kannte sich von der Hochschule in Hamburg. 1998, da war Meese 28 Jahre alt und offiziell noch Student, wurde ein von ihm mit Postern, Schallplatten, Lichterketten zugekleisterter Raum bei der Berlin Biennale gezeigt. Sofort nannten ihn die Kunstkritiker einen Star. 1999 stellte er in New York aus. 2003 holte ihn Regisseur Frank Castorf übrigens als Bühnenbildner für das Stück "Kokain", später für seine Interpretation von Wagners Oper "Meistersinger".
Die Galerie CFA war eine Art Zweitfamilie: Ausstellungen, Partys, nach den Vernissagen zog der Trupp in die Paris Bar. CFA war cool, doch Meese mag das nicht, das Coolsein. "Ich bin der uncoolste Künstler überhaupt." Er hatte schon vor Jahren den Verdacht, dass "die meinen Weg nicht mehr mitgehen wollen. Kein Hitler, kein Heidegger. Acryl war böse und besser auch keine Collagen mehr. Am besten sollte man so malen, dass man es aufrollen kann. Und Bronzen. Aber dann waren Bronzen out - jeden Tag war irgendwas".
Es habe auch mal zwei Jahre gegeben, wo es mit den Verkäufen seiner Bilder nicht so gelaufen sei, aber ein Galerist müsse zu einem stehen, findet Meese. 2014 veranstaltete CFA noch eine Ausstellung mit älteren Werken von ihm, die Schau hieß "Johnny Come Home". Das wirkte auf Außenstehende wie ein Versöhnungsangebot. Den Künstler selbst hatte man nicht einmal informiert. Meese ließ mitteilen, man habe sich getrennt. "Ich wäre für die in den Krieg gezogen. Das haben die nicht verstanden. Geld war plötzlich das Thema Nummer eins, für ein bisschen Kohle haben die alles sausen lassen. Jede Haltung, jedes Rückgrat. Ich will mit Typen dieser Art nichts mehr zu tun haben."

Meese und der Markt. Er hat sich als Künstler entwickelt in einer Zeit, die laut Sammler Falckenberg zu einer "Dekade der Gier" wurde. In den Anfängen kosteten seine neuen Werke zwischen 5000 und 40 000 Mark.
Heute muss man für frisch vollendete Gemälde von Meese zwischen 10 000 und 70 000 Euro bezahlen, für die Skulpturen bis zu 150 000 Euro. Rekorde bricht er damit nicht. Und auf dem sogenannten Sekundärmarkt, der alle nachfolgenden Verkäufe meint, etwa die auf Auktionen, erzielen seine Werke nicht die alten Höhen. Nichtsdestotrotz: Er ist am Markt nie abgestürzt, so wie es etlichen anderen Künstlern seiner Altersgruppe passiert ist. Und er dürfte in seiner Karriere Millionen verdient haben. Sein Lebensstil ist im Vergleich zu den Malerfürsten der Generationen vor ihm bescheiden. Er hat in Immobilien investiert, und, wie er sagt, in seine Kunst.
Das Geschäft mit der Kunst wiederum hat sich in diesen Jahren verändert, es ist härter geworden für all die Galerien, die im globalen Vergleich nicht zu den ganz Großen gehören. CFA verlor Meese, außerdem den gefeierten britischen Maler Peter Doig. Im vergangenen Sommer gaben die CFA-Galeristen Brunnet und Hackert der Kunstzeitschrift "Monopol" ein Interview, in dem sie sagten, das System sei "so was von abgefuckt", auch weil ein paar Künstler niemals satt würden.
Die Nerven liegen bei vielen blank.
Meese, durchaus auch ein Stratege, hat sich halbwegs selbstständig gemacht, er ist nicht gerade sein eigener Händler geworden, aber er beschäftigt eine Truppe von fünf Leuten, die Arbeiten erledigen, die sonst Galeristen übernehmen. Sie helfen ihm bei der Organisation, dem Lagern der Bilder, dem Archivieren, er hat darüber hinaus einen Medienberater. Meese führt jetzt also eine Art Firma. Er ist der Chef. Aber alle um ihn herum, inklusive seiner Mutter, scheinen das Gefühl zu haben, man müsse ihn vor allem vor seiner ausgeprägten Freundlichkeit zu jedermann schützen, die ihn ausmacht, sobald er die Performance-Bühne verlässt.
