04.04.2015

SpendenStille Post

Viele Kinder aus armen Weltgegenden schreiben Briefe an ihre deutschen Paten. Auf Antwort warten sie zumeist vergebens. Eine Geschichte über Geld und Liebe in Berlin und Addis Abeba. Von Barbara Hardinghaus
Hanns Eckelkamp hatte elf Patenkinder in all den Jahren, zwei sind es aktuell, er sitzt vor ihren Briefen in einem Berliner Café und redet, während er Tee trinkt, viel über sich und die Welt. Die Patenkinder schreiben immer, mindestens einmal im Jahr, das gehört zum Spiel, und ganz oben auf Eckelkamps großem Stapel liegt der Brief einer jungen Frau aus Äthiopien, deren Pate er auch einst war. Zinash Temesgen ist ihr Name, Register-Nummer 60127/375, sie ist heute 24 Jahre alt, und sie wird, weit weg in Bahir Dar, 60 Flugminuten von Addis Abeba, darüber erzählen, wie es war, einen Paten zu haben, bei einer Tasse schwarzem Kaffee.
Hanns Eckelkamp trinkt Tee in Berlin-Wilmersdorf, die Briefe aus der Ferne vor sich: Manche sind mit Kuli auf Linienpapier geschrieben, auf andere sind Blumen gemalt, ein Mädchen in buntem Kleid mit Bibel, eine Kirche, eine Katze im Korb.
Eckelkamp ist 88 Jahre alt, er trägt einen dunklen Anzug, geringelte Socken, eine Brille, weißes lichtes Haar, er ist noch kein Rentner, er arbeitet weiter, seine Wohnung ist sein Büro und liegt gleich um die Ecke an der Sächsischen Straße. Er erzählt gern aus seinem Leben. Wie er im katholischen Münster aufwuchs, wie er den Zweiten Weltkrieg erlebte, dass seine Eltern eine Kneipe hatten. Dass im großen Saal der Gastwirtschaft die Juden auf dem Boden schliefen und er sah, wie man sie wegfuhr.
Nach dem Krieg wurde Eckelkamp Kinobesitzer, Kaufmann, Verleiher, Filmproduzent, er arbeitete mit großen Regisseuren zusammen, kaufte die Rechte der "Feuerzangenbowle", von "Zwölf Uhr mittags", und er setzte sich schon früh ein für andere, für junge, deutsche Regisseure, er ging auch mal pleite, aber er machte weiter.
Es soll um die Briefe gehen, um die Patenkinder, aber Eckelkamp fällt mehr zu sich selbst ein, und er redet auch über Dante und Filme, über die Schweiz und Bücher, die er gelesen hat. Es soll um die Frage gehen, warum einer wie er fremden Kindern hilft. Und was die Briefe mit den Blumen und Katzen mit ihm gemacht haben.
Hanns Eckelkamp hat selbst sechs Kinder, er ist geschieden, hat sich gerade von seiner Freundin getrennt, "um mehr Freiheit zu haben". Er hat sich ein Buch gekauft, "101 Orte, die man gesehen haben muss", sagt er, er will nach Krakau, er besucht Filmfeste, er träumt von Lugano, er möchte noch einmal auf der Piazza sitzen im Freiluftkino. Auf Addis Abeba käme er nicht. Auf Äthiopien, wo fast alle seiner ehemaligen Patenkinder mit seiner Hilfe aufwuchsen und leben.
Ihre Namen stehen unter den Briefen vor ihm auf dem Tisch: Zenebu, Wangari, Saranya, Tsion, Tigist, Solomon, Worknesh, Soniya, Hana, Meseret. Eines der Kinder, sein erstes, stammte aus Kenia, zwei waren aus Indien.
Auf die Briefe ist jeweils ein Eingangsstempel gesetzt, Eckelkamps Sekretärin hat das erledigt und die Post abgelegt in einem der vielen Fächer im Büro. Dort lagen sie dann eine ganze Weile und gilbten.
