10.05.1999

ZEITGESCHICHTEStalingrad - neu gesehen

Rudolf Augstein: Warum General Paulus nicht ausbrechen konnte
Das Buch des englischen Historikers und ehemaligen Berufsoffiziers Antony Beevor, 52, über Stalingrad, Ende März 1999 auch auf deutsch erschienen, ist von allen bisher zu diesem Thema vorliegenden Werken das aufregendste**. Vielleicht wird es trotzdem von manch einem als "olle Kamelle" abgetan.
Ich kann das schon deshalb nicht tun, weil ich als 19jähriger Soldat durch einen Sprung aus dem Fenster dem Marschbefehl nach Stalingrad entgangen bin. Aber nicht nur meine Generation, auch junge Leser könnte dieses verheerendste Kapitel deutscher Kriegsführung heute noch interessieren.
Das Werk liest sich von vorn bis hinten spannend, doch will ich mich nur auf einen Punkt beschränken: Konnte General Friedrich Paulus, Oberbefehlshaber der 6. Armee in Stalingrad, noch ausbrechen, als er sich am 22. November 1942 von den Truppen der Roten Armee eingekreist wußte?
Bisher herrschte die Meinung vor, er hätte auf eigene Faust schon am 23. November befehlen können - manche sagen sogar: sollen -, zwei Tage später aus dem Kessel auszubrechen. Damit wird diesem Sohn des Buchhalters einer Besserungsanstalt, der gerade mal ein Semester Jura studiert hatte, zugetraut und zugemutet, er hätte dem entgegengesetzt lautenden Befehl seines Führers offen trotzen sollen.
Dazu war Paulus aber rein psychisch gar nicht in der Lage, obwohl er - unter Zurücklassung schweren Geräts - mit einem Großteil seiner Armee vermutlich durchgekommen wäre; der Einschließungsring war noch sehr dünn. So dachte ich bisher auch, wohl wissend, daß es in den mittleren Rängen seines Offizierskorps viele Hitler-Anhänger gab, die zu einem Ausbruch zu motivieren der gelernte Generalstäbler Mühe gehabt hätte (siehe SPIEGEL 5/1983 und 37/1992).
Nun macht dieses Buch von Antony Beevor klar, daß der
* Mit Alfred Jodl und Wilhelm Keitel.
** Antony Beevor: "Stalingrad". Viking, London; 494 Seiten; 25 Pfund/C.Bertelsmann Verlag, München; 544 Seiten; 49,90 Mark.
nicht erfolgte Ausbruch der 6. Armee nicht allein an der Führergläubigkeit ihres Oberbefehlshabers gescheitert ist. Denn der wichtigere Mann in diesen entscheidenden Tagen war Paulus'' unmittelbarer Vorgesetzter und Chef der Heeresgruppe Don, Generalfeldmarschall Erich von Lewinski genannt von Manstein. Manstein war der Sohn eines Generalmajors und adoptiert von einem Generalleutnant. Ohne Abstimmung mit dieser im Heer hoch angesehenen Figur konnte Paulus, auch wenn er dazu bereit gewesen wäre, das Abenteuer des Ausbruchs nicht ernstlich riskieren.
Zwar wußte Manstein von den Nöten dieser Armee. Aber Heeresgruppenchef wurde er offiziell erst am 22. November, nur 24 Stunden Zeit also für eine Abstimmung mit Paulus.
Es gab aber diese Abstimmung nicht. Erstens war die Zeit für eine Übereinkunft mit dem im Sonderzug an die Front reisenden Manstein reichlich kurz, schließlich ging es hier nicht um ein Husarenstück. Zweitens aber wollte Manstein seine Karriere nicht gefährden.
Er war nicht so sehr an der Festung Stalingrad interessiert, dafür aber an einem geordneten Rückzug der Armeen aus dem Kaukasus. Seinem Führer die Stirn zu bieten, war er zudem nicht der Mann. Die durchbrechenden Truppen der 6. Armee wären ja in ziemliche Unordnung geraten und hätten dringend einer sie auffangenden Armee bedurft.
Im Rückblick will man stets einer Person - vom großen Führer einmal abgesehen - die "Schuld" an dem verheerenden Ausgang der Schlacht um Stalingrad zuschreiben. Da wäre dann aber an erster Stelle Manstein zu nennen und nicht Paulus.
Der Verfasser des neuen Stalingrad-Buches kreidet allerdings Paulus einen anderen Fehler an: Er sei ohne Phantasie gewesen, was seine rückwärtigen Stellungen anbelangt. Hier kann man nur fachsimpeln. Aber ein anderes, auch von der Nazipropaganda häufig vorgebrachtes Argument ist nicht ganz falsch: Die 6. Armee habe Kräfte des Feindes gebunden, der sonst an einem größeren Frontabschnitt hätte angreifen können.
