14.03.2015

SPIEGEL-Gespräch„Unsere Trägheit ist die größte Gefahr“

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek ist einer der kühnsten Intellektuellen Europas und ein bekennender Linker. In der Auseinandersetzung mit dem Islamismus plädiert er gegen zu viel Toleranz und für eine europäische Leitkultur der Aufklärung.
Professor will Slavoj Žižek nicht genannt werden. Werde er so angeredet, blicke er über die Schulter zurück, um zu schauen, wo der Professor sei, scherzt er. Tatsächlich hat er nur selten an der Universität gelehrt. Žižek, 65, wirkt durch seinen immensen Ausstoß an Büchern, Essays, Artikeln und Kolumnen. Seine Vorträge und weltweiten Auftritte haben ihn zu einem der bekanntesten Denker und Kulturtheoretiker der Gegenwart gemacht.
Trotz seines Einflusses lässt sich sein philosophischer und politischer Standort nicht leicht bestimmen. Geboren in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, wo er immer noch lebt, gehörte er der Kommunistischen Partei bis zu seinem Austritt 1988 an. Sein Verhältnis zu den Parteiinstanzen war belastet, weil seine Ideen als zu wenig orthodox marxistisch galten; eine Professur an der Universität seiner Heimatstadt blieb ihm versagt. Er konnte jedoch von 1981 bis 1985 in Paris studieren, wo er sich insbesondere mit der Psychoanalyse von Jacques Lacan befasste. Vor der Auflösung Jugoslawiens war er 1990 Präsidiumskandidat für die Liberaldemokraten Sloweniens, obwohl er dem politischen Liberalismus äußerst kritisch gegenübersteht: Er hält ihn für saft- und kraftlos.
Žižeks Denken, am deutschen Idealismus, an Hegel und Marx orientiert, kreist um das Werden des autonomen Subjekts und dessen Gefangenheit in wechselnden Ideologien und Identitäten. Von Lateinamerika bis Asien ist er als Kritiker des globalen Kapitalismus und Wortführer linker Protestbewegungen gefragt. Der Schock über die terroristischen Mordanschläge in Paris veranlasste ihn, eine philosophische Streitschrift über den Islam und die Moderne zu verfassen(*). Darin beschäftigt er sich mit dem Riss zwischen der Toleranz der westlichen Welt und dem fundamentalistischen Hass des radikalen Islam auf den westlichen Liberalismus. Der Westen, so sein Plädoyer, muss auf dem Erbe der Aufklärung und seinen universellen Werten bestehen. Nur durch sie und eine erneuerte Linke lasse sich die wahre Volkssouveränität verteidigen.
SPIEGEL: Herr Žižek, die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie anfällig das System der freien Marktwirtschaft ist, das seine Befürworter nach dem Ende des Kommunismus für alternativlos hielten. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Widersprüche des zeitgenössischen Kapitalismus aufzuspießen. Erwarten Sie eine neue Revolution?
Žižek: Leider nicht.
SPIEGEL: Aber Sie würden sie gern erleben? Sind Sie noch ein Kommunist?
Žižek: Viele halten mich für so einen verrückten Marxisten, der auf das Ende der
Zeiten wartet. Ich bin vielleicht ziemlich exzentrisch, aber ich bin kein Wirrkopf. Ich bin Kommunist in Ermangelung eines Besseren, aus Verzweiflung über die Lage Europas. Vor einem halben Jahr war ich in Südkorea und hielt Vorträge über die Krise des globalen Kapitalismus, das Übliche, Sie wissen schon, bla, bla, bla. Da fingen die Zuhörer an zu lachen und sagten: Wovon reden Sie? Schauen Sie auf uns - China, Südkorea, Singapur, Vietnam -, wir schlagen uns doch ökonomisch ganz gut. Wer also steckt in der Krise? Ihr! Ihr in Westeuropa, genauer: in Teilen Westeuropas.
SPIEGEL: So einfach ist es ja wohl nicht.
