DER SPIEGEL



LITERATUR

Die Welt: ein Weiberrock

Von Gorris, Lothar

In Romanen wie "Der Buddha aus der Vorstadt" und Drehbüchern wie "Mein wunderbarer Waschsalon" schrieb er über Pop und Politik, Sex und Rassismus. Nun hat der britische Erfolgsautor Hanif Kureishi ein neues Thema gefunden: das Drama des modernen Mannes.

Jay muß ein Schwein sein. Seine beiden Söhne, drei und vier Jahre alt, hocken feist und fröhlich in der Badewanne, spielen mit den Quietsche-Entchen und schlagen Schaum. Sie juchzen und quieken, schreien und lachen. Und sind überhaupt so eins mit sich und dem Leben, daß ihnen die Liebeserklärung an den Vater zur umfassenden Bejahung des Daseins gerät: "Daddy, ich liebe die ganze Welt."

Glücklich sind sie, weil sie nicht ahnen, wie grausam das Leben ist. Denn Jay, der Daddy, das Schwein, sitzt auf dem Wannenrand und plant die Flucht. Die Welt liebt er schon lange nicht mehr und erst recht nicht die Mutter seiner Kinder. Morgen früh, wenn die Buben im Kindergarten sind, die Frau zur Arbeit gegangen ist, wird er die Kleinfamilienhölle verlassen und nie mehr wiederkommen. "Ich werde etwas tun, das sie verletzen und Narben hinterlassen wird."

Jay ist der Held im neuen Roman des britischen Schriftstellers Hanif Kureishi*, der früher einmal lustig-provokante Drehbücher und Romane aus der Welt der pakistanischen Einwanderer in London schrieb und als Popliterat berühmt wurde, weil in seinen Werken die Vorstädte brannten und schwule Skinheads sich mit schwulen Immigranten paarten. Seine Geschichten über Sex und Rock''n''Roll, Politik und Drogen machten ihn zum preisgekrönten Bestseller-Autor und Oscar-nominierten Drehbuchschreiber. Inzwischen ist er 44 Jahre alt und hat ein neues Thema gefunden: das Drama des modernen Mannes.

Bevor Kureishi seinen Protagonisten in die Freiheit schickt, beschreibt er auf gnadenlosen 160 Seiten den Haß und die Wut, die Verzweiflung und das Selbstmitleid eines Mannes, der sich alt fühlt, obwohl er die Jugend längst nicht überwunden hat; der die Liebe sucht und sie stets woanders wähnt; und der in Wahrheit gar kein Schwein ist, sondern nur ein ganz normaler Mann, der in den Trümmern des Geschlechterkriegs die Orientierung verloren hat.

In einer Art von innerem Monolog, oft rasant und manchmal

* Hanif Kureishi: "Rastlose Nähe". Kindler Verlag, München; 160 Seiten; 29,90 Mark.

atemlos geschrieben, berichtet Jay von der letzten Nacht, die er bei seiner Familie verbringt. Er erzählt von seinen Kindern, die er leidenschaftlich liebt, und davon, wie er sie dennoch aus Wut ins Bett wirft oder ihnen in die Windeln tritt, weil er sie in seiner Ungeduld als Zumutung für sein Leben empfindet. Er beschreibt die wenigen, zärtlichen Stunden mit Susan, seiner Partnerin, die tagsüber in einem Verlag arbeitet und abends versucht, eine gute Mutter zu sein. Er macht sich lustig über ihr "fettes, vom Flennen gerötetes Gesicht", ihre Beflissenheit, weil sie jedes normale Abendessen zum Candle-light-Dinner inszeniert, und ihre Marotte, im Bett Kochbücher zu lesen. "Sie glaubt, sie wäre Feministin, aber im Grunde ist sie nur schlecht gelaunt."

Jay will Susan nicht verstehen. Er hat mit sich selbst genug zu tun. Morgens geht er in sein Büro, um dort zu schreiben - und um seine Geliebte zu treffen. Auf dem Weg dorthin, im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße, stiert er fremden Frauen nach und stellt sich vor, welchen Spaß sie miteinander haben könnten. "Die Welt ist ein Rock, den ich hochheben möchte."

Natürlich weiß auch Jay, daß er Unverzeihliches plant: Er begeht Verrat an seinen Kindern und deren Mutter. Aber weil er sich alles schöndenken kann, verklärt er auch das als Aufbruch: "Nur der Verrat gewährleistet den Glauben an die Zukunft."

