14.02.2015

LebensstilDie oberen Dreitausendsieben

Das Luxushotel Schloss Elmau möchte ein „Cultural Hideaway“ sein, in dem sich Musiker, Schauspieler und Schriftsteller treffen und Gäste bespaßen. Im Juni lädt Angela Merkel die Mächtigen der Welt in die Alpen ein. Von Wolfgang Höbel
Draußen vor den Fenstern treiben Wolkenfetzen über Buckelwiesen, und Eisregen prasselt auf hölzerne Liegestühle. Drinnen in der Schlossbibliothek bollert die Heizung und ballern die Poeten. Der 71-jährige deutsche Dichter Michael Krüger und der 43-jährige deutsche Dichter Jan Wagner sitzen vor zwei Dutzend Zuhörern an einem Tisch unter vollgepackten Bücherregalen. Wie zwei frisch entflammte Schuljungs wetteifern sie beim Vorlesen der Verse von William Carlos Williams und Zbigniew Herbert.
"Wir müssen die Arroganz gegenüber Gedichten bekämpfen", verkündet Krüger, der viele Jahre lang als Chef des Hanser Verlags die Rolle eines Großfürsten im deutschen Literaturbetrieb spielte. Wer Gedichte lese, der sehe anders auf die Welt - auch auf die Natur rund um das Haus, in dem man sich hier getroffen habe. "Gleich morgen, wenn Sie spazieren gehen: Achten Sie auf den Schachtelhalm."
Dann verfinstert sich Michael Krügers Miene. "Wir erleben hier einen Ort der Poesie", sagt er im Verschwörerton. "Im kommenden Juni aber wird hier die härteste Prosa gesprochen werden."
Die Gedicht-Enthusiasten Krüger und Wagner präsentieren an diesem regnerischen Abend "Lyriktage" im Hotel Schloss Elmau. Das Haus gehört zur Klasse fünf Sterne Superior, liegt auf 1000 Meter Höhe in einem abgeschiedenen Tal am Fuß des Wettersteinmassivs und nennt sich "Luxury Spa & Cultural Hideaway". Im Alltagsbetrieb ist es berühmt dafür, dass hier bedeutende Denker, Musiker und sonstige Künstlermenschen residieren und ein exklusives Publikum unterhalten. Am 7. und 8. Juni 2015 aber sollen die mächtigsten Frauen und Männer zum G-7-Gipfel zu Gast sein, auf Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Hotel biete "mit seiner landschaftlich reizvollen Kulisse" einen "attraktiven Rahmen für die Gespräche und Begegnungen", heißt es aus dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Und: Schloss Elmau erfülle "alle logistischen und sicherheitstechnischen Anforderungen an einen Gipfelort".
Dietmar Müller-Elmau ist Geschäftsführer des Hotels und Schlossherr auf Elmau. Er ist 60 Jahre alt, hat eine Vorliebe für Cordsamtsakkos und ist ein begabter Vielredner mit sanftem Timbre und philosophischer Bildung. Er sitzt im Teesaal seiner Herberge und sagt, es sei ein "Geschenk" und eine "höchste Auszeichnung", dass Angela Merkel entschieden habe, ihre Gäste aus aller Welt in Elmau zu bewirten. Dann sagt er: "Für mich ist Heiligendamm kein abschreckendes Beispiel."
Im Jahr 2007 hat Deutschland zum bislang letzten Mal einen solchen Gipfel ausgerichtet, in einem prachtvollen Hotel in Heiligendamm an der Ostsee, was die Betreiber aber auch nicht vor der späteren Insolvenz retten konnte. Vorab gab es eine Menge Proteste gegen das Politikertreffen; Globalisierungsgegner drohten, die Zufahrt zum Hotel durch Blockaden zu behindern. Rund 17 000 Polizeibeamte traten zum Schutz der Politiker an. Mehr als 25 000 Demonstranten trafen sich schließlich in Rostock zu einer Anti-Gipfel-Demo, auch 3000 sogenannte Militante waren dabei. Das einprägsamste Foto, das vom Gipfel in Heiligendamm übrig blieb, zeigt nicht zornige Gipfelgegner, sondern die Staats- und Regierungschefs des Jahres 2007, wie sie friedlich alle zusammen in einem überdimensionierten Strandkorb sitzen.
