28.02.2015

GESTORBENFRITZ J. RADDATZ, 83

Es war eine Wut in ihm, die er meistens gut verbergen konnte: hinter seinen Worten, hinter seinen Manieren, hinter einer Fassade von Stil und Bürgerlichkeit - obwohl Bürgerlichkeit, dieses schreckliche Wort, etwas war, das er hasste und vor dem er floh. Die Lügen seines Elternhauses, die Kälte, der Krieg, der Missbrauch als Kind, als der Vater ihn zum Sex mit der Stiefmutter zwang, wie sollte man da nicht wütend sein. Und diese Wut blieb der Antrieb: Erst in der DDR, wo die linken Schriftsteller lebten, die er verehrte. Dann in der BRD, wohin er 1958 übersiedelte, wie man damals sagte. Aber auch das Adenauer-Deutschland war eng für ihn, der immer anders war, immer anders sein wollte - schnell und schwul, gewitzt und gebildet, spielerisch und immer mit großer Geste.
Er liebte Männer und Frauen, liebte Autos und Autoren, liebte Worte und Möbel, er war ein Liebhaber im eigentlichen Sinn, es war sein Zugang zur Welt, und wer das für einen Widerspruch zur Wut hält, weiß womöglich nicht, was Liebe ist. Für Raddatz zählte auch die Selbstliebe dazu, was manche als Eitelkeit auslegten - tatsächlich war es wohl der Versuch, den Zweifel, die Leere, die eigene Angst zu überwinden: Er erzählte davon in seinem literarischen Debüt "Kuhauge" von 1984, für das er mit Häme überschüttet wurde, er erzählte davon in seiner Autobiografie "Unruhestifter" von 2003, für die er mit Lob überschüttet wurde, er erzählte davon in seinem Buch "Jahre mit Ledig", das dieser Tage im Rowohlt Verlag erschienen ist - eine Hommage an die Literatur als anarchisches und hedonistisches Freudenfest. Es waren verschwenderische, aber auch prägende Jahre für dieses Nachkriegsdeutschland, das in der Literatur sich selbst und seine Rettung suchte: Daher die Bedeutung, die jemand wie Raddatz haben konnte, als stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags, als Feuilleton-Chef der "Zeit", daher auch die Härte und die Häme, als er abstürzte. Er war zu hoch geflogen, er hatte sich geirrt, es gab in Frankfurt keinen Bahnhof zu Goethes Zeiten. Na und. Raddatz hatte für die Veröffentlichung von Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" gesorgt und das Schweigen über den Holocaust zum Thema gemacht. Er hatte Werke von Hubert Fichte, James Baldwin und Walter Kempowski veröffentlicht und den Deutschen eine andere Art zu schreiben gezeigt.
Er war durch sein Wesen und seine Erscheinung, durch seine Streitlust und sein Temperament ein Beispiel dafür, wie Literatur sein kann. Er blieb damit immer fremd, sogar im Erfolg, er blieb der Außenseiter. Er wollte, dass es ihm egal ist, so wie es dem Pfau egal sein könnte, was die anderen denken. Aber er war kein Pfau, sondern ein schöner, verletzlicher Mann, der Angst davor hatte, schwach zu sein, alt und hässlich. Er sprach immer öfter darüber, wie er gern sterben würde. Am 26. Februar ist Fritz J. Raddatz, so heißt es, "selbstbestimmt aus dem Leben getreten".
Von God

DER SPIEGEL 10/2015
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