Žižek: Dennoch ist etwas dran. Warum empfinden wir Europäer unsere missliche Lage als eine ausgewachsene Krise? Ich glaube, weil wir spüren, dass es nicht nur um Kapitalismus ja oder nein geht, sondern um die Zukunft unserer westlichen Demokratie. Am Horizont zieht etwas Dunkles herauf, die ersten Windstürme haben uns schon erreicht.
SPIEGEL: Die Wirtschaftskrise könnte in eine politische Krise münden?
Žižek: China, Singapur, Indien oder - näher bei uns - neuerdings die Türkei verheißen nichts Gutes für die Zukunft. Ich glaube, dass der moderne Kapitalismus sich in eine Richtung entwickelt, in der er ohne ausgebildete Demokratie besser funktioniert. Der Aufstieg des sogenannten Kapitalismus mit asiatischen Werten in den vergangenen zehn Jahren wirft jedenfalls Zweifel und Fragen auf: Was ist, wenn der autoritäre Kapitalismus nach chinesischem Modell das Zeichen dafür ist, dass die liberale Demokratie, wie wir sie verstehen, nicht mehr länger eine Bedingung und Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung ist, sondern dieser im Weg steht?
SPIEGEL: Die Demokratie ist nicht dafür da, dem Kapitalismus den Weg zu ebnen, sondern den Gefahren, die in ihm schlummern, entgegenzuwirken. Das macht sie erst recht unersetzlich.
Žižek: Dafür muss sie mehr sein als das Prinzip der freien Wahl. Wahlfreiheit kann eine Gesellschaft in alle möglichen Richtungen lenken. An diesem Punkt bin ich Leninist. Lenin fragte immer ironisch: Freiheit für wen, Freiheit wofür?
SPIEGEL: Die Freiheit, über mein Leben selbst zu bestimmen. Und dazu gehört zuallererst auch Rede- und Meinungsfreiheit.
Žižek: Großartig! Ich bin kein Stalinist, der sich über die bürgerlichen Freiheiten mokiert und die Parteilinie als die wahre, die eigentliche Freiheit verkündet. Im persönlichen und im privaten Bereich nimmt die Entscheidungsfreiheit zu, auch in China. Ich meine damit Bereiche wie sexuelle Freiheit, Reisefreiheit, Gewerbefreiheit, die Freiheit, reich zu werden. Aber ich frage mich, ob das genug ist, ob diese Art persönlicher Wahlfreiheit nicht eine Falle ist. Der Gewinn an persönlicher Freiheit überdeckt den Verlust an sozialer Freiheit. Der klassische Sozialstaat wird demontiert. Wir verlieren aus dem Blick, wohin der gesellschaftliche Prozess steuert, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen. Das Feld der Optionen, innerhalb dessen wir unsere individuelle Freiheit ausleben können, müsste neu abgesteckt werden.
SPIEGEL: In anderen Worten, Sie vermissen eine Systemdebatte. Die haben die 68er schon einmal geführt, ohne Ergebnis, außer eben im Zugewinn an liberalen, bürgerlichen Freiheiten. Lauert nicht in der Mobilisierung des kollektiven Willens zur Überwindung des Bestehenden, anders als im individuellen Freiheitswillen, die totalitäre Versuchung?
Žižek: Das 20. Jahrhundert ist vorbei. Ein totalitäres Regime ist auf Dauer nicht lebensfähig. Wir müssen die große Frage nach der Ausweitung der demokratischen Freiheitszone, nach dem Prozess der kollektiven Selbstemanzipation neu stellen, wenn wir unser westliches Selbstverständnis erhalten wollen. An diesem Punkt ist Europa am meisten bedroht. Ich bin ein eurozentrischer Linker. In linken Kreisen ist es modisch geworden, den Eurozentrismus im Namen des Multikulturalismus zu kritisieren. Ich bin dagegen überzeugt, dass wir Europa mehr denn je brauchen. Stellen Sie sich eine Welt ohne Europa vor: Übrig blieben zwei Pole, die USA mit ihrem brutalen Neoliberalismus und der sogenannte asiatische Kapitalismus mit seinen autoritären politischen Strukturen. Dazwischen noch Putins Russland mit seinen Expansionsbestrebungen. Verloren wäre der wertvollste Teil des europäischen Erbes, in dem Demokratie eine Freiheit des kollektiven Handelns umfasst, ohne die Gleichheit und Gerechtigkeit nicht möglich sind.