Von Zweifeln und Hoffnung, von Schuldgefühlen und Aufbruchseuphorie läßt sich Jay durch die Nacht treiben. Er versucht zu schlafen, geht spazieren, sucht seine Geliebte in einem Club; und als er zurückkommt in das Haus seiner Familie, schleicht er sich ins Badezimmer, nimmt sich Susans Faltencreme und Unterwäsche und denkt an Nina, seine Geliebte, während er masturbiert. "Ein Königreich für einen Orgasmus."

Als "Rastlose Nähe", das literarische Protokoll eines Mannes am Rande des Nervenzusammenbruchs, in Großbritannien erschien und rasch die Bestsellerlisten eroberte, hatten viele Kritiker schon den Daumen gesenkt: Die weiblichen Rezensenten von "Guardian" und "Observer" geißelten es als "pathologisch" und "unreif". Das Buch sei keine Literatur, sondern die peinliche Autobiographie eines durchgedrehten Machos. Seinem thematisch verwandten Bühnenstück "Sleep With Me", das Ende April in London uraufgeführt wurde, erging es nicht besser.

Zu offensichtlich sind die Ähnlichkeiten zwischen Jay und seinem Erfinder: Auch Kureishi hat seine Freundin, die früher einmal als Lektorin bei Kureishis Verlag arbeitete, und seine beiden Söhne verlassen; und wie Kureishi ist Jay für den Oscar nominiert worden. "Wie ich zu schreiben beliebe?" fragt sich Jay - und antwortet mit einem typischen Kureishi-Satz: "Mit einem weichen Bleistift und einem harten Schwanz."

Die Parallelen waren nicht nur den Kritikern aufgefallen. Schon bald meldeten sich die Frauen aus Kureishis Leben zu Wort: Die Schwester warf ihm vor, für den Erfolg seine Familie zu verkaufen; die Mutter beschimpfte ihn in Interviews als Rohling; und Tracey Scoffield schließlich, die verflossene Liebe, vermutete öffentlich böse Absicht: "Niemand glaubt ernsthaft, daß das Buch Fiktion ist. Das alles zeigt, wie wenig Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Kindern er besitzt."

Das war vor knapp einem Jahr, und wenn Kureishi heutzutage mit der Routine eines Popstars Journalisten aus Europa empfängt, tut er so, als ginge ihn das alles nichts an: "Die wollten wohl nur ein paar Dinge richtigstellen", sagt er. "Ich will Geschichten erzählen, und natürlich greife ich auf persönliche Erfahrungen zurück, aber Jay ist eine Figur, die ich erfunden habe."

Kureishi, Sohn eines Einwanderers aus Pakistan, sorgt seit Beginn seiner Karriere ständig für Ärger: Der Film "Mein wunderbarer Waschsalon" wurde zwar von der Kritik als Wiedergeburt des britischen Kinos gefeiert, doch in New York demonstrierten empörte Pakistanis vor den Kinos. Seine Tante schrieb ihm einen öffentlichen Brief, in dem sie ihm vorwarf, seine Familie und seine Landsleute zu verhöhnen.

Kureishi rächte sich, indem er sie als Figur in seinem zweiten Film "Sammy und Rosie tun es" einbaute - als radikale Lesbe. Wann immer Kureishi ein neues Werk veröffentlichte, stets meldeten sich alte Bekannte, die sich ausgebeutet fühlten: Mal war es eine alte Flamme, die sich als Nymphomanin verunglimpft sah, mal sein ehemaliger Dealer, der ihm als Vorlage diente für den Film "London Kills Me" über einen ausstiegswilligen Rauschgifthändler. In "Der Buddha aus der Vorstadt", seinem ersten Roman über die Jugendzeit in einem Londoner Vorort, beschrieb er den Punkrockstar Billy Idol, mit dem Kureishi die Schule besucht hatte, als bisexuellen Superhelden und den eigenen Vater als einen Ersatz-Guru, der gelangweilten Hausfrauen Seelenfrieden und Sinnesfreuden beschert. "Ich will einen Kosmos schaffen, in dem ich Gott bin und schreiben kann, was ich will", sagt Kureishi. "Ich will endlich einmal Macht spüren - und vielleicht auch Rache nehmen an dieser Welt."

