11.04.2015

USADas Wunschkind

Ein lesbisches Paar aus Ohio bestellte bei einer Samenbank das Sperma eines blonden, weißen Mannes - und bekam schließlich ein schwarzes Kind. Nun ziehen die Frauen vor Gericht. Es geht um Schadensersatz und Rassismus in Amerika. Von Markus Feldenkirchen
Das Kind, um das es geht, sitzt abseits des gottverlassenen Dorfs Scio, Ohio, auf dem Schoß seiner Tante und schaut sich ein modernes Märchen auf dem Computer an. Es kiekst und juchzt ab und zu. Es wirkt glücklich. Seine Hautfarbe ist dunkel.
Ein paar Meter entfernt, auf einer Ledercouch gleich hinter dem Anglerbedarf, sitzen Jennifer Cramblett und Amanda Zinkon neben ihrem Anwalt und erzählen, wie dieses Mädchen in die Welt kam. Sie haben die Tappan Lake Marina als Treffpunkt vorgeschlagen, ein Haus für Wassersportfreunde, das ihrer Familie gehört. Während sie reden, streicht Zinkon sich nervös durch die langen Haare. Crambletts Hände ringen miteinander, ihre Fingerknochen knacken. Sie wirken nicht so glücklich wie das Kind, um das es geht. Ihre Haut könnte weißer kaum sein.
Ihre Erzählung beginnt im Sommer des Jahres 2011. Das lesbische Paar kennt sich seit einem Jahr, Jennifer arbeitet als Managerin in einem Handy-Laden, Amanda verkauft Tierschutzversicherungen. Was jetzt noch fehlt, ist ein wenig Sinn im Leben. "Wenn du kein Kind willst, kannst du direkt wieder gehen", sagt Jennifer ihrer Partnerin gleich zu Beginn. "Ich werde demnächst schwanger. So oder so."
In jenem Sommer 2011 verbringen Cramblett und Zinkon viel Zeit zu Hause, sie wälzen Dokumente, vergleichen Angebote. Sie stehen vor der wichtigsten Bestellung ihres Lebens. Vor ihnen liegen drei Männerleben, verdichtet auf 23 Seiten. Es sind die Auskünfte von Samenspendern, den potenziellen Vätern ihres Kindes. Für jede Biografie eines Spenders verlangt die Midwest Sperm Bank fünf Dollar. Babyfotos des Spenders kosten 25 Dollar. Eine Audiodatei mit seiner Stimme bekommt man für 35 Dollar.
Drei Männer sind in der engeren Wahl. Sie alle sind groß, blond, haben eine weiße Haut und besuchen sehr gute Universitäten. Das ist den beiden Frauen am wichtigsten. Sie hätten sich niemals freiwillig für jenen mittelgroßen, afroamerikanischen Bewährungshelfer entschieden, den sie letztlich bekamen.
Im Sommer 2011 geht es um die Details, die Accessoires. Auf dem Deckblatt hat Vicky von der Samenbank, die Dame an der Rezeption, die sie schon vom Telefon kennen, handschriftlich einige persönliche Anmerkungen zu jedem Spendern hinterlassen. Sie kennt die Männer ja von ihren Besuchen, dem "Melken", wie es intern heißt.
Am besten gefällt Vicky Nummer 380, ein Student. "Er könnte auf dem Cover des ,GQ'-Magazins sein", schreibt sie. "Extrem gut aussehend, athletisch, intelligent." Außerdem sei 380 "eine freundliche, warmherzige, umsichtige Persönlichkeit".
Über das ganze Deckblatt sind Vickys Anmerkungen in Form kleiner Sprechblasen verstreut: "Wunderschöne Augen!", "Sehr glaubwürdig", "Auch sehr lustig!", "Könnte ein Stand-up-Comedian sein". Lauter Kaufempfehlungen. Bei Amazon bekäme Nummer 380 fünf von fünf Sternen.
Die Papiere verraten zudem, dass seine Zähne "mittelgroß" und "gerade" sind, die Ohren "anliegend", die Lippen "schmal", die Wangenknochen "hochsitzend" und "markant", der Adamsapfel eine "mittlere Größe" hat und der Umfang des rechten Handgelenks 19 Zentimeter misst. Zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr trug Nummer 380 eine Zahnspange. 2008 wurden ihm zwei Weisheitszähne entfernt.
