10.05.1999

NAMENSRECHTAristokratischer Feinsinn

Seit 80 Jahren ist der Adel in Deutschland offiziell abgeschafft. Seitdem arbeiten Adelsverbände daran, daß das möglichst niemandem auffällt.
Der junge Mann ist ein wenig aus der Art geschlagen. Zwar hat sich Sebastian-Johannes Prinz von Spoenla-Metternich standesbewußt das Familienwappen auf die rechte Schulter tätowieren lassen, doch ansonsten bereitet der 32jährige den Anhängern adliger Attribute viel Verdruß. Seine in juristischen und standesamtlichen Fachzeitschriften hochgelobte Arbeit, mit der er an der Fachhochschule Wilhelmshaven zum Diplom-Kaufmann avancierte, gilt in der Zunft der Blaublütigen als freche Provokation*.
* Sebastian-Johannes von Spoenla-Metternich: "Namenserwerb, Namensführung und Namensänderung unter Berücksichtigung von Namensbestandteilen". Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main; 252 Seiten; 69 Mark.
Denn der Schwabe Spoenla-Metternich - den Namensteil Metternich übernahm er vom Mädchennamen seiner Großmutter - entwickelt die brisante These, daß die Adelsverbände durch ihre Lobbyarbeit das Namensrecht in weiten Teilen zu dem gemacht haben, was es heute ist, nämlich nicht verfassungskonform: "Es wird nichts unversucht gelassen, um die Exklusivität ehemaliger Adelsprädikate zu erhalten, auszubauen und zu steigern. Rücksichtslos werden dabei verfassungsrechtliche Grundsätze übergangen." Nicht ohne Hintergedanken: "Bei einer eventuellen Änderung der Staatsform sollen die alten Machtstrukturen sofort wieder erkennbar sein" - Adel verpflichtet.
Anders als in Österreich, das alle Adelstitel tilgte, dürfen sie in Deutschland gemäß Artikel 109 der Weimarer Verfassung weiter geführt werden - allerdings nur als Bestandteile des Nachnamens, denn Standesvorrechte und Privilegien der Geburt sollten endgültig aufgehoben sein; sie widersprächen auch dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetz-Artikels 3.
Von Rechts wegen sind die ehemaligen Adelsprädikate heute nur noch x-beliebige Silben im Namen. Wohlgemerkt: im Nachnamen. Folglich muß es auch beispielsweise "Hans Graf von Meier" heißen - denn einen Grafen Hans von Meier gibt es genau wie Prinzessinnen, Fürsten und Barone in Deutschland seit 1919 nur noch in der Märchenwelt.
Doch dort wollen die Träger ehemaliger Adelsnamen nicht bleiben. So zählt die 1998 im "Deutschen Adelsblatt" veröffentlichte Übersicht über die "Personelle Besetzung der Organisationen des Adels" jede Menge Freiherren und -frauen, Grafen, Barone und Freiinnen auf - die vermeintlichen Adelstitel illegitim vor die Vornamen gerückt. Bei den "Prinzen" und "Fürsten" steht gar ein S. D. (Seine Durchlaucht) vor dem Namen, der "Markgraf Max v. Baden" will mit S. K. H. (Seine Königliche Hoheit) angeredet werden.
Für Klatschblätter ist das sehr praktisch - gern greifen sie die Vorlagen auf, machen Frederic Prinz von Anhalt kurzerhand zum Prinzen Frederic von Anhalt, und die Leserschaft freut sich über ein wenig adligen Glanz in Deutschland. Auch das Abkürzen von Namensbestandteilen, wie "v.", "Frhr.", "Rr." kritisiert Spoenla-Metternich: "Namen wie ,Obermüller'' oder ,Hoffmann'' dürfen auch nicht ,O.müller'' oder ,Hoffm.'' abgekürzt werden." Und da der Name eine Einheit sei, müßten in Literaturverzeichnissen und Katalogen alle "vons" unter "V" eingeordnet werden.
Als Negativbeispiel führt er Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker an, der bei der Unterzeichnung von Gesetzen "nie mit seinem gesetzlichen Namen unterschrieb, sondern immer nur mit ,Weizsäcker'', also ohne ,von'' und ohne ,Freiherr''". Somit habe er diese Worte nicht wie Namensbestandteile behandelt, sondern wie Titel, die weggelassen werden können: "Das war schlichtweg unzulässig!" Schließlich sei "jede Sonderbehandlung vormals adliger Namen eine Grundrechtsverletzung".
Bei der Prüfung von Problemen mit "adelsrechtlichen Fragen" stellen Adelsverbände den Behörden und Gerichten kostenlos Gutachter zur Verfügung - offenbar so überzeugend, daß selbst viele Richter und Standesbeamte vergessen, daß es den Adel gar nicht mehr gibt.
So eröffnete ein Standesbeamter aus der bayerischen Provinz einem adoptierten "Fürsten" bei dessen Trauung 1993, daß seine Kinder mit der Geburt "Prinzen" oder "Prinzessinnen" werden würden - ganz wie zu Zeiten der Monarchie. Ehemalige Adelsbezeichnungen dürfen nach einer noch immer gültigen Entscheidung des Reichsgerichts von 1926 dekliniert werden: Maria Graf von Meier darf sich Maria Gräfin von Meier nennen - doch Steffi Graf nicht Steffi Gräfin. "Aristokratischer Feinsinn, der sich in einer Demokratie nicht ziemt", urteilt Spoenla-Metternich.
Der Mann hat noch mehr Ungemach für die vermeintlich Blaublütigen parat: So spricht seiner Ansicht nach nichts dagegen, Kindern Vornamen wie "Graf", "Lord", "Baron" oder "Ritter" zu geben: "Ein Vorname wie ,Lord'' verstößt weder gegen die guten Sitten noch gegen die öffentliche Ordnung. Ebenfalls ist das Geschlecht zweifelsfrei erkennbar; auch ist der Vorname nicht geeignet, das Kind der Lächerlichkeit preiszugeben."
Ein Urteil des Hanseatischen Oberlandesgerichts, das den Vornamen "Princess" mit der Begründung ablehnte, daß dieser die irreführende Vorstellung erwecke, das Kind entstamme aus einer Familie des Hochadels, nennt er "verfehlt". Das Gericht verkenne, daß eine Täuschung nur im Kontrast zu Adelsberechtigten entstehen könne: "Wo es von Rechts wegen keinen Adel gibt, entfällt ein Täuschungsgesichtspunkt völlig." Außerdem sei es auch ohne weiteres möglich, als Pseudonym einen Namen mit einer früheren Adelsbezeichnung zu führen.
Sebastian-Johannes Prinz von Spoenla-Metternich hat sich unterdessen einem neuen Feld zugewandt: Seine Doktorarbeit widmet er dem kaufmännischen und Firmen-Namensrecht.
* Sebastian-Johannes von Spoenla-Metternich: "Namenserwerb, Namensführung und Namensänderung unter Berücksichtigung von Namensbestandteilen". Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main; 252 Seiten; 69 Mark.