Diese völlig unsinnige und willkürliche Niederlage wirkte sich im deutschen Volk katastrophal aus. Stalingrad entlarvte den Führermythos als Trugbild. Diese schlimmste Niederlage in der deutschen Geschichte traf den Nerv der gesamten Hitler-Verehrung. Es kamen in der ausdrücklich so genannten neuen Stalingrad-Armee vermutlich mehr Soldaten um als in der Gefangenschaft nach dem Ende des Kampfes. Man darf also schätzen, daß mehr Soldaten im Kessel starben als von den Russen gefangengenommen worden sind. Es sind ja zwischen der Einschließung und der Kapitulation Zigtausende deutsche Soldaten allein an Hunger, Krankheit, Kälte - mancher auch schlicht als Deserteur - gestorben. Nach dieser folgenreichsten Einkreisungsschlacht der modernen Geschichte ist über den Verbleib von rund 50 000 Russen in deutschem Sold ("Hiwis") und Zehntausenden Zivilisten so gut wie nichts bekannt. Zwar hatte Luftwaffenmarschall Erhard Milch angeboten, über Stalingrad 2000 Paar Ski abwerfen zu lassen, aber das wollte nun selbst Paulus nicht.
Man muß hier daran erinnern, daß der Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, im Nebenberuf auch Oberbefehlshaber der Wehrmacht war. Über den bevorstehenden Untergang seiner beiden östlichen Heeresgruppen war er dennoch nicht informiert. Er saß in seiner Villa auf dem Obersalzberg, als ihn am 22. November 1942 die beunruhigendsten Nachrichten erreichten. Da er seinen Heeresgenerälen nicht vertraute, ließ er auf dem Weg nach Ostpreußen regelmäßig seinen Sonderzug halten, um zu telefonieren. Jede Entscheidung, die ohne ihn hätte getroffen werden können, mußte vermieden werden. In Rastenburg traf er am 23. November ein, an jenem Tag also, an dem Manstein und Paulus hätten übereinkommen müssen, den Ausbruch zu wagen. Vermutlich aber wollten sie ihn gar nicht erwägen.
Hitler ließ sich berichten, innerlich entschlossen, die 6. Armee den ganzen Winter hindurch an der Wolga zu halten, damit sie im Frühsommer des nächsten Jahres ohne nennenswerten Widerstand bis zu den Ölfeldern des Kaukasus vorstoßen könne. Jeder Generalstäbler, sogar der an Franz Halders Stelle neu ernannte Chef
* Bei der Kapitulation bei Stalingrad am 31. Januar.
des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Kurt Zeitzler, wußte, daß dies heller Wahnsinn war. Hitler hatte sich von seinem Reichsmarschall Hermann Göring sagen lassen, was er hören wollte: Die Luftwaffe könne die Versorgung der Festung Stalingrad garantieren. Der empörte General Zeitzler ging in Boxstellung auf den Reichsmarschall los.
Aber hatte nicht auch Generalstabschef Hans Jeschonnek, dritter Mann der Luftwaffe, dem Führer im Sonderzug erklärt, man könne sehr wohl eine große Armee zeitweilig auf dem Luftwege versorgen? Jeschonnek hatte dies abstrakt gemeint. Wenige Monate nach dem Fall von Stalingrad beging er Selbstmord. Viele nahmen an, aus Anstand und Reue. Noch am 8. November hatte Hitler vor den alten Kämpfern des Jahres 1923 geprahlt, er wolle kein zweites Verdun in Stalingrad. Es genüge ihm, die dortigen Fabrikanlagen zu zerstören und den Verkehr auf der Lebensader Wolga zu unterbinden. Diejenigen, die ihn kannten, wußten, daß er freiwillig von diesem Ziel nicht würde lassen können.
So waren denn alle späteren Versuche des eingeschlossenen Paulus und des nicht eingeschlossenen Manstein von vornherein vergeblich. Hitler wollte von Rückzug nichts wissen. Als er schließlich Manstein erlaubte, Stalingrad Mitte Dezember zu entsetzen, war sowohl Hitler wie Paulus klar, daß die eingeschlossene Armee zu schwach geworden war, um der Entsatzarmee entgegen zu kommen. 48 Kilometer vor der "Festung" blieb die Entsatzarmee des Panzergenerals Hermann Hoth stecken. Der Ring der Roten Armee war inzwischen zu stark geworden.
Der immer wieder vorgetragene Vergleich zwischen dem eingeschlossenen General Paulus und dem Befehlshaber des zwangsweise Napoleon zugeteilten preußischen Korps unter General Ludwig Graf Yorck von Wartenburg 1812 in Tauroggen liegt völlig daneben. Yorck stieg aus dem verlorenen Rußlandfeldzug des Korsen aus. Er konnte selbständig handeln, weil er keine nachrichtliche Verbindung zu seinem König Friedrich Wilhelm III. hatte.
Am 22. Januar 1943 erreichte die 6. Armee ein Funkspruch Hitlers, dessen Ende lautete: "Sechste Armee hat damit einen historischen Beitrag in dem gewaltigsten Ringen der deutschen Geschichte geleistet."
* Mit Alfred Jodl und Wilhelm Keitel. ** Antony Beevor: "Stalingrad". Viking, London; 494 Seiten; 25 Pfund/C.Bertelsmann Verlag, München; 544 Seiten; 49,90 Mark. * Bei der Kapitulation bei Stalingrad am 31. Januar.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 19/1999
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