Eckelkamp unterstützt Patenkinder seit 14 Jahren, meist zwei zur selben Zeit, er zahlt 31 Euro für jedes von ihnen im Monat, und auf die Idee gekommen war er, weil er selbst mit seiner Frau und den Kindern damals in Duisburg gelebt hatte, in einer Villa, die nicht weit entfernt lag vom Haus der Kindernothilfe. Er hatte davon gehört, wie deren Arbeit begonnen hatte, 1959, in einer Privatwohnung: Eine Familie sammelte Geld für arme Menschen, sie traf auf einen Missionar, der ein Jahr lang in Indien gelebt hatte und nun vorschlug, das Geld ganz gezielt an Menschen zu geben. Die ersten fünf Patenschaften überhaupt wurden geschlossen, zwischen Deutschen und fünf Kindern aus einem Schülerwohnheim in Indien.
Eckelkamp fand diesen Beginn ganz großartig, "ganz wunderbar", sagt er mit sonorer Stimme, er ist ein Mann vom Film, er mag große Bilder. Aus den ersten fünf Patenkindern wurden bis heute knapp 100 000 Patenschaften der Kindernothilfe, andere Organisationen zogen nach. Zusammen werden aus Deutschland knapp eine Million Kinder mit Patenschaften unterstützt. Die meisten von ihnen schreiben jedes Jahr einen Brief nach Deutschland. Und die meisten erhalten nie eine Antwort.
Auch Eckelkamp hat auf keinen der Briefe geantwortet. Er sitzt im Café, mittlerweile vor einem norwegischen Frühstück mit Lachs und Eiern, und sagt, er fühle sich deshalb gerade ein bisschen schlecht. Aber es sei eben auch immer etwas anderes gewesen.
Er konnte die Handschriften schlecht lesen, sein Englisch sei auch nicht gut, er habe seine Assistentin mal gebeten, sie möge den Kindern antworten, daraus wurde dann irgendwie auch nichts. Vielleicht, sagt Eckelkamp, habe ja ohnehin keines der Kinder ernsthaft auf eine Antwort von ihm gewartet. Er schiebt die Briefe ein Stück zur Seite.
Was er denn meine, wie Zinash Temesgen, deren Brief ganz oben auf dem Stapel liegt, in Äthiopien so lebe? "Weiß nicht", sagt Eckelkamp, "ärmlich, denke ich", und schaut aus dem Fenster, er will darüber nicht allzu viel nachdenken. Der Italiener gegenüber öffnet gerade sein Lokal für den Mittagstisch.
Es sind neun Flugstunden von Frankfurt bis in die Hauptstadt Äthiopiens, eines Landes, das zu den ärmsten der Welt zählt, dessen Bewohner schon viele Dürren und Bürgerkriege erlebt haben.
Zu Hanns Eckelkamps einstigem Patenkind Zinash Temesgen führt ein weiterer Flug von Addis Abeba in Richtung Norden, 60 Minuten bis Bahir Dar, einer Stadt mit 300 000 Einwohnern, einer Universität, einem See und alten Klöstern. Die meisten Menschen leben von ihren Feldern.
Es ist kühl am Morgen, die Sonne noch schwach. Vor einer Kirche im Zentrum steigt eine junge Frau zu, es ist Zinash Temesgen, die Frau, die den Brief ganz oben auf Eckelkamps Stapel geschrieben hat; sie hat ein rundes Gesicht, lange Wimpern, ein offenes Lächeln, ein rotes Tuch um den Kopf gewickelt, sie trägt einen langen Rock. Sie ist schüchtern, sie hält sich an ihrem Handy fest. Sie hat sich bereit erklärt, das Waisenhaus zu zeigen, in dem sie bis vor sechs Jahren untergebracht war, ein Patenkind war. Die letzten Meter führen über eine Straße aus Sand, auf der Mulis Karren ziehen.