Auch Schloss Elmau, wo im Juni nach derzeitiger Planung 15 000 Polizisten über die 7 Gipfelteilnehmer, ihre 3000 Delegationsmitglieder und 5000 Journalisten wachen sollen, ist ein Ort für tolle Bilder. Es handle sich um "einen der schönsten Plätze in Deutschland", sagt Schlossherr Müller-Elmau. Nebenbei ist die Elmau aber auch ein Ort, der einen Ruf als Paradies für weltabgeschiedene Spinner und Künstlernaturen hat.
Der bayerische König Ludwig II. (1845 bis 1886) fühlte sich hier oben wohl, lange bevor ein Schloss in dem Alpental zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald errichtet wurde. Von 1869 an ließ er sich auf dem Schachen, einem Berggipfel hoch über der Elmau, einen Berghütten-Palast zimmern, der bis heute von Wanderern bestaunt wird. Die Attraktion des Schachenhauses ist ein "türkischer Saal". In dem posierte Ludwig II., der später das weit berühmtere Märchenschloss Neuschwanstein folgen ließ, jedes Jahr im Sommer in morgenländischen Kostümen und vergnügte sich mit seiner Dienerschaft, "Tabak rauchend und Mokka schlürfend", wie Zeitzeugen berichten.
Ein deutscher Denker und früher Esoterik-Popstar namens Johannes Müller, Großvater des heutigen Hotelchefs, ließ sich dann vom Jahr 1914 an Schloss Elmau bauen. Das Geld spendierte eine adlige Anhängerin. Müller, 1864 in Riesa an der Elbe geboren, firmierte als Philosoph und Theologe und erreichte mit seinen Büchern Riesenauflagen. Das 1916 eröffnete Schloss pries er als "Freiraum des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens". Er gebot seinen Gästen, bei der gemeinsamen Speisung Händchen zu halten, und lud zu Konzerten und Tanzabenden.
Müller begeisterte sich für Adolf Hitler. "Ich bin gegen den Faschismus als ständige Verfassung, aber nicht als Schicksal und Gnade der Vorsehung, wenn sie der Nation einen Führer schenkt", schrieb er Anfang der Dreißigerjahre. In der Machtergreifung der Nazis sah er den Triumph "des Gemeinnutzes über den Eigennutz". Paradoxerweise schwärmte Müller auch für die jüdische Kultur, die Verfolgung der Juden rügte er als "Schande für Deutschland". Bald verboten die Nazis die Verbreitung seiner Schriften.
Nach dem Krieg stufte man den Spintisierer Müller dennoch als belastet ein. Das Elmauer Schloss wurde als Sanatorium für Nazi-Opfer genutzt. Müller starb im Jahr 1949, das Schloss fiel an seine Familie zurück. Die führte das Haus zunächst in frommem Gedenken an den Gründer weiter, mit allwöchentlichen Quadrille-Tanzabenden. Aber auch mit anspruchsvollen Musikveranstaltungen wie der "deutsch-englischen Musikwoche", die Komponist Benjamin Britten Ende der Fünfzigerjahre mitbegründete.
"Als bedrückend empfand ich den Zwang zum Gemeinsinn", sagt Müller-Elmau, der in den Schlossmauern von Elmau 1954 geboren wurde und dort seine Kindheitsjahre verbrachte. Danach studierte er in den USA und verdiente viel Geld mit der Entwicklung und dem Verkauf eines Computerprogramms zur Hotelbuchung namens Fidelio, das bis heute weltweit im Einsatz ist. 1997 übernahm Müller-Elmau das Hotel. Der neue Chef beendete viele bizarre Traditionen des Hauses, zu denen angeblich auch eine Zeit lang die Bereitschaft junger Hotelhelferinnen zu nächtlichen Kuscheleien mit den männlichen Gästen gehörte. Und er fing an, Philosophen und Politiker zu mehrtägigen Debattentagungen einzuladen.
Die historisch bedeutsame Diskussion über die Einführung der Greencard im Jahr 1998 "wurde angestoßen durch das Schloss-Elmau-Symposium ,Globalisierung ohne Migration'", sagt Müller-Elmau.