Auch was die Lebensgewohnheiten betrifft, hinterlassen die 23 Seiten einen tadellosen Eindruck. Der mögliche Vater ihres Kindes treibt täglich Sport und hatte bislang mit neun verschiedenen Frauen Sex. Er würzt ein fertiges Essen "niemals" mit Salz nach, Gemüse und Früchte isst er hingegen "täglich", dazu "100 mg Omega-3-Fischöl" und "eine Vitamintablette". Im vergangenen Jahr war er keinen Tag krank. Was er noch nie gemacht hat: geraucht, Alkohol getrunken, anal verkehrt. Sein größtes Laster ist die Dose Limonade, die er sich einmal die Woche genehmigt.
Cramblett und Zinkon erfahren auch alles über die Familie. Dass seine Tante mütterlicherseits unter Migräne leidet und die Mutter mal Zysten an den Eierstöcken hatte. Unter der Rubrik "Vorfahren" wird explizit vermerkt, dass der Spender keinerlei schwarze Ahnen habe, sondern "mediterrane", genauer: "Griechen oder Italiener".
Im August 2011 bestellt Jennifer bei Vicky telefonisch zwei Fläschchen Sperma von Spender 380. Für 400 Dollar das Stück. "Überzeugt hat uns am Ende das Gesamtpaket", sagt Cramblett und lässt die Fingerknochen knacken.
Die Marina ist ein großer, leicht muffiger Raum mit Billardtisch, Theke und Restaurant, im Sommer können Touristen hier Boote leihen oder Ausflüge buchen. Cramblett, 36, trägt die Haare kurz und sportlich, auch sonst wirkt sie drahtig. Zinkon, ihre sechs Jahre jüngere Partnerin, ist ruhiger, gemütlicher.
Am Ende der Selbstauskunft hatte Nummer 380 noch eine persönliche Botschaft an die Empfänger seines Samens hinterlassen. "Ich hoffe", schrieb er in krakeligen Druckbuchstaben, "Ihr Kind wird alles, was Sie sich immer gewünscht haben." Es kam dann ganz anders. Statt eines blonden, blauäugigen Kindes brachte Jennifer Cramblett ein farbiges zur Welt. Und die Geburt ihrer Tochter wurde zum Anlass für eines der ungewöhnlichsten Gerichtsverfahren der Moderne. Der Fall beschäftigt bis heute das ganze Land. Er fällt in eine Zeit, da in den USA so heftig über Rassismus gegen Schwarze diskutiert wird wie seit der Hochphase der Bürgerrechtsbewegung und dem "Blutigen Sonntag" in Selma nicht mehr, bei dem im März 1965 unbewaffnete Schwarze brutal niedergeknüppelt wurden.
Es ist eine Zeit, in der die Morde an unbewaffneten Schwarzen durch weiße Polizisten zeigen, dass Farbige noch immer nicht gleichbehandelt, weniger geachtet und wohl auch schneller getötet werden als weiße Amerikaner. Erst vor ein paar Tagen schockierte ein Video Amerika und die Welt, auf dem zu sehen ist, wie ein weißer Polizist den Schwarzen Walter Scott in North Charleston mit acht Schüssen regelrecht hinrichtet - obwohl Scott von dem Officer weglief, unbewaffnet war und keinerlei Bedrohung darstellte. Angehalten hatte ihn der Polizist, weil das Rücklicht von Scotts Wagen kaputt war.
North Charleston steht nun in einer Reihe mit Orten wie Ferguson, Staten Island oder Cleveland, wo die Schwarzen Michael Brown, Eric Garner und Tamir Rice von weißen Polizisten getötet wurden. Erst kürzlich offenbarte ein Bericht des Justizministeriums über die Stadt Ferguson das rassistische Denken eines gesamten Polizeiapparats. Und immer öfter wird nun eine Frage aufgeworfen, die nicht nur rhetorisch gemeint ist. Sie wird in manchen Medien gestellt und auf den Transparenten der Demonstranten, zuletzt in North Charleston. Sie lautet: Wie viel ist schwarzes Leben tatsächlich wert?
