21.03.2015

KircheIn Gottes Namen

Jahrelang gibt sich ein Deutscher in Brasilien als Bischof oder Mönch aus, er predigt und nimmt die Beichte ab. So erschleicht er sich Geld, Unterkunft und Anerkennung. Dann wird er abgeschoben – und irrt seither durch Deutschland. Von Jens Glüsing
Kardinal Andreas von Hohenzollern-Sigmaringen, Sondergesandter des Papstes zur Aufklärung pädophiler Umtriebe in der katholischen Kirche und Erzbischof von São Paulo, ist hungrig wie ein Wolf. "Keinen Cent habe ich in der Tasche", klagt er, als er aus der Touristeninformation von Siegburg bei Bonn stürmt. Die Damen vom Fremdenverkehrsamt haben ihn für ein paar Stunden in ihrem warmen Büro aufgenommen, es ist kälter hier als in Brasilien; eine Wohnung hat er nicht.
Der Verabredung waren mehrwöchige Verhandlungen vorausgegangen. Zunächst wollte er nicht reden, dann ließ er einen Termin platzen. "Ich will nicht enden wie Gustl Mollath, den man für verrückt erklärt hatte", sagt er. Schließlich willigte er dennoch ein. Eigentlich wollte er sich standesgemäß im Frankfurter Dom treffen, "doch ich hatte kein Geld für die Fahrkarte". Daher also Siegburg. Ein großes Holzkreuz mit silbernen Beschlägen baumelt vor seiner Brust, seine Haare und sein Bart sind schneeweiß. Er trägt einen grauen Mantel, eine schwarze Hose und einen dunklen Pullover. Er hat auch eine rote Stola und eine weiße Mönchskutte dabei. Doch er ist kein Kardinal und kein Bischof und erst recht kein Sondergesandter des Papstes.
Seit mehr als drei Monaten irrt der Mann so durch Deutschland, meist gibt er sich als Erzbischof aus, als Mönch oder als Armenpriester. Er hat für jede Gelegenheit eine Identität, immer sind es Geistliche, er findet ihre Namen und Lebensläufe im Internet oder in Büchern. Seine Habe schleppt er in sechs Plastiktüten mit sich herum, darin Bücher über Kirchengeschichte, theologische Abhandlungen, Bildbände von Kathedralen.
Im Kloster Eberbach in Hessen stellte er sich als Erzbischof von São Paulo vor, so drückte er sich um das Eintrittsgeld für den Besuch der Anlage. In Bayern, so erzählt er, habe die Polizei dem "Herrn Pfarrer" eine Mitfahrgelegenheit im Streifenwagen angeboten. Im Kloster durfte er die Messe lesen, er machte nur wenige Fehler. Er habe lange im Ausland gelebt, da seien eben einige Dinge in Vergessenheit geraten, erklärte er den Mönchen. "Aber sie haben mich wie einen Bruder aufgenommen." Wenn er einmal nicht in Klöstern unterkommt, steigt er in Pensionen ab, gelegentlich reist er mit Billigbussen.
In Heidelberg griff die Polizei ihn auf, nachdem er in einem Pflegeheim als Bischof aufgetreten war, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Titelmissbrauchs und Diebstahls, denn er soll bei der Flughafenseelsorge ein paar Bibeln geklaut haben. Er bestreitet das. Beim Würzburger Dom gab er sich als Erzbischof von São Paulo aus, doch eine Angestellte des Domladens kam ihm auf die Schliche. Er "kann durch seine freundliche Art leicht das Vertrauen seiner Gesprächspartner gewinnen", warnt das Bistum Limburg. "Jetzt jagt die Polizei den falschen Bischof", schrieb die "Bild"-Zeitung.
