11.04.2015

MedizinLoch im Gesicht

Unfälle oder Krebsleiden können die Nase zerstören. Eine extreme Fallgeschichte zeigt, wie schwer es für Chirurgen ist, sie operativ nachzubilden.
Kindern zu begegnen war für Werner Wrege in den vergangenen Jahren nicht immer leicht. Wenn sie in sein Gesicht blickten, zeigten sie offen, dass sie sich gruselten. "Im Einkaufszentrum war das immer besonders unangenehm", sagt der 47-Jährige.
Wreges Leidensweg begann 2009 mit einem Tumor, der im Innern seiner Nase wucherte. Um die Geschwulst zu entfernen, mussten die Ärzte den äußerlich sichtbaren Teil des Riechorgans amputieren. Der Versuch, die Nase mit körpereigenem Gewebe nachzubilden, ging dutzendfach schief. Mehr als 30 Operationen musste der alleinstehende Vater einer Tochter seitdem ertragen.
Seine Ärzte an einer süddeutschen Universitätsklinik hatten ihre Fähigkeiten überschätzt. Die Rekonstruktion einer Nase ist äußerst heikel. Wenn das transplantierte Gewebe nicht richtig durchblutet wird, stirbt es ab. Auch die Gefahr von Infektionen ist groß. Nur erfahrenen Spezialisten gelingt es, die Nachbildung natürlich wirken zu lassen.
Helmut Fischer vom Stuttgarter Marienhospital hat den Respekt vor solchen Eingriffen nie verloren - dabei gilt der Leitende Oberarzt als einer der erfahrensten Nasenoperateure: "Die Lernkurve fällt nie ab." Zu dem Chirurgen kommen Patienten, die Teile ihrer Nase durch einen Unfall verloren haben oder infolge eines Tumors, häufig eines Hautkrebses. Manchmal sind es auch Verzweifelte, die an schlechte Operateure aus der plastischen Chirurgie geraten waren, die Teile ihrer Nase zerstörten, statt sie zu verschönern. Bis zu 60 Nasen rekonstruieren die Ärzte im Marienhospital jedes Jahr.
Auch Wrege suchte nach vielen leidvollen und misslungenen Eingriffen dort Hilfe. Er war der komplizierteste Fall, der Fischer in seinen 34 Berufsjahren jemals untergekommen ist. "Als der Patient vor uns saß, habe ich lange überlegt, ob wir eine Behandlung überhaupt zusagen können", so Fischer. Zu häufig hatten Mediziner bereits an dem Gesicht Hand angelegt - und versagt.
Statt einer Nase saß eine Hautwulst in Wreges Gesicht, die sich zum Mund hin unförmig verdickte. Sie verlief schief von rechts nach links, daneben klaffte ein Loch."Ich wusste damals wirklich nicht mehr, was ich machen soll", erinnert sich der gelernte Konditor. Sein Haus verließ er nur noch selten. Seinen Beruf gab er auf.
Eines der gängigsten Verfahren bei der Wiederherstellung von Nasen besteht darin, einen Hautlappen aus der Stirn zu schneiden. Diesen legen die Ärzte über die innere Auskleidung der Nase und das neu geformte Knorpelgestell, das meistens aus Rippenteilen nachgebildet wird. Die Wunde an der Stirn wird zugenäht. Bei Wrege war durch die vielen vorangegangenen Eingriffe allerdings nur noch stark vernarbtes Gewebe übrig, das sich nicht als Nasenhülle verwenden ließ.
Zusammen mit seinem Team implantierte Fischer dem Patienten deshalb vier kleine mit einer Salzlösung gefüllte Ballons unter die Stirnhaut. Über Monate musste Wrege jede Woche zu seinem Hausarzt, der Flüssigkeit nachfüllte, damit sich die Haut ausdehnte. Am Ende waren die Ballons etwa so groß wie Männerfäuste - und die Chirurgen hatten wieder Material für die Rekonstruktion der Nase.
"Was das für einen Menschen bedeutet, lässt sich kaum beschreiben", sagt Wrege. Damals umgab er sich nur noch mit Freunden, die seine Geschichte kannten. "Mein Umfeld ist damit sehr gut umgegangen. Am Ende war ich sogar so etwas wie ein stiller Held."
Zurück in seinen alten Job als Konditor will Wrege nicht wieder gehen. Mitten in der Nacht mit schlecht gelaunten Menschen in einer Backstube zu stehen, das mag er sich nicht mehr antun. Demnächst beginnt Wrege eine Umschulung zum Altenpfleger.
Er traut sich das, weil er jetzt wieder eine Nase hat. "Mittlerweile begebe ich mich auch wieder in die Öffentlichkeit", sagt er. Heute sitzt der Patient bei Fischer im Büro zu einer der letzten Nachsorgeuntersuchungen. Seine Nase ist deutlich breiter als früher, aber wohlgeformt. Man sieht dem 47-Jährigen zwar an, dass er häufig operiert wurde. Die Haut ist durch die vielen Operationen straffer, als sie es in seinem Alter normalerweise wäre. Wer genauer hinschaut, sieht auch seine Narben. "Alles in allem ist es aber ein ganz neues Lebensgefühl", sagt er.
Seit einiger Zeit schon beteiligt sich Wrege wieder aktiver am gesellschaftlichen Leben. Für die Hilfseinrichtung "Tafel" fährt er ehrenamtlich Essen aus. "Sind alle Wunden verheilt, ist so eine Nase genauso stabil wie jede andere", sagt Chirurg Fischer.
Wrege bleibt trotzdem vorsichtig. Im vergangenen Jahr hat er mit Line Dance angefangen, einem Gruppentanz. "Was ich aber niemals machen werde, ist Ballsport", sagt er. "Die Vorstellung, dass mir da etwas ins Gesicht knallen könnte, ertrage ich nicht."
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 16/2015
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