Gründlicher im Gedächtnis geblieben ist vielen Menschen allerdings ein Auftritt des Philosophen Peter Sloterdijk im Jahr darauf. Sloterdijk hielt im Juli 1999 im Schloss eine Rede mit dem Titel "Regeln für den Menschenpark", die monatelang für Krawall in den deutschen Feuilletons sorgte. Während einer Tagung, in der es eigentlich um die Auseinandersetzung zeitgenössischer Denker mit den Ideen Martin Heideggers gehen sollte, hatte Sloterdijk ein paar Thesen zur modernen Gentechnik formuliert und über "Menschenzähmung" und "Menschenzüchtung" gesprochen. Das trug ihm den Vorwurf ein, er befürworte eugenische Maßnahmen und eine gezielte "Selektion", über die schon Friedrich Nietzsche fabuliert hatte und welche die Nazis praktizierten. Sloterdijk, der sich in seinem Redetext gerade von Nietzsches faschistischen Interpreten distanziert hatte, wies die Kritik aufgebracht zurück.
Dem Hotelchef Müller-Elmau ist die Erinnerung an den "Menschenpark"-Rummel sichtlich unangenehm. Sloterdijk hatte es für seinen Geschmack zu deutlich auf eine Provokation abgesehen. Er selbst, sagt Müller-Elmau mit saurem Lächeln, könne mit Sloterdijk schon deshalb wenig anfangen, weil der "Ressentiments gegen Amerika" zu hegen scheine.
Müller-Elmau ist ein Mann, der schnell redet und denkt. Er ist es gewohnt, sich Feinde zu machen. "Ich kritisiere die deutsche Zivilisationskritik, die das jüdisch-calvinistische Freiheitsideal der angloamerikanischen Moderne dämonisiert. Mein Großvater wollte, dass seine Gäste in Schloss Elmau Urlaub vom Ich machen können. Ich möchte, dass meine Gäste vor allem ihre Freiheit genießen können. Egal, was sie für sich darunter verstehen."
Müller-Elmau musste das Hotel nach einem großen Brand und einem noch größeren Löschwasserschaden im Jahr 2005 komplett umbauen lassen, und das war für ihn die Gelegenheit, das, was das Haus sein soll, neu zu definieren. Alles Pseudosakrale sollte weg, dabei halfen die Konferenzen für Politiker, Philosophen und Wissenschaftler. "Ich wollte Schloss Elmau säkularisieren", sagt er. "Ich bin kein Freund der religiösen oder metaphysischen Überhöhung."
Im Jahr 2004 war Angela Merkel zu Gast in Schloss Elmau, zu einer Tagung des German Marshall Fund, noch bevor sie Kanzlerin wurde. Damals sprach sie unter anderem darüber, warum sie einen Beitritt der Türkei zur EU ablehnte.
Schlossherr Müller-Elmau zeichnet sich nicht durch einen Hang zur Bescheidenheit aus. In einem Artikel über die US-Firma, an die er einst sein Buchungsprogramm verkaufte, schreibt er, er habe das Haus innerhalb weniger Jahre in einen bedeutenden Geistesort umgestaltet: "Within a few years I managed to turn the mountain resort of my family, Schloss Elmau, into one of the most prominent Think Tank Institutes for Political Philosophy and Contemporary History in Germany."
Man merkt dieser Thinktank-Prosa an: Der G-7-Gipfel ist für Müller-Elmau auch das Finale einer Teufelsaustreibung. Vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung wird die "weltoffene Ausrichtung" seines Hauses gelobt sowie dessen Beitrag "zur deutsch-israelischen und deutsch-amerikanischen Verständigung". Die Eigentümerfamilie stelle sich "bewusst der Geschichte von Schloss Elmau, auch den Jahren zwischen 1933 und 1945, und der ambivalenten Haltung des Erbauers des Hauses zum Nationalsozialismus".
220 Betten hat das Hotel bisher, 160 bis 1100 Euro kosten die Zimmer pro Nacht. Prominente Kultur- und Medienschaffende wie Rachel Salamander und Alexander Kluge, Helmut Dietl und Axel Milberg gehören zu den regelmäßigen Gästen. Der Schauspieler Ulrich Matthes behauptet, er könne hier seine Film- oder Theaterrollen so gut pauken wie an keinem anderen Ort, "weil man nirgends sonst so wunderbar runterkommt von jeglichem Stress".
