21.03.2015

Claudia Voigt Mein Leben als FrauSynthetische Probleme

Bei dem Wort Lebensentwurf muss ich immer an einen Schnittmusterbogen denken. Als ob man sein Leben entwerfen könnte wie ein Kleid mit Trompetenärmeln und einem glockigen Saum. Ich habe da Zweifel. Über mein Leben kann ich sagen, dass es – um im Bild zu bleiben – etwas schief zusammengenäht wurde.
Fast zehn Jahre lang war ich eine alleinerziehende Mutter, das hatte ich so eher nicht geplant. Hinzu kam, dass ich mir als berufstätige, weiße, heterosexuelle Mittelschichtsfrau erstaunt die Augen rieb, als ich feststellte, dass um mich herum fast ausschließlich weiße, heterosexuelle Mittelschichtsmänner Karriere machten. Darüber habe ich einige Artikel geschrieben. Nun befinde ich mich in einer Schublade mit lauter Etiketten, die manche junge Feministinnen ablehnen. Das geht in Ordnung. Ich will nur sagen, nicht alles im Leben folgt einem selbstbestimmten Plan.
Der Musiker Elton John hat mit seinem Partner David Furnish zwei Söhne, die von einer Leihmutter zur Welt gebracht wurden. Obwohl zwei schwule Männer miteinander keine Kinder zeugen können, war der Kinderwunsch von John und Furnish offensichtlich so groß, dass sie eine Familie gründen wollten.
In einem Interview hat der ebenfalls schwule italienische Modedesigner Domenico Dolce nun gesagt, eine Familie sollte aus Vater, Mutter, Kind bestehen. Kinder, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, bezeichnete er als "synthetisch". Der Designer ist die eine Hälfte des Duos Dolce & Gabbana, und das hat seit Erscheinen des Interviews ein Problem: Elton John rief zum Boykott der Marke auf. Dolce & Gabbana existiert aber nur, weil es Kunden mit dem Geschmack von Elton John gibt.
Auf Instagram schrieb der Musiker: "Was nehmt ihr euch heraus, meine wunderbaren Kinder als ,synthetisch' zu bezeichnen?" Warum, habe ich mich gefragt, regt sich Elton John so auf? Warum fühlt er sich von Äußerungen angesprochen, die nicht auf ihn persönlich zielten?
In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Möglichkeiten, das eigene Leben in aller Offenheit so zu leben, wie man es für richtig hält, in der westlichen Welt dramatisch erweitert. Dafür haben viele Schwule gekämpft. Und auch viele Frauen. Es gibt heute zahlreiche Optionen.
Doch aus der psychologischen Forschung ist das "Paradox der Wahlmöglichkeiten" bekannt. Wählen zu müssen bedeutet Stress, und je mehr Möglichkeiten es gibt, desto weniger glücklich ist man mit der einmal getroffenen Entscheidung. Sie muss dem Vergleich standhalten mit allem, was man nicht hat. So hat die erkämpfte Freiheit zu einem unguten Gegeneinander der Lebensentwürfe geführt: Karrierefrauen gegen Hausfrauen gegen berufstätige Mütter gegen junge Feministinnen; Schwule mit Kindern gegen Schwule ohne Kinder. Vielleicht könnten wir zur Abwechslung mal damit aufhören, das Leben der anderen zu bewerten. Und uns eingestehen, dass sich manches im Leben einfach ergibt.
An dieser Stelle schreiben Claudia Voigt und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 13/2015
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