10.05.1999

RAUMFAHRT

Orgien von Rost und Kurzschluß

Von Glass, Henry

Mal leckten Rohre, mal sprühten Funken, dann wieder torkelte die von Exkrementen stinkende Station richtungslos durchs All - was die Besatzungen der "Mir" erdulden mußten, war weitaus schlimmer als bislang bekannt. Ein US-Autor ist den zahllosen Pannen nachgegangen, die den Insassen der orbitalen Schrottlaube das Leben zur Hölle machten.

Sorgsam hüserte sich der Astronaut Jerry Linenger über die Bordtoilette und verrichtete schwebend seine Notdurft - ein kleiner Shit für ihn, aber ein großer für die Menschheit, jedenfalls für den Teil von ihr, der auf der russischen Weltraumstation "Mir" im Chaos zu verstinken drohte.

Schrecklicher als jeder Kalauer war der Spott, der den Amerikaner in Form von Komplimenten ereilte, als es ihm zum erstenmal gelang, die etwas kapriziöse Vakuumpumpe des Stations-Klos zum Absaugen seiner Exkremente zu veranlassen; die vorherigen Male hatte sie das Gegenteil getan - die Folgen waren unschön, aber harmlos im Vergleich zu dem, was dort oben auf der Mir sonst noch alles danebenging.

Erst jetzt erfährt die Welt die ganze Wahrheit über die orbitale Schrottlaube, die seit über 13 Jahren um die Erde kreist - mit mehr und weit bizarreren Defekten, als bislang bekannt und selbst Kennern russischer Verschweigementalität vorstellbar war.

Leckende Rohre am laufenden Meter, funkensprühende Relais ohne Zahl, un-

* Nach dem mißlungenen Andockmanöver vom 25. Juni 1997.

dichte Raumanzüge, klemmende Ventile, defekte Sensoren, Filter ohne Filtrierwirkung und Steuerdüsen mit Kamikaze-Neigung, dazu die verflixten Gyroskope, deren Versagen die Station immer wieder torkeln ließ wie einen Russen auf Sauftour: Irgend etwas war immer kaputt auf der Mir, weshalb die Kosmonauten, die gern vom konspirativ eingeflogenen Wodka schluckten, zum Schluß drei Viertel ihrer Zeit mit Reparieren zubrachten.

Darunter litten im Laufe der Jahre auch die ästhetischen Valeurs der Station, von deren wahrem Zustand die bekannten Bilder einen nur unzureichenden Eindruck vermitteln: In Wirklichkeit sieht das Innere der Mir aus, als hätten sich etwas sehr konfuse Anhänger der Do-it-yourself-Bewegung aus den Überresten eines Ufos ein behelfsmäßiges Zuhause gebastelt.

Und dann waren da noch die Aliens. Zwischen 1995 und 1998 lieferte die Nasa mit ihrem Space Shuttle einen Amerikaner nach dem anderen an, die den Russen allesamt so fremd und seltsam deuchten wie Besucher von einem sehr anderen Stern.

Die Yankees unterbreiteten den russischen Kommandanten der Mir doch tatsächlich Gegenvorschläge, funkten ihre Fehlleistungen für alle Welt hörbar zur Erde und mokierten sich über die oftmals überforderte Bodencrew im Moskauer Kontrollzentrum; entsprechend harmoniefrei gestaltete sich das Verhältnis zwischen den russischen Raumfahrern und ihren amerikanischen Logiergästen an Bord der Mir, auf der es mitunter zuging wie in einer Mischung aus Kindergarten, Komödienstadl und offener Psychiatrie.

Rot wie einst der Osten sind die Ohren der Raumfahrtgewaltigen in Rußland wie in den USA, seitdem der amerikanische Autor Bryan Burrough in einer jüngst erschienenen Dokumentation enthüllt hat: Das binationale Projekt, unheilkündender Vorläufer der Internationalen Raumstation (ISS), war eine Pleite sondergleichen**.

Eigentlich sollte die derangierte Mir, so war es geplant und mit den amerikanischen ISS-Partnern abgesprochen, im August mit dem Rücksturz zur Erde beginnen. Doch vorletzte Woche ließen die Russen durchblicken, sie wollten ihr sublunares Männerwohnheim bis auf weiteres im Orbit halten - reichlich Gelegenheit also für ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Mir-Betriebsstörungen.

Wie Szenarien aus dem Reich des Irrsinns, Unterabteilung Raumfahrt, lesen sich Burroughs penibel recherchierte Berichte über technische Fehler, hirnsträubende Schlampereien und Beinahe-Katastrophen auf der Mir.

