21.03.2015

Ruhestand„Alter ist viel Stille“

Der ehemalige Sozialminister Norbert Blüm, 79, über stolze Rentner, verbitterte Politiker und die letzten Worte seines Vaters
SPIEGEL: Mögen Sie das Wort Ruhestand?
Blüm: Es klingt etwas abwertend. Als würde man schon am Rand des Grabes darauf warten, dass man reingeschubst wird. Das liegt aber auch daran, dass es zum ersten Mal in der Geschichte einen dritten Lebensabschnitt gibt. Meine Großväter sind mit 67 beziehungsweise 68 gestorben. Das Alter war damals ein Anhängsel, man bekam einen kleinen Nachschlag – und tschüs. Heute sind zwei Drittel der 90-Jährigen zur eigenen Lebensführung fähig. Es ist eine ungeheure Kulturrevolution, dass es so viele Alte gibt.
SPIEGEL: Überrascht es Sie manchmal, dass Sie bald 80 werden?
Blüm: Ich vergesse es oft. Ab und an treffe ich Leute aus meinem Jahrgang und denke: "Gott, ist der aber alt geworden." Dann fällt mir ein, dass ich genauso alt bin. Offensichtlich sehe ich mich mit den Augen eines Jüngeren, der ich nicht mehr bin.
SPIEGEL: Ein Klischee über das Alter ist, dass die Vergangenheit einen großen Raum einnimmt.
Blüm: Klar. Man hat ja auch mehr Vergangenheit hinter und weniger Zukunft vor sich. In der Abendsonne wird alles vergoldet. Ich denke inzwischen oft an meine Kindheit, obwohl die voller Katastrophen war. Ich habe alle sechs Jahre des Zweiten Weltkrieges erlebt. Bomben. Luftschutzkeller. Todesangst. Heute denke ich: "Mann, war das spannend damals."
SPIEGEL: Empfinden Sie nun Ihr Leben nicht mehr als spannend?
Blüm: Man ist doch in Gefahr, sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Auf Klassentreffen gibt es zwei Themen: Erstens: "Wenn ich die rechte Hand hebe, dann tut es im Knie weh, und ich sag dir, das Pyramidol II, das musst du mal nehmen." Zweitens: "Ist der Kaffee bei Lidl billiger oder bei Rewe?" Nicht alle sind so, aber manche. Klar nehm ich auch Pillen, und meine Gesundheit beschäftigt mich. Ich kann schon mithalten. Ich hab eine neue Hüfte und drei Stents. Ich bin starkes Mittelfeld. Aber es gibt Wichtigeres, und daher versuche ich, nicht so viel darüber zu reden.
SPIEGEL: Sind die Menschen im Alter netter?
Blüm: Eigentlich nicht. Ich hatte früher Leute, die mich anpöbeln, und heute auch. Ich merke aber, dass Ältere häufig böser werden, als sie früher waren.
SPIEGEL: Alter macht also nicht milde?
Blüm: Im Gegenteil. Alter macht streitsüchtig. Man braucht doch etwas zu tun. Stellen Sie sich vor, ich hätte keinen Streit mehr, dann würde ich den ganzen Tag lang die Blumen im Garten betrachten oder wäre schon tot. Ich vermisse auch Streit in der Politik, die Bundestagsdebatten von früher. Eine Debatte, die ein Gefecht ist, wo dazwischengerufen wird, ist was Tolles. Mein Parteikollege Rainer Barzel zum Beispiel, der war ein eleganter Redner, aber er redete leider auch ohne Punkt und Komma. Ich weiß noch, wie Herbert Wehner dazwischenrief: "Alle tausend Worte Ölwechsel." Auf so was musst du erst mal kommen. Damals ersetzte ein guter Zwischenruf ganze Reden. Heute denkt man: Je komplizierter man was sagt, desto gescheiter ist man. Sehen Sie, ich rede schon wieder, wie alte Leute reden, von früher und find's toll.
SPIEGEL: Geht Ihnen das Altern aus Eitelkeit gegen den Strich?