Von ihrem Arzt lässt Cramblett sich im August 2011 den Inhalt der beiden Röhrchen einführen, aber sie wird nicht schwanger. Im September 2011 ruft sie bei Vicky an, um mehr Sperma zu bestellen. Diesmal gleich sechs Portionen.
"Nur um sicher zu gehen", sagt Vicky. "Sie wollen sechs Röhrchen von Spender Nummer 330 bestellen. Korrekt?"
"Nein", antwortet Cramblett. "Ich habe Spender 380." Kurze Pause. "O ja, ich sehe. Sie brauchen die 380."
Erst das fünfte von sechs Röhrchen bringt das erhoffte Ergebnis. An Heiligabend erfährt Jennifer, dass sie schwanger ist. Ein Christkind, sagt sie. Im April 2012 erfährt sie, dass sie ein Mädchen erwartet. Das Paar ist euphorisch, sie beschließen, dass auch Amanda ein Baby bekommen soll, vom selben Vater, dann wären ihre Kinder Blutsverwandte. Auf der Homepage der Samenbank lesen sie, dass Nummer 380 inzwischen umgezogen ist und nicht mehr spendet. Es bleibt unklar, wie viel Sperma er hinterlassen hat und wie viel davon noch auf Lager ist. Die Zeit drängt.
Am 23. April 2012 ruft Jennifer wieder bei Vicky an, um Röhrchen zu bestellen, diesmal für Amanda. Vicky bittet um Geduld, sie müsse die Akte holen. Als sie zurück ist, sagt sie: "Sie möchten also acht Röhrchen von Spender Nummer 330?"
"Nein", sagt Cramblett. "Wir brauchen Nummer 380."
Erneut bittet Vicky um Geduld, sie schickt Jennifer in die Warteschleife. Wieder am Apparat fragt Vicky, ob es richtig sei, dass sie nach einem afroamerikanischen Spender verlange.
"Warum sollte ich danach verlangen?", fragt Jennifer. "Meine Partnerin und ich sind weiß. Das wissen Sie doch!"
Scio in Ohio, der Ort, in dem Jennifer Cramblett aufwuchs und in dem sie nun wieder lebt, hat 762 Einwohner. Nicht ein einziger hat dunkle Haut. Ihr Vater hatte ihr oft erzählt, dass die Schwarzen in seiner Jugend die Seite wechseln mussten, wenn ihnen ein Weißer auf dem Bürgersteig entgegenkam - und dass ihm das damals als völlig normal erschienen sei. Bis Jennifer aufs College kam, hatte sie sich noch nie mit einem Schwarzen unterhalten.
Amanda wuchs nur 40 Autominuten entfernt auf. Wenn sie als Kind mit ihrer Großmutter in die Stadt fuhr und ein Schwarzer in ihrer Nähe war, umklammerte die Großmutter ihre Handtasche.
Wieder die Warteschleife. Schließlich räumt Vicky ein, es habe ein Missverständnis gegeben und Cramblett sei Sperma von Nummer 330 geschickt worden. Das Kind, das in ihrem weißen Bauch heranwachse, werde mit dunkler Haut zur Welt kommen.
"Sie rief mich bei der Arbeit an", sagt Amanda. Sie schaut ihre Partnerin von der Seite an. "Aber ich konnte sie nicht verstehen. Sie war komplett aufgelöst." Jennifer nickt. Nach dem Anruf weint sie hemmungslos, zittert, bekommt kaum Luft, ihre Füße sind taub, tagelang. Sie leidet unter depressiven Schüben.
Cramblett hat ein ausgeprägtes Unrechtsgefühl und einen Hang zum Cholerischen, eine schwierige Kombination. Bis heute hat sie offenbar das Gefühl, dass ihr nicht nur etwas anderes, sondern auch etwas Schlechteres geliefert wurde.
Aus der Ecke mit dem Bildschirm kommt nun Payton angewackelt. Sie ist inzwischen zweieinhalb Jahre alt, trägt silberne Schühchen, ein rosafarbenes Kleid und eine pinkfarbene Schleife im schwarzen Haar. Sie wirkt zart, ihr Lächeln ist das einer kleinen Märchenprinzessin. Hübscher und süßer können Kinder kaum sein. Es ist, als habe Gott der modernen Reproduktionsmedizin ein Denkmal setzen wollen.
