21.03.2015

GlücksspieleAli Baba und die Läufer

Ein gewiefter Zocker narrte jahrelang die Automatenbranche. Gab ihm ausgerechnet Spielhallen-König Paul Gauselmann den Auftrag zu Straftaten?
Ein Spieler wie Ali T. liebt das Risiko, selbst wenn er am Ende alles verliert. Wie an jenem Morgen Ende Januar, als er sich gerade mit seiner Exfrau in einem Gelsenkirchener Hotel vergnügte – während seine Lebensgefährtin und die Kinder nur wenige Hundert Meter entfernt im familiären Heim frühstückten.
Auf dem Hotelparkplatz stand sein Auto. Es ist ein Gefährt, das sich kaum übersehen lässt, weil es im Ruhrgebiet nur wenige davon gibt: ein schwarzer Bentley Continental GT Speed, 625 PS, 330 Kilometer Spitze, Preis: rund eine Viertelmillion Euro.
Als die Polizei den 53-Jährigen fand, nahmen die Beamten nicht nur ihn mit. Sie stellten auch seinen Wagen sicher, der nun versteigert werden soll. Seither sitzt eine
der schillernden Figuren der deutschen Glücksspielbranche in Untersuchungshaft. Die Ermittler werfen ihm banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrug vor.
Im Milieu der Spielhallenbetreiber und Automatenhersteller ist die Aufregung groß. Denn der zu erwartende Prozess gegen Ali T. verspricht tiefe Einblicke in eine dubiose Zockerwelt: Der Gelsenkirchener hat jahrelang mit führenden Managern der Branche Geschäfte gemacht. Ermittlungsergebnisse der Polizei und mögliche Aussagen des Beschuldigten könnten nun auch seine Partner belasten.
Mindestens zehn Millionen Euro soll Ali T. durch Beraterverträge und Software-Entwicklungen kassiert haben, heißt es in der Branche. Dank seiner Dienstleistungen könnten in der Spielhallenkette Casino Royal Hunderte Automaten zum Nachteil der Zocker manipuliert worden sein: Die Geräte spuckten weniger Geld aus, als vorgeschrieben ist.
Zugleich jedoch konnte Ali T. die Automaten offenbar auch zum eigenen Vorteil so frisieren, dass sie mehr Geld ausgaben – wenn seine Kumpane an ihnen spielten und zuvor jeweils einen Geheimcode am Gerät eintippten. Mehrfach schickte T. anscheinend seine heimlichen Helfer, in der Szene werden sie "Läufer" genannt, zum Abzocken durch die Spielhallen.
Entsprechend groß könnte nun der Schaden sein: Spielhallenbesucher wurden von den Betreibern betrogen. Die Betreiber wurden von Ali T. betrogen. Und der Staat wurde von den Betreibern und Ali T. betrogen, weil sie Glücksspielvorschriften verletzten und Steuern unterschlugen; so jedenfalls lauten die Vorwürfe.
Obwohl sich Casino Royal als Opfer sieht, drohen der Firma wegen der Veranstaltung illegalen – weil manipulierten – Glücksspiels nun Forderungen des Landes Nordrhein-Westfalen in zweistelliger Millionenhöhe. Das Unternehmen will sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern, kooperiere aber "vollumfänglich" mit den Ermittlungsbehörden, heißt es in einer Stellungnahme. Ali T. schweigt.
In der Vergangenheit hatte T., der aus der Türkei stammt, im Ruhrgebiet selbst Spielhallen betrieben. Später verlegte er sich auf die für ihn anscheinend einträglichere Beratung anderer Spielhallenbetreiber. Zocken gehört zu seiner Natur. Innerhalb weniger Minuten könne er schon mal Tausende Euro beim Pokern in illegalen Klubs verzocken, heißt es über ihn. "Ali Baba" wird er in der Szene ehrfürchtig genannt, wie die Figur aus den Märchen von Tausendundeiner Nacht. "Sollte Ali plaudern, könnten alle großen Spielautomatenunternehmer ihre Zulassung verlieren", prophezeit ein Vertrauter T.s.
Unangenehm sind die Ermittlungen schon jetzt für Paul Gauselmann. Der stellt seit Jahrzehnten einarmige Banditen und andere Automaten her, mit seinen Merkur-Spielotheken wurde er als Spielhallen-König bekannt. Seit den Achtzigerjahren schon kooperieren T. und der Unternehmer. Laut Gauselmann sei es darum gegangen, Manipulationen an seinen Automaten zu verhindern.
Womöglich aber wollte Gauselmann auch etwas anderes: Hat der Firmenpatriarch Ali T. zu Straftaten angestiftet? Jedenfalls stießen die Ermittler bei T. auf den Mitschnitt eines 90-minütigen Gesprächs aus dem Jahr 2007 – Ali T. hatte die Angewohnheit, Treffen mit seinen Auftraggebern heimlich aufzuzeichnen. In dem Mitschnitt, der dem SPIEGEL vorliegt, ist zu hören, wie Gauselmann T. bittet, die Software in Geräten seines ärgsten Konkurrenten zu manipulieren, des österreichischen Glücksspielkonzerns Novomatic. Anschließend sollte die veränderte Software demnach der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt zugespielt werden; sie ist für die Zulassung von Geldspielgeräten zuständig.
