28.03.2015

ZukunftDie Schrumpfkur

(Teil 3) Landlust? Von wegen. Die Städte boomen, aber viele Dörfer veröden. Sechs Ideen gegen die große Leere auf dem Land.
Der Mann von der Sparkasse kommt noch alle zwei Wochen, mittwochmorgens um 8.45 Uhr. Oliver Caspar steuert seinen Bus nach Lautertal-Eichenrod und parkt vor dem Gebäude, in dem früher die Schule war.
Er schaltet die Standheizung ein, sie nimmt brummend ihren Kampf gegen den kalten Wind auf dem hessischen Vogelsberg auf. Für die nächste Stunde sind Caspar, 59, und sein weiß-rot lackierter 7,5-Tonner die Verbindung der Eichenroder zu den Finanzströmen der Welt. Oder wenigstens zum eigenen Konto.
Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln sitzt Caspar hinter einer Glasscheibe. "Komm rein, hier isses schön warm", ruft er seinem ersten Kunden zu. Robert Schäfer, 75, steigt über zwei ausfahrbare Stufen in den mobilen Kassenraum und stellt seinen Regenschirm ab. Er greift sich ein Überweisungsformular, blickt auf Caspar und sagt: "Wenn der mal nicht mehr kommt, kommt keiner mehr."
Seit 37 Jahren tourt Caspar im Sparkassenbus durch die Dörfer des Mittelgebirges zwischen Fulda und Gießen. Er hat erlebt, wie Schulen und Gaststätten schlossen. Wie Häuser in den Ortskernen verfielen. Wie die älteren Bewohner zurückblieben, als ihre Kinder und Enkel sich nicht mehr für Sparschweine zum Weltspartag interessierten, sondern für Studienplätze oder gut bezahlte Jobs in den Städten.
Der hessische Vogelsbergkreis zählt zu jenen Regionen, in denen die Bevölkerung in den vergangenen Jahren stark geschrumpft ist. Dieses Schicksal teilen Gebiete im westlichen Rheinland-Pfalz, in Südostniedersachsen, Nordhessen, Nordbayern und weiten Teilen Ostdeutschlands. Und die Entwicklung wird – vielleicht weniger heftig, aber genauso unausweichlich – viele weitere ländliche Regionen der Bundesrepublik treffen.
Einige Dörfer in den Schrumpfgebieten haben innerhalb weniger Jahre mehr als ein Fünftel ihrer Bevölkerung verloren, wie die Forscher des Berlin-Instituts schreiben, das die demografische Entwicklung in Deutschland untersucht. Die Experten glauben, dass sich die Tendenz zur Leere fortsetzen, möglicherweise beschleunigen wird.
Früher seien er und seine Kollegen mit drei Bussen der Sparkasse Oberhessen über die Dörfer gefahren und hätten gut zu tun gehabt, sagt Caspar. Gerade für die älteren Menschen sei der persönliche Kontakt zu einem Berater wichtig. Heute gebe es nur noch diesen Wagen, in dem er jetzt sitze. Aber auch der, sagt Caspar, "ist nach 16 Dienstjahren langsam abgängig".
Immerhin: Die Sparkasse will den alten Bus noch einmal durch ein neues Fahrzeug ersetzen, ein kleineres, sparsameres. Auf lange Sicht werde der Service allerdings kaum vertretbar bleiben, sagt ein Sparkassensprecher. "Wenn nur noch ein, zwei Leute zu den Terminen im Ort kommen, ist irgendwann Schluss."
Die, die zurückbleiben, müssen sich fragen: wie an Bargeld kommen, wenn es weder Geldbus noch Geldautomaten gibt? Und wie sich versorgen, wenn der Laden im Ort dichtmacht und kein Bus mehr in die Stadt fährt? Wer behandelt Krankheiten, wenn ein Landarzt nach dem anderen seine Praxis aufgibt? Wo lernen die Kinder, wenn sich eine eigene Schule nicht mehr lohnt?
Rheinland-Pfalz hat darauf reagiert und als erstes Bundesland ein Demografieministerium geschaffen. Es liegt natürlich in der Stadt, in Mainz, und ist für Arbeit, Soziales, Gesundheit zuständig. Aber eben auch für Demografie. Man dürfe die Menschen nicht aufgeben, die auf dem Land verwurzelt seien und nicht fortziehen wollten, sagt die Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD). "Je später wir auf den demografischen Wandel reagieren, desto teurer und schwieriger wird es", sagt sie, "aber wir können zeigen, dass es funktioniert."
Es gibt viele Ideen, in diesem Ministerium und in anderen Behörden, von den Forschern des Berlin-Instituts und vielen weiteren Wissenschaftlern, von kommunalen Politikern und engagierten, ehrenamtlich tätigen Bürgern. Und vieles passiert bereits in Deutschland. Der SPIEGEL hat sechs Orte besucht, die für sechs Wege und Ansätze stehen: für ein Leben in den kleinen Orten, gegen die Leere auf dem Land.

