04.04.2015

US-JustizDer amerikanische Albtraum

22 Jahre lang saß Debbie Milke unschuldig in der Todeszelle. Der Vorwurf: Die gebürtige Berlinerin habe ihren Sohn ermorden lassen. Nun wurde sie in Arizona freigesprochen und erzählt vom Alltag in Einzelhaft und dem Drama eines zerstörten Lebens.
Am frühen Morgen des 4. Februar 1991 wurde Debbie Milke ins Frauengefängnis von Perryville nahe Phoenix überführt. Sie saß auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens. Durch die Scheiben blickte sie zum letzten Mal auf die Welt, sah Häuser, Bäume, Blumen. Zum letzten Mal für 22 Jahre.
Vor dem Hochsicherheitstrakt holten Beamte sie aus dem Wagen. "Ich war an den Händen und Füßen gefesselt, konnte nur tippeln", erinnert sich Debbie.
Dann beschreibt sie das Unbeschreibliche: "Je näher wir dem Gebäude kamen, desto lauter wurden die Frauen." Debbie presst ihre Lippen zusammen, ballt ihre Hände zu Fäusten. Sie gibt vor, im Rhythmus gegen etwas in der Luft zu donnern.
"Die Frauen hämmerten gegen ihre Zellentüren. Und sie riefen: Ba-by-kil-ler, Ba-by-kil-ler!"
Debbie senkt den Blick. Sie findet keine Worte für dieses Gefühl damals. "Ich habe permanent nur mit mir selbst gesprochen: Ganz ruhig, Debbie. Sie wissen es nicht besser, sie kennen die Wahrheit nicht." Der Weg zu ihrer Zelle schien ihr unendlich weit.
Debbie kam in Nummer 265, Einzelhaft. Hinter der blauen Tür: acht Quadratmeter, ein Bett, ein Klo, ein Waschbecken, die Wände vollgekritzelt. Mit einem Scheppern fiel die Stahltür hinter ihr ins Schloss. Und dann stand sie da, Häftling Nummer 083533, in Jeans und einem hellblauen T-Shirt, in den Händen ein paar Dokumente und eine Zahnbürste.
Ich habe gegen die Panik angeatmet, wieder mit mir selbst gesprochen: Das hier ist nicht dein Zuhause, Debbie. Das hier ist nicht das Ende.
Es roch nach Zement und Staub. Das Licht war schummerig. Am schlimmsten war der Lärm: Meine Zelle lag über dem Trakt für Suizidgefährdete. Unter mir wimmerten die Frauen. All die Jahre lang.
Jedes Mal, wenn Debbie ihre Zelle verließ, ob zum Duschen oder für den Hofgang, musste sie sich ausziehen.
Debbie Milke steht aus ihrem braunen Sessel auf. Sie ist heute 51 Jahre alt. Ihr schwarzes T-Shirt lässt ihre Haare noch weißer, ihre Haut noch fahler erscheinen; fast ein Vierteljahrhundert lang hat sie kaum Sonne gesehen.
Sie demonstriert jetzt die "strip search": Sie streckt ihre Hände aus, dreht sie, hebt die Arme, gibt den Blick auf ihre Achseln frei. Sie reißt den Mund auf, streckt ihre Zunge heraus. Dann klappt sie ihre Ohrläppchen um. Anschließend dreht sie sich um ihre Achse, hebt ihre Haare hoch. Sie beugt sich vor, deutet an, dass sie ihre Pohälften auseinanderzieht, hustet dreimal, dann zeigt sie ihre Fußsohlen. Als sie fertig ist, liegt ein Schatten auf ihrem Gesicht. Sie sieht unendlich müde aus.
Um Debbies rechten Knöchel liegt noch die elektronische Fußfessel. Es ist Sonntag, der 22. März 2015, der Tag vor ihrem wohl wichtigsten Gerichtstermin: Am folgenden Tag wird der Staat Arizona offiziell eingestehen müssen, dass nicht sie ein brutales Verbrechen begangen hat - sondern der Staat an ihr.
Sie habe, so lautete damals der Vorwurf, Bekannte angestiftet, ihren Sohn Christopher, vier Jahre alt, in der Wüste Arizonas zu erschießen. Eine Jury befand Debbie für schuldig; obwohl kein Beweis standhielt. Zum Verhängnis wurde ihr die Aussage eines fragwürdigen Polizisten.
Am 18. Januar 1991 wurde Debbie zum Tode verurteilt - obwohl sie unschuldig ist. Und wäre es nach dem Willen des Staates Arizona gegangen, dann wäre sie am 29. Januar 1998 hingerichtet worden. In Perryville bereitete man sie schon darauf vor:
Sie nennen ihn "dry run", den Testlauf für den Tod. Elektrischer Stuhl oder Giftspritze? Wo soll meine Leiche hin? Wer soll meinen Besitz bekommen? Sobald ein Hinrichtungstermin feststeht, muss man sehr viele Fragen beantworten. Sie allein machen Todesangst.
Ein dry run ist ein Akt nach Vorschrift. Zunächst wurde jeden Abend meine Zelle durchsucht, damit ich nichts verstecken würde, womit ich mich hätte umbringen können. Und dann war da plötzlich dieser Arzt im weißen Kittel. Er band mir mit einem Schlauch den Arm ab und tastete über meine Ellenbeuge. "Was machen Sie denn da?", fragte ich ihn. "Ich teste, wie gesund Ihre Venen sind", antwortete er. Da wurde mir klar: Die meinen es tatsächlich ernst. Da bin ich zusammengebrochen.
All die Jahre hat die Justiz von Arizona es nicht geschafft, Debbie zu töten. Aber sie hat ihr das halbe Leben genommen: 22 Jahre lang saß die gebürtige Berlinerin in Einzelhaft. Sie wurde behandelt wie ein Monster, eingesperrt in das Labyrinth des US-Rechtswesens, in ein System, das man immer weniger versteht, je mehr man darüber erfährt.
In keinem anderen Land der Welt sitzen so viele Bürger im Gefängnis wie in den USA. Derzeit warten dort fast 3000 Menschen darauf, vergiftet, vergast, erhängt, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet oder erschossen zu werden.
Laut dem Death Penalty Information Center wurden 151 Menschen seit 1973 aus dem Todestrakt in die Freiheit entlassen. Debbie Milkes Fall zeigt, wie leicht es Unschuldige treffen kann.