SPIEGEL: Das ist das Erbe der Aufklärung, der Übergang von Unmündigkeit und erlittener Notwendigkeit zu einer autonomen Selbstbestimmung.
Žižek: Ganz genau! Ich gehöre zwar nicht zu den besten Freunden von Jürgen Habermas, aber in diesem Punkt stimme ich völlig mit ihm überein. Wir sollten mehr denn je am gefährdeten Projekt der europäischen Aufklärung festhalten. Nur mit ihm lassen sich die Konturen dessen verändern, was überhaupt als möglich und machbar erscheint.
SPIEGEL: Ist mit diesem Ansinnen die liberale Demokratie nicht überfordert?
Žižek: Ja, wir sollten über die liberale Demokratie hinausgehen. Die alltägliche Demokratie funktioniert doch so, dass die Mehrheit der Bürger sich mit dem Anschein der Wahlfreiheit zufriedengibt, in Wirklichkeit aber dem folgt, was man ihnen sagt. Es ist bezeichnend, dass die beliebteste Regierungsform für die Deutschen die Große Koalition ist. Aus Angst, wirklich radikale, wegweisende Entscheidungen treffen zu müssen, wird so getan, als ergäben sich die Entscheidungen von selbst, aus den Umständen, den Sachzwängen, den vorgegebenen Bedingungen heraus. Es käme aber darauf an, das Sinnfeld auch mal zu verändern, statt es nur geschickt zu analysieren und sich daran anzupassen. Die Herausbildung eines Allgemeinwillens, einer Volonté générale im Sinne Rousseaus, findet so nicht statt. Die Willensbildung bleibt individualisiert und privatisiert, und damit letztlich unpolitisch. Der Kapitalismus kommt damit bestens zurecht, denn die liberal-demokratische Freiheit und der individualisierte Hedonismus mobilisieren die Menschen für seine Zwecke, indem sie sie in Workaholics verwandeln.
SPIEGEL: Was wäre die Alternative?
Žižek: Es gibt keinen Weg zurück zum Kommunismus. Der Stalinismus war in gewisser Weise schlimmer als der Faschismus, gerade weil der Kommunismus seinem ideellen Anspruch nach die Aufklärung als Selbstbefreiung des Menschen vollenden wollte. Hierin liegt die Tragödie der Dialektik der Aufklärung. Für mich ist der Stalinismus immer noch ein Rätsel. Der Faschismus hatte nie eine aufklärerische Ambition, er verfolgte lediglich eine konservative Modernisierung mit kriminellen Mitteln. Hitler war in gewisser Weise nicht radikal, nicht gewaltsam genug.
SPIEGEL: Was? Das ist jetzt eine nicht ernst gemeinte Provokation?
Žižek: Ich will damit sagen, dass der Faschismus zwar eine Reaktion auf die bürgerliche Banalität und Selbstzufriedenheit darstellte, aber innerhalb des Horizonts der bürgerlichen Gesellschaft gefangen blieb und ebenjene Selbstzufriedenheit aufrechterhielt. Ich teile Walter Benjamins Einsicht, dass jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeugt. Der Erfolg des Faschismus ist das Versagen der Linken, er beweist, dass es ein revolutionäres Potenzial gab, dass die Linke es jedoch nicht zu nutzen verstand.
SPIEGEL: Wie ist es denn um die Grundwerte des Liberalismus, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, heute bestellt? Ist die liberale Demokratie stark genug, sich vor illiberalen Angriffen zu schützen?
Žižek: Ich bezweifle, dass sie den Herausforderungen gewachsen ist. Das globale kapitalistische System nähert sich einem gefährlichen Nullpunkt. Seine vier apokalyptischen Reiter sind die Klimakatastrophe, die unübersehbaren Konsequenzen der biogenetischen Forschung, die fehlende Selbstregulierung der Finanzmärkte und die wachsende Zahl von Menschen, die ausgeschlossen bleiben: Je globaler die Märkte werden, umso stärker werden die Kräfte einer sozialen Apartheid.
