14.02.2015

FußballBratwurst und echte Gefühle

Frauen gehen gern ins Stadion. Weil sie kickende Popstars sehen und sich bloß amüsieren wollen? Eine Studie liefert eine andere Antwort.
Die Hamburger S-Bahn ist mal wieder überfüllt, die Luft stickig und der Gesang vieler Mitfahrer nicht jugendfrei. Bettina Schmidtke, 46, Bürokraft aus Bad Segeberg, hat sich mit ihrer Freundin auf dem Weg zum Stadion ein Bier und einen Dirty Harry, einen Lakritzlikör, gegönnt. "Unser Ritual", sagt Schmidtke. Die beiden Frauen haben sich vor Jahren über ihre Kinder kennengelernt, nun stehen sie erwartungsvoll vor der hell erleuchteten Arena, winterfest gekleidet und den blauen HSV-Schal um den Hals geschlungen.
Schon als Kind ist Schmidtke mit ihrem Vater zum Fußball gegangen, in den Siebzigern und Achtzigern, als der HSV noch eine Spitzenmannschaft und der Komfort auf den Tribünen lausig war. Seitdem ist sie Fan. Für diese Saison hat sie sich sogar eine Dauerkarte gekauft, Sitzplatz Westtribüne, nahe dran an der Fankurve, dort, wo es am lautesten zugeht.
658 Euro kostet das Jahresticket. Viel Geld. Als Schmidtkes Mann die Abbuchung vom Konto sah, habe er kurz "einen Schock bekommen", erzählt sie lachend. Den Ehemann interessiert Fußball nicht besonders. Aber es ist normal für ihn, dass es bei seiner Frau anders ist.
Ein Fußballstadion ist ein rauer Ort, anders ausgedrückt: ein eher männlicher. Trotzdem strömen inzwischen Mädchen und Frauen dorthin, etwa jeder fünfte Besucher eines deutschen Profiligaspiels ist weiblich, Tendenz steigend. Und die meisten kommen aus anderen Gründen, als ihnen lange von Vereinen und deren Marketingabteilungen unterstellt worden ist. Also nicht, weil sie kickende Popstars sehen wollen, sie für den waschbrettbäuchigen Mittelstürmer schwärmen oder sich bei einem Prosecco vom Freund die Vorteilsregel erklären lassen möchten.
Die Realität scheint viel simpler: Frauen kommen wegen des Fußballs. Sie verstehen etwas davon, sie feuern ihre Mannschaft an, gern mit Bierbecher oder Bratwurst in der Hand. Sie wollen ihren Klub siegen sehen, notfalls mit ruppigem Spiel, Hauptsache: drei Punkte. Für ein paar Stunden möchten sie in dieses Gefühlskino eintauchen, das gute oder schlechte Laune verursacht, je nach Ergebnis.
Der Soziologe Oliver Fürtjes von der Universität Siegen hat jetzt für eine Studie einen riesigen Datensatz ausgewertet(*). Rund 14 000 Zuschauer hatte die Deutsche Sporthochschule Köln bei insgesamt 18 Spielen befragt, verteilt auf die drei höchsten Ligen und über 14 Jahre. Fürtjes' Erkenntnis: Frauen und Männer unterscheiden sich kaum voneinander - schon gar nicht in der Frage, ob sie sich ein Leben ohne Fußball vorstellen könnten. Eine knappe Mehrheit gab jeweils an: nein, unmöglich.
1976 hatte HSV-Manager Peter Krohn seine Profis in rosa Trikots gesteckt, um Frauen anzulocken. Damit fing das Missverständnis an. Es zog sich ein rosa Faden durch die Fankollektionen der Bundesliga. In Stuttgart, Wolfsburg, Mainz und Hannover zum Beispiel lagen mädchenhaft kolorierte Schals im Sortiment, mochten die Vereinsfarben auch ganz anders aussehen. Plakate in Bielefeld zeigten einen Männerpo in engen Shorts, um - na, wen wohl? - zum Stadionbesuch zu animieren. Hertha BSC Berlin ließ sich die Website "Herthafreundin" einfallen und hielt es für originell, neben Schminktipps die Rubrik "Regel des Monats" zu platzieren.
Es folgte ein Aufschrei: In Frankfurt protestierten Eintracht-Anhänger mit der Aktion "Stoppt Rosa", in Köln überzeichneten weibliche Fans das Klischee, um es lächerlich zu machen. Die "Uschifront" band eine pinkfarbene Fahne mit Sternchen an den Stadionzaun, die Gruppe "Always Ultras Cologne" kürte regelmäßig aus dem
Spielerkader den "Mr. FC Köln" und hängte ihm vor vollem Haus eine Schärpe um. Woanders nannten sich weibliche Fans "Milchschnitten", "TivoliTussen", "Hooligänse" oder auch "Titten auswärts".