Seine erste Schreibmaschine hatte ihm der Vater, der bei der pakistanischen Botschaft arbeitete, aus dem Büro mitgebracht. Und weil der kleine Kureishi nur wußte, daß er schreiben wollte, aber nicht, worüber, lernte er erst mal das Tippen. Eines Tages schließlich, er war 14 und in der Schule hatten sie gerade die Romane von C. S. Forester gelesen, fand er endlich sein Thema: "Damals habe ich nur über Popmusik nachgedacht und über die richtige Frisur. Aber in den Büchern, die ich als Teenager las, fand ich nichts davon." Er legte Jimi Hendrix'' "Purple Haze" auf, und seine Karriere als Schriftsteller begann.

Kureishi hat sich seitdem mit seinen Romanen und Kurzgeschichten, Bühnenstücken und Drehbüchern nicht nur als Schriftsteller einen Namen gemacht, sondern auch als einer der letzten Angry Young Men der britischen Literatur etablieren können. Er schwadronierte öffentlich über die Spermaflecken auf seinem Jackett bei der Gala zur Oscar-Verleihung und berichtete freimütig über seine Vergangenheit als Lohnschreiber für einen Porno-Verlag. Er beschimpfte England als autoritäres Rattenloch und erfand jede Menge Kalendersprüche für revolutionäre Literaten: Schriftsteller sollten Terroristen sein und ihre Worte Handgranaten; ein gutes Buch müsse Massenerektionen herbeiführen.

Heute gehört Kureishi, der Rächer, zum britischen Kulturestablishment. Er ist ein Freund von Salman Rushdie, geht mit Stars wie David Bowie aus. Aber wie es so ist, wenn der Erfolg aus Außenseitern Helden macht, sind Kureishi im Laufe der Jahre die Feinde ausgegangen: Maggie Thatcher hat sich aus der Politik verabschiedet; Popmusik gilt als museumsreif. Und nicht mal der Rassismus in Großbritannien scheint noch das zu sein, was er einst war: In seiner Jugend wurde Kureishi noch von weißen Jungs durch die Straßen gehetzt, heute gelten die Kinder der Einwanderer vom indischen Subkontinent in Londons Jugendkultur als stilbildend.

Dem Feind begegnete er statt dessen daheim in den eigenen vier Wänden. Die täglichen Scharmützel mit der Freundin ließen die Langeweile bald größer werden als die Liebe. Und wenn er seine beiden Kinder wickelte, reifte in ihm die Gewißheit, ein alter Mann zu sein, der um seine Manneskraft fürchten muß: Seine Jungs nehmen die Welt mit einem kräftigen Strahl unter Beschuß; er aber muß sich mächtig anstrengen, wie er Jay in "Rastlose Nähe" sagen läßt, "um einen halbwegs ordentlichen Bogen in die Schüssel zu schicken". Kureishi beschlich das schreckliche Gefühl, "daß alles vorbei ist".

Die Flucht erschien auch Kureishi allemal besser als die Langeweile. Er verließ Freundin und Kinder, schrieb sich in nur zwei Monaten seine Wut, seine Larmoyanz und seinen Traum vom ewigen Rock''n''Roll, vom Wunsch nach Ekstase und nie endender Leidenschaft von der Seele - und lebt inzwischen wieder mit einer neuen Frau zusammen. Die ist 20 Jahre jünger als er und hat Kureishi vor knapp einem Jahr ein drittes Kind geschenkt. "Daß sie soviel jünger ist", sagt Kureishi, "macht natürlich nichts einfacher."

Sein Markenzeichen, die langen Haare, hat er inzwischen abgeschnitten, allein die spitz rasierten Koteletten verraten noch den Rock''n''Roller. Warum er es doch noch mal gewagt habe, sich an Frau und Kinder zu binden? "Weil ich hoffentlich gelernt habe. Und weil die Liebe eine der letzten utopischen Ideen ist, die wir noch haben. Ich möchte mein Leben nicht alleine verbringen oder irgendwann meine Zeit damit ausfüllen, daß ich den ganzen Tag durch London fahre, um meine Kinder bei ihren Müttern zu besuchen." LOTHAR GORRIS

* Hanif Kureishi: "Rastlose Nähe". Kindler Verlag, München; 160 Seiten; 29,90 Mark.

DER SPIEGEL 19/1999
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