28.03.2015

ProstitutionAus der Deckung

Dubiose Verbände kämpfen gegen Regeln für die Sexbranche – gemeinsam mit Bordellbetreibern.
Fabienne Freymadl spricht über Sex. So laut, dass das Ehepaar am Nachbartisch herüberschaut. Freymadl sitzt in einem italienischen Restaurant in Berlin-Neukölln. Die Blicke des Paares gleiten zu dem durchsichtigen Oberteil und dem schwarzen BH darunter. Freymadl zieht die Augenbrauen hoch und schaut offensiv zurück. Das Paar, Anfang 60, beide graue Haare, wendet sich ertappt ab. Freymadl grinst. Sie hat die Oberhand, so soll es wirken. Es ist ihr Geschäftsmodell: Freymadl ist Domina. Und Lobbyistin.
Freymadl ist Sprecherin des "Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen", kurz BesD. Der Verband propagiert das Bild der selbstständigen und freien Sexarbeiterin; Regulierung, sagt Freymadl, brauche man nicht. Wenn Prostituierte gezwungen würden, anschaffen zu gehen, dann sei dies Menschenhandel. Dagegen gebe es schon Gesetze.
Freymadl hat wie kaum eine andere Frau Stimmung gemacht gegen eine Reform des Prostitutionsgesetzes, die die Große Koalition plant. Dabei will Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) keineswegs Prostitution verbieten, wie das zum Beispiel in Schweden der Fall ist. Ihr geht es darum, die schlimmsten Auswüchse des Sexgewerbes in Deutschland zu beschneiden, Gangbang-Partys zum Beispiel, wo sich mehrere Männer eine Prostituierte teilen.
Es ist üblich, dass bei jedem neuen Gesetzesvorhaben auch die Betroffenen zu Wort kommen. Als Schwesig im Juni zu einer Expertenanhörung in ihr Ministerium lud, durften neben Freymadls BesD auch der "Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen" (BSD) und der "Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland" (UEGD) vortragen. Alle drei Verbände waren der Meinung, dass Deutschland so wenig Regulierung wie möglich brauche. Sie alle wandten sich gegen die Vorschläge der CDU, verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen etwa oder die Kondompflicht.
Das ist merkwürdig, denn viele Prostituierte klagen darüber, dass ihre Freier Sex ohne Kondom wollen. Mit einer Kondompflicht könnten sie stärker gegenüber ihren Kunden auftreten. Aber offenbar geht es den Prostituiertenverbänden nicht nur um die Belange der Huren.
Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland ihr Geld als Sexarbeiter verdienen, die Schätzungen reichen von 200 000 bis 400 000. Nur ein verschwindend geringer Teil von ihnen ist in Verbänden organisiert. Der BesD hat laut Freymadl eine Mitgliederzahl in dreistelliger Höhe, Genaueres möchte sie nicht sagen. Der BSD hat nur 45 Mitglieder. Die Zahlen sind so gering, dass man kaum von einer Interessenvertretung aller Huren sprechen kann.
Mit ihrem Engagement befördern manche Spitzenfrauen der Verbände zugleich auch persönliche Belange. So betreiben etwa Undine de Rivière und Tanja Sommer, beide im Führungszirkel des BesD, eigene Dominastudios, in denen auch andere Frauen arbeiten. Auf Nachfrage gibt Freymadl zu, dass es auch "Betreiberinnen und Betreiber" beim BesD gebe, sie alle seien aber zumindest mal aktiv gewesen.
In jeder anderen Branche gibt es scharfen Streit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, kurioserweise gilt das nicht für das Sexgewerbe. Holger Rettig, der Chef des Bordellbetreiberverbands UEGD sagt: "Ich arbeite sehr gerne mit Johanna und ihren Freundinnen zusammen." Rettig führte zehn Jahre ein SM-Studio in Hannover, bis zu zehn Damen arbeiteten bei ihm. Nun sei er hauptberuflicher Lobbyist, sagt er. Rettig ist klar, dass ein ehemaliger Puffbetreiber kein sonderlich gutes Image hat. Umso schöner ist es für ihn, wenn er zusammen mit den Prostituiertenverbänden das Rotlichtgewerbe schönreden kann.
Rettig räumt ein, dass er an der Gründung des "Prostituiertenverbands" BesD beteiligt gewesen sei: "Wir haben daran mitgearbeitet, dass sich dieser Verband gründet." Das Engagement hat sich aus seiner Sicht gelohnt. Im vergangenen Juni schrieb er gemeinsam mit dem Prostituiertenverband BesD einen Brief an Schwesig und bedankte sich für die Beteiligung am Gesetzgebungsprozess.
150 Unternehmen in allen Größen vertritt der UEGD nach eigenen Angaben, SM-Studios, große Bordelle, Saunaklubs. In den vergangenen Monaten habe er "viel Papier produziert", Veranstaltungen der Parteien besucht, die Arbeitsebene des Ministeriums kontaktiert. Die Sache hat sich gelohnt, Rettig ist zufrieden mit den Eckpunkten des Gesetzes. Es wird beispielsweise kein auf 21 Jahre erhöhtes Mindestalter für Prostituierte geben, keine verpflichtenden Gesundheitsuntersuchungen. "Es hätte viel schlimmer kommen können", sagt er. Nun hat er noch ein Ziel: Rettig will, dass auch künftig Gangbang-Partys erlaubt bleiben, denn die sind für viele Puffbetreiber ein gutes Geschäft. Gegen ein Verbot werde er notfalls vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.
