11.04.2015

KarrierenDr. Dotcom

Vier Jahre nach seiner Plagiatsaffäre führt Karl-Theodor zu Guttenberg ein neues Leben als Investor und Berater von Internetfirmen in den USA. Er jettet gern ohne Krawatte um die Welt, dafür wieder mit der alten Hybris. Von Marc Hujer
Wenn Sie wollen, können Sie sich auch einen Schlips anziehen", sagt Karl-Theodor zu Guttenberg am Telefon. Er ist ein höflicher Mensch, noch immer ein Mann der geschliffenen Umgangsformen. Aber die Frage, ob man einen Schlips tragen solle, findet er ulkig.
Er hatte zuvor eine kurze E-Mail verschickt, eine Einladung zu einem privaten Dinner in Greenwich, Connecticut, mit Henry Kissinger, an einen Ort, der nicht genauer genannt werden soll. Er schrieb: "Karl-Theodor and Stephanie zu Guttenberg look forward to welcoming you for dinner."
Es folgten ein paar knappe Zeilen, schnörkellos, sehr amerikanisch. Er fragte nach "dietary restrictions", ernährungsbedingten Einschränkungen, bat um eine zwei- bis dreizeilige Kurzbiografie und hinterließ für Rückfragen seine Handynummer, "KTG Cell". Nur zum Dresscode kein Wort.
Ausgerechnet er, der ehemalige Dressman der deutschen Politik.
Er wolle nichts vorschreiben, sagt er am Telefon, schon gar nicht die Garderobe. Er geht kurz die Gästeliste durch: die "Techies", die er geladen hat, junge Menschen aus New York und San Francisco. Und Henry Kissinger, den Großvater der amerikanischen Außenpolitik, einen Mann der alten Schule, auch was die Garderobe betrifft. "Also wenn Sie wirklich mit Schlips kommen wollen", sagt Guttenberg schließlich, "Henry wird sich darüber freuen."
Karl-Theodor zu Guttenberg hat ein neues Leben begonnen, als Investor und Berater von Internetfirmen. Alles ist jetzt irgendwie hipper und lässiger als früher. Er trinkt seinen Kaffee aus Pappbechern "to go", trägt gern auch mal Turnschuhe und offenes Hemd und, wenn er auf Dienstreise ist, einen beigen College-Rucksack mit braunen Lederriemen auf den Schultern. Er isst Fastfood aus Pappschachteln zum Lunch, und trinkt, wenn er mittags keine Zeit für ein Sandwich hat, auch mal nur einen Smoothie.
Sein neues Leben hat nur noch wenig mit dem alten in Deutschland zu tun. Er ist jetzt KTG, Käj-Ti-Dschie auf Amerikanisch, drei Buchstaben, wie JFK. Er sagt, er fühle sich blendend und vermisse nichts. Meint er das ernst? Oder macht er sich etwas vor?
Er hat sein altes Leben nicht freiwillig aufgegeben, das privilegierte All-inclusive-Programm des Regierungsalltags, die Macht, all das löste sich in Luft auf, als im Februar 2011 bekannt wurde, dass seine Doktorarbeit ein Plagiat ist, ein 475 Seiten starkes Sammelsurium, zumeist zusammenmontiert aus Aufsätzen und Arbeiten anderer, ohne dass er dies kenntlich machte.
Guttenbergs Absturz war beispiellos, der Freiherr, der immer so edel geredet hatte und von sich behauptete, Platon im Original zu lesen - überführt als schnöder Betrüger. What a story! Guttenberg sagt, dass er froh sei, den politischen Alltag hinter sich gelassen zu haben, die Terminpläne, die Ansprüche der Öffentlichkeit. Aber in Wahrheit führt er auch ein Leben auf der Flucht vor der Häme, die ihn seit der Plagiatsaffäre in Deutschland begleitet, die Geschichte vom Märchenonkel Karl.