DER SPIEGEL 19/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NAMENSRECHT:
Aristokratischer Feinsinn

Video 00:57

Amateurvideo aus Hawaii Häuser werden von Lava verschlungen

  • Video "FAQ-Video zur DSGVO: Was ist das, und was heißt das für mich?" Video 03:20
    FAQ-Video zur DSGVO: Was ist das, und was heißt das für mich?
  • Video "Eine Minute Vorfreude - CL-Endspiel: Hoffentlich gewinnt Klopp mal ein Finale" Video 01:07
    Eine Minute Vorfreude - CL-Endspiel: "Hoffentlich gewinnt Klopp mal ein Finale"
  • Video "Animation zur DSGVO: Was Sie jetzt wissen müssen" Video 01:22
    Animation zur DSGVO: Was Sie jetzt wissen müssen
  • Video "Filmstarts im Video: Der beste Pilot der Galaxie" Video 06:24
    Filmstarts im Video: Der beste Pilot der Galaxie
  • Video "NBA-Spieler für Falschparken getasert: Bucks-Spieler? Ich kenne Sie nicht!" Video 01:18
    NBA-Spieler für Falschparken getasert: "Bucks-Spieler? Ich kenne Sie nicht!"
  • Video "Hydrofoil-Surfing: Auftrieb mit Tragfläche" Video 02:23
    Hydrofoil-Surfing: Auftrieb mit Tragfläche
  • Video "Abtreibungs-Referendum in Irland: Das sind die Pro- und Contra-Argumente der Iren" Video 02:27
    Abtreibungs-Referendum in Irland: Das sind die Pro- und Contra-Argumente der Iren
  • Video "Riskanter Einsatz: TV-Reporterin stoppt Rennpferd vor laufender Kamera" Video 01:00
    Riskanter Einsatz: TV-Reporterin stoppt Rennpferd vor laufender Kamera
  • Video "Saddam Husseins Luxusjacht: Vom Diktatorenspielzeug zum Seemannshotel" Video 01:50
    Saddam Husseins Luxusjacht: Vom Diktatorenspielzeug zum Seemannshotel
  • Video "Haarschnitt für Nervenstarke: Die ultrascharfe Was passiert dann-Maschine" Video 00:56
    Haarschnitt für Nervenstarke: Die ultrascharfe "Was passiert dann"-Maschine
  • Video "Ehemalige IS-Hochburg: Die Leichenräumer von Mossul" Video 03:53
    Ehemalige IS-Hochburg: Die Leichenräumer von Mossul
  • Video "Faszinierender Zeitraffer: Tornado mit Touchdown" Video 00:52
    Faszinierender Zeitraffer: Tornado mit Touchdown
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Oh Captain, my Captain!" Video 05:15
    Seidlers Selbstversuch: Oh Captain, my Captain!
  • Video "ADAC-Video: Crashtest mit Airbag-Kindersitz" Video 01:41
    ADAC-Video: Crashtest mit Airbag-Kindersitz
  • Video "Unvergleichlich: Luchse kämpfen - mit ihren Stimmen" Video 01:11
    Unvergleichlich: Luchse kämpfen - mit ihren Stimmen
  • Video "Amateurvideo aus Hawaii: Häuser werden von Lava verschlungen" Video 00:57
    Amateurvideo aus Hawaii: Häuser werden von Lava verschlungen