Von Gatterburg, Angela
Die Ehe ist der Versuch, zu zweit mit den Problemen fertig zu werden, die man allein niemals gehabt hätte", sagt der Regisseur Woody Allen. Sein Kollege Alfred Hitchcock sieht in der Heirat "die einzige lebenslängliche Verurteilung, bei der man aufgrund schlechter Führung begnadigt werden kann".
Derlei melancholisch-bissige Betrachtungen teilen viele Menschen, was sie jedoch keineswegs davon abhält, immer wieder aufs neue zu prüfen, ob sich nicht Herz zum Herzen findet - auch wenn es nicht für ewig ist. Woody Allen ist zum drittenmal verheiratet, Außenminister Joschka Fischer hat sich frohgemut in seine vierte Ehe begeben, ebenso wie Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Der Mensch bleibt nun einmal nicht gern allein. Einsamkeitsgefühle dürften denn unter den rund 13 Millionen Singles in Deutschland weit verbreitet sein. Nur: Wo und wie soll man den Partner fürs Leben finden? Bei Karstadt an der Käsetheke? An der Bushaltestelle? Im Fitneßclub?
Die 35jährige Brigitte, eine Berliner Ärztin, studierte Heiratsanzeigen in verschiedenen Zeitungen. Doch "schlicht fürchterlich" fand sie die Anpreisungen der Herren. "Daß ich auf jemanden treffe, den ich interessant finde und der sich auch für mich interessiert, erschien mir eher unwahrscheinlich."
Sie beschloß, sich an ein Heiratsinstitut zu wenden, und entschied sich für das Berliner Institut "top-contacte exclusiv". Sie traf sich nacheinander mit drei Herren, die, wie sie fand, vom Institut "einfühlsam und entsprechend meinen Wünschen" ausgewählt worden waren. "Beim dritten hat''s dann gefunkt." Inzwischen ist Brigitte verheiratet, erzählt aber niemandem von der geschäftlichen Anbahnung ihres Eheglücks: "Freunde fänden das sicher unromantisch."
Der Liebe derart auf die Sprünge helfen wollen rund 600 Ehe- und Partnervermittlungen in Deutschland. Sie erwirtschaften einen Jahresumsatz von etwa 500 Millionen Mark. Gisa Lange, Gründerin von "topcontacte" in Berlin und gleichzeitig Präsidentin des Gesamtverbandes der Ehe- und Partnervermittlungen (GDE) in Weinheim, findet den Gang zum Eheanbahner "normal und vernünftig", auch wenn sich, wie sie warnt, viele unseriöse Anbieter auf dem Markt befinden.
Rund 200 000 Frauen und Männer, schätzt die Zeitschrift "Brigitte", würden jährlich Opfer von unseriösen Heiratsvermittlern. Kein Wunder: Das Geschäft ist einfach, Heiratsvermittler kann jeder werden, ohne spezielle Ausbildung. "Möchten Sie ca. 800.000 DM p. A. als selbständiger Partnervermittler verdienen?" heißt es in Lockanzeigen, mit denen das angebliche Know-how verkauft werden soll. Den Interessenten werden hohe Gewinne vorgegaukelt, so Lange, für das nötige Wissen sind bis zu 30 000 Mark lockerzumachen. Die meisten dieser naiven Existenzgründer stehen wenig später vor der Pleite.
Viele der Institute, die sich am Markt halten, sind nichts weiter als dubiose Geschäftemacher. Sie ködern ihre Kunden mit trügerischen Inseraten - die "anschmiegsame, vollbusige Tina, 24" gibt es überhaupt nicht, sie dient nur als "Appetizer" für einen saftigen Vertragsabschluß. Auch setzen Agenturen wirkliche Lockvögel ein gegen Bezahlung: schöne Frauen, die mit heiratswilligen Kandidaten ausgehen, aber deutlich signalisieren, daß sie nicht interessiert sind. Das Institut hat damit sein Kontaktversprechen gehalten, für Erotik und Liebe ist es nicht zuständig.