SPIEGEL: Die Gefahren sind doch erkannt, sie werden breit diskutiert. Taumeln wir dennoch ohnmächtig auf den Abgrund zu?
Žižek: Das Fehlen einer klaren Alternative kann nicht bedeuten, dass wir einfach so weitermachen wie bisher. Wenn das existierende System sich weiter reproduziert, steuern wir auf seine Implosion zu. Einzig eine erneuerte Linke vermag die zentralen Werte der liberalen Demokratie zu retten. Versäumt die Linke diese Chance, wächst die Gefahr eines neuen Faschismus oder zumindest eines neuen Autoritarismus.
SPIEGEL: Die Tendenzen lassen sich jetzt schon beobachten: im religiösen Fundamentalismus, im Rechtspopulismus und in einem aggressiven Nationalismus.
Žižek: Richtig. Die Antwort darauf darf nicht in der gewohnten, eingefahrenen Reaktion des Liberalismus liegen - Toleranz und Verständnis. Nein! Damit wird sich der Liberalismus nach und nach selbst unterminieren. Wir haben das Recht, Grenzen zu setzen. Wir fühlen uns zu schuldig in Europa, unsere multikulturelle Toleranz ist Ausfluss des schlechten Gewissens, eines Schuldkomplexes, an dem Europa zugrunde gehen kann. Die größte Gefahr für Europa ist seine Trägheit, seine Zuflucht in eine Kultur der Gleichgültigkeit und des allgemeinen Relativismus. Da werde ich dogmatisch. Freiheit lässt sich nicht ohne einen gewissen Dogmatismus aufrechterhalten. Ich will nicht einfach alles in Zweifel ziehen, infrage stellen lassen. Der freiheitliche Dogmatismus gründet in dem, was Hegel die sittliche Substanz nannte. Deshalb bin ich auch gegen jede Form der politischen Korrektheit: Diese versucht, etwas mit gesellschaftlichen und rechtlichen Verboten zu regeln, was integraler Bestandteil unserer sittlichen Substanz sein sollte.
SPIEGEL: Hat nicht jede Kultur ihre Schmerzstellen der Intoleranz - bis hierhin, aber nicht weiter?
Žižek: Es gibt Dinge, die unmöglich zu ertragen sind, "l'impossible-à-supporter", wie Jacques Lacan es genannt hat. Was würde geschehen, wenn sich irgendeine Zeitschrift offen über den Holocaust lustig machte? Was ist mit Witzen, die als sexistisch oder rassistisch empfunden werden? Die linksliberale oder libertäre Haltung der allgemeinen Ironie oder Spottlust tendiert dazu, sich in ihr Gegenteil zu verkehren: in eine gesteigerte Empfindlichkeit für die Verletzlichkeit des anderen. Wissen Sie, ein guter Test für die Toleranzschwelle zwischen verschiedenen Kulturkreisen sind obszöne Witze. Ich liebe sie.
SPIEGEL: Da bin ich versucht zu fragen, im Ernst?
Žižek: Im früheren Jugoslawien hatte jede Teilrepublik einen Witz über die andere. Montenegriner zum Beispiel gelten als faul. In Montenegro kommen Erdbeben vor. Warum also steckt ein Montenegriner seinen Schwanz in jedes Erdloch oder in eine Felsspalte? Er wartet auf das nächste Erdbeben, weil er zu faul zum Masturbieren ist. Oder nehmen Sie den jüdischen Witz - der kann wunderbar in seiner Selbstverspottung sein. Kennen Sie den? Eine polnischstämmige Jüdin - die gelten als besonders schwerblütig - putzt in gebückter Haltung den Fliesenboden, als ihr Mann nach Hause kommt, ihren ausgestreckten Hintern sieht, ihr erregt den Rock hochzieht und sie von hinten nimmt. Nachdem er fertig ist, fragt er die Frau, ob sie ebenfalls zum Ende gekommen sei. Antwort: Nein, ich habe noch drei Reihen Fliesen vor mir. Ohne einen solchen Austausch von Obszönitäten gibt es keinen echten Kontakt miteinander, nur kalten Respekt.