In Amerika sind seine Verfehlungen von früher weit weg, seine neuen Freunde machen Millionen im Silicon Valley, viele von ihnen sind mit einer Idee schon mal auf die Nase gefallen. Für Guttenberg ist das ein Beleg dafür, dass Scheitern im Grunde nur stärker macht. Das Leben in Amerika erlaubt es ihm auch, sich nicht dauernd mit den eigenen Verfehlungen beschäftigen zu müssen. Er hat jetzt das Gefühl, bei einem ganz großen Spiel mitzumischen, und will nicht zurückkehren in die deutsche Politik. Er sagt: "Ich habe ein wunderbares internationales Tätigkeitsfeld gefunden."
Spitzberg Partners LLC heißt die Firma, die er 2013 zusammen mit Ulf Gartzke gründete, dem langjährigen Chef der Hanns-Seidel-Stiftung in Washington. Gartzke organisierte ihm viele Reisen in die USA, als Guttenberg noch Politiker war.
Gartzke, der heute Geschäftsführer von Spitzberg Partners ist, wollte die Firma erst Franconia nennen, Englisch für Franken, Guttenbergs Heimat, aber das erinnerte Guttenberg zu sehr an die deutsche Jagd- und Sportwaffenfirma Frankonia. Sie entschieden sich schließlich für Spitzberg. So heißt ein Berg in Guttenbergs früherem Wahlkreis, der nur ein "bewaldetes Häubchen" ist, ein sehr kleiner Berg. Aber für die Amerikaner, sagt Gartzke, klingt der Name nach langer Tradition, nach einer alteingesessenen Anwaltskanzlei.
Sie bieten Beratung an, etwa zu staatlichen Regulierungen in Europa, gegen Honorar, aber auch gegen Unternehmensanteile. Zu ihren Kunden zählen Start-ups, Ripple Labs, ein Unternehmen, das mit Kryptowährungen arbeitet, oder die Firma ASAPP, die sich auf künstliche Intelligenz spezialisiert hat.
Mehr als ein halbes Jahr dauert die Annäherung an Guttenberg. Er sagt, er wolle keine Fotos, keinen Artikel, es würde sowieso falsch interpretiert. Andererseits soll sein neues Leben eine Geschichte erzählen. Es soll den Beweis dafür liefern, dass er nicht nur auf Durchgangsstation ist, sondern dass er wirklich in den USA angekommen ist, seiner Zukunft, und dass Deutschland und die Affäre keine Macht mehr über ihn haben.
Amerika ist seine Chance. Er hat genügend Geld, um sich dort ein neues, stattliches Leben aufzubauen, in dem ihm nichts fehlt, eine neue, perfekte Fassade. Geld ist auch ein Kissen. Christian Wulff lebt in einer Dreizimmerwohnung in Hannover, seine Nachbarn kennen die Details seiner Schnäppchenaffäre. In Greenwich, Connecticut, interessiert sich niemand für Guttenbergs Doktorarbeit.
Das Städtchen, 50 Kilometer von New York City entfernt, ist eine Enklave von Investmentbankern und reichen Exzentrikern, die sich abends vor dem Trubel New Yorks in Sicherheit bringen. Guttenbergs Villa liegt versteckt hinter einem grünen Sicherheitstor, das nur mit einem Geheimcode zu öffnen ist. Er lebt dort mit seiner Frau Stephanie und seinen beiden Töchtern. Es gibt hier, wenn sie vor ihr Tor treten, keine Bürgersteige, keine richtige Nachbarschaft, nur noch andere große baumreiche Parzellen, die eine große Straße verbindet, die links nach Upstate New York führt und rechts geradewegs hinunter zum Bahnhof von Greenwich, wo die New Haven Line der Metro-North Railroad nach Manhattan fährt.