Montagmorgen vergangener Woche im Superior Court von Maricopa County, Saal 7. Es ist ein sonniger Tag, man kann über die Wüste bis zu den Bergen schauen.
Vor Debbie läuft die Gerichtsuhr, rote Leuchtziffern. Es sind die letzten Sekunden ihres Falls, die letzten Sekunden eines amerikanischen Albtraums.
Sie sitzt zwischen ihren Anwälten, wirkt nervös. Sie trägt eine blau-schwarze Bluse, um den Hals eine Kette mit einem silbernen Herz. Darauf steht: "Hear my soul speak".
Die Richterin schaut in die Runde, sie sagt, sie habe ein Schreiben des Supreme Court von Arizona erhalten, eine Anweisung: "Aufgrund derer ordne ich hiermit an, Frau Milkes Fall zu beenden." Sie braucht 26 Sekunden für die entscheidenden Sätze; 26 Sekunden nach 22 Jahren in der Todeszelle.
Debbie wird in ein Nebenzimmer geführt. Kurz darauf kommt ihr Bewährungshelfer. In der Hand hält er eine Tüte und eine Schere. Zehn Minuten später kommt er wieder raus. In der Tüte liegt nun Debbies elektronische Fußfessel.
Vor dem Gericht warten Fotografen und Kameraleute, ein Wachmann will Debbie vor ihnen bewahren, er zeigt zu einem anderen Ausgang, aber sie lehnt ab.
Sie macht es so, wie sie es in all den Jahren gemacht hat, in denen sie für viele die Kindsmörderin war, in denen Mitgefangene sie beschimpften, wenn sie mit Ketten an den Füßen durch die Gänge geführt wurde: "Ich denke, dass außer mir niemand da ist, und gehe geradeaus."
Debbie Milke wohnt heute im Haus eines Berliner Freundes in Phoenix. 1998 hatte er von ihrem Fall zum ersten Mal im SPIEGEL gelesen, seither unterstützt er sie.
Zwei Säulen tragen das Dach über der Haustür, daneben eine Klingel ohne Namensschild; Debbies Hund bellt, Angel, ein blonder Labrador-Mischling.
Auf dem Küchentresen liegen Ananas, Heidelbeeren, Melonen. Debbie liebt frisches Obst, im Gefängnis gab es höchstens mal einen Apfel oder eine Orange.
In dem Sessel mitten im Wohnzimmer erzählt Debbie, wie es war, auf die Freiheit zu warten, mehr als zwei Jahrzehnte lang. Ein Leben mit dem Nichts vor Augen und dem Gedanken an die Exekution, an das letzte Bild auf der eigenen Netzhaut.
Sie spricht davon, wie es sich anfühlt, in eine Welt zurückzukehren, die nun eine andere ist. Sie erzählt mit ruhiger Stimme, ihre Gedanken und Erinnerungen sind wohlsortiert.
Ihre Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, ihr Vater war US-Soldat in Berlin. Gut ein Jahr nach ihrer Geburt wurde er in die Heimat versetzt, seine Frau Renate und Debbie kamen mit. Doch die Ehe lief immer schlechter, im März 1983 zog Renate allein zurück nach Deutschland.
Debbies jüngere Schwester Sandy blieb beim Vater, der nun als Wärter im Gefängnis von Florence arbeitete, nicht weit von Phoenix. Debbie ging in Phoenix aufs College und wohnte mit einer Freundin in einer WG: "Wir waren 19, unsere Eltern waren weit weg, und wir waren verrückt nach Jungs."
An einem Freitagabend im April 1983 lernte sie in einer Biker-Bar Mark Milke kennen, einen Fußbodenleger, dessen Eltern aus Hamburg stammten. Er war athletisch, gepflegt. "Ich war furchtbar verliebt", sagt Debbie. Doch bald merkte sie, dass Mark viel trank und auch kiffte. "Aber ich glaubte, ihn ändern zu können."
Im Dezember 1984 heirateten sie. Im Oktober darauf wurde Christopher geboren. Mark musste jetzt erstmals ins Gefängnis, er war betrunken und ohne Führerschein gefahren.
Eines Tages, als Debbie in der Garage etwas suchte, fand sie einen Beutel. Darin lagen Nadeln, ein weißes Pulver, ein gebogener Löffel. Sie brüllte Mark an, kurze Zeit später fand sie ihn im Bad wie tot, eine Nadel im Arm.
Irgendwann schrie Mark sie an: Nimm dein Balg und hau ab. Er schubste Christopher aus der Haustür, der Junge machte sich in die Hosen. Debbie nahm ihr Kind auf den Arm, rannte die Straße entlang und versteckte sich hinter ein paar Mülltonnen. Der Kleine sagte, so erzählt sie es: "Mama, kannst du mir Cowboystiefel kaufen? Wenn Papa noch einmal so gemein ist, dann kann ich ihn damit treten."
Debbie überlegte. Ihr fiel nur einer ein, der helfen könnte, Jim Styers, ein Bekannter aus der Nachbarschaft. Er war nett, hatte eine zweijährige Tochter. Von einer Tankstelle aus rief sie ihn an, Styers bot ihr eines seiner Zimmer an.
Sie wusste nicht viel von ihm. Er war Vietnamveteran und lebte von Fürsorgeschecks. Gespenster verfolgten ihn, Gespenster jener Frauen und Kinder, die er in Vietnam erschossen hatte.
Er kümmerte sich um Christopher, während Debbie nach einer Wohnung suchte. Nur Styers' bester Freund war ihr unheimlich, Roger Scott, ein debiler Trinker.
Am 2. Dezember 1989 fragte Styers Debbie, ob er sich ihren weißen Toyota leihen könne, um ins Einkaufszentrum zu fahren. Christopher wollte mitkommen, zog sich seine neuen Cowboystiefel an. "See you later, alligator", rief Debbie. "After a while, crocodile", antwortete er. Es war ihr Abschiedsritual. Dann zogen sie los, der Veteran und das Kind.
Am frühen Nachmittag rief Jim an. Er fragte, ob ich etwas von Chris gehört habe. Er habe den Jungen verloren. Ich rief: Jim, du musst ihn finden, Jim! Er sagte, es sei schon ein Wachmann bei ihm.