Vorkasse ist üblich bei diesem Geschäft, obwohl der Kunde sich darauf nicht einlassen müßte und auch nicht sollte - immerhin liegen die Gebühren zwischen 2000 und 8000 Mark. Exklusive Institute oder solche, die sich dafür halten, verlangen erheblich mehr. Bezahlt wird für eine bestimmte Anzahl von Partnervorschlägen während einer vereinbarten Vermittlungszeit von 3 bis zu 24 Monaten. Eine Erfolgsgarantie in Sachen Liebe kann der Kunde selbstverständlich nicht erwarten.
Die Stiftung Warentest schrieb im letzten Jahr 600 Agenturen an, schloß 6 Verträge ab; die Leistungen der Vermittler stufte sie als eher dürftig ein. Die Undercover-Recherchen der Warentest-Prüfer waren im Ergebnis trübe: Prospekte gab es fast nie, Vertragsbedingungen wurden am Telefon nur ungern herausgerückt, persönliche Eigenarten und Wünsche oberflächlich und desinteressiert abgefragt. Häufig drängelten die jeweiligen Institutsmitarbeiter penetrant und plump auf Vertragsabschluß. Fazit der Stiftung Warentest: "Die getesteten Institute entpuppten sich häufig als unprofessionell bis betrügerisch, seriöse Vermittlungen waren eher die Ausnahme."
Gisa Lange hält die Studie der Warentester für "nicht umfassend" genug, sie und ihr Verband grenzen sich gegen unseriöse Praktiken ab. Doch die Mitgliederzahl des GDE spricht für sich: Gerade mal 45 Eheanbahner gehören dem Verein an und sind bereit, sich, wie bei einer Art TÜV, 29 Prüfkriterien zu unterwerfen und sich regelmäßig kontrollieren zu lassen.
Aber warum sollten Männer und Frauen nicht einfach selbst inserieren? Lange: "Bindungswillige Menschen sind oft unsicher und machen Fehler."
In ihrer Kartei befinden sich Frauen, die zuvor selbst ihr Glück versucht hatten und mit eigenen Anzeigen gescheitert sind: Sie erhielten obszöne Briefe und sexuelle Angebote. Doch auch Männer haben Pech mit Anzeigen: Einer von Langes Kunden hat zuvor selbst inseriert, sich mehrmals mit einer sehr attraktiven Frau getroffen und nach einem dieser Dates festgestellt, daß man währenddessen seine Wohnung ausgeräumt hatte.
Lange sieht sich als altmodische Vermittlerin, kennt angeblich alle ihre 300 Kunden, stellt keine Ferndiagnose, sondern besucht sie lieber. Ihr Honorar veranschlagt sie nach dem Grad der Schwierigkeit des Vermittlungsobjekts, nach Alter, Aussehen und Vermögen. Eine wohlhabende ältere Witwe ist zwar generell nicht so marktkompatibel wie eine junge, aber immer noch leichter zu vermitteln als eine arme ältere Witwe. Natürlich spricht Lange kei-
nesfalls in diesem saloppen Ton von ihrer Kundschaft, sondern eher von den Wunsch-
vorstellungen ihrer Kunden, die manchmal
* Mit Sohn Moritz und Tochter Livia.
recht verwegen sind. Männer hätten häufig die Idee, sagt Lange, Alter sei etwas, was nur anderen Männern und vor allem Frauen zustoße. "Da rief kürzlich ein 77jähriger Mann an, der unbedingt eine Frau unter 50 will. Kann ich nicht vermitteln", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ein anderer Herr will unbedingt eine blonde Fee, schön wie Michelle Pfeiffer, studiert, gebildet, nicht ortsgebunden und bereit, für eine quengelnde Kinderschar ihren Job aufzugeben. "Tja", sagt Lange, "das wird nicht einfach." Alles, was nicht einfach ist, kostet mehr.
Ein seriöser Anbieter, behauptet Lange, stecke 60 Prozent des Umsatzes in Anzeigen, um passende Pendants für die Klienten zu finden. Er tut also wie ein Makler das, was der Kunde auch selbst machen könnte. Die Erfolgsquote eines guten Instituts liege bei beachtlichen 65 Prozent, behauptet Lange. Ob das realistisch ist oder nicht - selbst von Kunden, bei denen sie erfolgreich waren, werden Institute nur selten weiterempfohlen. Dafür ist die ganze Angelegenheit dann doch zu peinlich.