Andreas von Hohenzollern-Sigmaringen heißt in Wirklichkeit Wolfgang Schuler, er ist 66 Jahre alt und stammt aus Bonn. Er ist Kunsthistoriker und Spezialist für Kirchengeschichte. In den Achtzigerjahren hat er Abhandlungen über die Braunschweiger Spätgotik verfasst und in einer Schriftenreihe über "Große Baudenkmäler" Aufsätze veröffentlicht. Er spricht ein schönes Deutsch, jedes Wort wägt er ab, jeder Satz ist druckreif. Vier Sprachen beherrscht er, zudem Latein und etwas Altgriechisch. Die Geschichte der katholischen Kirche scheint er bis in die letzten Verästelungen zu kennen, inklusive der Intrigen der Äbte und Priester in den deutschen Klöstern. In der Liturgie ist er zu Hause, als hätte er Theologie studiert. Wolfgang Schuler, das kann man so sagen, ist von der katholischen Kirche besessen.
Eigentlich müssen Geistliche sich ausweisen, wenn sie in fremden Gemeinden Messen lesen wollen. Sie benötigen ein "Zelebret", das Dokument wird vom jeweiligen Ortsbischof oder Abt eines Klosters ausgestellt. Wenn der Fremde überzeugend erscheint, verzichten offenbar viele Gemeindevorstände auf Förmlichkeiten. Experten gehen von weltweit bis zu tausend "vagabundierenden Bischöfen" aus, berichtet die Katholische Nachrichtenagentur. "Wir erleben immer wieder, dass sich Personen als Priester oder Ordensleute ausgeben, um illegal an Geld zu kommen", sagt der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz.
Doch Wolfgang Schuler geht es nicht um Geld, sondern um Anerkennung. Er sieht aus wie ein Geistlicher und redet wie einer. Warum sollte er keiner sein dürfen? Was unterscheidet einen echten Mönch von einem falschen, wenn der Glaube doch da ist?
Seine Rolle hat Wolfgang Schuler in Brasilien eingeübt. Über zehn Jahre lang hat er sich hier als Ordensmann durchgeschlagen, hat in Klöstern gelebt, Messen gelesen und Beichten abgenommen, in kleinen Gemeinden wurde er als Bischof gefeiert und empfangen; und gelegentlich verprügelt, wenn man ihn als Hochstapler entlarvte.
Mindestens dreimal wurde er wegen Amtsanmaßung festgenommen und wiederholt nach Deutschland abgeschoben. Zuletzt flog er im November auf, als er in weißer Kutte bei einer Demonstration auf der Avenida Paulista mitlief, der Prachtstraße von São Paulo. Er hatte behauptet, er sei der Bischof von Osnabrück. Mehrere Tage saß er in Abschiebehaft, dann setzte die Polizei ihn in eine Lufthansa-Maschine nach Frankfurt. Nach der Landung fragte ihn die Flughafenseelsorge, ob er Hilfe brauche, er lehnte ab. Ein paar Tage lang nächtigte er auf dem Flughafen, dann trat er seine Reise durch Deutschland an.
Siegburg ist Teil seiner alten Heimat, er spricht noch immer mit rheinischem Zungenschlag. Er schlägt ein Restaurant zum Mittagessen vor, "lassen Sie uns zum Schloss Auel fahren, dort hat man früher vorzüglich gespeist". Souverän lotst er durchs Siebengebirge, dabei ist er seit über 30 Jahren nicht mehr hier gewesen.
Wolfgang Schulers Geschichte ist auch ohne seine Ausschmückungen abenteuerlich. Er hat eine Odyssee durch drei Kontinente und Dutzende Klöster, Kirchen und Gemeinden hinter sich. Er hat im Elsass gelebt und im Harz, in Neuseeland und in Brasilien. Als falscher Ordensmann hat er unzählige Geistliche und Gläubige genarrt. Viele seiner Opfer sind wütend oder enttäuscht, manche halten ihn für einen Hochstapler; andere glauben, er sei krank.
Letzteres müsste ein Arzt klären. Er selbst jedenfalls sagt, er sei nie in psychiatrischer Behandlung gewesen. "Das würde den Faschisten in der Kirche so passen, mich für verrückt zu erklären."