Wenn ein Mann und eine Frau ein Baby bekämen, sei das ja normalerweise eine ziemlich romantische Sache, sagt Amanda. "Das fiel bei uns schon mal weg. Das Einzige, was wir machen konnten, ist: auswählen. Und dann haben wir noch nicht mal bekommen, was wir bestellt haben. Boom! Alles war weg."
Während ihre Mütter über ihren Schock von damals reden, hüpft Payton an ihnen vorbei, sie winkt und lacht, wie es im Rheinland die Funkenmariechen tun. Jennifer, Amanda und der Anwalt winken zurück. Es ist ein verlegenes Winken, denn es steht eine Frage im Raum.
"Na ja", sagt Jennifer, als Payton außer Hörweite ist. "Nur weil sie hinreißend ist, heißt das ja nicht, dass die Leute keinen furchtbaren Fehler gemacht hätten."
Die Ursache für diesen Fehler, der jetzt durch die Marina hüpft, ist schnell gefunden. Die Samenbank führt die Datenbank ihrer Kunden nur handschriftlich, nicht elektronisch. Jemand muss undeutlich geschrieben haben, eine "3" statt einer "8". Es sind nur zwei Viertel eines Kreises, aber in diesem Fall machen sie den Unterschied zwischen Schwarz und Weiß aus. So wird statt des großen, blonden Studenten einer Eliteuniversität mit mittelgroßem Adamsapfel ein mittelgroßer, schwarzer Bewährungshelfer der Vater ihres Kindes.
"Wie kann man bitte schön eine so ähnliche Nummer vergeben, wenn das Produkt, das sich dahinter verbirgt, so verschieden ist?", fragt Jennifer. Der Anwalt neben ihr nickt. Tom Intili trägt dicke Manschettenknöpfe, zieht sich ständig die Socken hoch und fährt mit dem Finger zwischen Hals und Hemdkragen entlang. Er wirkt unruhig. "Die meisten Leute flippen ja schon aus, wenn ihre Bestellung im Fast- Food-Restaurant verwechselt wird."
Im Restaurant hätten sie die Bestellung umtauschen können. Bei Amazon auch. In Paytons Fall ging das nicht, weshalb man durchaus fragen kann, ob die Verbreitung menschlichen Samens wie ein Versandhandel organisiert sein sollte.
Einen Monat nach Entdeckung des Fehlers erhält Cramblett einen Brief. "Sorry für die Verwechslung", schreibt die Samenbank. "Hier kommt eine Erstattung für die sechs Röhrchen, die fehlerhaft ausgeliefert wurden." Cramblett kann die Sätze auswendig, sie zitiert sie bellend, noch immer so wütend wie damals. "Sie haben uns nicht mal das Geld für alle acht bestellten Röhrchen erstattet. Nur für die sechs, die nachweislich falsch waren."
Es dauert, bis sich Cramblett und Zinkon entscheiden, wie sie mit ihrer Wut umgehen sollen: Sie wollen klagen, vor Gericht, sie fordern Wiedergutmachung für den entstandenen Schaden.
Sie sind nicht rassistisch, das betonen sie immer wieder, aber sie tragen den sehr amerikanischen Glauben in sich, dass man für Fehler bezahlen müsse. "Wenn Leute nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dann würden wir alle in einer chaotischen Welt leben", sagt Cramblett.
Tom, ihr Anwalt, rät, es zunächst außergerichtlich zu versuchen. Im Sommer 2014 engagiert er einen pensionierten Richter aus Cleveland als Mediator und mietet ein Hotelzimmer. Es sei um einen "bestimmten, angemessenen Geldbetrag" gegangen, sagt Tom.
Bei dem Treffen im Hotel erklärt er den Anwälten der Samenbank: "Das Beste, was Payton in diesem Dorf, in dieser Gegend sein wird, ist eine Kuriosität. Eine Zirkusattraktion! Und im schlimmsten Falle: das Ziel von Hohn und Spott. Warum übernehmen Sie dafür keine Verantwortung?" Am Ende hätten sie "nur einen Bruchteil dessen, was wir verlangt haben", geboten, sagt Intili. Die Samenbank spricht von einer "beträchtlichen Summe".