Es ist kurz nach acht, als Guttenberg den Bahnsteig betritt. Er wollte eigentlich einen früheren Zug nehmen, aber ein Elterngespräch an der Schule seiner Töchter hat länger gedauert. Es gehört zu seiner neuen Freiheit, auch mal ein bisschen später kommen zu können. Er hat jetzt Zeit für Dinge, für die er als Politiker nie Zeit hatte, fast zehn Jahre lang. Einen gebrauchten F-150 Ford Pick up Truck zu kaufen, mit dem er zum Baumarkt fahren kann. Oder die vielen TV-Serien zu schauen, über die heutzutage Dinnergespräche geführt werden. Von "Homeland" hat er die ersten drei Staffeln gesehen, und von "Game of Thrones" hat er gerade die vierte Staffel geschaut. Er ist voll up to date.
Eine Dreiviertelstunde braucht Guttenberg mit dem Zug von Greenwich zum Grand Central Terminal, dem großen Bahnhof in Manhattan. Er nimmt ihn morgens hin und abends zurück. Er mag diesen Zug, er ist sauber, meistens pünktlich und fährt praktisch die ganze Nacht. Er muss dann nur noch kurz in die U-Bahn umsteigen, noch einmal sieben Stationen mit der "Green Line" bis "Spring Street", der Station direkt vor seinem Büro, 270 Lafayette Street. New York, NY 10012, SoHo, eine coole Adresse.
Es gibt hier Galerien, unabhängige Buchläden, Künstlercafés. Regisseur Quentin Tarantino hat gegenüber seine Penthouse-Wohnung. Direkt nebenan ist der New Yorker Kultshop Supreme, der Mode für Skateboarder und HipHopper verkauft und vor dem die coolen Kids über Nacht auf dem Bürgersteig campen, wenn am Morgen die neue Kollektion in den Laden kommt. Die Mode kommt ihm schrecklich geschmacklos vor, aber den Wahnsinn darum findet er trotzdem super. Er hat hier alles, was er braucht: die U-Bahn, die Shops, ein Sandwich mittags bei "The Grey Dog". Er fühlt sich hier wohler als in Midtown, wo die Anzugträger zu Hause sind, die so rumlaufen wie er früher.
Die Lässigkeit von SoHo ist in Guttenbergs Augen auch ein Beleg dafür, wie kleinkrämerisch in Deutschland mit ihm umgegangen wurde. Er findet, dass die Fußnotenzähler und Aktenbearbeiter, die ihn in der Heimat mit solcher Inbrunst verfolgt haben, mal geistig den Krawattenknoten lockern sollten.
KTG residiert in der 10. Etage, Suite 1005. Sein Büro lebt von minimalistischem Schick, Glaswände, durchsichtige Plexiglasstühle, der Fußboden lackierter Rohbeton. Über dem Ecksofa, in dem Besucher Platz nehmen können, hängt ein riesiger Flachbildschirm, auf dem den ganzen Tag CNN läuft. Seine Mitarbeiter, junge Männer und Frauen um die dreißig, die vor ihren MacBooks sitzen, tragen Beats-Kopfhörer mit Rauschunterdrückungssystem, um sich besser konzentrieren zu können.
Es erinnert hier nichts mehr an seine alte Welt der Regierungsbeamten. Nur am Eingang, auf einer Kommode, steht ein Bild, das ihn und Angela Merkel zeigt. Er hat es nicht an die Wand genagelt. Es steht da wie eben abgestellt.
Merkel und er schauen sich auf dem Bild an und lachen herzlich.
Über was lachen Sie da?
Guttenberg erinnert sich nicht, hat aber dann doch eine Idee.
"Vielleicht über einen schmutzigen Witz", sagt er.
Wirklich, geht das mit Merkel?
"Klar", sagt Guttenberg.
Er redet nicht immer gut über seine alten Kollegen, die sich, wie er glaubt, über sein Scheitern freuten. Er hat die Sätze seiner ärgsten Feinde nicht vergessen, den Satz von Bundestagspräsident Norbert Lammert etwa, der sagte, wenn man an Guttenberg trotz des Skandals nur deshalb festhalte, weil er in der Bevölkerung populär sei, wäre das "der Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie".