Hinterfragt man seine Identität, reagiert Schuler verärgert. Verwickelt er sich in Widersprüche, biegt er seine Geschichte so hin, dass sie dennoch glaubwürdig erscheint. Er testet geschickt das Wissen seines Gesprächspartners, wie ein Chamäleon passt er seine Biografie den Zweiflern an. Aber einmal hat er am Ende gebeichtet, dass er lügt. Das ist acht Jahre her.
Schuler hatte sich damals als falscher Mönch in ein Zisterzienserkloster im brasilianischen Bundesstaat Bahia eingeschlichen. Er habe lange im Vatikan gelebt und besitze vertrauliche Informationen über den Tod von Papst Johannes Paul I., schrieb er in einem Brief an das SPIEGEL-Büro in Rio de Janeiro. Deshalb sei er verbannt worden. Jetzt sei er bereit zu reden.
Die Spekulationen über den plötzlichen Tod von Papst Johannes Paul I., der nur 33 Tage im Amt war, füllen mehrere Bücher. Der Brief von "Bruder Wolfgang" erschien interessant genug, um den Absender zu besuchen. Bruder Wolfgang empfing in seiner Klosterzelle, er las gerade eine alte Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen". Die anderen Mönche behandelten ihn respektvoll; sie tuschelten, er sei ein Opfer von Intrigen im Vatikan.
Schuler nannte Namen und Dokumente, bot Kontakte von Informanten an, in allen Einzelheiten beschrieb er Intrigen und Vertuschungsversuche der Kardinäle im Vatikan. Die Telefonnummern stimmten, die Namen stimmten, die Chronologie war korrekt. Doch bei Nachfragen passte vieles nicht mehr zusammen, der falsche Mönch verwickelte sich in Widersprüche.
Einige Wochen nach dem Besuch schrieb Schuler einen Brief, in dem er sich entschuldigte: "Ich bin natürlich kein Kardinal und möchte auch nie einer werden." Gezeichnet: Bruder Wolfgang. Später kamen noch ein paar Briefe von Itaparica, einer Insel vor der Küste Bahias. Da nannte sich der Absender wieder Andreas Kardinal von Hohenzollern-Sigmaringen.
Jetzt also das zweite Treffen, acht Jahre später, in Deutschland. Schuler ist ein charmanter Gesprächspartner, beim Mittagessen umschmeichelt er die Wirtin. Wer ihn zum ersten Mal trifft, ist beeindruckt von seinem Wissen. Es ist nicht leicht, seine wahre Geschichte zu rekonstruieren. Seine Eltern sind verstorben, seine Ex-Frau und seine Kinder leben in Neuseeland, sie haben den Kontakt zu ihm abgebrochen und möchten nicht reden. Die getäuschten Priester, Mönche und Bischöfe schämen sich zumeist, in mehreren Klöstern haben die Äbte Redeverbot erteilt. Doch es gibt auch Weggefährten und Bekannte, die bereit sind zu erzählen.
Schuler wuchs in den Fünfzigerjahren in Bonn auf, er war Einzelkind. Sein Vater sei Nazi gewesen, sagt er. "Ich habe jüngst herausgefunden, dass er während des Zweiten Weltkriegs ein bekannter General in Hitlers Armee war", schrieb Schulers Tochter vor sechs Jahren über ihren Großvater in einer neuseeländischen Zeitung. "Das könnte erklären, warum mein Vater alles Deutsche hasst und sein ganzes Leben damit verbracht hat, vor seinem Heimatland wegzulaufen."
Schuler wuchs im Mief der Adenauer-Zeit auf, mit 18 Jahren ging er in ein Kloster. Seine Tochter schrieb 2009, dass er einer katholischen Bruderschaft in den Schweizer Alpen beigetreten sei, so habe er den Wehrdienst umgangen. Schuler sagt dagegen, er habe den Kartäuserorden in Frankreich aufgesucht, die strengste aller Bruderschaften. Und er behauptet, er sei als junger Mann von einem Novizenmeister sexuell missbraucht worden. Nachprüfen lässt sich das nicht, der Mann ist angeblich verstorben. Vom Thema Homosexualität und Pädophilie in der Kirche ist Wolfgang Schuler besessen, so viel ist sicher.