SPIEGEL: Auf die Belastbarkeit solcher Tests würde ich nicht allzu sehr vertrauen.
Žižek: Es gibt Grenzen, sicherlich. Zu einem explosiven Problem kommt es dann, wenn zwei ethnische oder religiöse Gruppen in enger Nachbarschaft zusammenleben, aber über unvereinbare Lebensweisen verfügen, also Kritik an ihrer Religion oder ihrer Lebensweise als Angriff auf ihre Identität als solche empfinden.
SPIEGEL: Liegt nicht genau darin der Sprengstoff der populär gewordenen Feststellung, auch der Islam gehöre zu Europa?
Žižek: Toleranz ist dafür keine Lösung. Was wir brauchen, ist eine übergeordnete Leitkultur, die regelt, auf welche Weise die Subkulturen interagieren. Der Multikulturalismus mit seinem wechselseitigen Respekt für die Empfindlichkeiten des anderen funktioniert nicht mehr, wenn es zu diesem "impossible-à-supporter" kommt. Strenge Muslime finden unsere blasphemischen Bilder und unseren rücksichtslosen Humor, die für uns einen Teil unserer Freiheit ausmachen, unmöglich zu ertragen; genauso finden westliche Liberale Praktiken wie die erzwungene Eheschließung oder das Wegsperren der Frau, die Teil des gelebten Islam sind, unmöglich zu ertragen. Deshalb sage ich als Linker: Wir müssen für unsere eigene Leitkultur kämpfen.
SPIEGEL: Was kann das sein? Was macht diese Leitkultur aus? Selbst die universelle Gültigkeit der Menschenrechte wird manchmal im Namen der kulturellen Differenz infrage gestellt.
Žižek: Die europäische Leitkultur ist der Universalismus der Aufklärung, in dem die Individuen sich zu sich selbst als universell verhalten. Das heißt, sie müssen fähig sein, von ihrer Besonderheit abzusehen, ihre partikulare soziale, religiöse oder ethnische Position zu übergehen. Es reicht nicht, einander zu tolerieren; wir müssen unsere eigene kulturelle Identität als etwas Kontingentes, als etwas Zufälliges, etwas Veränderbares erfahren können.
SPIEGEL: Das universelle Individuum ist eine Abstraktion. In der Lebenswirklichkeit kommt es nicht vor. In der Realität gehört jeder irgendwo zu einer Gruppe oder Gemeinschaft.
Žižek: Das universelle Individuum ist sehr wohl eine Realität in unserem Leben. Neben Äpfeln, Birnen und Trauben muss es auch einen Platz für Früchte als solche geben. Ich liebe die Schönheit dieser platonischen Idee. Menschen gehören einer bestimmten Gruppe an, aber zugleich haben sie teil an einer universellen Dimension. Ich bleibe im Laufe eines Lebens nicht derselbe, aber ich bleibe ich selbst. Eine Gemeinschaft ist nicht verriegelt. Man kann sie verlassen, sich einer anderen anschließen. Unsere Identität besteht aus mehreren Identitäten, die nacheinander und nebeneinander existieren können.
SPIEGEL: "Ich bleibe, fort geht Tag um Tag", heißt es in einem bekannten Gedicht von Guillaume Apollinaire.
Žižek: Christlich gesprochen: Der Heilige Geist ist in uns allen, wir haben alle teil an ihm, ungeachtet unserer identitären Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft. Ich bin ein Atheist, aber ich bewundere diesen emanzipatorischen Kern der christlichen Lehre: Verlass deinen Vater, deine Mutter und folge mir, sagt Christus. Verlass deine Gemeinschaft, um zum Universalismus des Menschentums zu finden!
SPIEGEL: Die Emanzipation ist ein gewaltsamer Akt: eine Trennung, eine Entwurzelung. Der Islam lässt den Austritt aus der Gemeinschaft der Gläubigen nicht zu.