Schwarze Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich dachte an Kinderschänder, wurde panisch und rief meinen Vater an. Er sagte, beruhige dich, ruf die Polizei. Also rief ich die Polizei an.
In den nächsten Stunden kamen Beamte. Ich hoffte, Chris würde sich melden, er kannte unsere Nummer. Langsam drehte ich durch.
Am Abend fuhr Debbie zu ihrem Vater nach Florence. Die Polizisten hatten versprochen, das Telefon zu bewachen. Debbie nahm eine Tablette und fiel in einen tiefen Schlaf. Als sie aufwachte, war der Sheriff da. Die Polizei aus Phoenix wolle sie sprechen.
Er brachte mich aufs Revier in Florence, in ein Krankenzimmer. Dann kam ein großer, fetter Mann ins Zimmer, ohne Uniform. Er setzte sich auf einen Stuhl, rollte damit auf mich zu, bis sein Gesicht nur noch ein paar Zentimeter von meinem weg war. Er legte die Hände auf meine Knie und sagte, Christopher sei tot, man habe ihn in der Wüste gefunden, und ich sei unter Arrest. Ich schrie nur noch: Was? Was? Der Mann fragte, ob ich wolle, dass dieses Gespräch aufgezeichnet würde. Ich sagte nein, wieso, ich brauche einen Anwalt.
Er brachte mich dann in einem Auto nach Phoenix, ich starrte in die Nacht. Ich konnte das alles nicht glauben, ich dachte, er würde mich jetzt nach Hause bringen. Aber wir fuhren zum Revier in Phoenix. Dort legte man mir Handschellen an und brachte mich in ein Gefängnis.
Ich weiß nicht mehr viel von den Tagen dort, aber bald kam ein junger Anwalt. Ich fragte ihn: Ist es wahr, dass mein Junge tot ist? Er schaute mich verblüfft an: Wie kann es sein, dass Sie das nicht wissen?, fragte er. Sie haben doch gestanden, den Mord in Auftrag gegeben zu haben.
Debbies Anwalt war ein typischer Pflichtverteidiger, unerfahren. Mit einem Mordfall hatte er noch nie zu tun gehabt. Er hatte überhaupt erst eine Handvoll Strafverfahren hinter sich.
Während er bei ihr saß, stimmte eine vom Staatsanwalt einberufene Jury dafür, Debbie wegen Mordes anzuklagen.
Sie wusste nicht, was passiert war. Ein Detective hatte Styers und Scott befragt. Sein Name: Armando Saldate, ein Verhörspezialist, der den Ruf hatte, Geständnisse herbeizaubern zu können. Der "große, fette Mann", den Debbie beschrieben hatte.
Saldate knöpfte sich Styers vor, doch der schwieg. Scott dagegen war weicher. Saldate fragte, bohrte, drohte. Bis Scott anfing zu reden. Nur erzählte er mehrere Versionen seiner Geschichte.
Ja, Christopher sei tot, sagte Scott. Er wisse auch, wo der Junge sei. Styers habe ihn erschossen, er selbst habe nur das Auto gefahren. Styers habe den Jungen nicht leiden können, außerdem habe es eine Lebensversicherung für ihn gegeben, über 5000 Dollar.
Scott dirigierte die Polizisten Richtung Norden. Auf der Fahrt erzählte er dann eine andere Geschichte: Styers habe Christopher nicht töten wollen, Debbie habe sie angeheuert. Warum, sagte er nicht.
Die Beamten entdeckten Christophers Leiche in einem ausgetrockneten Flussbett nördlich der Happy Valley Road. Jemand hatte dem Kind drei Kugeln in den Hinterkopf geschossen.
Noch am Abend nach Scotts Vernehmung flog Saldate mit einem Hubschrauber nach Florence, wo Debbie im Krankenzimmer des Reviers saß. Das Verbrechen kam Saldate sehr gelegen. Er wollte befördert werden, zeigen, was er kann.
Erst drei Tage später tippte er das Protokoll, sechseinhalb eng beschriebene Seiten, das angebliche Geständnis von Debbie Milke: Sie habe geweint und geschrien im Verhör, "aber ich sah keine Tränen. Ich sagte, ich werde keine Lügen tolerieren. Darauf sagte sie: Schauen Sie, ich wollte nur nicht, dass er aufwächst wie sein Vater. Ich wollte, dass Gott sich um ihn kümmert. Deshalb sprach sie mit Jim über einen Weg, wie Christopher sterben könnte. Sie sagte, sie habe gewusst, dass sie es tun würden, als Jim und ihr Sohn loszogen. Sie sagte ihrem Sohn, dass Gott kommen und ihn holen werde und dass er in den Himmel kommen werde."
Das Problem des Protokolls: Saldate hatte keinen Zeugen mit zum Verhör genommen. Er ließ auch kein Tonband mitlaufen, und seine Notizen habe er weggeschmissen, behauptete er später.
Debbie sagt, er habe ihr die Worte im Mund umgedreht und sich viel dazugedacht. Es könne gut sein, dass sie gesagt habe, Christopher solle nicht werden wie sein Vater. Aber deswegen soll sie Jim gebeten haben, ihr Kind umzubringen? Irrsinn. Niemals.
Jim Styers hat nie gegen Debbie ausgesagt. Und Roger Scott hat seine Beschuldigungen nie wiederholt. Bei ihm daheim, in seinem Schrank, fanden Polizisten damals die Tatwaffe, einen Revolver.
Die verbleibende Zeit bis zu ihrem Prozess verbrachte Debbie in der Gefängnispsychiatrie. Depressionen und Panikattacken quälten sie. Sie erinnere sich nur daran, dass irgendwann Weihnachtsschmuck aufgehängt worden sei, sagt sie. Allenfalls mit ihrem Anwalt und ihrem Psychiater habe sie gesprochen. Er brachte ihr bei, wie sie atmen sollte, wenn sie hyperventilierte, vor Angst.
Debbies Prozess begann am Morgen des 12. September 1990. In Handschellen und Fußfesseln wurde sie in einen Saal des Superior Court von Maricopa County geführt. Bilder von damals zeigen eine junge Frau, 26 Jahre alt, das Gesicht ausdruckslos, die blauen Augen weit aufgerissen.