Die Chauffeure

In einer engen Gasse von Dörrebach scheint es nicht mehr weiterzugehen. Von vorn nähert sich ein Lastwagen, an der Seite sind es nur noch wenige Zentimeter bis zur Hauswand. Es ist der Moment, in dem Peter Stein die Routine aus seinem früheren Berufsleben ausspielen kann.
Stein kurbelt am Lenkrad, stößt ein wenig vor, ein wenig zurück, und irgendwie schafft er es, den VW-Bus kratzerfrei am Lkw vorbeizumanövrieren. "Geht doch", sagt er und schaut zufrieden hinüber zu seinem Beifahrer Manfred Klink. Dann steigen die beiden aus, klingeln an einer Haustür und bringen vorsichtig ihren nächsten Fahrgast zum Auto.
Stein und Klink sind im "Stromer" unterwegs. So nennen sie den Bus, der seit August die Dörfer rund um die Gemeinde Stromberg im Hunsrück miteinander verbindet. Mehr als 20 Freiwillige haben sich gefunden, um Fahrwünsche am Telefon entgegenzunehmen, täglich neue Routen zu planen und den Bus durch die hügelige Landschaft zu steuern. Viermal wöchentlich sind sie unterwegs. Die Nachfrage sei groß, sagt Stein, "wir könnten auch rund um die Uhr fahren".
Stein, 65, war früher Busfahrer. Beifahrer Klink, 60, ehemaliger Projektleiter bei einem Softwareanbieter, knobelt am liebsten an Einsatz- und Routenplänen. Und für Maria Thomanek, 88, die Stein und Klink in Dörrebach von ihrer Haustür abholen, ist der "Stromer" an diesem trüben Winternachmittag die einzige Möglichkeit, günstig, trocken und bequem den Hausarzt im Nachbarort zu erreichen.
"Ein normaler Bus hält hier ja nur noch selten", sagt Thomanek, als sie in der hinteren Sitzreihe Platz genommen hat. Dann plaudert sie von alten Zeiten, als es noch Läden gab in Dörrebach und sie noch fit genug war, zu Fuß in den Nachbarort zu laufen, um Bekannte zu treffen. Im "Stromer", schwärmt Thomanek, führen nette Menschen. Einige Stammfahrgäste verabreden sich zum Kaffeeklatsch – der Bus als Sozialstation.
Für die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde ist das sogar eine seiner wichtigsten Funktionen. Anke Denker ist zuständig für Stromberg und neun kleine Ortschaften drum herum. Manche Ortsteile seien schon vom Busverkehr abgeschnitten, sagt sie. Manchmal treffe sie dort Menschen, die wochenlang niemanden gesprochen hätten. Mit dem "Stromer" könnten sie wieder am sozialen Leben teilnehmen und sich zu Freunden, zum Einkaufen oder zu Veranstaltungen bringen lassen.
Etwa 30 Bürgerbusse fahren inzwischen in Rheinland-Pfalz. Die Anschaffung des Fahrzeugs wird dort von Landesbehörden mit 8500 Euro gefördert. In Stromberg haben sie es ohne Geld vom Land geschafft: Den Bus stiftete ein Autohaus, den Sprit zahlt die Stadtverwaltung. "Aber eigentlich", sagt Denker, "lebt das Ganze von den Ehrenamtlichen, denen die Sache Spaß macht."