Danach studierte er Kunstgeschichte in Straßburg und spezialisierte sich auf Kirchengeschichte. Mit seiner Familie wohnte er in Hornburg im Harz; 1983 zogen sie nach Frankreich, zehn Jahre später nach Neuseeland. Doch auch dort kam Schuler nicht zur Ruhe. Ende der Neunzigerjahre "ging er in den brasilianischen Urwald", wie seine Tochter schrieb.
Für einige Jahre fehlte jede Spur von ihm, dann klopfte er vor etwa zehn Jahren an die Tür des Benediktinerklosters São Bento in Salvador da Bahia, einer der ältesten Bruderschaften Brasiliens. São Bento war damals in der Krise, den Mönchen fehlte Nachwuchs, es gab finanzielle Probleme. Schuler wurde als Gast aufgenommen, er bekam seine eigene Zelle, bei den Mönchen war er sehr beliebt.
"Er nahm an allen Offizien teil und kannte die Regeln des Klosterlebens", erinnert sich Mönch Mateus Monteiro. "Wir boten ihm an, als Lehrer für Kirchengeschichte unsere Seminaristen zu unterrichten." Das allerdings reichte Schuler nicht, er wollte dem Konvent beitreten. Doch sein Verhalten machte Erzabt Emanuel d'Able do Amaral misstrauisch. "Nachts streifte er durchs Rotlichtviertel und verteilte Geld an die Armen." Schließlich lehnte der Erzabt sein Beitrittsgesuch ab, Schuler verließ wütend das Kloster.
Er erstand eine weiße Kutte, eine rote Stola und ein Kreuz. Jeder kann das kaufen und sich als Priester ausstaffieren, es ist nicht verboten. Es war der Moment, in dem sich Bruder Wolfgang in den Kartäuserkardinal Andreas von Hohenzollern-Sigmaringen verwandelte.
Für einen Kirchenbesessenen ist Salvador ein Paradies. Kaum eine Stadt besitzt mehr Gotteshäuser, nirgendwo in Brasilien sind Glaube und Frömmigkeit so präsent. Es gibt eine Kathedrale, mehrere Klöster und unzählige Kapellen. Geistliche werden geachtet, sie genießen viele Privilegien, egal wie skurril sie sind. Ein durchgeknallter Priester verkleidete sich einmal im Karneval und tanzte mit einem Obstkorb auf dem Kopf durch die Straßen. Ein afrikanischer Ex-Padre reiste monatelang durchs Land, las Messen und fraß sich in Klöstern durch, später fehlte oft das Tafelsilber.
Mit der Bibel unter dem Arm zog Schuler durch die Altstadt. Oft unternahm er Exkursionen in die Vororte und Dörfer des Recôncavo, des tropischen Hinterlands. Seine Kutte verlieh ihm Glaubwürdigkeit und garantierte ihm kleine Gefälligkeiten: Er brauchte kein Fahrgeld zu zahlen, Gläubige luden ihn zum Essen ein. In São Francisco do Conde las er die Messe. Die Einheimischen freuten sich über den vermeintlichen Geistlichen aus Deutschland, sie empfingen ihn mit allen Ehren. Schuler sagt, er habe dort wahre Menschlichkeit erfahren. "Die Armen auf der Straße behandelten mich gut. Ich schlief wochenlang unter Markisen, die Leute verehrten mich. Sie brachten mir Kaffee, es war meine schönste Zeit." Er schwärmt von der Wärme Brasiliens und den Menschen, während er in der Kälte Deutschlands sitzt und in einer Seezunge mit Kartoffelpüree stochert. Dabei hat er die Armen doch getäuscht und ihr Vertrauen missbraucht. Oder etwa nicht? "Die Kirche ist eine Schule der Lüge", entgegnet Schuler unwirsch.