Im Heim blüht rosafarbener Hibiskus in Kanistern. Der Direktor steht am Tor, Zinash Temesgen darf vorgehen. Sie beginnt in ihrem alten Zimmer, in dem sie mit fünf weiteren Mädchen lebte, 48 waren sie insgesamt, sie zeigt ihr Bett aus Metall, rechts an der gelben Wand ihren Schrank, ein Fach mit einem Schloss, auf das ein Mädchen, das nach Zinash in das Heim kam, geschrieben hat: "I mess ou!", "Ich vermisse dich".
Zinash Temesgen war neun, als sie in das Waisenhaus kam. Sie war schon damals schüchtern, erinnert sich der Direktor, sie spielte nicht gern, sagt die Betreuerin, sie war fleißig, half in der Küche, sagt die Köchin. Zinash Temesgen vermisste ihre Geschwister.
Wann genau sie geboren wurde, kann sie nicht sagen. Sie erinnert sich an das Bier, das ihre Mutter braute. Es war oft voll im Haus. Sie erinnert sich an die Stille der Felder, an die Einsamkeit des Himmels, an die langen Wege, auf denen sie lange lief für Wasser; an das Schreien ihrer Mutter am Morgen, an dem sie starb. An den Tag, an dem ihr Vater starb, kurz darauf.
Drei Jahre lang lebten die Kinder allein auf dem Hof. Der älteste Bruder war 12. Dann holte ein Onkel sie ab, er kam aus der großen Stadt, Addis Abeba, und brachte sie ins Heim von Bahir Dar. Sie weinte einen Tag lang, das weiß sie noch ganz genau, aber hatte dann bald eine neue Freundin im Nachbarbett. Sie mochte dieses Leben, alle waren gleich. Und sie hatte einen Paten aus Deutschland, der jeden Monat 31 Euro für sie bezahlte.
2,56 Euro waren für Arztbesuche, Schulgeld, Bücher, 7,24 Euro für Reparaturen im Waisenhaus und dessen Angestellte, 1,78 Euro für Telefonate und Briefe, 0,56 Euro für die Mitarbeiter der Kindernothilfe in Duisburg, 4,09 Euro für Werbung, den Spenderservice, die Verwaltung, und 1,38 Euro gingen in einen Topf, der für Schäden durch Naturkatastrophen gefüllt wurde. 13,39 Euro waren für Zinash, in bar. Sie kaufte Röcke und Pullover, Sandalen und Süßigkeiten, die es im Heim nicht gab. Die Kinder aßen Bohnen, Mais, Mangos, Avocados und das gesäuerte Fladenbrot namens Injera.
Zinash Temesgen wusste von Beginn an, dass sie Hilfe aus der Ferne bekam. Sie schrieb ihren ersten Brief nach Deutschland mit zehn, in der Weihnachtszeit. Ein Lehrer riet ihr dazu, etwas über Weihnachten zu schreiben, auch Fragen zu stellen. Nur, wem genau schrieb sie? Sie schrieb "thank you" und malte etwas und bekam nichts zurück und dachte, dass ihr Pate nicht echt sei, kein Mensch.
Sie steht in der Küche, die Köchin umarmt sie, sie sieht, wie die anderen Kinder am Tisch sitzen, Zinash Temesgen setzt sich zu ihnen und isst mit. Es ist für sie eine Reise zurück in die alte Zeit, in ihre Träume. Sie wollte später Straßen bauen. Sie wollte es auf die Universität schaffen, als Ingenieurin. Sie lernte gern und ging jeden Tag unter Eukalyptusbäumen in die Kirche, um zu beten.