Der BSD geht etwas leiser vor als Rettig. Gründungsmitglied Stephanie Klee, die mit ihrer Agentur auch Prostituierte vermittelt, kennt das Geschäft und die Politik gut. Seit Jahrzehnten kämpft sie für die Liberalisierung der Branche, vertritt mit dem BSD auch Bordellbetreiber. 2012 gründete Klee den Verein "move", der für die "Bildung und Kommunikation in der Sexarbeit" da sein soll. Der Verein ist Mitglied der Deutschen Aids-Hilfe.
Klee arbeitet schon länger mit der Aids-Hilfe zusammen, für die Lobbyistin ist es eine gelungene Kooperation, denn die Aids-Hilfe genießt einen guten Ruf. Kürzlich schrieb der renommierte Verband gemeinsam mit dem Deutschen Frauenrat, der größten deutschen Frauenlobby, in der auch die Frauengruppen der Parteien organisiert sind, einen Brief an Kanzlerin Angela Merkel. Darin appellierten sie an die Politik, die Sexarbeiter mit so wenigen Bestimmungen wie möglich zu behelligen, mit der Anmeldepflicht beispielsweise. Als die Parlamentarierinnen von CDU und CSU von dem Inhalt des Briefes erfuhren, der auch in ihrem Namen herausgegangen war, wiesen sie die Forderungen zurück. Schließlich kämpfen sie gerade für schärfere Regelungen.
Auch in der SPD gehen Frauenpolitikerinnen auf Abstand zu den radikalen Forderungen der Verbände, der Ton ist rau. Rechtspolitikerin Eva Högl beispielsweise wurde vergangenen September unter Applaus aus dem Publikum als "Nazi" beschimpft, als sie bei einem Sexarbeitskongress sprach, der unter anderem vom BesD organisiert worden war. Sie hatte sich nur für die Anmeldepflicht von Sexarbeitern ausgesprochen.
Als Frauenministerin Schwesig vergangenen August eine Fachberatungsstelle für Prostituierte in Nürnberg besuchte, wurde sie ebenfalls mit Nazi-Vorwürfen konfrontiert. Frauen vom BesD waren angereist und hielten Plakate hoch, auf denen stand: "Zwangsregistrierung wie 1939?" BesD-Sprecherin Freymadl sagt, die Basis sei nun mal "ein bisschen revolutionärer".
Das Problem scheint eher zu sein, dass die sogenannten Prostituiertenverbände die Nöte von vielen Huren gar nicht zur Kenntnis nehmen. Huschke Mau hat zehn Jahre lang im Milieu gearbeitet. Im November 2014 veröffentlichte sie im Internet einen Brief, der mit der Legende vom selbstbestimmten Leben als Hure aufräumen sollte.
Sie beschrieb den sexuellen Missbrauch, der viele Frauen erst dazu gebracht habe, als Prostituierte zu arbeiten. Weil sie sich so fühlten, als könnten sie nichts anderes, ihre Körper wurden schon benutzt. Sie erzählte von seriellen Vergewaltigungen, die Frauen in dem Gewerbe über sich ergehen lassen müssten. Von den Verbänden allerdings erntete Mau kein Verständnis, im Gegenteil. Auf der Internetseite des BSD wurde Mau gar eine Erfindung genannt, die von "prostitutionsfremden, extremistischen" Kräften gesteuert sei.
"Das sind schon heftige Methoden, denen man ausgesetzt ist, wenn man nur sagt, was man erlebt hat", sagt Mau. Sie will eine Organisation für Frauen gründen, die aus dem Rotlichtgewerbe ausgestiegen sind und nun gegen Prostitution kämpfen wollen. Denn die meisten seien keineswegs freiwillig dort.
Tatsächlich hat sich das Milieu in den vergangenen zehn Jahren radikal verändert. Mittlerweile sind nur noch geschätzt 20 Prozent der Sexarbeiterinnen Deutsche, die restlichen kommen aus dem Ausland. Vor allem Letztere machen ihre Arbeit oft nur unter Zwang oder extremem wirtschaftlichem Druck.
Luisa kommt aus Rumänien, sie hat blond gefärbte Locken, braune Augen und arbeitet in Münchens größtem Laufhaus, dem Caesars World. Luisa ist in keinem Verband. Sie will sich nicht vertreten lassen von Frauen, die den Beruf verharmlosen. Regulierung findet sie gut, sie mache den Job einfacher, sagt sie. Die Kondompflicht beispielsweise, die in Bayern schon Gesetz ist, helfe ihr, sich gegen die Freier durchzusetzen. "Immer wieder versuchen die, das Kondom kurz vorher noch einmal abzuziehen."
Warum sie als Prostituierte arbeite? Sie habe sich in den falschen Mann verliebt, er habe sie in die Branche gebracht, sagt sie. Wenn man einmal in dem Job sei, dann gelinge der Ausstieg nur schwer. "Ich kenne niemanden, der den Beruf aus Spaß oder sexueller Erfüllung heraus macht", sagt Luisa.
Von Ann-Katrin Müller

DER SPIEGEL 14/2015
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