Die Schul-Teiler

Bevor Schulleiterin Regina Lingel-Moses zur Arbeit fährt, muss sie in ihren Terminplan schauen. Denn ihre Schule gibt es zweimal: in der Stadt Krefeld und in der Gemeinde Kerken, zehn Kilometer voneinander entfernt.
In Krefeld waren mehrere Schulen geschlossen worden, in den vergangenen zehn Jahren erwischte es 9 von 68. "Eine Folge des demografischen Wandels", sagt der für Schulen zuständige Fachbereichsleiter Jürgen Maas. In der Stadt am Niederrhein gibt es weit mehr Menschen über 60 als Kinder und Jugendliche. Die Zahl der Fünftklässler wird bis 2022 um voraussichtlich zehn Prozent sinken.
Als es vor zwei Jahren so aussah, als müsse auch die Robert-Jungk-Gesamtschule geschlossen werden, machte sich Maas auf die Suche nach einem Partner. Er stieß auf den Bürgermeister der Nachbargemeinde Kerken. Dirk Möcking hatte gerade die Hauptschule in seiner Gemeinde dichtmachen müssen und überlegte, wie er das schöne alte Schulgebäude noch nutzen könnte.
Die Idee einer ungewöhnlichen Partnerschaft wurde geboren: Die Krefelder Gesamtschule bekommt eine Außenstelle in Kerken, Stadt und Gemeinde teilen sich die Kosten. Einige Lehrer werden zu Pendlern, dafür müssen die Schüler nicht mit dem Bus zur Schule gefahren werden. Im vorigen Sommer wurden die ersten Fünftklässler in Kerken eingeschult.
"Wir haben eine Win-win-Lösung gefunden", freut sich Schulleiterin Lingel-Moses. Und Bürgermeister Möcking nutzt den neuen Gesamtschulableger in seiner Gemeinde als Chance, gegen den demografischen Wandel zu kämpfen und neue Bürger anzulocken. Für Pendler aus dem Ruhrgebiet sei Kerken durchaus interessant. Eine Gemeinde auf dem Land mit günstigen Grundstückspreisen – und nun auch einem guten Schulangebot.

Die mobile Ärztin

Damit Kerstin Finger ihren neuen Patienten, Herrn Hoppe, findet, hat der die Nachbarin alarmiert. Sie soll vor der Abbiegung auf und ab gehen, da, wo sich Finger vor Weihnachten verfahren hat und deshalb nie ankam. Erkennungszeichen: schwarz-weißer Hund, grüne Pudelmütze.
Kerstin Finger, eine große, schlanke Frau mit dunklem Pagenschnitt, ist Zahnärztin in der Uckermark, seit 30 Jahren praktiziert sie in Templin. Jeden Dienstagmorgen steigt sie in ihren umgebauten weißen Lieferwagen und besucht Patienten zu Hause. Alte, Kranke, Behinderte, all jene, die den Weg in die Praxis nicht schaffen. "Ich sehe das als Dienst an der Gesellschaft", sagt Finger. "Ich habe als Ärztin eine Versorgungspflicht, und der muss ich nachkommen."
An einem nasskalten Dienstag im Winter warten sieben Patienten auf sie, in einem Umkreis von 30 Kilometern. Die ersten drei Termine im Altenheim erledigt sie schnell, dort gibt es ein Krankenzimmer, das sie benutzen darf. Danach müssen ihre beiden Mitarbeiterinnen improvisieren. Manche Patienten bleiben im Rollstuhl sitzen, bei anderen dient der Sofasessel als Behandlungsstuhl. Die eine Mitarbeiterin stützt dann den Kopf des Patienten, die andere leuchtet mit einer einfachen Stirnlampe für Jogger in den Mund.
Seit fünf Jahren arbeitet die Zahnärztin so. Damals hat sie sich einen Behandlungsapparat gekauft, der sonst in Lateinamerika eingesetzt wird. Er steckt in einem tragbaren Plastikkoffer und ist in fünf Minuten aufgebaut. Wenn vorn die drei Schläuche festgedreht sind und unten die Wasserflasche angeschraubt ist, kann Finger all das tun, was sie sonst in ihrer Praxis erledigt: Zahnstein entfernen, Prothesen richten, Zähne ziehen, bohren, füllen, versiegeln.
Templin sei medizinisch nicht einmal unterversorgt, sagt Finger. "Aber niemand kümmert sich um die, die nicht in die Praxis kommen können." Die Anfahrtswege sind weit, die Kilometerpauschale der Krankenkassen sei verschwindend gering. Ihr Engagement rechnet sich erst seit Kurzem. Denn erst 2013 wurden Extra-Honorare für Hausbesuche bei Menschen mit Pflegestufe eingeführt.
Bis Finger vor dem Haus der Familie Hoppe steht, sitzt sie 35 Minuten lang im Auto, fährt über schnurgerade Straßen, gesäumt von kahlen Bäumen, durch nebelbehangene Felder. Die Nachbarin mit dem schwarz-weißen Hund ist schon weg, aber Frau Hoppe navigiert die drei Frauen am Telefon bis vor ihre Haustür.
In Brandenburg hat Finger bislang keine Nachahmer gefunden. Aber immer wieder rufen kleine Praxen irgendwo aus Deutschland an und wollen Tipps. Und neulich hat die Bundeszahnärztekammer angefragt: ob sie nicht Interesse daran habe, eine Fortbildung zum Thema "Mobile Praxis" anzubieten. "Ich denke bei der ganzen Sache auch an mich", erklärt Finger. "Ich möchte auf dem Land wohnen bleiben, wenn ich alt bin. Und hoffe, dass mich dann auch jemand versorgt."