Ich erlebte alles wie durch einen Vorhang. Man hatte mir ein Beruhigungsmittel gegeben, das mich von meiner Umgebung distanzierte. Obwohl ich gar keine Angst vor dem Prozess hatte. Ich hatte ihn herbeigesehnt, weil ich mir sicher war, dass sich dann endlich alles als ein Riesenfehler entpuppen würde. Ich war so naiv.
Richterin Cheryl Hendrix, eine Frau mit strengem Blick, führte das Verfahren. Sie hatte Saldates Bericht als Geständnis und Beweismittel anerkannt, obwohl Debbie ihn doch nie unterschrieben hatte und sie den Inhalt weiterhin bestritt.
Archivaufnahmen zeigen den Polizisten in Anzug und mit Krawatte im Gerichtssaal, vor ihm ein Mikrofon. "Sie beschloss, dass es für Christopher am besten sei zu sterben", sagte Saldate. Als Debbie daran zurückdenkt, schließt sie die Augen.
Ich musste leise sein. Aber alles in meinem Kopf schrie: Lügner, du bist ein verdammter Lügner. Er war so überheblich. Und er durfte ausführlich schildern, wie ich ihm alles gestanden hätte.
Mich dagegen trieb der Staatsanwalt in die Enge. Ich fühlte mich wie in Russland, nicht wie in Amerika. Ich durfte nur mit Ja oder Nein antworten, nichts erklären. Dabei gab es so vieles, was der Erklärung bedurft hätte. Dass Jim immer gut zu Christopher war, ich keinen Grund hatte, ihm zu misstrauen. Dass ich nicht wusste, dass Roger Scott an dem Tag zu ihnen stoßen würde. Dass nicht ich diese Lebensversicherung abgeschlossen hatte, sondern mein neuer Arbeitgeber, routinemäßig. Mir kam das alles so unwirklich vor. Meine Seele konnte das nicht mehr ertragen.
Debbies Mutter Renate war nicht zum Prozess gekommen. Das vermeintliche Geständnis ihrer Tochter habe sie völlig aus der Bahn geworfen, erklärte sie später.
Debbies Vater Sam und ihre Schwester Sandy dagegen traten in den Zeugenstand. Der Vater sagte, Debbie sei immer eigennützig gewesen, hätte nie Mutter werden dürfen. Die Schwester behauptete, Debbie habe Christopher misshandelt, ihn mit einem heißen Backblech verbrannt, um ihn zu disziplinieren.
Ich habe Sandy die ganze Zeit angestarrt und mich gefragt: Was habe ich dir getan, dass du mich so hasst? Sie war immer eifersüchtig auf mich. Vermutlich genoss sie es, mir mal eins auszuwischen. Ich weiß es nicht. Bei meinem Vater dachte ich: Warum sagst du das? Du kennst mich doch! Wahrscheinlich konnte er es sich als Soldat nicht vorstellen, dass ein Polizist lügt.
Das Schlimme war jedoch: Die Richterin lehnte jeden Einspruch meines Anwalts ab. Auch alle Anträge, mich einem Lügendetektortest zu unterziehen, meine Freunde oder Chris' Kinderarzt zu befragen. Er war wegen seiner Schilddrüse kurz vor seinem Tod vier Wochen in einer Klinik gewesen: Der Kinderarzt hat an Eides statt versichert, dass ich mich rührend um Chris gekümmert habe, es keinerlei Anzeichen für Misshandlungen gab. Auch das Gutachten des Gefängnispsychiaters interessierte die Richterin nicht. Kein Wunder, er hatte mich ja für unschuldig gehalten.
Nach nur wenigen Wochen, am 12. Oktober, endete der Prozess. Es heißt, ein Junge habe im Gerichtssaal auf einer Violine ein 15-minütiges Solo gespielt. Die Richterin habe ihn eingeladen, um die Stimmung aufzuhellen.
Die Jury aus zwölf Männern und Frauen befand Debbie für schuldig, Styers und Scott zum Mord an Christopher angestiftet zu haben. Am 18. Januar 1991 verkündete Richterin Hendrix das Strafmaß.
Ich weiß noch, wie mein Anwalt mich zu beruhigen versuchte: "Sie werden dich auf keinen Fall zum Tode verurteilen, Debbie." Wenn ich aber das Wort lebenslänglich hören würde, sollte ich ruhig bleiben. Das sei nur eine Formalie, er würde mich auf jeden Fall eher rausholen.
Und dann las die Richterin das Strafmaß vor. Ich hörte nur: Tod. Ich war wie gelähmt. Da war nichts, kein Gefühl.
Erst 22 Jahre später, im März 2013 zerriss das zuständige Berufungsgericht der Vereinigten Staaten, der Ninth Circuit Court of Appeals, das Urteil und Saldates Protokoll in der Luft: "Ohne Saldates Aussage hatte die Anklage nichts gegen Milke vorzubringen. Es gab kein Indiz, das sie mit dem Verbrechen in Verbindung brachte. Der einzige Beweis waren die Worte von Detective Saldate - einem Polizisten mit einer langen Geschichte von Fehlverhalten, einem Mann, der auch unter Eid log."
Die Berufungsrichter listeten viele Fälle auf, in denen Saldate schon vor dem Prozess gegen Debbie gelogen, Geständnisse frisiert, Gesetze gebrochen, Verdächtige hereinlegt hatte. So brachte er einmal das angebliche Geständnis eines Mannes bei, der beim Verhör mit einem Schädelbruch im Krankenhaus gelegen und sogar seinen eigenen Namen vergessen hatte.
In einem anderen Fall hatte er einen Mann vernommen, der beatmet wurde, an Infusionsschläuchen hing und immer wieder bewusstlos wurde. Saldate schüttelte den Schwerverletzten, damit er redete.
Die Berufungsrichter waren entsetzt über Saldates Methoden und darüber, dass die Aussage eines solchen Polizisten Debbie in die Todeszelle gebracht hatte: "Kein zivilisiertes Gerichtssystem darf sich auf einen derart läppischen Beweis stützen, um jemandem das Leben zu nehmen oder die Freiheit", schrieben sie. Und dann holten sie richtig aus: "Die Polizei von Phoenix und Saldates Vorgesetzte sollten sich schämen, dass sie einem derart gesetzlosen Cop die Freiheit gaben, wieder und wieder Fehler zu machen. Sie unterminierten damit das Justizsystem, das sie gemäß ihrem Amtseid zu schützen haben."