Blüm: Als mir die Haare ausgefallen sind, das war schwer. Da war ich noch ein relativ junger Mann. Aber ich war noch nie ein Typ, auf den die Frauen geflogen sind, ich hatte es leichter. Im Alter wird man unsichtbar. Man geht die Straße lang und ist ein alter Mann. Das ist hart. Nach ein paar Kilometern Wandern geht mir die Puste aus. Ich versuche, das keinem zu zeigen, aber eigentlich kann ich nicht mehr.
SPIEGEL: Warum können Sie das nicht zeigen?
Blüm: Man hat seinen Stolz. Frauen wollen schön sein, Männer wollen stark sein.
SPIEGEL: Ist es für Politiker besonders schwer zu altern?
Blüm: Politiker sind wie Schauspieler. Sie brauchen Applaus. Da wird man leicht eitel. Aber ohne Zustimmung bekommst du keine Mehrheiten. Du brauchst auch Pfiffe, fürs Adrenalin. Alter ist viel Stille. Ich kenne viele verbitterte Politiker. Man muss sich mit seinem Abgang auch ein bisschen Mühe geben. Wissen Sie, selbst wenn man sich wie Helmut Schmidt dauernd zu Wort meldet, kann man am Ende des Tages trotzdem nichts mehr bewegen. Man kann viel reden, aber es hat keine Konsequenzen mehr. Ein Leben am Spielfeldrand ist nicht immer leicht. Aber ich bin zufrieden. Ich kann inzwischen auch ohne Applaus.
SPIEGEL: Sie könnten mit Helmut Schmidt eine Rentnerpartei gründen.
Blüm: Sicher nicht. Wissen Sie, was ich jetzt vorhabe? Ich habe nämlich eine verrückte Idee. Wenn ich mal ein bisschen Zeit habe, geh ich mein ganzes Telefonbuch durch und ruf alle an. Wie sind die heute so? Leben die eigentlich noch?
SPIEGEL: Haben Sie Angst, dass Sie mal gepflegt werden müssen?
Blüm: Angenehm wäre es mir nicht.
SPIEGEL: Und könnten Sie selbst jemanden pflegen?
Blüm: Ich glaub schon. Lassen Sie uns über was anderes reden, ja?
SPIEGEL: Gut. Aber warum?
Blüm: Ich möchte darüber nicht nachdenken. Ich tue es auch nicht. Ich gehe auch nicht gern zu Beerdigungen, das ist reiner Selbstschutz.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich beleidigt, wenn man Sie "alt" nennt?
Blüm: Nein, ich bin es ja.
SPIEGEL: Wann dachten Sie selbst zum ersten Mal: "Ich bin alt"?
Blüm: Das begann, als meine Eltern starben. Man weiß: Ich bin der Nächste. Jetzt beginnt der ernste Teil der Veranstaltung.
SPIEGEL: Wie alt wurden Ihre Eltern?
Blüm: Ich habe schon beide übertroffen, mein Vater wurde 78, meine Mutter 77. Meinen Vater habe ich noch auf dem Totenbett angefleht: "Kannste nicht endlich mal aufhören zu rauchen?" Er sagte: "Du, Norbert, gestern hab ich was gelesen: Auch Nichtraucher müssen sterben."
SPIEGEL: Und dann?
Blüm: Wir haben gelacht. Mein Vater war auch am Ende noch gelassen. Wir saßen an seinem Bett, um jeden Atemzug hat er gekämpft. Um zwei Uhr nachts, es brannte nur ein kleines Licht, hat meine Mutter begonnen, ihm sein ganzes Leben zu erzählen. Sie sagte: "Weißte noch, Christian, damals, in der Tanzschule ... und dann haben die Kinder gesagt ... und weißte noch, wie wir gereist sind, zum Großglockner ..." Sie hat die Geschichte von 50 Jahren Ehe erzählt. Als sie fertig war, hat mein Vater tief Luft geholt und mit seinem letzten Atemzug gesagt: "Gretel, es war alles sehr schön." Das war's. So will ich auch gehen.
Interview: Britta Stuff
Von Britta Stuff

DER SPIEGEL 13/2015
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