Am 29. September 2014 reicht Jennifer Cramblett beim Bezirksgericht von Cook County, Ohio, eine Klage gegen die Midwest Sperm Bank wegen der Straftatbestände "Nichteinhaltung einer Zusicherung" und "wrongful birth", übersetzt so viel wie: "unrechtmäßige Geburt", ein.
In der Begründung heißt es: "Diese Zivilklage wegen unrechtmäßiger Geburt und Nichteinhaltung einer Zusicherung ergibt sich aus der Lieferung des Samens eines falschen Spenders an eine Fruchtbarkeitsklinik in Ohio, mit dem die Beklagte künstlich geschwängert wurde." Als direkte Folge des Vertragsbruchs habe die Mutter Folgendes erlitten: "Persönliche Verletzungen, medizinische Kosten, Schmerz, Leid, emotionale Schmerzen und andere finanzielle und nichtfinanzielle Verluste". Der Streitwert wird mit "50 000 Dollar oder mehr" angegeben.
"Das Problem ist natürlich", sagt Jennifer, "dass wir kein Preisschild an Paytons Leben hängen können." Wieder schaltet sich ihr Anwalt ein. "Deshalb fragen wir: Was sind die Schäden?" Er überlegt kurz, ob das komisch klingt. "Na ja, vielleicht sollte man nicht von Schäden reden. Sagen wir lieber: Welche Extrakosten entstehen aus diesem Fehler?"
Das Perverse ist, dass sie sogar recht haben mit dem Argument, dass ihnen durch Paytons Hautfarbe ein ökonomischer Schaden entstanden sei. In den USA hat die dunkle Hautfarbe noch immer einen anderen Marktwert als eine helle. Wer in Amerika ein Kind adoptieren möchte, muss für ein schwarzes Baby im Vergleich zu einem weißen aufgrund von Angebot und Nachfrage nur etwa die Hälfte bezahlen. Nirgendwo jedoch ist dieses Phänomen deutlicher zu besichtigen als auf dem Immobilienmarkt.
50 Jahre nach der offiziellen Aufhebung der Rassendiskriminierung wohnt Amerika noch immer getrennt. Die meisten Schwarzen leben in den oft heruntergekommenen Innenstädten, die Weißen in Vororten mit hoher Swimmingpool-Dichte - oder ganz auf dem Land. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch Richtlinien, nach denen für Häuser in Schwarzenvierteln keine Kredite vergeben wurden. So wurden die Schwarzen zu Mietern in einem Land der Hausbesitzer. Staatliche Programme zur Förderung von Eigentum sowie die Vergabepraxis der Banken verwehrten ihnen oft die Möglichkeit, Wohlstand anzuhäufen. Und die wenigen, die sich ein eigenes Haus leisten konnten, reduzierten aufgrund ihrer Hautfarbe dessen Wert. Denn noch immer ist es so, dass der Preis einer Immobilie sinkt, je mehr Schwarze in der Nachbarschaft wohnen.
Bis zu Paytons Geburt hatten sich Jennifer Cramblett und Amanda Zinkon nie gefragt, woran es liegen könnte, dass sie ohne schwarze Nachbarn aufwuchsen. Der strukturelle Rassismus dahinter, verschärft durch die Gesetze des Kapitalismus, hat sie jedenfalls nie gestört.
In ihrer Klage führen sie Beispiele für die "Extrakosten" an. Die Sache mit den Haaren etwa. Um einen "angemessenen Haarschnitt" für Payton zu bekommen, von einem Friseur, der sich mit dem festeren Haar von Afroamerikanern auskenne, müsse Jennifer extra in ein Schwarzenviertel fahren, weit weg von zu Hause.
Außerdem möchten sie fortziehen aus dem ländlichen Ohio, damit Payton an einem Ort aufwachsen kann, wo sie nicht die einzige Farbige ist. Sie zitieren Experten, einen Arzt, einen Psychologen, einen Sozialarbeiter, die bestätigen, dass es am besten für das Mädchen wäre, wenn es dort aufwüchse, wo es "nicht unüblich" wäre und nicht immer angestarrt würde.
