14.03.2015

Hockey„Ich mache mir Druck“

Yvonne Frank ist Nationaltorhüterin und Polizistin. Um Sport und Beruf zu meistern, führt sie ein Leben voller Kompromisse.
Frank, 35, hat an zwei Olympischen Spielen teilgenommen. Ende Februar gewann sie mit dem Uhlenhorster Hockey-Club (UHC) den Europapokal. Sie arbeitet als Oberkommissarin bei der Hamburger Polizei.
SPIEGEL: Frau Frank, wann hatten Sie das letzte Mal einen Tag nur für sich?
Frank: Das ist lange her. Sommer 2013, während der Reha-Phase. Ich war an der Hüfte verletzt und musste eine Saison pausieren.
SPIEGEL: Sie arbeiten als Polizistin. Außerdem spielen Sie Hockey in der Nationalmannschaft und beim UHC. Wie gelingt Ihnen dieses Doppelleben?
Frank: Ich muss es immer aufs Neue schaffen, mich voll und ganz auf meine Aufgabe zu konzentrieren. In den besonders intensiven Phasen denke ich nicht mehr darüber nach, was der Tag so bringt - ich erledige ihn. Ich hinterfrage nicht: Bin ich müde, komme ich mit dem Stress klar? Es muss klappen.
SPIEGEL: Wie sieht Ihr typischer Tag aus?
Frank: Ich stehe um sieben Uhr früh auf, trainiere dann meist am Olympiastützpunkt Kraft und Fitness. Anschließend gehe ich auf die Wache. Früher war ich häufig auf Streife, mittlerweile sitze ich mehr am Schreibtisch. Abends gehe ich wieder zum Training.
SPIEGEL: Wie viele Tage im Jahr sind Sie auf Reisen?
Frank: Ich habe mir diese Tage kürzlich im Kalender mit einem rosa Stift markiert. Danach hatte er kaum noch weiße Stellen. Die vergangenen Monate war ich kaum zu Hause. Anfang Januar waren Spiele der Hallenbundesliga. Am letzten Januarwochenende fand die Endrunde um die deutsche Meisterschaft in Berlin statt. Am selben Sonntag bin ich für die Nationalmannschaft nach Leipzig zur Hallen-WM gereist. Die Woche darauf ging es dann mit dem Verein nach Litauen zum Hallen-Europapokal.
SPIEGEL: Was sagt Ihr Lebenspartner dazu?
Frank: Es geht nur mit Kompromissbereitschaft. Wenn wir uns wochenlang nicht sehen, muss ich das Training reduzieren, um mehr Zeit für meine Beziehung zu haben. Es ist eine Frage der Organisation.
SPIEGEL: Tolerieren die Kollegen bei der Polizei Ihre Hockeykarriere?
Frank: Sie unterstützen mich, auch meine Vorgesetzten. Sie finden es toll, wie ich Sport und Beruf unter einen Hut bekomme, und freuen sich mit mir über Erfolge.
SPIEGEL: Kein böses Wort, weil Sie zu einem Spiel müssen, statt Dienst zu leisten?
Frank: Nein, den Druck mache ich mir selber. Ich bin von meinen Eltern so erzogen worden, dass ich nicht wegrenne, wenn viel Arbeit ansteht. Es fällt mir schwer, den Kollegen zu sagen: Viel Spaß auf der Demo, ich muss zum Hockeylehrgang. Aber man muss es sachlich sehen.
SPIEGEL: Inwiefern?
Frank: Ich arbeite nur 30 Stunden pro Woche und verzichte auf eine volle Stelle, um Hockey spielen zu können.
SPIEGEL: Und diese Rechnung geht auf?
Frank: Die Polizei bezahlt mir natürlich nur die Stunden, die ich arbeite. Allerdings unterstützen mich die Deutsche Sporthilfe und die Stadtförderung Hamburg. Mein Verein, der UHC, bezahlt mir eine Übungsleiterpauschale. Am Ende komme ich auf ein Gehalt, das vergleichbar ist mit einer Vollzeitstelle bei der Polizei - wenn ich gesund bleibe.
SPIEGEL: Ansonsten?
Frank: Kürzt mir die Sporthilfe die Unterstützung. Als ich im Sommer 2013 nicht spielen konnte und somit auch nicht Teil des nationalen A-Kaders war, bekam ich weniger Geld überwiesen. Die Stadtförderung Hamburg stoppte die Zahlungen ganz, seit meiner Genesung unterstützt sie mich aber wieder. Verletzungen sind mein Risiko.
SPIEGEL: Wie wirkt sich der Leistungssport auf Ihre berufliche Karriere aus?
Frank: Als Mannschaftssportlerin bin ich teamfähig, als Leistungssportlerin stressresistent. Das ist auch meinen Kollegen und Vorgesetzten bei der Polizei aufgefallen. Wenn ich mich aber hundertprozentig auf meinen Beruf konzentrieren würde, könnte ich dort vermutlich weiter sein.
SPIEGEL: Was ist für Sie der Nachteil?
Frank: Die Regularien für Beförderungen bei der Hamburger Polizei ändern sich öfter. Ich schaffe es einfach nicht, mich mit solchen karrieretechnischen Fragen zu beschäftigen. Mein Fokus liegt aktuell auf dem Hockey, weniger auf dem Beruf.
SPIEGEL: Wären Sie froh, wenn Sie vom Hockey leben könnten?
Frank: Natürlich gibt es Momente, in denen ich mir wünsche, mich ganz auf den Sport konzentrieren zu können. Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, bin ich froh, Polizistin zu sein.
SPIEGEL: Weil Sie eine gesicherte Zukunft haben?
Frank: Ja, und wegen der Kollegen und deren meist anderer Sichtweise. Wenn ich nach einem zweiten Platz niedergeschlagen auf die Wache komme, jubeln sie über das Ergebnis. In diesem Punkt haben sie einen entspannteren Blick - und einfach recht.
Interview: Kevin Schrein
Von Kevin Schrein

DER SPIEGEL 12/2015
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