Der größte Unglücksfall bahnte sich an, als Kommandant Wassilij Ziblijew eines Tages eine Art Heimfahrrad mit zwei Joysticks als Lenker aufstellte und einem erstaunten Jerry Linenger eröffnete, er werde damit die unbemannte Versorgungssonde "Progress" an die Mir andocken; zwar habe er das Fernsteuer-Manöver nicht üben können, weil seinen Vorgesetzten das entsprechende Simulationsprogramm (Entwicklungskosten: 5000 Dollar) zu teuer war - aber keine Bange, ihm und russischer Technik könne man voll vertrauen.

Damit tat sich der Amerikaner allerdings schwer, nachdem sich gerade eine Woche vorher eine Sauerstoffkartusche entzündet und die Mir fast abgefackelt hatte - unter anderem weil es keiner der Kosmonauten je für nötig befunden hatte, die Sicherungs-Strapse zu lösen, mit denen die Feuerlöscher einst für den Start festgezurrt worden waren; gleichfalls nicht funktionsbereit war die Sauerstoffmaske, nach der Linenger als erstes griff.

Seine damalige Angst war aber nichts gegen die Panik, die ihn beim Näherkommen der Progress-Sonde ergriff: Ihr Kurs gemahnte an das hilflose Herumgekurve, das man auf Erden von Verkehrsübungsplätzen her kennt - pures Glück, daß der sieben Meter lange Transporter knapp an der Mir vorbeiglitt.

Mit ihm verschwand auch der schöne Wodka im All, den fürsorgliches Bodenpersonal nebst ausreichend Zigaretten in der Progress zu deponieren pflegte - versteckt in Behältnissen mit der Aufschrift "Psychologische Unterstützung".

Gar nicht komisch fanden es die Männer von der Nasa hingegen, daß

* die Kosmonauten oft wie auf dem Kasernenhof mit ihnen sprachen oder, umgekehrt, in jenem bemüht geduldigen Ton, den Kindergärtnerinnen für ihre schweren Fälle reserviert haben;

* Russen und Amerikaner um so weniger miteinander zurechtkamen, je länger man sie auf der Mir zusammensperrte - ein Umstand, der Gegner der bemannten Raumfahrt in ihrer Ansicht bestärkt, daß die Zukunft des Menschen in seiner artgerechten Freiland- und Bodenhaltung liegt und nicht in einer Kapsel im Weltraum;

* die russischen Psychologen sich bei der Tauglichkeitsprüfung amerikanischer

* Mit Kommandant Ziblijew (vorn), dem deutschen Astronauten Reinhold Ewald (Mitte) und seinem russichen Kollegen Alexander Lasuktin (oben).

** Bryan Burrough: "Dragonfly". Fourth Estate London; 418 Seiten; 14,90 Pfund.

Mir-Kandidaten eines Verfahrens na- mens Sozionik bedienten, über das sie nur verraten mochten, daß es von einer Frau aus Litauen stamme - ein Affront für die US-Astronauten, die schon ihre eigenen Psychologen für Scharlatane halten;

* die Kosmonauten jede noch so blödsinnige Anweisung befolgten, die ihnen die Bodenkontrolle gab. So stachen sie sich zum Beispiel immer wieder folgsam in die Fingerkuppen, um Blut für ein altertümliches Analysegerät zu gewinnen, das längst defekt war und daher Blutwerte lieferte, denen zufolge die Mir von lebenden Leichen bewohnt sein mußte.

Solcher Kadavergehorsam war eine der Ursachen dafür, daß es dreieinhalb Monate später beim nächsten Andockmanöver am 25. Juni 1997 dann wirklich krachte: Der Transporter riß ein Loch in die Außenhaut der Mir, aus der die Luft zischend zu entweichen begann - Folge eines geradezu unglaublichen Hasardspiels russischer Raumfahrtverantwortlicher.

Die hatten verfügt, daß auf die Computer, die früher das Ankoppeln der Transporter an die Mir gesteuert hatten, in Zukunft zu verzichten sei. Denn trotz üppiger Nasa-Zahlungen von 400 Millionen Dollar an die Russen war, anders als für die neuen Luxusvillen neben dem Kosmonautenzentrum nahe Moskau, für die teuren Bauteile kein Geld mehr da.