Vor allem Männer sehen es als eigenes Versagen an, wenn ihr Jäger- und Sammlerinstinkt zu nichts geführt hat und die Beute ihnen eines Tages von jemandem an den Tisch gesetzt wird, nur zu willig, sich erlegen zu lassen. Andererseits sind es auch eher kultivierte Jäger, die sich bei Lange melden, "sogenannte Bildungsbürger". Und wenn nun ein netter Metzger oder Maurer anruft? "Dem erkläre ich", sagt Lange, "daß ich auf eine andere Klientel spezialisiert bin." Denn, so ihre Erfahrung, die Erotik geht zwar die wundersamsten Wege, aber meistens eben nicht sehr lange, wenn Milieu und Bildungshintergrund zu stark voneinander abweichen.
Langes Kunden sitzen überwiegend in Deutschland, aber auch mal in der Schweiz, auf Mallorca oder in England. Allerdings ist sie nicht ganz so kosmopolitisch wie die Wormser Unternehmerin Claudia Bauer alias Püschel-Knies, die ihr Alter mit Ende Fünfzig angibt und in ihren Anzeigen den Anschluß an die High-Society und an höchste Vermögensklassen verspricht. Mal preist Püschel-Knies eine "ungemein charmante, strahlende, sehr liebevolle Arzt-Witwe" an, mal ein "sprühendes, temperamentvolles, verführerisches Geschöpf, mehrsprachig (Erbin Mio.-Vermögen)", oder sie präsentiert einen "Voll-Akademiker, der zu den Industriellen-Söhnen (Multi-Millionären) der internationalen gesellschaftlichen Unternehmer-High-Society Europas" zählen soll.
Ihre Klientel komme "aus dem sehr guten, gehobenen Mittelstand", sagt die Vermittlerin mit einer Stimme, die ständig aggressiv vibriert. Also wäre der Handwerksmeister auch hier fehl am Platz? Nein, sagt Püschel-Knies, es sei eine Frage des menschlichen Formats. "Ich vermittle auch unter den ganz Reichen nicht alles."
In den eigenen Kreisen, wo jeder über seine Jacht in Marbella oder sonstwo verfügt, hat die Liebe offenbar wenig Chancen. Deshalb führt der Weg unvermeidlich zu Püschel-Knies, in eines ihrer vier Büros in Düsseldorf, München, Berlin, Frankfurt. Püschel-Knies redet wie unter Hochdruck von Liebe und Geld und den allerbesten Familien, die sie weltweit kennt und betreut, ist dabei hektisch und nervös, als wolle ihr jemand an den Kragen.
Sie empört sich über Konkurrenten, die nach Mallorca fliegen, um dort ihre Klienten zu treffen, und sich Flug, Hotel und Essen bezahlen lassen. Das käme für sie nicht in Frage. Nun nimmt Püschel-Knies die saftigsten Preise der Branche: zwischen 19 000 und 59 000 Mark - letztere Summe wird fällig, wenn die Chefin den Heiratswilligen selbst betreut.
"Ich bin schwer betrogen worden", sagt hingegen ein ehemaliger Kunde von Püschel-Knies, der für sein Geld, wie er sagt, Vermittlungsangebote bekam, die mit den in den Anzeigen beschriebenen Frauen wenig gemein hatten. Das sieht die Vermittlerin natürlich ganz anders. Man einigte sich vor Gericht auf einen Vergleich. Inzwischen hält der Düpierte, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, "die ganze Branche für ziemlich verbrecherisch".
Edda Castello, Leiterin der Rechtsabteilung in der Hamburger Verbraucherzentrale, rät denn auch von Heiratsinstituten eher ab: "Das Geld ist sinnvoller angelegt, wenn man verschiedene Anzeigentexte in seriösen Zeitungen inseriert."