Und er war ihr gelehrigster Schüler? Wieder wird er zornig: "Es ist meine Mission, die Kirche zu reformieren, dafür hat mich der Papst nach Brasilien geschickt."
Manchmal jedoch wurden auch damals die Gläubigen misstrauisch, dann riefen sie im Kloster São Bento an und fragten, ob der Bischof aus Deutschland auch echt sei. Restaurantbesitzer klagten, dass er die Zeche geprellt habe; Pensionen reklamierten, dass er Übernachtungen nicht bezahlt habe. Der damalige deutsche Honorarkonsul Wolfgang Roddewig hatte schon mit geprellten Prostituierten zu tun, die von der Bundesrepublik ihr Geld einklagen wollten, und mit betrunkenen Matrosen, die ihr Schiff verpasst hatten. Aber einen falschen Bischof hatte er noch nie. "Zwangseinweisen konnte man ihn nicht, auch für eine Auslieferung fehlte die juristische Grundlage", sagt Roddewig. "Ich dachte: Dieses Problem lösen wir unbürokratisch."
Es war das Jahr 2004, und Roddewig verabredete sich mit Schuler in einem Restaurant, danach bot er ihm eine Fahrt in seinem Dienst-Mercedes an. Er brachte ihn direkt zum Flughafen, eskortiert von der brasilianischen Polizei. Roddewig hatte ein Ticket via Lissabon nach Frankfurt gekauft. Und weil das billiger war, hatte er ein normales Ticket gekauft und den Schein für den Rückflug aus dem Billett gerissen. Doch nachdem Schuler in Europa angekommen war, ließ er sich den Flug neu ausstellen. Zwei Wochen später war er zurück in Salvador.
Er kam in einer Favela unter, das Geld für die Miete verdiente er mit Französischunterricht. Bald nahm er seine alte Routine wieder auf: Er zog durchs Landesinnere, dorthin, wo man ihn noch nicht kannte.
Im Jahr 2007 klopfte er an das Tor des Zisterzienserklosters von Jequitibá, knapp 200 Kilometer von Salvador entfernt. Zum Konvent gehören 18 Mönche, zwei sind Österreicher, sie leben von der Landwirtschaft. Bruder Meinrad Schröger erinnert sich an Schuler: "Er hat sich als Kartäusermönch vorgestellt, er war sehr überzeugend." Schuler erzählte ihnen, dass er an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom studiert habe. Der Papst habe ihn ausgewählt, die Kirche zu reformieren, doch die Homosexuellen-Mafia im Vatikan habe ihn in die Verbannung geschickt. Seine Dokumente habe er verloren.
"Wir waren offen für Neuerungen in der Kirche", sagt Schröger. "Die meisten Mönche haben ihm geglaubt." Schuler arbeitete im Garten und als Pförtner. Einmal ließen die Mönche ihn einen Gottesdienst abhalten, da zog Schuler über die Kirchenleitung und den Erzbischof von Salvador her. Der Abt war entsetzt. "Danach durfte er nie wieder einen Gottesdienst halten."
Nach sechs Monaten verkündete Schuler, er habe nun eine Audienz beim Papst, die Mönche gaben ihm Geld für ein Ticket nach Rom. Er nahm den Bus nach Salvador.
Dort arbeitete er an der Rezeption einer Pension, in seiner freien Zeit zog er erneut als Ordensmann durch die Gemeinden, er predigte als polnischer Erzbischof und bettelte als Missionar um Geld. Und dabei wurden seine Angriffe gegen den Klerus immer heftiger. Er prangerte eine "pädophile Mafia" in der brasilianischen Kirchenspitze an, verleumdete den Erzbischof, überall sah er Kinderschänder am Werk.