Die anderen Kinder am Tisch sind Waisen wie sie, die meisten ihrer Eltern sind an Aids gestorben, einige bei Autounfällen oder an Krebs. Sie sind zwischen 8 und 18, leben in fünf Häusern, die mit der Hilfe von Ausländern nach der großen Hungersnot in den Jahren 1984 und 1985 gebaut wurden. Jeden Sonntag schauen sie am Nachmittag um vier Uhr eine Soap im Fernsehen, die "Dana" heißt und in der es um verschleppte Frauen geht. Das Heim beschützt sie, so wie es Zinash Temesgen damals beschützt hat, als sie klein war.
Sie schrieb weiter ihre Briefe, jedes Jahr, es war wie die Erledigung der Hausaufgaben. Sie wuchs heran, wurde eine junge Frau, sie freute sich über die 120 Birr extra, gut fünf Euro, zu Weihnachten. Ihre Freundinnen stellten sich manchmal jemanden vor, an den oder die sie ihre Briefe schrieben, eine blonde Frau, einen reichen jungen Mann, eine Familie, die gut war.
Zinash Temesgen fand das albern. Es gab niemanden für sie. Und so merkte sie es gar nicht, als ihr Pate wechselte, 2009, in dem Jahr, in dem Barack Obama Präsident der USA wurde und Michael Jackson starb. Das war wichtiger als der Umstand, dass nun ein gewisser Herr Hanns Eckelkamp aus Berlin ihr Pate war.
Sie schrieb ihren jährlichen Brief wie immer, nur kam er jetzt, über Duisburg, eben in Berlin an: "Dear my foster parents", schrieb sie, "liebe Spendereltern, wie geht es? Mir geht es sehr gut. Ich gehe jetzt aufs College, ich lerne Vermessungstechnik. Danke für eure Unterstützung. Ich hoffe, ihr habt ein glückliches Leben." Eckelkamps Sekretärin hat den Eingangsstempel oben rechts gesetzt, 11. Juni 2009.
Als sie mit den Waisenkindern zu Ende gegessen hat, steht Zinash Temesgen vor der Halle, ein Adler kreist am Himmel, Pelikane kreischen, sie hört zum ersten Mal, dass es ihn doch gibt, ihren Paten, einen echten Menschen.
Er ist 88.
Sie lacht.
Er wohnt in Berlin.
Sie lacht und sagt, sicher habe er ein gutes Leben.
80 Prozent der Paten sind wie Hanns Eckelkamp, sie schreiben den Kindern nicht zurück. Sie erwarten den Brief aus der Fremde wie eine Quittung, aber denken nicht daran, dass die andere Seite auch gern eine hätte. Spender fühlen sich besser, wenn sie großzügig sind, das ist wissenschaftlich erwiesen, sie sind anerkannter, sie wollen Informationen, keine Nähe. Sie reagieren auch schneller auf Werbespots, die anklagend sind, als auf fröhlich-motivierende, sie spenden lieber nach großen Katastrophen, weil es ihre eigenen unterdrückten Ängste bändigt, spenden lieber dem Einzelnen, dem Mädchen aus Afrika.
Der typische Pate der Kindernothilfe ist 59, häufiger eine Frau als ein Mann, kommt eher aus Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg als aus dem Osten oder Norden Deutschlands, lebt im Zweipersonenhaushalt und hat die eigenen Kinder schon aus dem Haus. Es gibt aber auch Familien, die wollen, dass ihre eigenen Kinder mit der Geschichte eines fremden Kindes aufwachsen, oder auch den Paten, der seine Einwände ausdrückt und nicht möchte, dass sein Patenkind heiratet oder umzieht oder es schade findet, wenn der Vater eines Kindes doch Arbeit gefunden hat und sich die Patenschaft erübrigt.
Zinash Temesgens Adresse kann man nur direkt bei der Kindernothilfe bekommen, wenn überhaupt, sie gibt keine Adressen weiter direkt an die Paten, weil die sich sonst womöglich aufmachen in die Fremde, um sich die Dankbarkeit persönlich abzuholen. Sie sollen auch keine zu großen Geschenke schicken, weil es andere Kinder in den Programmen neidisch werden lassen könnte. Paten kommen schon mal auf komische Ideen. Es gab einen Fall, in dem jemand einen Karton mit sechs Flaschen Mineralwasser nach Afrika schicken wollte.