Žižek: Es gibt keine Freiheit, keine universelle Freiheit jedenfalls, ohne ein Moment der Gewalt. Sich von seinen Wurzeln zu lösen ist durchaus ein gewaltsamer Prozess, aber diese Gewalt, die nicht physisch sein muss, hat etwas Erlösendes. Es geht wohlgemerkt nicht darum, das Besondere zu zerstören. Wir hängen ja an unseren Eigenarten. Aber wir müssen erkennen, dass im Partikularen eine Kontingenz steckt, eine Zufälligkeit, die für unser Selbst nicht wesentlich ist. Universalismus ist die Öffnung für eine radikale Kontingenz.
SPIEGEL: Was bedeutet das für die Politik?
Žižek: Der iranische Revolutionsführer Khomeini sagte einmal, wir Muslime fürchten uns nicht vor den westlichen Waffen, nicht vor dem ökonomischen Imperialismus, wir fürchten uns vor der moralischen Korruption des Westens. Die extreme Form dieses Widerstands ist der Islamische Staat oder, mehr noch, Boko Haram. Was für ein merkwürdiges Phänomen! Eine soziale und politische Bewegung, deren Hauptanliegen es ist, dass Frauen ungebildet bleiben und auf ihren Platz verwiesen werden. Das alte Motto aus den Sechzigerjahren, dass alles Sexuelle politisch sei, bekommt hier eine unerwartet neue Bedeutung: Der Erhalt einer strikten sexuellen Hierarchie wird zur wichtigsten politischen Aufgabe. Und erlebten wir nicht eine schwächere Form der gleichen Haltung in der russischen Reaktion auf den Eurosong-Wettbewerb, den die bärtige Conchita Wurst gewann? Der Nationalist Schirinowski sagte dazu: "Es gibt keine Männer und Frauen mehr in Europa, es gibt nur noch es." Sogar unsere katholische Kirche schürt die gleiche Panik mit ihrem Widerstand gegen die Homoehe.
SPIEGEL: Ist der ungezügelte individuelle Hedonismus alles, was wir diesem Fundamentalismus entgegensetzen können?
Žižek: Nein, aus zwei Gründen. Der erste: Unser Gegner ist nicht die wirkliche Religion. Zivko Kustić, ein kroatischer katholisch-nationaler Priester, erklärte den Katholizismus zum Zeichen dafür, dass man nicht bereit sei, auf sein nationales und kulturelles Erbe zu verzichten - "das vollständige Kroatentum". Dieser Spruch macht klar, dass es nicht mehr um den Glauben und dessen Wahrheit geht, sondern um ein politisch-kulturelles Projekt. Religion ist hier nur ein Instrument und ein Indikator unserer kollektiven Identität. Es kommt darauf an, wie viel Öffentlichkeit die eigene Seite kontrolliert, wie viel Hegemonie "unsere" Seite ausübt. Deshalb zitiert Kustić beifällig einen italienischen Kommunisten, der bekannte: "Ich bin ein atheistischer Katholik." Deshalb verwies der norwegische Attentäter Anders Breivik, auch er wenig religiös, auf das christliche Vermächtnis als
Fundament der europäischen Identität. Der zweite Grund, der noch entscheidender ist: Die ungezügelte persönliche Wahlfreiheit fügt sich vortrefflich in den heutigen Kapitalismus ein, in dem der globale soziale und ökonomische Prozess immer undurchdringlicher wird. Individualistischer Hedonismus und Fundamentalismus befeuern einander. Der Fundamentalismus kann wirkungsvoll nur mit einem neuen kollektiven Projekt des radikalen Wechsels bekämpft werden. Und daran ist nichts trivial hedonistisch.
SPIEGEL: Wer entscheidet, was kontingent und was wesentlich ist? Für strenggläubige Muslime ist das Kopftuch nicht kontingent, sondern wesentlich.
Žižek: Da liegt das explosive Problem. Das Mädchen, die Frau müsste selbstbestimmt darüber entscheiden. Damit es das kann, müsste es jedoch vom Druck der Familie und der Gemeinschaft befreit werden. Und hier setzt die emanzipatorische Gewalt ein: Die einzige Möglichkeit zur Autonomie ist die Entwurzelung, das Herausreißen aus dem Anpassungszwang der Gemeinschaft. Deshalb ist einer meiner Helden Malcolm X. Das X steht für Entwurzelung. Es trieb ihn nicht dazu, seine afrikanischen Wurzeln zu suchen. Im Gegenteil, er sah darin eine Chance, eine neue universelle Freiheit zu gewinnen.