Die brasilianische Bischofskonferenz informierte die Diözesen in einem Rundschreiben über den "falschen Padre", sie ließ sein Foto verteilen, im Radio wurde vor Schuler gewarnt. In der Altstadt von Salvador fiel eine aufgebrachte Meute über den Hochstapler her und verprügelte ihn; er wurde von der Polizei gerettet.
Im Jahr 2010 soll er erneut nach Deutschland abgeschoben worden sein. Schuler behauptet allerdings, er habe Brasilien nicht verlassen. Kurz darauf tauchte er in São Paulo auf, er sagt, er habe dort vier Jahre gelebt, bis zu seiner vorläufig letzten Abschiebung im November. Wieder unterrichtete er Französisch, wieder nahm er seine Ausflüge als falscher Geistlicher auf.
Vor einem Jahr kreuzte er dann in der deutschen katholischen Gemeinde von São Paulo auf. Er besuchte die Sonntagsmesse in der Bonifatiuskirche, anschließend stellte er sich bei dem ehemaligen Pfarrer Georg Fischer vor. "Er trug eine echte Mantelalbe", erinnert sich der Geistliche, so heißt das weiße Messgewand. Während der Messe kniete er korrekt nieder, auch das Kreuz schlug er routiniert. Nur ein Quartier bekam er nicht, denn Fischer war trotz allem misstrauisch. Er bat Schuler um ein Dokument, das ihn als Mönch ausweise. "Schuler rief noch einmal an, dann habe ich nichts mehr von ihm gehört."
Im Oktober nahm ihn ein Kloster der Bruderschaft Mosteiro da Transfiguração auf, in einer Stadt östlich von São Paulo. "Er sah aus wie ein Mönch, der einige Tage Erholung braucht", schreibt Abt Emanuele Bargellini in einer E-Mail. Schuler durfte die Messe lesen, zehn Gläubige nahmen von ihm die Hostie in Empfang. Nach ein paar Tagen wurde der Abt jedoch misstrauisch. Er rief beim Kartäuserorden an, dort war Schuler nicht bekannt. Bargellini bat Schuler, das Kloster zu verlassen. Kurz darauf schickte der Erzbischof von São Paulo eine Warnung an alle Diözesen.
Das war das vorläufige Ende des Lebens vom unechten Kardinal in Brasilien. Am 1. Dezember wurde er abgeschoben.
Ist Schuler ein gewiefter Betrüger, ein harmloser Spinner oder ein Kranker?
In der Psychiatrie gibt es einen Fachbegriff für chronische Lügner: das Münchhausen-Syndrom. Es betrifft vor allem Patienten, die Krankheiten erfinden, aber es kann auch in Verbindung mit wahnhaften Persönlichkeitsstörungen auftreten, ausgelöst durch ein Trauma aus der Kindheit.
Schuler behauptet, er leide an Prostatakrebs im Endstadium, er habe nur noch wenige Monate zu leben, das hätten Ärzte im Albert-Einstein-Krankenhaus in São Paulo diagnostiziert. Doch Schuler ist dort nie behandelt worden. In einem Pflegeheim in Heidelberg täuschte er jüngst einen Herzanfall vor, in einem ICE brach er zusammen. Vier Tage verbrachte er in der Klinik, dann wurde er entlassen, offenbar war er wohlauf.
Das Mittagessen in der Nähe von Schloss Auel hat Schuler vorzüglich gemundet, von seiner Krankheit ist nichts zu spüren. Dann bittet er um eine Mitfahrgelegenheit nach Frankfurt, er möchte auf dem Flughafen übernachten. Doch vorher wünscht er sich noch einen Abstecher zum Dom, dort erklärt er einem japanischen Touristen die Spätgotik. Dann lässt er sich in einer billigen Pizzeria auf der Zeil absetzen.
Vielleicht würde ihm eine Therapie doch guttun, sagt er während der Autofahrt. "Es war die größte Dummheit meines Lebens, dass ich als junger Mann in ein Kloster eingetreten bin." ■
Von Glüsing, Jens

DER SPIEGEL 13/2015
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