Natürlich arbeitet Meese noch mit Galerien zusammen, etwa in Wien, London oder eben Paris, in New York und Moskau. In Deutschland wird er inzwischen hauptsächlich von Sies + Höke in Düsseldorf vertreten. Dieser Künstler produziere sehr viel, sagt sein Galerist Alexander Sies. Wäre der Ausstoß geringer, ließen sich höhere Preise pro neues Werk verlangen. Aber Meese will sich nicht mäßigen, und Sies weiß diesen Eigensinn zu schätzen.
Jeder Künstler, sagt der Galerist, produziere unterschiedlich starke Arbeiten, das treffe selbst auf einen Gerhard Richter zu. Aber es habe Jahre gegeben, in denen manche Galeristen alles von ihren Künstlern auf den Markt geworfen hätten, was vorrätig gewesen sei. Für den Ruf eines Künstlers sei so etwas nicht immer gut. Nun sei, sagt Sies, alles wieder auf einem soliden Weg nach oben. Auch hätten sich die Museen von dem Schrecken des Hitlergruß-Prozesses erholt und meldeten sich wieder.
Das Essen kommt, Salate, Vorspeisen, dazu Wasser. Meeses Mutter sagt, ihr Sohn führe privat das langweiligste Leben, das man sich nur vorstellen könne, er esse allerdings zu viel. Meese sagt, er nehme keine Drogen, habe er noch nie gemacht. "Der größte Drogenabhängige der gesamten Welt war mein Freund. Das war der Maler Herbert Volkmann. Er ist im vergangenen Jahr gestorben. Er hat mich in seinem Extremismus interessiert. Ich stand zum Teil sieben Stunden lang neben ihm, wenn der was genommen und über Haifische und Evolution geredet hat. Aber ich hab es selber nicht genommen." Er sagt, dass er auch so extrem genug sei. "In der Maßlosigkeit, in den Performances. In den Ansagen, in den Manifesten. Ich brauche überhaupt keine künstlichen Aufputschmittel. Meine Droge ist die Kunst."
Nach dem Abitur wollte er zur Bundeswehr, er wurde gemustert, sollte Panzergrenadier werden. Dann ein Bänderriss, man stellte ihn zurück, ihm wurde klar, dass das Militär ohnehin nichts für ihn ist, verweigerte, musste vor eine Kommission. "Da haben die gemerkt, so ein Kind können die nicht in den Panzer tun, der zerstört den Panzer, weil der Typ außerhalb von jeder Vorstellung ist." Es war offenbar das erste Mal, dass aus dem stillen Meese ein aufgebrachter wurde, und es hat ihm genutzt. Seine Mutter sagt, sie habe damals gedacht: "Chapeau."
Brigitte Meese. Eine selbstbewusste Dame. Die Schlüsselfigur. Immer wieder kommt sie als Motiv in seiner Malerei vor. Bei einer Performance setzte er sie vor ein Plakat mit dem Schriftzug "Dr. Kokaina", und auf einem seiner Werke, einem Mix aus Malerei und Collage, klebt ein Foto von ihr neben einem gemalten Wesen mit übergroßem Penis. Vielen erscheint das taktlos, eben auch trashig.
Brigitte Meese stört sich nicht daran, sie fühle sich privilegiert, dieses Leben zu leben, sagt sie. Sie ist für den Sohn auch eine Verbindung in eine andere Zeit. Ihre eigene Mutter gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu den ersten Medizinstudentinnen in Heidelberg. Beide Eltern waren Psychiater. Ihr Vater veröffentlichte 1920 eine Arbeit über Massenmörder. Als Teenager - sie besuchte noch das Internat Salem - wurde sie zur Waise. In den Fünfzigern zog sie nach Tokio, eine ihrer Schwestern praktizierte dort als Psychotherapeutin. In Japan lernte Brigitte Meese ihren walisischen Ehemann kennen. Es war die Zeit, als viele Japanerinnen im Alltag noch Kimono trugen, sie kann lebendig davon erzählen. Ihr Sohn Jonathan, das jüngste von drei Kindern, kam 1970 in Tokio zur Welt, aufgewachsen ist er überwiegend in Ahrensburg bei Hamburg, der Vater kam aus Asien nur zu Besuch.
Seine Mutter sagt über ihren Sohn, er sei ein Widerspruch in sich, zurückhaltend und extrovertiert zugleich. Er selbst sagt, die Kunst sei für ihn "Distanzschaffungsmaßnahme". Aber wenn er Publikum vor sich hat, springt irgendetwas in ihm an.
Meese plant, sich in Berlin ein schwarzes Schloss bauen zu lassen, das sei "so der Hauptquartier-Gedanke". Wahrscheinlich, aber wer weiß das genau, ist das wieder so eine Metapher. ■
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 7/2015
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