Die Leute hier begrapschten ständig Paytons Haar, sagt Amanda - aus Neugierde, sie hätten so was noch nie gefühlt. "Wissen Sie, wie viele Schwarze es hier in der Gegend gibt?" Ihr Blick wandert zu den Panoramafenstern, hinter denen Ohio schläft, obwohl es erst Nachmittag ist. Der Ort ist umzingelt von Feldern, Farmen und Seen. "Null!" sagt sie. "Selbst die Hasen sind hier weiß."
Geld, so ihre Argumentation, brauchten sie auch für eine Therapie. Sie wollen Kurse belegen über die Geschichte der Afroamerikaner, über deren Traditionen und Kultur. Und dann wollen sie sich die eigenen Vorurteile abtrainieren. Das ist natürlich nicht billig.
Cramblett erkenne ihre "begrenzte kulturelle Fähigkeit gegenüber allem Afroamerikanischen" an, heißt es in der Klageschrift. "Jennifer gibt zu, dass sie mit stereotypen Vorurteilen gegenüber Leuten aufgewachsen ist, die nicht ihrer komplett weißen Umgebung entsprachen. Familienmitglieder, insbesondere ein Onkel, sprechen offen und verächtlich über Menschen dunkler Hautfarbe."
Besagter Onkel steht keine zehn Meter von der Couch entfernt hinter dem Tresen der Marina. Er trägt ein knallgelbes Poloshirt und hält einen Plastikbecher Bier in der Hand. Auf den Barhockern vor ihm sitzen weitere Familienmitglieder und ein paar Dorfbewohner. Ab und zu sagt einer was. Die meiste Zeit aber blicken sie stumm ins Bier, als spiegle sich darin ihre ganze Welt.
Cramblett und Zinkon sagen, sie wüssten, wie es sich anfühle, Außenseiter zu sein. Als Lesben sei es nicht leicht gewesen in dieser ländlich-konservativen Gegend, von denen es so viele gibt in der unfassbar dicken Mitte der USA. In Ohio dürfen Homosexuelle bis heute nicht heiraten.
Cramblett wagte ihr Coming-out erst in ihrer College-Zeit. Ihre Familie habe nie wirklich akzeptiert, dass sie lesbisch sei, sagt sie. Sie wollte nicht darüber sprechen und hätte sie gebeten, nicht anders auszusehen als "normale" Frauen. Beide sagen, sie hätten ihre "Andersartigkeit" lange Zeit unterdrückt. Aber auch nach ihrem Coming-out sahen sie offenbar keinen Grund fortzuziehen, in liberalere Gegenden, nach New York oder Kalifornien. Paytons Andersartigkeit könne man nicht unterdrücken. Es klingt, als sei das Schwarzsein in Ohio weit schwieriger als das Lesbischsein. Auf die Idee, sich auch für die Akzeptanz anderer Außenseiter zu engagieren, kamen die beiden bislang nicht.
Jennifer deutet auf die Ecke mit den gedeckten Tischen, wo im Sommer die Touristen speisen. Vor Kurzem hatten sie dort ein Familienessen mit 40 Leuten. Irgendwann kam das Thema auf die Demonstrationen vieler Schwarzer gegen Gewalt und Willkür weißer Polizisten. Hunderttausende waren vor Weihnachten auf die Straße gegangen, sie hatten Transparente hochgehalten, auf denen "Auch schwarzes Leben hat einen Wert" stand. In der Kleinstadt Ferguson hatte im vergangenen Jahr ein weißer Polizist den unbewaffneten Schwarzen Michael Brown erschossen. Später entschied eine Jury, dass es keinen Anlass gebe, den Polizisten anzuklagen.
Viele weiße Amerikaner wunderten sich, wie wütend ihre schwarzen Mitbürger waren. Sie wunderten sich auch, welche Rolle die Hautfarbe offenbar noch immer spielt in ihrer Gesellschaft. Sie dachten, dieses Kapitel ihrer Geschichte überwunden zu haben. Wozu hatte es die Civil-Rights-Bewegung gegeben? Wozu all die Gesetze gegen Diskriminierung?