Die Staatsanwälte kannten bereits 1990 Saldates Sündenregister - aber sie verheimlichten es vor der Jury, sonst hätten sie den Prozess gegen Debbie verloren.
Schon in der Nacht nach ihrem Todesurteil kam Debbie in Isolationshaft. Keinen Kontakt zu Menschen zu haben, das habe sie fast um den Verstand gebracht, erinnert sie sich.
Drei Wochen später wurde sie in den Todestrakt von Perryville verlegt. Ba-by-kil-ler, Ba-by-kil-ler.
Dreimal die Woche durfte ich für eine Stunde auf den Hof. Ich kam in einen Käfig, vielleicht vier Quadratmeter groß. Ich habe mich wie ein Tier im Zoo gefühlt. Aber immerhin konnte ich in den Himmel schauen, den Flugzeugen nachsehen und mir ausmalen, wer dort drinsitzt und wohin er fliegt. Ich versuchte immer, die Welt außerhalb der Mauern und Zäune zu spüren.
In ihrem ersten Jahr in Perryville ächteten die Mitgefangenen sie.
Vielleicht fürchteten sie sich vor mir, weil sie dachten: Wenn die die Todesstrafe bekommen hat, muss sie ja gefährlich sein. Einigen Wärtern ging es ähnlich. Ich konnte ihre Anspannung spüren, wenn sie meine Tür öffneten. Sie sprachen dann vorher immer in ihr Walkie-Talkie: "Opening Milke's door." Aber mit der Zeit haben sie gemerkt, dass ich völlig harmlos bin.
Ein Dreivierteljahr nach ihrer Ankunft in Perryville suchte Debbie erstmals Kontakt zu ihrer Mutter. Sie schrieb ihr einen Brief, 32 Seiten lang, datiert auf den 18. Oktober 1991. Sie schickte ihn an ihre Großeltern in Berlin, deren Adresse sie auswendig wusste.
Als Kind sprach sie Deutsch, aber sie hatte fast alles vergessen. Auf den Umschlag schrieb sie: "Oma und Opa - ist nicht wahr. Für mein Mütter und Alex! Bitte Oma!! Bitte!" Alex war Debbies Stiefvater.
Kurz zuvor war die Mutter meines ehemaligen Mannes gestorben. Dass sie mit dem Glauben ins Grab ging, ich hätte Chris umbringen lassen, brach mir fast das Herz. Ich wollte nicht, dass sich das bei meiner Mutter wiederholt. Deshalb habe ich ihr geschrieben, was sich wirklich zugetragen hatte. Kurz darauf kam ein Brief von ihr. Sie entschuldigte sich immer wieder. Und sie schrieb, dass sie mir helfen würde. Das hat mir viel Kraft gegeben.
Als Todeskandidatin war es Debbie verboten zu arbeiten. Dennoch stand sie jeden Morgen um fünf auf, machte ihr Bett, knipste ihre Tischlampe an und schrieb.
Ich habe mir jeden Moment der Stille geklaut. So früh morgens schliefen die Frauen unter mir. In der Stille konnte ich meine Gedanken in Worte fassen. Ich antwortete meiner Mutter, Freunden und Fremden, die von meiner Geschichte gehört hatten.
Um zehn Uhr legte sie ihre fertigen Briefe beiseite. Dann schaltete sie ihren Fernseher an, guckte "Schatten der Leidenschaft". In der Seifenoper kämpfen zwei Clans um Macht und Anerkennung. Für Debbie wurden sie zu Ersatzfamilien.
Nach dem Mittagessen, wenn die meisten Mitgefangenen schliefen, las Debbie: Selbsthilfebücher über die Kraft der Imagination; "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi; "... trotzdem Ja zum Leben sagen" des jüdischen Psychologen Viktor Frankl, der beschreibt, wie er das KZ überlebt hatte. Ihre Mutter und Freunde durften ihr Bücher schicken.
Ich wollte begreifen, was Menschen durchhalten lässt. Denn ich habe mich oft gewundert, warum ich nicht durchdrehe. Irgendwann habe ich verstanden: Wir wissen nicht, was wir aushalten können, bis zu dem Moment, wo wir es müssen.
1994 belegte Debbie an einem Institut einen Kurs für Anwaltsgehilfen. Für 30 Dollar im Monat bekam sie die Studienunterlagen per Post. Der Betrag wurde von ihrem Gefängniskonto abgebucht, auf das ihre Mutter und Freunde Geld überwiesen.
Ich wollte besser verstehen, wovon die Anwälte sprachen. Denn ich hatte nur ein Ziel: Ich wollte raus. Ich wollte herausfinden, wer Chris erschossen hatte. Und ich wollte Saldate entlarven. Denn mir war klar, das konnte er nicht nur mit mir gemacht haben.
Um tagsüber den Lärm auszublenden, setzte sich Debbie auf ihr Bett und löste Kreuzworträtsel und Sudokus, stundenlang. Oder sie hörte Musik. Debbie steht auf, zieht eine Kiste mit CDs aus dem Regal; Mediationsmusik, Metallica und Madonna. Zu deren Musik habe sie immer Kniebeugen und Sit-ups gemacht, sagt sie.
Jeden Abend um halb sieben öffnete sich die Klappe ihrer Zellentür, und ein Tablett wurde durchgeschoben. Neben ihrem Abendessen lag auch ihre Post, der Höhepunkt jeden Tages.
Dann habe ich wieder Fernsehen geschaut. Um zu wissen, welche Klamotten gerade modern sind, habe ich ab und zu den Homeshopping-Kanal angestellt. Ich habe aber auch viele Dokumentationen über andere Länder gesehen. Über Beschneidungsrituale in Afrika, die Armut in Indien. Ich erinnere mich, einmal war da dieser Bericht über eine indische Familie. Sie lebte in einem winzigen Zwei-Zimmer-Apartment. Sie hatten nichts, die vier Kinder wurden nicht satt. Da habe ich mich umgeguckt und gedacht: So schlecht geht es mir hier gar nicht. Ich habe ein Dach über dem Kopf, ein Bett, bekomme etwas zu essen. Von da an habe ich meine Zelle immer als Zimmer betrachtet.