Über die Kanzlerin verliert Guttenberg kein schlechtes Wort. Sie hatte mitten in der Plagiatsaffäre erklärt: "Ich habe keinen Inhaber einer Doktorarbeit berufen, sondern mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister." Das fand Guttenberg gut. Er vergisst dabei allerdings, dass Merkel ihn in jenen dunklen Tagen auch deshalb so hartnäckig verteidigte, weil sie Angst vor dem Vorwurf der CSU hatte, sie würde den Minister fallen lassen.
Es ist nicht ganz klar, wie erfolgreich er ist, wie viel Geld er mit seinem neuen Unternehmen verdient. Die Internetbranche ist ein bisschen wie die Politik. Es geht vor allem darum, dass die Leute an eine Idee glauben. Alles kann sich schnell in Luft auflösen. Er pendelt jetzt zwischen den Welten, Politik und Wirtschaft, Europa und Amerika, Alte und Neue Welt, Brasilien, London, New York, München, Frankfurt. Es gibt keine klare Linie, keinen eindeutigen Schwerpunkt, nur eine Wolke von Expertise und Kontakten. Er redet noch so geschliffen wie damals als Minister, und wie früher stellt man sich nach seinen Vorträgen die Frage, was er eigentlich gesagt hat.
Wenn es eine klare Konstante in seinem neuen Leben gibt, dann sind es seine Reisen nach San Francisco, ins Silicon Valley. Er ist mit Virgin America geflogen, von New York JFK nach San Francisco. Virgin America ist eine eher junge Airline, in der die Sicherheitshinweise zu Beginn des Fluges nicht einfach gesprochen, sondern zu einem Rapsong getanzt werden. Nun steht er vor dem Mietwagenschalter, der sich im Westin-San-Francisco-Flughafen-Hotel befindet, in einem Nebengang des Hotels zwischen Herren- und Damentoilette, eine Off-Airport-Location.
Er hat ein Auto bei Sixt gebucht, dem großen deutschen Autoverleiher. Sixt ist relativ neu auf dem amerikanischen Markt, fast noch ein Start-up. "Ich wollte das mal ausprobieren", sagt Guttenberg.
Guttenberg steht da mit einem schwarzen Kaffee, riesengroß, es wird langsam knapp für seinen ersten Termin. Er besitzt eine schwarze VIP-Karte von Sixt und erzählt mit gespielter Empörung von Regine Sixt, der er, als er noch Minister war, immer geduldig zugehört hatte, ohne davon jemals beim Mietwagenverleih Vorteile bekommen zu haben. Da ruft ihn die freundliche Dame von Sixt endlich auf. Er habe ein Upgrade bekommen, das "Extreme Dream Package", sagt sie, einen weißen Mercedes-Geländewagen mit Navi.
Guttenberg schaut noch einmal in seine Buchung. Er blickt befriedigt auf und sagt: "Ich habe nur Golfklasse gebucht."
Er muss jetzt schnell ins Battery, einen Inklub der Techwelt in San Francisco. Er ist für die Techies so etwas wie das Berghain in Berlin für die Raver, so klingt es jedenfalls, wenn Guttenberg darüber spricht: "The place to be."
Es ist ein Klub von eher rustikalem Schick, viel Holz, tiefe Sessel, eine amerikanisierte Bauernstube. Guttenberg klappt sein iPad auf und googelt den Namen Ruzwana Bashir, die Mitbegründerin von Peek, einer jungen Freizeit-App, die möglicherweise seine Hilfe braucht. Er schaut kurz ihr Bild auf Wikipedia an, damit er sie gleich erkennt.
Ruzwana Bashir ist eine beeindruckende Frau, die wie ein Feuerwerk redet. Sie erzählt etwas von dem Klub. Und von dem speziellen grünen Tee, den man jetzt hier offenbar trinkt, weil ihn alle trinken.