Jedes ihrer Familienmitglieder dort am Tisch sei der Ansicht gewesen, dass die weißen Polizisten richtig gehandelt hätten, sagt Jennifer. Früher hätte sie wohl ähnlich gedacht. Seit sie eine schwarze Tochter hat, sagt sie, habe sich etwas geändert.
Das Märchen ist zu Ende, Payton wird es langweilig. Sie hält einen Lolli in der Hand, winkt in die Runde und quiekt ein lässiges "Hi guys!"
"Komm her, liebe Payton", ruft der Anwalt. "Bist du meine Freundin?" Seine Stimme klingt einen Tick zu bemüht. Vielleicht will er zeigen, dass man all das nicht wegen des Geldes mache, sondern für sie?
"Potty, Potty", antwortet Payton. Dann läuft sie Richtung Toilette.
Draußen ist es dunkel geworden. Cramblett und Zinkon haben lange über das Gerichtsverfahren gesprochen. Jetzt möchten sie von Payton erzählen, dass sie Bücher liebe, dass sie stundenlang malen könne, dass sie beide erst seit Paytons Geburt wüssten, was Angst und was Liebe sei.
Aber wird es ihnen nicht unangenehm sein, wenn sie ihrer Tochter eines Tages erklären müssen, warum sie ihretwegen vor Gericht gezogen sind? Warum sie wegen "unrechtmäßiger Geburt" geklagt haben? Befürchten sie nicht, dass dies Auswirkungen haben wird auf ihr Selbstbewusstsein und darauf, worum es doch eigentlich geht: das Gefühl, akzeptiert zu sein?
"Ich glaube, die Samenbank hat fest darauf gesetzt, dass wir aus dieser Erwägung heraus nicht vor Gericht ziehen", sagt ihr Anwalt. "Die dachten, dass meinen Mandaten dieser Umstand zu mächtig wäre."
Am Tag nach der Einreichung der Klage veröffentlicht die Samenbank ein Statement, in dem sie beteuert, künftig sicherzustellen, dass eine solche Verwechslung nicht mehr passiere. Im letzten Satz heißt es: "Wir feiern jedes Kind, dessen Eltern wir helfen konnten, es zu bekommen, und wir freuen uns, dass Frau Cramblett eine wunderschöne und gesunde Tochter zur Welt bringen konnte."
Cramblett wirkt so, als verstünde sie die Frage mit der Klage nicht. "Ich hätte auch geklagt, wenn sie mir asiatischen Samen geschickt hätten", sagt sie. "Natürlich wird es dieses Gespräch mit Payton geben. Ich klage, weil wir nicht das bekommen haben, was wir wollten. Ich bin ein Kämpfer. Wenn ich empfinde, dass etwas falsch ist, kämpfe ich dafür." Sie bewegt sich hektisch auf dem Sofa, während sie das sagt. Ihr Oberkörper windet sich, wieder knacken ihre Fingerknochen.
"Wir werden jede Beratung und Recherche nutzen, um es Payton am besten zu erklären", sagt Amanda leise. Sie scheint größere Probleme mit der ganzen Auseinandersetzung vor Gericht zu haben.
Payton ist müde, sie reibt sich die Augen. Man würde gern wissen, ob sie sich eines Tages tatsächlich über das Geld freuen wird, das ihre Mütter erstritten haben. Oder ob es ihr lieber gewesen wäre, wenn ihre Eltern in ihrer Existenz keinen Grund zur Klage gesehen hätten. Bis sie selbst eine Antwort darauf geben kann, bleibt Payton die stille Heldin in einem modernen amerikanischen Märchen.
In der Zwischenzeit ist der Samen von Spender Nummer 380 weder in Texas noch im Mittleren Westen der USA bestellbar. In diesen Gegenden hat er inzwischen so viele Kinder, dass die Gefahr von Inzest besteht. Der Samen von Nummer 330, Paytons Vater, ist gar nicht mehr erhältlich. Er wurde aus dem Programm genommen. Vermutlich aus Mangel an Nachfrage.
* Zum 50. Jahrestag des "Bloody Sunday" am 7. März.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 16/2015
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