SPIEGEL: Begrüßen Sie diese Gewalt?
Žižek: Ich akzeptiere diese Gewalt, weil sie der Preis für wahre Kontingenz und die Befreiung des Selbst ist. Es ist wie in einem sadomasochistischen Sexspiel. Die Beteiligten können alle Perversionen mitmachen. Aber an jedem Punkt hat jeder das Recht zu sagen: Stopp, Schluss, ich höre auf und gehe. Der Fortschritt der westlichen Demokratie besteht darin, den Raum der Universalität nach und nach zu erweitern und damit auch die Wahlmöglichkeiten zwischen meinen kontingenten Entscheidungen zu vervielfältigen. Aber Kontingenz bedeutet nicht Trivialität. Unsere wertvollsten kollektiven Errungenschaften sind kontingent, sie kommen aus dem Nichts heraus und brechen mit unserer substanziellen Identität.
SPIEGEL: Ist das die Aufgabe des öffentlichen Intellektuellen, wie Sie sie ausüben, die unermüdliche Arbeit an der Ausweitung öffentlicher Freiräume? Das erinnert mehr an die offene Gesellschaft von Karl Popper als an die proletarische Revolution von Karl Marx.
Žižek: Mein Gott, nur nicht Popper! Ich bleibe hier ein Marxist, denn worauf es mir ankommt, ist die in Institutionen gefasste Infrastruktur von Freiheit. Spezialisten - Idioten im ursprünglichen Sinn des Wortes - kümmern sich darum, Lösungen für spezifische Probleme zu finden. Der Intellektuelle bemüht sich, die Fragen neu zu stellen, über die gesellschaftlichen Bedingungen für das Ausüben persönlicher Freiheitsrechte zu reflektieren. In seiner Schrift "Was ist Aufklärung" unterscheidet Kant zwischen dem privaten und dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Das ist heute aktueller denn je. Für Kant bedeutete der öffentliche Gebrauch der Vernunft freies Denken abseits aller politischen und religiösen Zwänge, während der Gebrauch der Vernunft im Dienste des Staats ein privater ist. Das ist unser Kampf heute, WikiLeaks eingeschlossen - diesen öffentlichen Raum lebendig zu halten.
SPIEGEL: Wie also können wir eine emanzipatorische Solidarität zwischen kulturell verschiedenen Gruppen herausbilden?
Žižek: Meine Antwort lautet: Kampf. Leere Universalität ist offensichtlich nicht genug. Der Zusammenstoß der Kulturen sollte nicht durch einen gefühlten globalen Humanismus überwunden werden, sondern durch die übergreifende Solidarität mit den Kämpfenden innerhalb jeder Kultur. Unser Kampf für Emanzipation sollte mit dem Kampf gegen die Kasten in Indien, mit dem Widerstand der Arbeiter in China verbunden werden. Alles hängt hiervon ab: der Kampf für die Palästinenser und gegen den Antisemitismus, WikiLeaks und Pussy Riot, alle sind sie Teil desselben Kampfes. Wenn nicht, können wir uns einfach alle umbringen.
SPIEGEL: Herr Žižek, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Was ist, wenn die liberale Demokratie der wirtschaftlichen Entwicklung im Weg steht?"
"Individualistischer Hedonismus und religiöser Fundamentalismus befeuern sich gegenseitig."
"Der Zusammenstoß der Kulturen sollte nicht durch einen gefühlten globalen Humanismus überwunden werden."

Figuren aus Žižeks Denkkosmos

* Slavoj Žižek: "Blasphemische Gedanken. Islam und Moderne". Ullstein Buchverlage, Berlin; 64 Seiten; 4,99 Euro.
* Mit dem Redakteur Romain Leick in Ljubljana.
Von Leick, Romain

DER SPIEGEL 12/2015
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„Unsere Trägheit ist die größte Gefahr“