Heute ist der gröbste Unfug an Fanartikeln verschwunden, und reine Frauen-Fanklubs scheinen sich langsam aufzulösen. Beim 1. FC Köln etwa gelten "Uschifront" und "Always Ultras" als "inaktiv".
"Der Fußball ist post-post-postfeministisch", meint Wiebke Porombka. "Wir sind da schon angekommen."
Porombka, 38, sitzt in ihrer Altbauküche in Berlin-Schöneberg, eine zierliche Frau, die mit leiser Stimme kluge Dinge sagt. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin - und Fan von Werder Bremen. Als Mädchen ging sie ins Weserstadion, in einer Jungsclique, so fing es an. Vor zwei Jahren schrieb sie ein unterhaltsames Buch über ihr Leben als Fußballfan, es heißt: "Der zwölfte Mann ist eine Frau".
Um die aufkeimende Atmosphäre eines Spiels auf sich wirken zu lassen, geht sie früh ins Stadion, diesen "Raum unendlicher Möglichkeiten", voller Rituale und doch ungewissem Geschehen. Fünf- oder sechsmal im Jahr fährt sie aus Berlin nach Bremen, häufiger schafft sie es nicht mehr, als Mutter einer Tochter und viel beschäftigte Literaturkritikerin, Autorin und Moderatorin. Dafür hat sie Sky abonniert und schaut Werder-Spiele live im Fernsehen, so oft es geht. "Das muss", sagt sie.
Ihre beste Freundin ist zwar Schalke-Fan, aber an ihr schätzt sie, "dass wir da fachlich drüber reden können". Frauen seien leidensfähiger, "hoffnungsvoller", sagt Porombka. Wenn es schlecht laufe fürs eigene Team, "drehen sie sich nicht sofort weg. Männer schimpfen schneller. Mein Bruder schmeißt schon mal sein Bier hin und geht, wenn's ihm zu blöd wird".
Die Stadien in Deutschland sind komfortabler geworden, mit mehr Sitzplätzen ausgestattet und meistens überdacht. Es sind Familienblöcke entstanden, manche Arenen bieten sogar Kitas mit Fensterfront zum Rasen hin. Porombka sagt: "Nach meinem Gefühl ist die Stimmung nicht mehr so radikal. Außerhalb der Fanecken ist es doch ganz schön verschnarcht geworden, jedenfalls die meiste Zeit des Spiels."
Das wollen die Ultras verhindern, jene Extremfans, die mit Dauergesang ihr Team anfeuern. Viele Frauen gibt es unter ihnen nicht, aber es gibt sie.
Daniela, 25, sitzt in einer Cocktailbar mit Blick auf den Bremer Hauptbahnhof. Sie heißt anders. Ihren wahren Namen will sie nicht gedruckt sehen, weil sie nicht als Sprecherin der Werder-Ultras gelten mag. Ultras sind schwer zu greifen. Sie wagen sich ungern aus der Deckung der Gruppe.
Seit zehn Jahren nimmt Daniela vieles in Kauf für ihre Leidenschaft, auch ewig lange Bahnfahrten nach Freiburg. Sie macht gern Stimmung und sagt, dass sie sich im Notfall prügeln würde. Wenn sie über Frauen im Stadion spricht, wägt sie jeden Satz ab. Dabei bewegt sie ihre Tasse Chai-Tee in den Händen hin und her. Ihren Antworten hört sie ein paar Sekunden nach, um zu prüfen, ob sie wirklich stimmen.
Sie war über ihren Freund zum Fußball gekommen und hatte es schwer, akzeptiert zu werden. Als ihr Freund bei einer Auswärtsfahrt fehlte, weil er krank war, wurde sie gefragt, warum sie trotzdem dabei sei. Sie lernte: Männer gehören dazu, Frauen müssen beweisen, dass sie wegen des Fußballs kommen.
Inzwischen haben sich Frauen in der Welt der Ultras Freiraum und Anerkennung erkämpft. Sie organisieren Choreografien und sind in den ersten Reihen zu finden. "Mädchen bringen sich stärker ein als vor ein paar Jahren", erzählt Daniela.
Dennoch bleibe Fußball maskulin. "Macker-Attitüden, mit freiem Oberkörper auf den Zaun springen, Bierbecher schmeißen, den Schiedsrichter homophob oder sexistisch beleidigen - das gibt es immer noch."
Ihr gefällt der raue Ton beim Fußball. "Aber man kann diesen Ton auch haben, ohne andere Leute zu diskriminieren."
* Oliver Fürtjes: "Frauen, Fußball und Kommerz - Eine besondere Liaison?". In: Spectrum der Sportwissenschaften 2014/2.
Von Hendrik Buchheister, Detlef Hacke und Andreas Meyhoff

DER SPIEGEL 8/2015
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