Guttenberg will eigentlich Espresso trinken.
Er bestellt Espresso und einen grünen Tee.
Am Abend sitzt er mit jungen Unternehmern im Restaurant Reposado in Palo Alto, nahe der Stanford-Universität, ein Treffpunkt für Internetnerds. Sie erzählen ihm, dass hier nur eine Währung zählt, deine neue App. Die erste Frage im Reposado laute: "Hast du 'ne eigene App?" Die zweite: "Wo stehst du im iTunes-Ranking?" Es zählt nur das Beste, das Größte.
Guttenberg hat eine Bouillabaisse bestellt. Sie schmeckt ihm sehr gut. Er sagt: "Die beste Bouillabaisse meines Lebens."
Er hat den Sound des Valley aufgesogen wie ein Schwamm. Er bestellt sich kein Taxi, er "Uberized" und trifft sich mit "Top Guys". Er sagt "far fetched" statt weit hergeholt. Er spricht über FinTech, IOT Market, die Sharing Economy, "das Exponentielle von Rechnerleistungen", den "emerging market für cyber security". Er spricht Dotcom-Sprache, die auf gewisse Weise so verblasen und floskelhaft ist wie die der Politiker. Er ist jetzt Dr. Dotcom.
Aber Guttenberg findet, dass die Jungs aus dem Valley jetzt die wahren Herrscher sind. Er hat eine Verschiebung ausgemacht, nicht die Präsidenten und Kanzler lenken die Geschicke der Welt, sondern die Bosse der großen Internetfirmen und die Investoren, die rechtzeitig auf die richtige Idee setzen. Und er ist einer von denen. Er tut zumindest so.
"From Government to Googlement, eine These, die ich vor zwei Jahren aufgestellt habe", sagt Guttenberg.
Von Deutschland aus betrachtet ist Guttenberg ein Politiker, der über eine Affäre gestürzt ist. Für ihn stellt sich die Sache ganz anders dar. Er hat einfach rechtzeitig die Seite gewechselt, die Zeichen der Zeit erkannt. Er spielt jetzt in einer anderen Liga. "In Deutschland werden für Start-ups vielleicht 300 000 Euro ausgegeben", sagt er mitleidig. "Hier wird allein eine einzige Idee mit Milliarden bewertet."
Bei der letzten Cebit sei die Bundesregierung "in Größe einer Fußballmannschaft angetreten", sagt Guttenberg. "Aber was bleibt der Politik? Oft panische, fehlerhafte Regulierung, die fast Lichtjahre hinterherhinkt." Es ist auch ein Stück Trost für ihn, die Hilflosigkeit derer zu sehen, die ihn verjagt haben. "Gibt es Politiker, die Sie bewundern?", fragte ihn David Crane, ein ehemaliger Berater von Gouverneur Arnold Schwarzenegger, den er vor seiner Abreise noch im Battery trifft.
Winston Churchill fällt ihm ein und Franklin D. Roosevelt, dann lange nichts. Er denkt einen Moment an Gerhard Schröder, weil der eine Reform gewagt habe, für die er danach abgewählt wurde. Aber dann verwirft er schon wieder den Gedanken, weil, wie er Crane erklärt, Schröder nach seiner Abwahl ohne eine anständige Schamfrist bei Gazprom angeheuert habe.
Sonst fällt ihm so schnell niemand ein.
Ende Januar ist er zu Besuch in Berlin. Er sitzt in der Lobby des Adlon, Sakko und schwarzes Poloshirt. Er erzählt von seinen Terminen. Am Sonntag hat er Merkel getroffen, dann war er noch schnell in München und Brüssel, jetzt ist er wieder hier. Er hat Jetlag, abends immer bis drei Uhr mit Leuten zusammengesessen, unvernünftig war das. Noch zwei Tage Berlin, dann geht es am Freitagmorgen nach Davos, ein paar Leute treffen, dann auf die Piste, Tourenskifahren mit drei Freunden. Es ist immer viel los, wenn er unterwegs ist. Er hastet durch seinen Tag, rastlos, als wäre er auf der Flucht vor sich selbst.