Zinash Temesgen sagt, jetzt, da sie einige Informationen über ihren Paten aus Deutschland bekommen habe, könne sie ihn fühlen. Sie kenne Kinos, Eckelkamps Beruf, aber sie war noch nie in einem. Sie lächelt oft nach ihren Sätzen, sie hat etwas von einer Staatsfrau, die stolz ist, die ruhig und klar ihre Sätze findet. Nur manchmal, wenn keiner guckt, sieht sie einen Augenblick lang stumm in die Weite.
Sie macht das gut; sie spielt ihre Rolle und tut es gern. Sie fühlt sich verantwortlich für den Direktor, die Organisation aus Deutschland, die allein in Äthiopien 74 Projekte unterstützt und fünf Millionen Euro ausgibt jedes Jahr.
Äthiopien ist ein gutes Land für Helfer wie die Kindernothilfe und viele andere, weil es sich gut bereisen lässt und weil es auf Spenden dringend angewiesen ist. Wichtig ist auch, für Werbezwecke, dass prominente Botschafter, Schauspieler wie Natalia Wörner oder Politiker wie Norbert Blüm, ohne Probleme vorbeischauen können. Äthiopien ist friedlich, ein Visum ist leicht zu bekommen, und viele prominente Unterstützer haben einfach nicht die Zeit, auf eine entlegene Insel Indonesiens zu reisen. Es passt, in Äthiopien, alles zusammen.
Als Zinash Temesgen mit 18 Jahren das Heim verließ, war sie die Klassenbeste und ging durch das Eisentor auf die Straße aus Sand mit einer Matratze, einer Decke und einem Koffer. Sie zog mit ihrer Freundin aus dem Heim in ein kleines Haus. Es kostete 100 Birr im Monat, 4,50 Euro, und weil sie weiter zur Schule gehen und eine Ausbildung machen wollte, blieb sie ein Patenkind und bekam 150 Birr im Monat aus Berlin, auch um Essen zu kaufen.
Sie arbeitete als Serviererin in einem Café. Sie ging mit 19 auf das Bahir Dar Polytechnic College und lernte in Haus 313 Vermessungstechnik, sie trug über ihrem bunten Rock einen Wissenschaftlerkittel, zog in ein Haus aus Lehm gleich neben der Polizeiwache und klebte an die Wand ein Stück Papier, auf dem stand: "Auch wenn du viele Freunde hast, sind es deine Brüder und Schwestern, die dir helfen."
Dabei hatte sie ihre Geschwister nie wiedergesehen. Bis sie einer Frau begegnete, die wusste, wo ihr Bruder lebte, zufällig. Und einmal, als sie Winterferien hatte und fünf Tage frei, fuhr sie in einem Bus hundert Kilometer in den Nordosten, nach Debre Tabor. Da waren sie: ihr großer Bruder, die ältere Schwester und eine jüngere mit vielen kleinen geflochtenen Zöpfen auf dem Kopf, an die sie sich nicht mehr erinnerte.
Sie saßen am Tisch und aßen. Ihre Schwester, ihr Bruder, waren Bauern geblieben. So wäre es auch Zinash Temesgen ergangen ohne die Hilfe, das sagt sie so.
Sie wird jetzt jeden Morgen um 7.30 Uhr im Minivan abgeholt. Die Firma, für die sie arbeitet, ist ein internationales Unternehmen mit Hauptsitz in den USA, mit einem riesigen Büro auch in Addis Abeba, der Hauptstadt.
Mit ihren Kollegen arbeitet sie daran, am College für Landwirtschaft Gehwege zu planen, Straßen, Wasserrohre, Stromleitungen. Sie hat ihr eigenes Büro mit einem Schreibtisch, die Wände sind aus Wellblech, sie hat ein Ringbuch, einen Taschenrechner und ein Bund mit zwei Schlüsseln.