Novomatic bekäme Probleme mit der Behörde, und das könnte am Ende dazu führen, dass Spiele seines Konkurrenten "vom Markt weg" kämen, sagte Gauselmann. Er biete – so ist der Spielothek-Chef in dem Mitschnitt eindeutig zu verstehen – Ali T. für erfolgreiche Arbeit 750 000 Euro.
Gauselmann, ein Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse sowie Ehrenbürger der Städte Espelkamp und Lübbecke, will solche Aufträge nie erteilt haben. Er wisse zwar von einem "angeblichen Mitschnitt". Dieser sei aber lückenhaft und stark manipuliert. Er habe das Gespräch nur weitergeführt, um an "offensichtlich einsatzbereite weitere Manipulationssoftware" zu kommen und dann seinen Wettbewerber zu warnen. Er betont, dass es ihm im Zusammenhang mit Novomatic immer "um die Sicherheit des Spiels und den Schutz der Verbraucher" gegangen sei. Fakt ist, dass sich der Unternehmer, der auch im Alter von 80 Jahren noch an der Spitze eines Konzerns mit 1,2 Milliarden Euro Umsatz steht, damals ernsthaft Sorgen um sein Lebenswerk machen musste.
Denn als der Bund 2006 die Spielverordnung lockerte, war Gauselmann schlecht vorbereitet. Seine einarmigen Banditen arbeiteten mit rotierenden Walzen und Scheiben. Novomatic nutzte dagegen bereits computerbasierte Geräte. Die Novoline genannten Automaten boten mit modernen Bildschirmen gleich ein Dutzend unterschiedlicher Spielvarianten. Die Automaten waren bei den Spielern so beliebt, dass Gauselmann sie auch in den eigenen Hallen aufstellen ließ.
Bald nach dem Gespräch schickte ein anonymer Absender drei manipulierte Wechselfestplatten von Novomatics Novoline-Geräten an die Physikalisch-Technische Bundesanstalt. Doch die Behörde hielt die Softwareprobleme für nicht so gravierend – die Automaten blieben auf dem Markt.
Über die Bezahlung von Ali T. kam es zum Streit. Er wollte insgesamt mehr als zwei Millionen Euro für seine Arbeit. Doch so viel mochte Gauselmann nicht zahlen. 2009 erhob T. deshalb als Inhaber der Firma "A. T. Manipulationsschutz" Klage beim Landgericht Bielefeld. Zum Beleg, dass die Aufträge erteilt wurden, zitierte er mehrere Kurznachrichten eines Gauselmann-Mitarbeiters. "Sehen Sie nur zu, dass wir Novoline plattmachen", heißt es einmal unmissverständlich. Zu einer öffentlichen Verhandlung kam es nicht, T. und Gauselmann einigten sich 2010 außergerichtlich.
Zu diesem Zeitpunkt hatte T. allerdings schon elegant die Seiten gewechselt. Er war zu Novomatic gereist und hatte den Verantwortlichen demonstriert, wie Zocker angeblich Novoline-Automaten austricksten.
Fortan setzten die Österreicher auf die Hilfe des Mannes aus Gelsenkirchen. Der Konzern beauftragte für 2,8 Millionen Euro eine Sicherheitsfirma, die T. unter Vertrag nahm.
Mit dem nötigen Startkapital von Gauselmann scheint Ali T. zur Hochform aufgelaufen zu sein: Erst fahndete er nach Schwachstellen in den Novomatic-Geräten. Dann soll er eine Manipulationssoftware entwickelt haben, die er an Zocker oder Hallenbetreiber verkaufte. Womöglich schickte er auch seine eigenen Läufer in die Hallen. Wochen später meldete er dem Hersteller, dass eine neue Manipulationssoftware in Umlauf gewesen sei, die er sichergestellt habe. Novomatic zeigte sich dankbar und veranlasste schnellstmöglich ein Update, um die Schwachstellen zu schließen.
Diesen Trick wiederholte T. offenbar bei einer späteren Gerätegeneration. Erneut demonstrierte er Mitarbeitern von Novomatic, wie ihre neue "Coolfire"-Plattform manipuliert werden kann; wieder bekam er einen hoch dotierten Beratervertrag.
Ali T. ist zweifellos ein raffinierter Zocker. Aber ist er auch ein Softwaregenie, ein Mann, der mühelos Schadstellen in immer aufwendiger programmierten Glücksspielautomaten aufspüren kann?
Die Fahnder sehen es anders. Nicht Ali T. habe die Software analysiert und manipuliert, sondern dessen Schwiegersohn, Benni P. Der unscheinbare Computer-Nerd, von T. eher kurzgehalten, arbeitete als Autodidakt in einem schlichten Mehrfamilienhaus an den Programmen.
Anders als Ali sprach Benni offen mit den Ermittlern – und zeigte den verdutzten Beamten, wie er an den Geräten "zaubern" kann. Im Gegensatz zu seinem Schwiegervater scheint es für den jungen Mann trotz des drohenden Strafverfahrens auch eine echte Zukunftsperspektive zu geben. Gauselmanns Sicherheitsfirma würde ihn wohl gern verpflichten. Aber auch die von Novomatic.
* Vor seinem Anwesen im westfälischen Espelkamp.
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 13/2015
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