Immerhin spendierten die Raumfahrtbosse dem Progress-Transporter eine Videokamera, die kurz vor dem Andocken auf die Mir ausgerichtet werden und dem Kommandanten so beim Manövrieren helfen sollte. Das tat sie aber nicht, weil der Flugdatenfunk der Sonde die Übertragung der Kamerabilder störte - der Monitor auf der Mir blieb schwarz, blind kurvte Wassilij Ziblijew die Progress unter der Mir hindurch.

Um ihm beim Koppel-Manöver vom 25. Juni die visuelle Orientierung zu ermöglichen, verfielen die Männer von der Bodenkontrolle auf eine schier wahnwitzige Idee: Sie schalteten den Flugdatenfunk ab und befahlen Ziblijew, die Annäherungsgeschwindigkeit der Progress per Hand zu ermitteln - mit Stoppuhr und Entfernungsmesser.

Leider hatten die Experten dabei nicht bedacht, daß ein Entfernungsmesser nur dann funktioniert, wenn Sichtkontakt zum Bestimmungsobjekt besteht - unmöglich auf der Mir, die aufgrund ihrer vielen Sonnensegel fast blickdicht ist. So wußte Ziblijew zwar, von woher sich die Progress näherte, nicht aber mit welchem Tempo, was bei Präzisions-Manövern in der Schwerelosigkeit mit Scheitern gleichbedeutend ist.

Als nach der Kollision ein System nach dem anderen ausfiel, die Atemluft dünn und die Mir immer noch nicht evakuiert wurde, fand Michael Foale, der damalige US-Resident auf der Mir, seinen vorher gesprächsweise gewonnenen Eindruck bestätigt: Kosmonauten würden alles tun, sogar sterben, um die Station zu retten - als müßten sie, nachdem Rußland schon die Sache mit der Weltrevolution vergeigt hat, wenigstens im Weltraum die Stellung halten.

Das fordern zumindest die russischen Raumfahrtchefs, die gern die Knochen ihrer Kosmonauten fürs Vaterland hinhalten: "Ihr macht zuviel Aufhebens um die Gesundheit des Personals", raunzte etwa Flugdirektor Wiktor Blagow, ein nur mäßig dekontaminierter Kommunist, als sich seine US-Kollegen Sorgen um mögliches Giftgas in der Atemluft der Mir machten.

Gänzlich schockiert waren die Amerikaner, die ein etwas distanzierteres Verhältnis zum Heldentod haben, als ihnen klar wurde, daß viele der konstruktiven Veränderungen an Modulen, Systemen und Leitungsnetzen der Mir nicht dokumentiert worden waren - eine arbeitsplatzsichernde Maßnahme russischer Raumfahrtingenieure, die ihr gesammeltes Herrschaftswissen in privat verwahrten Notizen oder der Erinnerung aufbewahren.

Diese postsozialistische Variante des Kündigungsschutzes erklärt auch das von großräumiger Verwüstung begleitete Suchen, das viele Reparaturen kennzeichnete - etwa wenn der entsprechende Wissensträger im Krisenfall nicht greifbar war, weil er gerade einer Zweitbeschäftigung nachging.

Quadratmeterweise rissen die Kosmonauten dann die Panele von den Wänden, hinter denen der Rost mit dem Kurzschluß Orgien feierte; meist bis in den frühen Morgen wühlten sie in den Eingeweiden der Mir herum - mal dem Verlauf kokelnder Kabelbäume nachspürend, mal bis dahin nie gekannte Windungen des Kühlkreislaufs ertastend, aus denen das Glykol entwich. Dann bekam der ohnehin magenstülpende Grundgeruch auf der Mir eine süßliche Obernote, die an in Sirup marinierten Faulfisch gemahnte.

Ob zwischendurch auch amerikanische Notdurft zum Aroma auf der Station beitrug, hing von den Launen der Toilettenpumpe ab; diese offenbarten sich durch ein bezeichnendes Blinken der Kontrollleuchten, das schließlich auch Jerry Linenger korrekt zu deuten lernte.

Als nach der Kollision auch das Klo ausfiel, kam die Rettung aus Deutschland - in Form von Sanitärtüten und Kondomen, die der BRD-Astronaut Reinhold Ewald kurz vorher aus rein wissenschaftlichen Beweggründen mit an Bord gebracht hatte. HENRY GLASS

* Nach dem mißlungenen Andockmanöver vom 25. Juni 1997. * Mit Kommandant Ziblijew (vorn), dem deutschen Astronauten Reinhold Ewald (Mitte) und seinem russichen Kollegen Alexander Lasuktin (oben). ** Bryan Burrough: "Dragonfly". Fourth Estate London; 418 Seiten; 14,90 Pfund.

DER SPIEGEL 19/1999
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