Sie hatte erst keine Arbeit, damals vor drei Jahren, am 31. Dezember 2011, als ihr Leben als Patenkind, Register-Nummer 60127/375, endete. Aber sie hatte ihren Abschluss als Vermessungstechnikerin. Die Kindernothilfe schickte das Abmeldeformular mit ihrem letzten Brief an die Adresse von Hanns Eckelkamp, "she has left the project", der Brief, der im Café oben auf dem Stapel gelegen hat. Zinash Temesgen sagt, es sei der einzige Brief gewesen, den sie tatsächlich aufrichtig, mit echten Gefühlen geschrieben habe: "Ich danke Ihnen im Namen Gottes und mit ganzem Herzen dafür, dass Sie mir so halfen." Der Eingangstempel auf dem Brief: 6. Januar 2012.
Als Technikerin verdient sie im Monat 1050 Birr, 47 Euro, das ist, in Äthiopien, nicht schlecht. Auf dem Gelände der Uni vermisst sie das Gefälle zwischen den Fundamenten der Rohbauten und der Straße, damit sie die Abflüsse legen kann für das Abwasser. Sechs Kilometer Straße hat sie schon geplant. Das war Teil ihres Traums.
Aber sie hat noch nicht alles erreicht. Mit der Konstruktionsfirma hat sie nur einen Zeitvertrag, seit drei Jahren schon. Die Firma entfristet sie nicht, weil sie dann das Vierfache verdienen würde. Sie glaubt aber, eines Tages werde es so weit sein, und dann werde sie sparen für die Universität und doch noch Ingenieurin werden. Sie werde weiter dafür beten.
Jeden Tag geht sie nach der Arbeit kurz in die Kirche in ihrer Gegend, legt ihren weißen Gabi an, ihren Schal, kniet, bekreuzigt sich und spricht: "Ich bete für meine Gesundheit, für den Frieden, den Fortschritt, für meine Jobsicherheit und ein besseres Gehalt. Amen!" Dann läuft sie über Sand nach Hause, zu ihrem Lehmhaus, Kinder springen ihr entgegen in zerrissenen Hemden, mit schmutzigen Mündern, mit krausem Haar. Zinash Temesgen sagt, so in etwa habe sie ausgesehen als Mädchen.
Zu Hause stößt sie die Tür auf, ihre Schwester wartet, die kleine mit den vielen Zöpfen, die jetzt 18 ist, sie hat sie mitgenommen von der Farm ihres Bruders, um für sie Arbeit zu suchen. Sie fand eine für sie beim Sicherheitsdienst einer Bank. Seitdem die Schwester bei ihr wohnt, fühlt sie sich nicht mehr allein. Sie kochen gemeinsam, sie sehen fern, schlafen, arbeiten, sie haben beide keinen Freund, aber sie wünschen sich eine eigene Familie eines Tages.
An diesem Abend trifft sie sich mit anderen jungen Frauen aus ihrem ehemaligen Waisenheim in einem kleinen Café am Tanasee, Zinash Temesgen ist eher ein konservativer Typ, die anderen drei sind kleine Ladys mit Handtaschen, Nagellack an den Fingern und Silberketten, an denen sie spielen, während sie Sprite trinken, kichern und berichten, wie es ihnen ergangen ist. Auch sie waren Patenkinder von fernen, fremden Deutschen.
Nun reden sie alle durcheinander, Asmarech, 25, Meselu, 23, Mastewai, 23. Sie kennen sich wie Schwestern. Meselu arbeitet als Sekretärin. Sie ist die Einzige, die mal einen Brief zurückbekommen hat. Von wem? "Von einer Frau", sagt sie, "einer Lehrerin." Und sonst? Sie schrieb, dass sie bald pensioniert werde. Meselu schrieb zurück, aber hörte nichts mehr.
