21.03.2015

KatholikenHaus der Schatten

Die Residenz verstaubt, ein neuer Bischof ist nicht in Sicht: Ein Jahr nach dem Ende der Limburger Tebartz-Affäre gelingt es der Kirche nicht, den Schaden zu reparieren.
Die Sprache der Vorgesetzten sei "seicht" und klinge "nach Seifenblasen". Zu oft versteckten sich die neuen Herren auf dem Limburger Domberg "hinter nichtssagenden Formulierungen und Worthülsen". Und statt echter Veränderungen gebe es nur allgemeines Gerede von "Transparenz, Aufbruch" und "Zurückgewinnung des verlorenen Vertrauens".
Es ist noch kein Friede eingekehrt hinter den dicken Klostermauern des Bischöflichen Ordinariats von Limburg. Interne Protokolle, die Versammlungen in der Bistumszentrale wiedergeben und dem SPIEGEL vorliegen, zeugen von einem tiefen Dissens zwischen den Mitarbeitern der Kirche und ihren neuen Chefs.
Vor genau einem Jahr verlor Franz-Peter Tebartz-van Elst hier sein Bischofsamt, weil er über einen Erste-Klasse-Flug in indische Slums gelogen und mehr als 31 Millionen Euro Kirchengelder in ein exquisites Anwesen gegenüber dem Dom gesteckt hatte.
Zurück blieb eine traumatisierte Diözese. Die Residenz verstaubt, bis heute fehlt ein überzeugendes Nutzungskonzept. Der Bischofsstuhl ist weiterhin vakant – wohl noch bis 2016. Ursachen und Folgen des Bauskandals sind bisher nicht vollständig aufgearbeitet. Und im Kirchenvolk sind die Verletzungen der Tebartz-Jahre auch zwölf Monate nach dem Abtritt des luxusverliebten Hirten noch nicht verheilt.
Die provisorische Führung sollte eigentlich seither die Scherben zusammenkehren. Der Apostolische Administrator Manfred Grothe und sein Stellvertreter Wolfgang Rösch wollten das Bistum befrieden, bis der Vatikan einen würdigen Tebartz-Nachfolger gefunden hat.
Doch der Neustart missglückte. Gleich mehrfach versammelten sich in den vergangenen Wochen und Monaten Kirchenmitarbeiter. Sie wollten Grothe und Rösch, den Tebartz-van Elst noch persönlich zum Generalvikar erkoren hatte, zu Reformen bewegen; bisher mit wenig Erfolg. Echte Konsequenzen aus dem Skandal vermissen die Bistumsmitarbeiter bis heute. Sie fordern beispielsweise, die Diözese solle endlich gegen den gefallenen Bischof beim kirchlichen Gericht im Vatikan Klage erheben.
Doch die örtliche Kirchenspitze weiß offiziell nicht einmal, was aus Tebartz-van Elst geworden ist. "Dem Bistum ist zurzeit nicht bekannt, ob die Medienberichte stimmen und Bischof em. Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst eine neue Aufgabe in Rom übernommen hat", teilte Bistumssprecher Stephan Schnelle Anfang März mit; er hatte schon unter dem abgesetzten Bischof gedient.
Limburger Gläubige reagierten empört. Ihr Bistum überweist Tebartz-van Elst weiterhin ein Monatsgehalt von 6680 Euro. Sie wüssten deshalb gern etwas genauer, ob ihr ehemaliger Hirte, wie berichtet worden war, einen neuen Job im Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung übernommen hat – und ob er etwas damit verdient.
Auch die Strukturen in der Diözese müssten aus Sicht der Kirchenmitarbeiter dringend reformiert werden. Sie verlangen einen Wechsel im Domkapitel, einem nur mit Klerikern besetzten Beratergremium. Es könne nicht sein, dass dieselben Herren, die einst Tebartz-van Elst unterstützt hätten, auch bei der anstehenden Bischofswahl mitentschieden, heißt es in den Protokollen.
Weil sie der Hierarchie offenbar misstrauen, schlagen die Mitarbeiter des Ordinariats außerdem neue, außerkirchliche Kontrollgremien vor. Diese sollten in Zukunft "eine totalitäre Systemausrichtung des Bistums erkennen, verbalisieren und verhindern" können. Zudem müsse die Kirche "eine dezentrale Entscheidungskompetenz" wiederherstellen, anstatt weiterhin auf Bischof und Generalvikar zentriert zu sein. Auch mehr Frauen und mehr Demokratie im Kirchenapparat wünschen sich die Mitarbeiter. Bislang vergebens.