Der verstorbene Humorkünstler Loriot hat hier jahrzehntelang in einem Stammgastzimmer an seinen Streichen getüftelt und dem Haus eine Zeichnung verehrt - mit dem Hotel-Signum, einem Elefanten, und der Aufschrift: "Hier bist Du ein geliebter Gast, auch wenn Du keinen Rüssel hast." Den "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, einen offenbar besonders geliebten Gast, nennt Müller-Elmau im Gespräch gleich viermal "meinen Freund".
Lange vor dem Gipfel hat der Hotelchef sich den Neubau eines Hotel-Nebenhauses, das neudeutsch "Retreat" heißt, genehmigen lassen. Der Bau ist fast fertig. Auf der Wiese unterhalb des Schlosses wurde dafür mancher Schachtelhalm gekrümmt. Noch stehen ein paar Baucontainer auf der Wiese. Im März wird das Retreat aus viel Glas und Holz und kaum sichtbarem Beton eröffnet. 47 Suiten und drei Restaurants böten, so die Werbeprosa, "Freiheit und Geborgenheit mit spektakulärer Aussicht auf den monumentalen Wetterstein und den rauschenden Ferchenbach".
Ein grüner Lokalpolitiker aus Garmisch-Partenkirchen und ein Mann vom Bund Naturschutz waren bislang die lautesten Protestler gegen den Gipfel, den man, so der Naturschützer, "nicht verhindern, aber auch nicht gutheißen" könne. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat bei einem Elmau-Besuch für das geplante Gipfeltreffen das Vorgehen als "im Einklang mit der Natur" gelobt. Der Berliner Regierungssprecher Steffen Seibert sagte vor ein paar Wochen vor Garmisch-Partenkirchener Bürgern: "Welches Stück Deutschland wollen wir der Welt zeigen? Das hier ist das Beste, was man überhaupt anbieten kann."
Für den Tag vor dem Politikerauftrieb ist in Garmisch-Partenkirchen eine Protestdemonstration angesetzt. Angekündigt hat sie ein "Stop G7"-Bündnis großteils linker Gipfelgegner, dessen Pressesprecher der Münchner Benjamin Ruß ist. Ruß klagt: "Die Behörden versuchen, uns durch rechtliche Manöver möglichst weit weg zu halten vom Gipfel." Schloss Elmau sei ein "symbolischer Ort", glaubt Ruß: "Die Regierungschefs sitzen da oben in den Bergen, während Tausende Menschen aus ganz Europa im Tal demonstrieren." Der Protest werde aber auch im Luxusresort "laut hörbar" sein.
Aber was heißt hier überhaupt Luxus? Er betreibe keineswegs ein Reservat für Reiche, ereifert sich Hotelchef MüllerElmau. "Schloss Elmau ist nicht teuer. Für das, was es bietet, ist es sogar extrem günstig." Man beherberge ein "extrem heterogenes Publikum, darunter viele Familien mit Kindern". Nach Müller-Elmaus Rechnung "kostet eine Woche hier 1400 Euro im Einzelzimmer. Essen, Spa und Kulturprogramm inklusive. Da ist jeder Robinson Club teurer, glauben Sie mir, ich habe es ausprobiert!"
Die Denker und Schriftsteller, Musiker und Schauspieler, die sich auf Schloss Elmau den Gästen präsentieren, bekommen kein Honorar, aber freie Kost und Logis, auch die Anfahrt wird erstattet. "Gäste, die die größeren Zimmer buchen, finanzieren einen Großteil des Budgets für Kultur." Ein indirektes Mäzenatentum, das offenbar von den Künstlern geschätzt wird.
An rund 200 Tagen sind im Hotel Schloss Elmau Kulturveranstaltungen angesetzt. Jedes Jahr gibt es das mehrtägige "Verbier-Festival" mit klassischer Musik, für das im vergangenen Dezember der junge russische Klavier-Superstar Daniil Trifonow auf einem der hauseigenen Steinways musizierte. Regelmäßig spielen berühmte Jazzmusiker wie Chick Corea im Hotel. Und jeden Herbst präsentiert das "Cultural Hideaway", das für die Gäste neben der Bibliothek eine eigene Hotelbuchhandlung betreibt, gleich nach der Frankfurter Buchmesse eine eigene Buchmessen-Show: Bekannte Kritiker wie die "FAZ"-Frau Felicitas von Lovenberg, der Fernsehmann Denis Scheck und der "Zeit"-Redakteur Ijoma Mangold stellen ihre liebsten Autoren vor.