Er hat gleich seinen ersten Termin im China Club, auf der Hinterseite des Adlon. Im Aufzug steht vor ihm der Chefredakteur des deutschen Ablegers des amerikanischen "People"-Magazins, dunkler, eng geschnittener Anzug. Und es beginnt, was Guttenberg die "Schnappatmung" nennt.
"Guten Tag, Herr zu Guttenberg. Ich bin Chefredakteur des ,People'-Magazins Deutschland. Können wir mal was mit Ihnen machen?"
"Verstehen Sie das nicht falsch, aber ich bin froh, einmal nicht in der Zeitung zu stehen", sagt Guttenberg.
"Und wenn wir was Politisches machen?"
"Politisches im ,People'-Magazin? Das ist ja ein ganz neuer Ansatz."
Der Chefredakteur will sich trotzdem mal melden.
Guttenberg hasst es, wenn ihn seine Vergangenheit einholt. Er redet darüber nur noch als Witz. Seine abgeschriebene Doktorarbeit nutzt er bei jedem Auftritt in Deutschland als Running Gag. Als er im vergangenen Jahr bei der "Sport
Bild"-Gala eine Laudatio auf den Exboxer und Politiker Vitali Klitschko hielt, kalauerte er, nur er sei als Redner so schnell infrage gekommen: "Irgendjemand kam auf die Idee: Frag doch den Guttenberg. Der kann irgendwo kurzfristig noch eine Rede abschreiben." Und als er Mitte März auf dem SZ-Finanztag in Frankfurt auftritt und sagt, er wolle jetzt mal "eine Fußnote machen", hält er kurz inne und korrigiert sich: "Bei Fußnoten muss ich aufpassen." Albern, Kinderkram. Deutschland.
"Failure is overrated", sagen seine neuen Freunde in Amerika. Guttenbergs Rechnung geht so: In Amerika, im Valley, ist Scheitern kein Makel, sondern nur der Beleg dafür, es versucht zu haben. Try again. Fail again. Fail better. So gelingt es ihm, seinen Absturz einzubetten in eine Erfolgsgeschichte, sich zu einem Entrepreneur zu machen, der einfach die Branche gewechselt hat.
Von Betrug ist keine Rede mehr. Dafür ist die alte Hybris wieder da. In der Chinasuite wartet Michael Stusch - Vorstandsvorsitzender von H2-Industries, hoch gegelte Meckifrisur - , um sein Geschäftsmodell zu erörtern. Sie kennen sich nur vom Telefon, aber sie duzen sich schon, wie im Silicon Valley. Stusch braucht Geld für die Anschubfinanzierung. Er will wissen, woher er das bekommt.
Guttenberg erwähnt, dass er am Abend bis früh in den Morgen mit Milliardär Peter Thiel zusammengesessen habe. Thiel ist eine Legende im Valley, Milliardär, Investor, Mitgründer von PayPal und Palantir. Guttenberg will Stusch testen.
"Ich bin jetzt Peter Thiel", sagt Guttenberg. "Du hast drei Minuten für eine Präsentation."
Stusch gibt sich Mühe.
"Klasse!", sagt Guttenberg. "Aber drei Dinge."
Er rät ihm, erstens "German Engineering" zu erwähnen, zweitens, "dass ihr da drüben mit MIT und Stanford zusammenarbeitet", drittens solle sich Stusch mehr "auf den Kostenfaktor konzentrieren". "Ich kenn das von mir selbst: Man hat 30 Pitches am Tag, da hört man nach fünf Minuten nicht mehr hin."
Stusch bedankt sich. Er hat nur noch eine Frage, wie man am besten mit Horst Seehofer in Kontakt treten könne: "Wir haben Flyer in seinen Briefkasten geworfen. Aber wir haben bisher nichts gehört. Es wäre schön, wenn du uns die Türen aufmachen kannst", sagt Stusch.