Neben meinen täglichen Routinen wurde auch das für mich eine Überlebensstrategie: in all dem Schlechten auch das Gute zu sehen und meine Situation anzunehmen.
Jeden Abend um acht Uhr ging Debbie schlafen. Im Sommer, wenn die Temperaturen in Phoenix auf über 40 Grad klettern, legte sie sich meist auf den Zellenboden.
Weil sie fürchtete, ihre Kleidung könnte gestohlen werden, wusch Debbie selbst, sogar die Handtücher. Mit Kopfschmerztabletten aus dem Gefängnisladen machte sie sich Gesichtspeelings, mit einem Nagelknipser schnitt sie sich die Haare.
Am meisten habe ich jedoch eine richtige Zahnbürste vermisst.
Debbie holt zwei Gefängniszahnbürsten. Sie sind so groß wie Zigaretten.
Nach zweimal putzen waren die hin, aber es gab nur einmal die Woche eine neue. Wir durften auch keine Zahnseide benutzen, weil die angeblich zu gefährlich war, Schnürsenkel dagegen schon. Die Konsequenz war, dass mein Mund nach all den Jahren voller Bakterien war, meine Zähne zu wackeln begannen.
Sie fasst in ihren Mund, zieht eine Schiene hervor. Ihre echten Zähne darunter sind noch nicht wieder vollständig gerichtet.
Die Überzeugung, dass sie eines Tages freikäme, gab Debbie Kraft. Doch dann, kurz nach Weihnachten 1997, erreichte sie ein Brief. Darin stand ihr Exekutionstermin: der 29. Januar 1998.
In Arizona waren wir mit allen Berufungen gescheitert, der Eingang der Eingabe auf Bundesebene noch nicht quittiert. Infolgedessen hielt ich diesen Hinrichtungstermin zunächst für eine Formalität. Aber dann dauerte das und dauerte das. Und ich musste diesen dry run durchlaufen. Ich rief meinen Anwalt an, fragte ihn, wann wir mit der Bestätigung des Bundesgerichts rechnen könnten. Er versicherte, dass alles nach Plan laufe. Und tatsächlich, am nächsten Tag wurde der Exekutionstermin abgesagt. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ihm mein Fall zu aufwendig wurde.
Ich habe mich dann hingesetzt und meiner Mutter geschrieben, sie möge Kontakt zu Mike Kimerer aufnehmen. Ich hatte von ihm in der "Arizona Republic" gelesen, der örtlichen Zeitung, die ich jeden Abend bekam. Er hatte schon die schwierigsten Fälle gewonnen. Ich brauchte ihn.
Mike Kimerer sitzt an einem langen Mahagonitisch in seiner Kanzlei. Er hat wache Augen, ist ein starker Mann, immer noch, mit 74 Jahren. Der Strafverteidiger hat in Amerika einen erstklassigen Ruf. 1966 half er, den Miranda-Fall zu gewinnen. Es ging um den Entführer und Vergewaltiger Ernesto Miranda, das Urteil wirkt bis heute. Seither müssen alle Polizisten Verhafteten ihre Rechte vorlesen: das Recht zu schweigen und das Recht, einen Anwalt zu verlangen - die Miranda-Rechte. Debbies Fall, sagt Kimerer, werde die amerikanische Justiz genauso verändern.
Neben ihm am Tisch sitzt Lori Voepel, sie gehört zu Debbies Anwaltsteam und studierte noch, als Debbie verurteilt wurde. "Jeder von uns dachte damals, sie wäre ein Monster. Ich auch. Aber seit ich die Akten kenne, weiß ich, dass wir es mit einem schrecklichen Missbrauch der Justiz zu tun haben", sagt sie.
Voepel hat sich spezialisiert auf den Weg durch die Instanzen, das Revisionsrecht. Sie greift sich zwei Zettel und malt Kurven aufs Papier, den Weg durch das Labyrinth, in dem Debbie gefangen war. Ohne Zettel kann man nicht erklären, wie ein solcher Fall läuft. Lori Voepel zieht Linien vom Ursprungsgericht in Phoenix zum Berufungsgericht des Staates Arizona, weiter zum Supreme Court, immer noch Arizona, in einer scharfen Kurve zurück zum Ursprungsgericht, dann wieder zum Supreme Court; sie zieht mit dem Stift eine Parallele: Nun läuft der Fall auch auf Bundesebene zum zuständigen Bezirksgericht der Vereinigten Staaten. Voepel braucht ein zweites Blatt. Zieht die Linie weiter zum Ninth Circuit Court of Appeals, den außerhalb Amerikas kaum jemand kennt, obwohl dieses Berufungsgericht eine der höchsten Instanzen der Supermacht ist.
Nachdem Kimerer und Voepel den Fall von dem bisherigen Anwalt übernommen hatten, besuchten sie Debbie im Gefängnis. "Sie war in einer gefährlichen Lage", sagt Voepel, "sie hatten sie in die Ecke getrieben wie ein Tier. Wir haben sie wieder auf die Spur gebracht, aber vor allem hat sie mitgemacht. Manche Todeskandidaten geben sich irgendwann einfach auf, lassen sich über die Klippe fallen. Debbie nicht."
2001 berichtete Debbie ihrer Mutter in einem Brief von Wärtern, die sie "Men in Black" nannte. Ganz in Schwarz gekleidet, mit Kampfstiefeln und Gesichtsmasken mit Augenschlitzen durchsuchten sie alle drei Monate Debbies Zelle. "Ich lebe wirklich in einer Hölle, von der niemand auch nur eine Ahnung hat", schrieb Debbie.
Ihretwegen hatte ich auch kein Bild von Chris in der Zelle. Ich hatte Angst, dass einer von ihnen es zerreißt. Nach dem Motto: Ups, das war ein Versehen.
Es gab aber auch nette Wärter. Von denen mich einige für unschuldig hielten, glaube ich. Meist kam es raus, wenn sie mich auf die Website ansprachen, die meine Mutter ins Netz gestellt hatte: "Debbie, sag mal, du hast ja eine Internetseite." Dann habe ich sie lange angeschaut und gefragt: Was hast du denn auf meiner Website gemacht? Sie haben dann gelächelt oder mir zugezwinkert. Die Netten haben mir auch erlaubt, meine Socken umzukrempeln, zum Schutz, bevor sie mir die Fußfesseln anlegten. Die haben sich immer so ins Fleisch gedrückt.