Dabei hat es in den vergangenen Monaten durchaus Versuche der Selbstheilung gegeben. So ließen Grothe und sein Stellvertreter eine Telefonhotline schalten. Sie sollte dafür sorgen, so der 75-jährige Administrator, dass Menschen im Bistum "mit ihren bedrückenden Erfahrungen nicht allein bleiben" – gemeint waren die Fehltritte von Tebartz-van Elst. Eine Hotline für Bischofsgeschädigte, so etwas hat es in der katholischen Kirche wohl noch nie gegeben.
107 Anrufer meldeten sich bis Ende November und sprachen von erlittenen Demütigungen, Verletzungen und Lügen. In den Tebartz-Jahren habe "ein Teil der Anrufenden seelischen Schaden erlitten, teilweise auch mit gesundheitlichen Folgen", berichtet einer über die Erfahrungen mit der Hotline; eine interne Zusammenfassung liegt seit Anfang Januar vor.
Das Mainzer Institut für geistliche Begleitung und das Münsterschwarzacher Recollectio-Haus haben die Telefonate zwar intensiv ausgewertet. Doch die versprochene Transparenz löste das Bistum auch in diesem Fall bislang nicht ein – die Ergebnisse blieben unter Verschluss. Nur so viel erklärte Grothe dazu: Bei vielen sei durch die Handlungsweise kirchlicher Amtsträger die Freude am beruflichen und ehrenamtlichen Engagement getrübt.
Auch der Umgang mit dem steinernen Erbe Tebartz-van Elsts gilt bislang als wenig glücklich. Grothe und Rösch wollen gelegentlich die Türen des Bischofsbaus öffnen und ihn durch Veranstaltungen und Besichtigungen "entmystifizieren"; darüber hinaus denken sie an eine Zukunft als kirchliches Konferenzzentrum.
Im Bistum kursieren andere Ideen. "Das Gebäude", heißt es im Papier eines Caritas-Mitarbeiters, "hat eine alle deutschen Bistümer erfassende Diskussion über den Umgang der Kirche mit Geld, dem Lebensstil ihrer Amtsträger und mit Macht ausgelöst." Es sei zum "Symbol einer tief greifenden Vertrauenskrise in die Kirche geworden". Die in den Fels hineingefräste Bischofswohnung stehe nicht für Transparenz, sondern eher "für eine Unterwelt", in der sich Kirche hinter schweren Bronzetoren verberge.
Die Diözese solle die Residenz deshalb in einen kirchenkritischen Ort verwandeln, wird in dem Papier vorgeschlagen. Wechselausstellungen sollten sich künftig mit den dunklen Seiten, den Sünden des Katholizismus beschäftigen; der Luxusbau solle zum "Haus der kirchlichen Schatten" werden.
Bei all den Problemen dürfte es die Oberen des Bistums freuen, dass sich zumindest die Finanzen positiv entwickeln. Das Bistum hatte 2013 Kirchensteuern in Höhe von 191 Millionen Euro zur Verfügung. Außerdem weist das Bistum ein Vermögen von 909 Millionen Euro aus, der Bischöfliche Stuhl 92 Millionen Euro, und 31 Millionen Euro stecken in einer Stiftung. "Uns quillt doch das Geld trotz Protzbau aus den Ohren", gesteht ein hoher Limburger Kirchenmann.
Dennoch geht ein unter Tebartz-van Elst begonnenes Programm weiter, mit dem das Bistum zahlreiche Pfarrgemeinden zu-
sammenlegt. Eine interne Studie über Personalentwicklung offenbart, dass von den 445 aktiven Seelsorgern in den kommenden zwei Dekaden mindestens 250 ausscheiden werden. In Meudt bei Limburg meutern die Gläubigen gegen die Fusionierung von 14 Pfarrgemeinden zu einer "Pfarrei neuen Typs". Anfang Februar kritisierten sie gegenüber Grothe, der Plan von oben gehe "völlig an der Realität und den gewachsenen Strukturen vorbei". Dann kündigten sie dem Bistum vorerst ihre Mitarbeit auf.
Das Trauma der Ära Tebartz-van Elst sitzt tief, und das zeigt sich vor allem, wenn es um theologische Fragen geht. Jahrelang hatte der umstrittene Bischof versucht, seine Diözese zu einer konservativen Hochburg im deutschen Katholizismus auszubauen. Das entfachte Flügelkämpfe, die bis heute andauern.
