28.02.2015

KommentarJedes Maß verloren

Warum die Gentechnik eine Chance verdient hat
Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) will Genpflanzen künftig nicht bundesweit verbieten, sondern die Bundesländer entscheiden lassen. Schmidt knickt damit offenbar vor der Agrarlobby ein. Noch im Januar wollte er eine "nationale Regelung" auf den Weg bringen, die "den Anbau in Deutschland grundsätzlich nicht zulässt".
Im Ergebnis aber könnte Schmidt mit seinem Vorschlag richtigliegen. Denn ein paar Felder mit Genmais etwa im gentechnikfreundlichen Sachsen-Anhalt könnten zur Versachlichung einer Debatte führen, bei der jedes Maß verloren gegangen ist.
Alle wissenschaftlichen Studien zeigen: Gentechnisch veränderte Pflanzen sind für die Umwelt nicht gefährlicher als konventionell gezüchtete. Das ist unter anderem das Ergebnis von 15-jähriger biologischer Sicherheitsforschung im Auftrag des Bundesforschungsministeriums. Die Politik ignoriert diese Entwarnung aus Rücksicht auf die ablehnende Volksmeinung. Das ist ihr gutes Recht. Doch so wird eine differenzierte Abwägung von Vor- und Nachteilen verhindert. Auf Gentech-Äckern könnten sehr wohl nützliche Pflanzen gedeihen. Stattdessen sind radikale Feldzerstörer dabei, auch den letzten begabten Gentech-Forscher aus dem Land zu vertreiben. Die Aktivisten mögen jubeln, aber sie stellen ihre antidemokratische Ideologie über das Gemeinwohl.
Neue Techniken wie das "Genome Editing" erlauben heute Erbgutveränderungen, die sich von natürlichen Züchtungen nicht mehr unterscheiden lassen. Und selbst, wenn: Was ist gegen eine Gentech-Kartoffel zu sagen (wie sie gerade in den USA zugelassen wurde), die beim Braten weniger krebserregendes Acrylamid freisetzt? Muss nicht alles versucht werden, um einer mangelernährten Weltbevölkerung Pflanzen zur Verfügung zu stellen, die den Hunger lindern oder höhere Ernten versprechen? Ließe sich gar die Gentechnik mit dem Ökolandbau vermählen, wie es die US-Gentechnikerin Pamela Ronald und der Ökobauer Raoul Adamchak in ihrem gemeinsamen Buch "Tomorrow's Table" vorschlagen?
Der Zorn gegen eine Saatgutindustrie, die Bauern in die Abhängigkeit treibt, ist berechtigt. Mit der Gentechnik an sich jedoch hat das nichts zu tun. Sie bietet Zukunftschancen, auf die wir in Deutschland nicht verzichten sollten. Faktische Denk- und Forschungsverbote schaden allen.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 10/2015
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