Debbie zeigt einen ihrer Knöchel, Narben säumen ihn, wie nach einem Hundebiss.
Ich nenne sie meine Kampfnarben.
Nach etwa zehn Jahren in Perryville wurden Debbies Haare grau. Da war sie gerade mal 36 Jahre alt. Die härtesten Jahre lagen noch vor ihr.
Ich hatte immer gehofft, noch einmal eine Familie zu haben. Aber es ging ja nichts voran. Zu dieser Zeit hatte ich schlimme Depressionen. Manchmal habe ich wochenlang nur an meinem kleinen Fenster gesessen und beobachtet, wie weit entfernt eine Rampe für den Highway gebaut wurde. Wie die Baustellenfahrzeuge hin- und herfuhren.
Ich habe mir dann oft ausgemalt, wie Chris nun wohl aussehen würde. Was ihn wohl interessiert hätte. Ob er zur Army gegangen wäre?
Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich nie mehr Mutter sein würde. Am Ende hat mir diese Sichtweise geholfen: In meinem Alter, dachte ich, sind viele bereits zum zweiten Mal verheiratet, ohne glücklich zu sein. Sie führen ein Leben im Hamsterrad und haben keine Zeit über den Sinn des Lebens nachzudenken. Mir wurde diese Zeit geschenkt. Ich habe tatsächlich versucht, meine Unfreiheit als ein Geschenk, als Freiheit zu betrachten.
Zugleich half ihr auch der Kontakt zu ihren Mitgefangenen. Vor allem zu Wendi. Während der letzten neun Jahre in Perryville lebte sie in der Zelle neben Debbie. Wendi hatte ihren krebskranken Mann mit einem Barhocker erschlagen. Dafür war sie zum Tode verurteilt worden.
Unsere Zellen teilten sich einen Verdunstungskühler. Wenn wir uns auf den Boden legten, konnten wir uns über die Lüftungsschlitze unterhalten. Wir haben viel über Philosophie diskutiert. In der Zeit als ich Spanisch lernte, habe ich um sieben immer zu ihr gesagt: So, ich muss jetzt los nach Mexiko. Da habe ich immer eine Telenovela geguckt.
Zuletzt durfte Debbie jeden Montag vier Stunden Besuch empfangen. Meist kamen Freunde ihrer Mutter. Oder die Mutter selbst, wenn sie in Phoenix war.
Das waren kurze Stunden des Glücks. Ich habe sie immer gebeten, mir von draußen zu erzählen, ganz banale Dinge. Leider durfte ich sie nie umarmen. Wir waren immer durch eine Glasscheibe getrennt. Wenn sie wieder gehen musste, hat es mir das Herz gebrochen. Aber ich habe mir dann gesagt: Es ist okay, Debbie. Jetzt kannst du nicht raus, aber eines Tages. Aus dieser Trauer habe ich dann fast wieder Energie geschöpft. Ich wusste, ich kriege Chris nie zurück. Aber wenn ich durchhielte, könnte ich wenigstens eines Tages meine Mutter wieder umarmen. Das wurde umso wichtiger, als sie dann so krank wurde.
Derweil kämpften sich Kimerer und Voepel durch die Instanzen, ein Kampf "den Berg hoch", sagt Kimerer. Zwölf Jahre lang. Bis zu jenem 14. März 2013, an dem das Bundesberufungsgericht alle bisherigen Urteile im Fall Milke vom Tisch fegte und damit die ganze Justiz rügte.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren, jener Zeit, in der Debbie verurteilt wurde, stieg die Zahl der Hinrichtungen und die der neuen Todesurteile. Konservative hätten die Gerichte beherrscht, sagt Kimerer.
"Jetzt schwingt das Pendel zurück", hofft er, "und Debbies Fall trägt dazu bei." Mit dem Urteil zu Debbie Milke zwingt der Ninth Circuit Court Amerikas Staatsanwälte, künftig auch jene Beweise vorzulegen, die einen Angeklagten entlasten können. Denn seine Urteile haben Vorbildcharakter, bundesweit. "Der Gerichtshof hat das Licht angemacht", sagt Voepel.
Nach der Entscheidung im März vor zwei Jahren war klar, dass ich freikommen würde. Ich sagte zu Mike und Lori, meinen Anwälten: Holt mich hier raus. Bitte. Jetzt. Es ist mir egal wie, man kann mich auch unter Hausarrest stellen, man kann mir eine Fußfessel anlegen, aber ich muss hier raus.
Meine Mutter hatte Krebs. Ich wusste, sie würde bald sterben. Und ich wollte sie noch einmal umarmen. Dafür musste ich auf mein Recht verzichten, dass das Verfahren nun schnell beendet wird, das wusste ich auch. Es war mir egal.
Aber es dauerte dann doch viel zu lange, bis ich raus durfte. Im September kam eines Morgens Rhonda, sie arbeitete auch in meinem Verteidigerteam, ins Gefängnis und schob mir meine Entlassungspapiere zu. Ich dachte, ich träume. Wir hatten so lange gekämpft.
Am 6. September 2013 kam Debbie frei, gegen 250 000 Dollar Kaution und unter strengen Auflagen. Auf ihrem Arm trug sie eine Papiertüte mit Büchern und Briefen. Ein Wächter sagte: "Here you go. Good luck", dann stand sie da. Draußen.
Es fühlte sich alles surreal an. Mike und Lori waren da. Sie filmten mich mit ihren Telefonen. Ich hatte keine Angst, aber es war überwältigend. Alles war so gigantisch, die Bäume, die Häuser.
Wir fuhren in die Stadt, ich sah aus dem Fenster des Autos, es war laut, überall waren Menschen, viele Obdachlose. Alles war seltsam: Mike hatte so einen kleinen Bildschirm in seinem Auto, keine Ahnung, wozu. Und er konnte mit jemandem telefonieren, ohne das Telefon ans Ohr zu halten. Wie ging das?
Ich fühlte mich wie eine Fremde in meiner Heimatstadt. Es war, als wäre ich lange auf einem anderen Planeten gewesen.