Besonders aggressiv handeln Mitglieder der Gruppe "Una Sancta Catholica", die Tebartz-van Elst weiterhin energisch verteidigen und in Briefen nach Rom wie an die Bistumsspitze Medien und Bischofsgegner in den eigenen Reihen für den erzwungenen Rückzug ihres Idols verantwortlich machen. Unterstützung finden sie insbesondere beim römischen Kurienerzbischof Georg Gänswein, der sich ihres Helden im Vatikan annimmt und erst neulich wieder im Bistum weilte. Gänswein, Vertrauter von Benedikt XVI., trug seine erzkonservativen Ansichten Mitte Februar bei einem "Frühstücksgespräch" der Frankfurter Volksbank vor.
Für den Limburger Administrator Grothe ist es nicht leicht, zwischen Konservativen und Liberalen zu navigieren. "Dieses Bistum ist außer Rand und Band", beschwerte sich ein Katholik und Tebartz-Fan bei ihm. Die Telefonhotline sei das Letzte, befand er. Dass unter Tebartz ein "Klima der Angst" geherrscht habe, sei "geradezu lachhaft". Dann drohte er: "Es wird niemals Ruhe einkehren, wenn die Bistumsleitung nur die Bischofsgegner würdigt und die Bischofsunterstützer ignoriert."
Sein Appell wurde offenkundig gehört. Grothe und sein Stellvertreter Rösch äußerten danach, man müsse für Tebartz-van Elst eine noch ausstehende offizielle Verabschiedung organisieren. In einer Pressemitteilung lobte Grothe sogar "Charisma und vielfältige Begabungen" des ehemaligen Limburger Bischofs.
Wie es auf dem Domberg weitergeht, bleibt derweil offen. Denkbar wäre, die Diözese einfach aufzulösen und die Reste Köln, Fulda oder Mainz zuzuschlagen. Aufwendige Parallelstrukturen führten auf evangelischer Seite längst zu Fusionen. Diese Diskussion steht auch den 27 katholischen Bistümern bevor.
* In der Bischofsgalerie der Limburger Residenz.
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 13/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Katholiken:
Haus der Schatten

Video 10:37

Sexuelle Übergriffe So sehen wir das

  • Video "Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das" Video 10:37
    Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das
  • Video "Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe" Video 00:55
    Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe
  • Video "Zuzugsstopp für Flüchtlinge: Die Aufteilung ist schlecht" Video 04:57
    Zuzugsstopp für Flüchtlinge: "Die Aufteilung ist schlecht"
  • Video "Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!" Video 05:07
    Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!
  • Video "Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass" Video 03:27
    Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass
  • Video "Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht" Video 02:58
    Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest" Video 01:42
    Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest
  • Video "Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien" Video 01:06
    Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien
  • Video "Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll" Video 01:46
    Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll
  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer
  • Video "Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen" Video 01:58
    Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen
  • Video "Katalonien-Konfikt: Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich" Video 02:01
    Katalonien-Konfikt: "Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich"
  • Video "Lügen, Spaltung, Verschwörungstheorien: Ex-Präsident Bush verurteilt Trumps Politik" Video 01:14
    Lügen, Spaltung, Verschwörungstheorien: Ex-Präsident Bush verurteilt Trumps Politik