"Keine Lobbyarbeit", sagt Guttenberg, "das machen wir nicht. Wir sind eine Investmentfirma, die auch beratend tätig ist, aber wir wollen nicht in die Nähe von Lobbyarbeit gerückt werden."
Er muss los, er hat noch viele Termine. Er muss nach Prenzlauer Berg, ein Gespräch über Investitionschancen in E-Health und dann ein Mittagessen im Restaurant Grosz am Kurfürstendamm. Zwischendurch muss er zurück in den China Club. Er hat dort etwas vergessen.
Der Taxifahrer parkt hinter dem Adlon. "Ich bin in fünf bis sieben Minuten zurück", sagt Guttenberg, auf dem Taxameter stehen 11,30 Euro. Der Taxifahrer ist irritiert. Will er nicht bezahlen?
Guttenberg knüllt ihm seinen Schlips auf den Beifahrersitz. "Keine Sorge, ich komme gleich wieder. Ich lasse Ihnen meinen Schlips hier."
Der Taxifahrer ist noch immer nicht überzeugt. "Es ist eine teure Krawatte", sagt Guttenberg.
"Ich trage keine Krawatte", sagt der Taxifahrer. "Ich kann nix damit anfangen, auch wenn sie 100 Euro wert ist, ich brauche keine Krawatte." Guttenberg zieht einen 50-Euro-Schein aus der Tasche, schmeißt ihn durch das Beifahrerfenster ins Taxi und geht. Er hasst diese deutsche Pingeligkeit. Er will doch nur Respekt.
Erst kürzlich wieder, als Bayerns Ministerpräsident Seehofer erklärte, er wolle Guttenberg als Stargast auf den CSU-Parteitag in Nürnberg einladen.
Seehofer hatte nie direkt mit ihm gesprochen. Er hat seine Einladung einfach nur über die Medien verkündet. Es war ein Spiel, mit dem er offenbar nur "Schnappatmung" in seiner Partei auslösen wollte, ein geschickter Schachzug im Machtkampf um seine Nachfolge als Ministerpräsident.
Guttenberg will kein Spielball der deutschen Politik mehr sein. Aber er kann auch nicht ganz von ihr lassen. Im Valley interessiert sich niemand für seine Doktorarbeit, aber in Deutschland ist sie immer noch präsent. Es könnte ihm egal sein, aber dann überkommt es ihn wieder, und er schreibt an gegen das Hallodri-Image. Er meldet sich dann mit Kommentaren zur weltpolitischen Lage zurück, im "Handelsblatt", in der "Bild"-Zeitung, im außenpolitischen Fachmagazin "HorizonS".
Mitte Februar ist er wieder einmal nach Deutschland unterwegs, diesmal nach München. Er sitzt mit dem russischen Schachweltmeister Garri Kasparow im Taxi zum New Yorker Flughafen JFK. Er hat Kasparow auf eine Tagung mit jungen CSU-Politikern eingeladen, die er zusammen mit dem EVP-Fraktionschef Manfred Weber und dem ehemaligen bayerischen Finanzminister Georg Fahrenschon im Schloss Neufahrn ausrichtet. Es steht darüber schon viel in der Zeitung. Kommt er doch wieder zurück?
Guttenberg steht im Stau. Er ist viel zu spät losgefahren. Eigentlich wollte Guttenberg Kasparow früher abholen, aber dann ist er in die falsche U-Bahn gestiegen. "Garri, ich habe dir jetzt schon mal einen First Class Seat auf dem späteren Flug von Newark gebucht", scherzt Guttenberg. Er kann es nicht glauben, dass er diesen Flug wirklich verpassen könnte. Nicht er. Er sagt, er habe noch nie einen Flug verpasst.