Vergangenen Oktober lud Mangold dafür die Schriftstellerin Karen Köhler ein. Sie war und ist für viele Literaturkritiker die Entdeckung des vergangenen Bücherjahres. Köhler ist 41 Jahre alt, lebt im Hamburger Stadtteil St. Pauli und zeichnet sich aus durch einen schönen, frechen Eigensinn. Als sie in Schloss Elmau zum Vorlesen aus ihrem Erzählungsband "Wir haben Raketen geangelt" zu Gast war, sei ihr erster Eindruck Befremden gewesen, berichtet sie. "Ich dachte: Ich passe nicht hierhin. Womöglich mache ich noch etwas dreckig." Zögerlich habe sie an der "Auswahl von finnischer Sauna, Dampfbad, Hamam, Infinity Pool und Solepool", am "gut durchdachten Luxus" Gefallen gefunden. Sie sei viel gewandert, "weil das Wetter schön war und die Berge da herumstanden", und habe das Hotel schätzen gelernt, als Ort, "an dem man sich wirklich kultiviert zurückziehen kann." Vor Jahren habe sie mal auf einem Luxuskreuzfahrtschiff recherchiert. "Das war aufdringlichste Dekadenz, das waren Gäste mit schlimmen Manieren, und eine Fahrt in der Luxuskabine kostete 10 000 Euro." In Schloss Elmau dagegen, sagt die Schriftstellerin Köhler, "ist die Dekadenz wunderschön und gerade noch erträglich".
Es ist ein Glücksversprechen, mit dem Müller-Elmau handelt. Es besagt: Wir kredenzen den Hotelgästen in einer entschleunigten, naturbelassenen Wellness-Idylle, was an großer Kultur und an großen Gedanken wertvoll ist in der anstrengenden Welt da draußen. Musik und Literatur und Denkarbeit werden heute nicht mehr als verpflichtende Ertüchtigungsmaßnahmen an den Gast gebracht, sondern sind strikt freiwillig. Und doch bleibt das Schloss ein Gespensterort. Ein exklusiver Klub für Freunde der Kulturexzellenz, ein Elysium für Bildungsbürger, ein Xanadu der Welterklärer. Als der australische Historiker Christopher Clark da war, schwärmte er vom sehr deutschen "Geist" dieses Zauberbergs. Müller-Elmau sagte ihm, es handle sich um den "Geist der Schönheit".
Um den Spirit zu genießen, muss jeder Besucher, der mit dem Auto in die prachtvolle Bergwelt der Elmau will, eine Mautstraße befahren. Sie wurde gerade gründlich erneuert und mit allerlei neuen Rohren für Kanalisation und Infrastruktur unterfüttert, "aber um keinen Zentimeter verbreitert", wie Müller-Elmau betont. 118 Millionen Euro sind im bayerischen Haushalt für die Gipfelvorbereitung angesetzt. Die vier Euro Maut kassiert übrigens nicht das Hotel, sondern die Gemeinde Krün.
Er genieße es, allein zu sein, sagt Schlossherr Dietmar Müller-Elmau, "auch in Hotels", sosehr er "die Begegnung mit interessanten Menschen aus aller Welt" schätze. Bevor die G-7-Mächtigen in sein Haus kommen, wird er Ende März ein Buch veröffentlichen. Es heißt "Schloss Elmau. Eine deutsche Geschichte" und wird beworben mit einem Spruch des Autors. Er lautet: "Es gibt vielleicht keinen zweiten Ort auf der Welt, an dem seit beinahe 100 Jahren ganzjährig mehr Hochkultur zelebriert wird als in Schloss Elmau."
Das ist mutig gesprochen. Und es verrät den innersten Antrieb allen Geisterspuks in der Elmau: Hier herrscht stets der schöne Wahn, höher ginge es nimmer. ■
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 8/2015
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