Der Rückbau-Experte

Heiko Stock war gerade erst im Amt, als er die Zahl zum ersten Mal las: Zwölf Millionen Euro, so stand es in einer Akte, werde die Sanierung der maroden Abwasserkanäle in Lautertal kosten. Zwölf Millionen Euro für weniger als 2500 Einwohner, die noch in der hessischen Vogelsberg-Gemeinde wohnen, auf sieben Ortsteile verteilt. "Mir war sofort klar: Das geht nicht."
Stock, 45, ist dort seit 2006 Bürgermeister und ein pragmatischer Mann. Weil die Einwohnerzahl seit vielen Jahren schrumpft, lässt er Spielplätze zu Mehrgenerationen-Parks umbauen, in denen sich auch Rentner treffen können. Und damit Brände noch gelöscht werden, obwohl immer weniger Helfer da sind, fasst er die freiwilligen Feuerwehren zu größeren Einheiten zusammen, die gleichzeitig zum Einsatz gerufen werden. Außerdem stellt er nur noch Leute in der Gemeindeverwaltung ein, die sich zum Brandschützer ausbilden lassen – so wie auch er es getan hat. "Wenn es brennt, rücke auch ich mit aus", sagt der Bürgermeister.
Die Kanalsache war komplizierter. Weniger Menschen produzieren weniger Abwasser. Wozu also noch so große und teure Kanäle und Klärwerke? Früher gab es ja auch Speicherbecken und Sickergruben an den Häusern. Doch die übergeordneten Wasserbehörden hielten nicht viel davon und verwiesen auf eine Vielzahl von Verordnungen und Gesetzen zur Abwasserbehandlung. Kaum durchschaubar für die sechsköpfige Gemeindeverwaltung.
Dann hatte Stock Glück. Eine hessische Hochschule startete mit Geld des Landesumweltministeriums ein Modellprojekt, um in Gebieten mit sinkenden Bevölkerungszahlen den Aufwand zur Abwasserentsorgung zu begrenzen. Lautertal wurde Beispielgemeinde.
Inzwischen gibt es ein ausgeklügeltes Konzept für die Gemeinde. Es sieht kleinere, dezentrale Anlagen vor sowie offene Gräben statt teurer unterirdischer Betonrohre, zumindest für das Regenwasser. Es wird dadurch deutlich billiger für Lautertal – aber ganz zufrieden ist Stock noch nicht. Immer wieder stoße er im Alltag auf komplizierte Regelungen und hohe Standards, die möglicherweise für wachsende Städte sinnvoll seien, aber nicht für kleine, schrumpfende Gemeinden. "Wir sind noch viel zu wenig darauf vorbereitet, dass Infrastruktur wegen der demografischen Entwicklung auch mal zurückgebaut werden muss", sagt der Bürgermeister.
Ohne diesen Rückbau werde der Unterhalt der Kanäle, Straßen oder Kläranlagen für die verbliebenen Landbewohner so teuer, dass noch mehr von ihnen vertrieben würden. Die Abwanderung, fürchtet Stock, beschleunige sich dann noch.