Manchmal ärgert es die Patenkinder, wenn sie keine Antworten erhalten. Sie schreiben dann in ihre Briefe Sätze hinein wie: "Ich habe Ihnen schon so oft geschrieben, und nie antworten Sie!" Die Lehrer streichen diese Passagen dann heraus und sagen, dass die Menschen in Deutschland viel arbeiten. Sie hätten nicht viel Zeit. Manchmal hätten sie nicht nur ein, sondern mehrere Patenkinder.
Hanns Eckelkamp aus Berlin hatte elf insgesamt, derzeit sind es noch zwei. Meseret aus dem Süden Äthiopiens, auch sie studiert Vermessungstechnik, und Hana aus Addis Abeba, die durch die Hilfe aus Deutschland studieren konnte, Soziologie, die gut abschnitt, aber noch immer Arbeit sucht. Das sind die Grenzen des Guten, wenn die Hilfe für die Kinder endet und für die jungen Erwachsenen das echte Leben anbricht, ohne Hilfe, ohne Hanns Eckelkamp. Manchmal hilft es nichts, wenn ein Mensch sich weiterentwickelt, aber nicht das Land, in dem er lebt.
Zinash Temesgen sagt, in der Rückschau sei das erste Jahr nach dem Waisenhaus das schwerste gewesen. Sie war nicht eingestellt auf das Leben, es war wie ein harter Schnitt. Sie musste sich um alles allein kümmern, Essen kaufen, mit dem Geld umgehen. Sie musste sich um sich kümmern. Sie hatte keine Ahnung, wie das geht und wer sie überhaupt war.
"Wie soll man sich finden, wenn alle Kinder gleich sind?", fragt sie bei einem Mittagessen an einem anderen Tag. Auf der Veranda aus Holz, in einem Restaurant, rückt sie ihren Stuhl jetzt ein Stück vom Tisch ab, unter dem Schatten der Bäume legt sie, Zinash Temesgen, ihre Hände wieder zusammen auf den Bauch und möchte noch etwas sagen, wie eine Staatsfrau: "Wenn Sie den Mann aus Deutschland noch mal treffen, sagen Sie ihm, dass ich dankbar bin, auch wenn ich noch nicht so weit bin, wie ich sein wollte. Aber für die Reise, die ich durch ihn beginnen durfte."
Es sind genau diese Worte, die Hanns Eckelkamp ein paar Tage später zu hören bekommt, er sitzt wieder in demselben Café in Wilmersdorf, er hat wieder das norwegische Frühstück bestellt, Lachs und Eier, er beißt vom Brötchen ab und sagt kauend: "Ach, das ist ja schön!"
Er soll sich zwei Fotos ansehen, eins von Zinash Temesgen, eins von Hana aus Addis Abeba, die Geschichte seiner Patenschaften könnte sich jetzt noch drehen, er könnte sich doch noch interessieren für die Frauen, die Menschen hinter den Patenkindern, aber das misslingt. Er schaut kurz auf die Bilder, sagt: "aber adrett!", dann ist er schon wieder bei sich. Jemand schreibe eine Biografie über ihn, und er plane gerade seine Beerdigung, es werde eine Dixieland-Band spielen, die er an seinem Geburtstag schon einmal probehalber spielen lassen werde.
Warum auch nicht. Es muss nicht immer alles Tiefe haben oder Romantik. Es ist gut, dass Hanns Eckelkamp spendet. Es liegt ihm was an der Welt. Er überweist seit 14 Jahren jeden Monat zweimal 31 Euro, das macht in der Summe 10 416 Euro, viel Geld. Was es bringt, zeigt das Beispiel von Zinash Temesgen, Patenkind Nummer 60127/375. Sie hat einen Beruf. Sie hat einen Traum. Sie ist einen Weg gegangen, und Geld war dabei wichtiger als Liebe.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 15/2015
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