Das hat der Autor und Journalist Christian Nürnberger getan. Sein Buch "My First Lady" beschreibt amüsant und lehrreich, wie er mittels einer Heiratsannonce im Frühjahr 1982 zu seiner Frau Petra Gerster fand, inzwischen als "Mona Lisa"-Moderatorin und ZDF-Nachrichtensprecherin bundesweit bekannt. Nürnbergers Inserat beginnt so: "Der Engländer Patrick Moore hatte es satt, sich jeden Morgen an- und abends wieder auszuziehen. Darum nahm er einen Strick und erhängte sich. Meine Konsequenz daraus ist noch radikaler. Ich werde heiraten."
Nürnberger erhielt etwa 200 Antworten auf seine Anzeige, fühlte sich noch nie so gefragt, war aber auch überfordert von der Briefflut. Was zu tun und zu lassen ist, lehrt einen niemand: Wem antwortet man und wie? Wen trifft man, wie viele trifft man, wo und in welcher Reihenfolge? Nürnberger: "Es herrscht die totale Gestaltungsfreiheit, und die entpuppt sich nun als totaler Gestaltungszwang. Konventionen, sonst verschmäht und verachtet - hier wird ihr Fehlen zur Last." Der Mann erhielt Post von so vielen tollen Frauen, daß er bedauerte, nicht schon früher inseriert zu haben. Bis heute ist er davon überzeugt: "Wenn man die 30 überschritten hat, ist diese Art des Kennenlernens die befriedigendste, interessanteste und zugleich spannendste."
Nürnberger analysiert sein Tun witzig und souverän. Trägt einer seine Haut auf den Anzeigenmarkt, um dort sein Glück zu finden, so Nürnberger, "ist das Geschäft offensichtlich. Sein Inserat steht zwischen Gebrauchtwagen, Immobilien und Stellenangeboten. Jeder schreibt sich einen gewissen Wert zu, und dafür möchte er einen entsprechenden Gegenwert haben".
Sonst gilt ausnahmsweise mal: Amerika, du weißt es auch nicht besser. Dort ist die emotionale Unsicherheit zwischen den Geschlechtern ebenfalls groß. Zum Beispiel in New York. Hier leben 3,1 Millionen Singles, 60 Prozent davon sind nicht an einer ernsthaften Beziehung interessiert, 21 Prozent behaupten, sie hätten einfach keine Zeit dafür, 43 Prozent finden ihren Job wichtiger und nehmen offenbar auch in Kauf, daß der Sex dabei auf der Strecke bleibt. Kein Wunder also, daß fast die Hälfte aller befragten Singles glauben, in New York sei es schwieriger, einen Lebensgefährten zu finden, als in jeder anderen Stadt Nordamerikas.
Beziehungsgestörte Kandidaten besuchen für 29 Dollar Kurse wie "How To Make Anybody Fall In Love With You" oder begeben sich in die Obhut der Agentur "First Impressions", um dort für 195 Dollar eine Stunde lang ihr Rendezvous-Verhalten analysieren zu lassen. Nur hat man dann noch kein Rendezvous. Deshalb machen sich jetzt Dating-Lokale breit wie das "Drip". Dort liegen Fragebögen aus, auf denen Suchende bei Kaffee und Kuchen ihre Lieblingsgetränke, ihre liebsten Urlaubsziele und ihre Körpermaße eintragen.
Diese Fragebögen überreichen die "Drip"-Gäste dem Barkeeper, der in seinem Computer Tausende dieser Kontaktanzeigen gespeichert hat, ihn nach passenden Partnern suchen läßt, den entsprechenden Widerpart anruft und ein Treffen im "Drip" arrangiert. Die Verabredungen finden sozusagen in einem öffentlichen Raum unter Aufsicht statt.
Mit Liebe hat das offenbar wenig zu tun. "Hier dreht sich alles um Geld", sagt der New Yorker Broker Tim, 30, der regelmäßig eine Dame zum Essen ausführt. "Du zahlst, du schläfst mit ihr. Und jeder weiß, was gespielt wird." ANGELA GATTERBURG
DER SPIEGEL 19/1999
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