Der Tele-Patient

Für die tägliche Kontrolluntersuchung muss Heini Rumpf sein Schlafzimmer nicht verlassen. Er legt sich eine Blutdruckmanschette um den Arm, stellt sich auf eine Waage, das war's. Sekunden später schickt ein Mobiltelefon die Daten automatisch aus dem pfälzischen Aschbach an einen Rechner im gut 30 Kilometer entfernten Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern. Wenn Puls und Blutdruck in Ordnung sind und keine Gewichtszunahme auf eine plötzliche Wassereinlagerung im Gewebe hinweist, wird es ein ruhiger Tag für Rumpf. Wenn nicht, klingelt gleich sein Telefon.
Rumpf, 77, liebt es, in Strickjacke am Esstisch zu sitzen und über die Wiesen des dünn besiedelten Nordpfälzer Berglands zu schauen. Ein Idyll – solange man nicht ernsthaft krank wird.
Im vorigen Juni aber passierte es. Rumpf fiel in der Nacht das Atmen schwer, das Herz pumpte viel zu schnell. Die Praxis seines Hausarztes, etwa sieben Kilometer entfernt, war erst am nächsten Tag erreichbar. Und sie wird es wohl nicht mehr lange sein, denn voraussichtlich im Sommer werde der Mediziner die Praxis aus Altersgründen schließen, ebenso wie der zweite Arzt in diesem Ort. "Dann wird es eng hier mit der Versorgung", sagt Rumpf.
Für den Rentner war es ein Glücksfall, dass sein Arzt ihn am Tag nach der Herzattacke in die Klinik nach Kaiserslautern schickte. Dort testen Ärzte zusammen mit der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke und einem Fraunhofer-Institut ein Telemedizin-Projekt für Herzpatienten in strukturschwachen Regionen. Rund hundert Patienten im Umkreis von 90 Kilometern nehmen daran teil. Es sei eine der Gegenden, in der viele Ärzte ihre Praxen aufgäben, während die Bevölkerung älter und behandlungsbedürftiger werde, sagt der Kardiologe Burghard Schumacher, der ärztliche Leiter des Projekts. Deshalb sei Tele-Medizin dort unverzichtbar. Dabei werden die Daten, die der Patient schickt, vom Computer in der Klinik automatisch ausgewertet. Bei ungewöhnlichen Werten blinkt der Name des Patienten sofort auf dem Bildschirm eines Arztes oder einer Krankenschwester auf.
Rumpf erzählt, dass seine Pulsfrequenz vor einigen Monaten einmal auf 125 Schläge pro Minute gestiegen sei. Eine halbe Minute nach der Messung habe sich die Klinik gemeldet und gefragt, ob sie einen Notarztwagen schicken solle. Das sei nicht nötig gewesen, sein Kreislauf habe sich bald auf Normalmaß eingependelt. "Es beruhigt sehr, wenn man weiß, dass man so überwacht wird", sagt Rumpf. Auch wenn seine Werte über längere Zeit unauffällig seien, melde sich hin und wieder jemand aus der Klinik und erkundige sich nach seiner Gesundheit.
Dieses System entlaste auch die Mediziner, die auf dem Land noch die Stellung halten, meint Projektleiter Schumacher: Viele Routinetermine, etwa die Blutdruckkontrolle in den Praxen, würden verzichtbar.