Am nächsten Morgen ist er in München, er hat den Flug doch noch erreicht. Er verspricht Kasparow ein ordentliches bayerisches Frühstück, dann geht es weiter zum Schloss Neufahrn.
Es steht danach viel in der Zeitung über diesen Termin, unter anderem auch die Vermutung, er wolle dort Truppen sammeln für ein Comeback.
Er sagt später, er sei überrascht über den Medienrummel gewesen. Ansonsten war es eine gute Diskussion, tolle Leute. Er freut sich, dass die jungen Menschen so gut Englisch sprechen, wenn auch mit schwerem bayerischem Akzent. Ist das seine Generation, wenn er einmal zurückkommen sollte? So weit würde er nie gehen. Er müsste sonst auch wieder über seine Vergangenheit reden.
Im Herbst 2011, nur sieben Monate nach seinem Rücktritt, hatte er sich mit dem "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in London getroffen und über seinen Absturz gesprochen. Daraus wurde ein Buch, das sich damals wie eine Bewerbungsschrift für sein Comeback las. Er sprach darin von der "denkbar größten Dummheit meines Lebens", blieb aber bei seiner Behauptung, nicht vorsätzlich gehandelt zu haben, sondern nur schusselig. Das ist bis heute seine Version der Dinge: Seine Doktorarbeit besteht zu rund zwei Dritteln aus Abgeschriebenem, aber dennoch beharrt er darauf, nicht betrogen zu haben. Seitdem hat er kein Interview mehr gegeben.
Kurz vor Ostern, bei dem Dinner in Greenwich, sitzt er gegenüber von Henry Kissinger. Kissinger ist der Mann, von dem er sagt, er habe ihn nach Amerika geholt, ein echter Freund der Familie. Um ihn herum sitzen die "Techies" an einem österlich gedeckten Tisch, mit Osterglocken und gelben Plüschküken, und rechts neben Kissinger Stephanie zu Guttenberg.
Kissinger ist kein Enthusiast der digitalen Welt, eher ein Skeptiker, der sich fragt, ob mit den dauernden Kurzinformationen am Ende das konzeptionelle Denken verloren geht. Aber das genau macht den Reiz dieses Dinners aus.
Guttenberg begrüßt den "lieben Henry", der eine Dreiviertelstunde zu spät aus New York gekommen ist, er steckte im Stau. Dann gibt Guttenberg Instruktionen zum Verlauf des Abends. "Ich verschone euch noch bei der Vorspeise", sagt er, "dann aber machen wir eine Runde am Tisch." Jeder Gast soll etwas über sein Arbeitsgebiet sagen, E-Health, Artificial Intelligence, Publishing in Zeiten des Internets.
Kissinger hört sich das an. Fragt gelegentlich nach, grummelt etwas vor sich hin. Schließlich richtet er sich an Guttenberg. Er will wissen, warum sich Guttenberg für all das so interessiert.
"In der Bundesregierung haben wir beim Ausbruch der Finanzkrise von zwei Dingen so gut wie keine Ahnung gehabt", sagt Guttenberg. "Wie die Finanzwelt tatsächlich funktioniert und wie die Digitalisierung die Gesellschaft verändert. Wir haben eine Verantwortung für die nächste Generation und versündigen uns, wenn wir diese Dynamik nicht verstehen." Er redet jetzt schon fast wieder wie ein Politiker.
Eine Woche später kommt eine Mail, Betreff: Kissinger-Dinner. Guttenberg schreibt, bedankt sich darin für das Kommen, es sei ein "wunderbarer" Abend gewesen. Er schickt noch einmal die Mail-Adressen sämtlicher Teilnehmer, damit alle in Kontakt bleiben können. "Hope to see you soon again. Warmest regards, KT and Steph."
Er hat "Homeland" gesehen und von "Game of Thrones" gerade die vierte Staffel. Er ist voll up to date.
Er will kein Spielball der deutschen Politik mehr sein. Aber er kann auch nicht ganz von ihr lassen.
* In München 2010.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 16/2015
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