Wir fuhren direkt in Loris Büro. Dann kam der Beamte, der mir die elektronische Fußfessel anlegen sollte. Sie zu tragen gehörte zu meinen Auflagen. Ich freute mich, das Ding war für mich ein Stück Freiheit. Der Beamte sagte, ich sei die Erste, für die eine Fußfessel Freiheit bedeute.
Danach fuhren wir zu Freunden meiner Mutter. Luftballons hingen da, es gab Kuchen. Es gibt ein Foto von mir, wie ich an einer Rose rieche. Was für ein Duft.
Am Abend brachte der Freund aus Berlin Debbie in sein Haus. Sie ertrug keine geschlossenen Türen und hatte noch kein Gefühl für draußen; Größen, Entfernungen, Raum. Die Welt war in den Jahren zwischen Mauern und Gittern zu groß geworden für sie.
Ich konnte nicht damit umgehen, es war überwältigend.
Sie ließ alle Rollos herunter. Erst nach Tagen zog sie vorsichtig eine Jalousie wieder hoch, die vor dem Küchenfenster.
Nächtelang lag ich wach auf dem Bett und freute mich an dem Ticken der Uhr im Schlafzimmer, der Stille. Wo ich herkam, war immer Krach, Krach, Krach. Ich genoss auch die Dunkelheit, denn im Gefängnis brennt ja immer Licht.
Kurz nach Debbies Entlassung landete ihre Mutter Renate in Phoenix, auch sie
hatte nun weiße Haare. Mutter und Tochter hatten sich seit 25 Jahren nicht berührt.
Wir schrien und weinten. Es war ein seltsames Gefühl, Menschen zu umarmen und umarmt zu werden. Das kannte ich nicht mehr. Aber ich hatte mir vorgenommen: Debbie, was auch immer da draußen ist, nimm es in dich auf, lass es geschehen. Go with the flow.
Sie klappt den Laptop auf, den sie inzwischen bedienen kann. Sie zeigt Fotos vom letzten Besuch ihrer Mutter. Wie sie Kakteen pflanzt im Garten hinter dem Haus, und wie sie sich dabei abstützen muss, weil der Krebs sie schon geschwächt hatte. Wie sie schläft, Angel neben sich, eine Pfote des Hundes auf ihrer Schulter.
Im März 2014 reiste ihre Mutter wieder zurück nach Deutschland.
Ich erinnere mich noch an den Tag, als sie abflog, weil sie wieder zur Chemo musste. Es war der 16. März. Wir wussten beide, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns sehen. Denn ich durfte das Land ja nicht verlassen, das gehörte zu meinen Auflagen. Als sich die Tür hinter ihr schloss, bin ich zusammengebrochen.
Im August vergangenen Jahres starb Renate Janka. Via Skype hatte Debbie gesehen, wie ihre Mutter schwächer wurde:
Bei unserem letzten Gespräch saß sie auf dem Sofa. Sie hatte einen Schal um ihren Kopf geschlungen. Reinhard, ihr Lebensgefährte, rief aus dem Hintergrund: Debbie, du musst mit deiner Mutter schimpfen, sie will nicht essen. Sie hat nur gelächelt, mit den Achseln gezuckt. Ich habe ihr gesagt: Wenn du nicht essen willst, Mom, dann ist das okay.
Kurz darauf kam sie ins Krankenhaus. Und eines Tages, als ich Reinhard anskypte, er nur weinte, wusste ich: Es ist vorbei.
Debbie weint.
Ich vermisse sie schrecklich.
Die langen Jahre der Haft haben nicht nur an Debbies Psyche gezerrt, sondern auch an ihrem Körper. Schon in Perryville verlor sie das Gefühl in ihren Fingern, Karpaltunnelsyndrom, eine Nervenquetschung, sie musste operiert werden. Der Arzt sagte, das komme vielleicht durchs Schreiben im Gefängnis: Sie durfte keine Kugelschreiber benutzen, sondern nur die dünnen Minen. Einen Kugelschreiber könnte man als Waffe nutzen.
Debbie hat den Staat Arizona inzwischen auf Schadensersatz verklagt. Ist sie wütend wegen all der Jahre, die ihr gestohlen wurden?
Was würde mir Wut bringen? Sicher, es gäbe so vieles, weshalb ich wütend sein könnte. Aber was würde das ändern? Nichts. Ich kann den Rest meines Lebens nicht mit Wut verschwenden. Was mir viel schwerer fällt, ist zu vergeben. Meiner Schwester und vor allem Jim und Roger. Ich glaube ja, dass Roger Christopher erschossen hat. Einfach so. Wie andere Menschen Tiere quälen. Er war ein gemeiner, kranker Charakter.
Roger Scott wurde 1991 als Mörder zum Tode verurteilt, Jim Styers 1990. Beide sind gegen ihre Urteile in Berufung gegangen, bislang ohne Erfolg. Sie sitzen nach wie vor in Todeszellen des Staates Arizona.
Es gibt kein Grab, an dem Debbie um ihren Sohn trauern könnte. Christopher wurde verbrannt, die Urne bekam sein Vater.
Ich weiß nicht, was Mark mit ihr gemacht hat. Ich habe keinen Kontakt zu ihm. Aber irgendwie bin ich mir sicher, dass er sie hütet. Ich weiß, dass er in der Wüste, wo Chris starb, ein Kreuz aufgestellt hat. Aber ich werde niemals dort hingehen. Das würde ich nicht verkraften.
Ich muss nach vorn schauen, Pläne schmieden. Ich will einen Roadtrip machen, Freunde in Louisiana, Ohio und Virginia besuchen. Ich werde einfach dastehen und sagen: Hey, ich war gerade in der Nähe.
Sie lacht.
Und ich will meinen Pass beantragen. Denn im August will ich in Deutschland sein. Dort habe ich noch Familie, mütterlicherseits. Dort soll mein Zuhause sein.
Es ist Abend geworden. Debbie tritt auf die Terrasse, sieht in den Himmel. Sie ist frei. Kein Käfig umschließt sie, keine Fessel am Fuß. Eine leichte Brise weht. Zwei Windspiele klimpern. Debbie hat sie sorgsam ausgewählt. Das eine ist für sie die Stimme ihrer Mutter, das andere die ihres Sohnes.
Wenn sie klingen, bin ich ihnen nah.
* Mit Hund Angel in Phoenix.
Von Clemens Höges und Antje Windmann

DER SPIEGEL 15/2015
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