Die Vorausschauenden

Der Auerberg im östlichen Allgäu ist keine imposante Erhebung, verglichen mit der felsigen Alpenkulisse im Süden. Doch wer hinaufsteigt auf die 1055 Meter hohe Kuppel und dann noch ein Stück höher auf die Aussichtsplattform der St. Georgs Kirche, hat einen schönen Blick über die Berge, vom Wendelstein im Osten bis zum Bregenzer Wald.
Die Gemeinden rund um den Auerberg haben einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. 14 Kommunen mit rund 30 000 Menschen haben sich zu einer Gemeinde-Allianz zusammengetan, dem Auerbergland. Reinhard Walk, Geschäftsführer des Vereins Auerbergland, sagt: "Bei uns darf jeder an seinem Kirchturm polieren, aber er muss auch über ihn hinausschauen."
Dieses Motto prägten, zusammen mit ihm, vor allem zwei Männer: die ehemaligen Bürgermeister Heimo Schmid aus Bernbeuren und Rudolf Zündt aus Roßhaupten. Sie begannen 1992 damit, ihre Dörfer vor dem langsamen Ausbluten zu bewahren. Damals gaben Landwirte auf, in den Ortskernen standen Wohngebäude und Stallungen leer, Flächen lagen brach. "Wir mussten fürchten, dass es bald rundherum nur noch Wald gibt", sagt Walk. Die Probleme waren vielfältig, der Austausch unter den Gemeinden aber gut. Hunderte Bürger wurden in Arbeitskreisen eingebunden, Häuser und Grundstücke in einer Datei erfasst. Die Kommunen nutzten Fördermittel, um leere Höfe zu kaufen. Es entstanden Hofläden; die heimische Gastronomie verwendete, was die Bauern aus der Region erzeugten. Das Auerbergland entwickelte ein gemeinsames Tourismuskonzept.
Zugleich wurden neue Bürger angelockt. "Sobald ein Bauplatz im Ort zu haben war, hat ihn die Gemeinde gekauft", sagt Rudolf Zündt. Der Platz wurde nicht an reiche Pensionäre vergeben, die sich im Allgäu einen Ruhesitz oder ein Ferienhaus bauen wollten. Sondern an Käufer, die entweder einen Betrieb oder eine Praxis anmelden oder sich in den Vereinen einbringen – und natürlich an junge Familien.
Auch Mehrgenerationenhäuser entstanden damals. Drei davon gibt es heute im Auerbergland, eines davon für die 2200 Einwohner von Roßhaupten. Kurz vor zwölf Uhr füllt es sich mit Leben. Rund zwei Dutzend Grundschüler toben in der Spielecke des großen Raums. Ehrenamtliche Helferinnen decken den Tisch, die Gastwirte in Roßhaupten liefern abwechselnd das Mittagessen, frisch gekocht, angeboten wird es für 4,50 bis 5,50 Euro pro Mahlzeit. Ältere Damen gesellen sich dazu, die selbst nicht kochen wollen oder schlicht Geselligkeit suchen. Die Senioren helfen den Kleinen, man spielt und ratscht, die Kinder haben Aufsicht, die Alten Unterhaltung.
15 Ehrenamtliche engagieren sich hier, rund 40 Haushalte der Gemeinde spendieren Kuchen. Im Büro arbeiten drei Teilzeitkräfte auf 450-Euro-Basis. Sie vermitteln Fahrdienste, Einkaufshilfen, Tagesmütter. Wer nicht mehr aus dem Haus gehen kann, erhält sein Essen geliefert. "Auf diesem Weg sieht man die alten Leute, die allein leben, regelmäßig", sagt Zündt. "Und wer Hilfe braucht, bekommt sie."
Sechs Beispiele, sechs Regionen. Die schlechte Nachricht: All diese Ideen können die Entwicklung nicht stoppen. Der demografische Wandel, groß und gewaltig, wird die ländlichen Regionen treffen und etliche von ihnen zu Problemzonen der Republik machen. Es geht deshalb nicht ums Verhindern, sondern ums Lindern: das Beste aus der Situation zu machen, damit nicht Regionen veröden und Dörfer sterben.
Das ist eine Aufgabe für den Staat; für die Behörden vor Ort und, wo es auf Planung und Prioritätensetzung für den ländlichen Raum ankommt, in den Ministerien. Und es ist eine Aufgabe für die Menschen, die dort leben. Auch das sollten die sechs Beispiele zeigen. Wenn der Staat nicht mehr alles leisten kann, springen die Bürger ein; sie können bewegen, verbinden, einander helfen. Und vielerorts tun sie es bereits. Das ist die gute Nachricht.
Von Laura Backes, Matthias Bartsch, Conny Neumann und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 14/2015
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