17.05.1999

Spiegel des 20. Jahrhunderts

Der Neue Mensch im Körbchen

50 JAHRE BUNDESREPUBLIK: Die Ära nach Adenauer

Von Barth, Ariane

Die Erfahrungen antiautoritärer Eltern / Von Ariane Barth

Wir saßen da mit hitzigen Gesichtern und flammendem Gemüt, schwadronierten und folgten einer Vision: Über uns schwebte als Phantasmagorie der Neue Mensch.

Wir wollten ihn erschaffen, und wir konnten es. Schließlich waren wir junge Eltern, eine Apo-inspirierte Clique, und während wir nächtelang diskutierten, schlummerte nebenan in den Körbchen und Kinderbettchen das Weltgeschick von morgen, die Vollendung der Revolution. Erbarmungslos rechneten wir ab mit der schwarzen Pädagogik unserer Großeltern, die den faschistischen Menschentypus herangezogen hatten. Unsere Eltern straften wir mit intellektueller Verachtung. Manche wandten sich still ab von ihren Nazi-Vätern und Mitläufer-Müttern, andere provozierten lautstarken Hauskrach, der bisweilen in einer Prügelei endete. Jeder trug schwer an der Spannung zwischen familiärer Zuneigung und Abscheu gegen die deutsche Unrechtsgeschichte, die von der Generation vor uns verantwortet werden mußte, egal, wie groß oder klein der individuelle Anteil von Schuld auch gewesen sein mochte.

Jedenfalls knallten wir unseren Eltern deren Werte vor die Füße: euer Pflichtgefühl. Dafür hatten wir nur Hohngelächter. Für unsere Kinder galt das Lustprinzip: Spielt, was ihr wollt, lernt, was ihr wollt.

Eure penible Sauberkeit. Scheiß drauf. Unsere Kinder trampelten in die Pfützen und bewarfen sich mit Modder, und wenn sie abends nicht baden wollten, gingen sie eben dreckig ins Bett, was übrigens ihrer Immunabwehr hervorragend bekam.

Euer verklemmter Sex, über den man nicht sprechen durfte. Unsere Kinder bekamen jede Frage beantwortet, sie waren über ihre Körper wohlinformiert. Wir kannten nur eine Grenze: Zuschauen ließen wir sie nicht.

Euer Recht, eure Ordnung. Was waren Werte wert, die sich je nach Opportunität verbiegen ließen? Wir glaubten an die magische Figur einer Regulation, die sich von selbst ergeben würde, wenn die Welt erst von lauter Neuen Menschen bevölkert sein würde. Zweifel hatten wir schon, aber die kehrten wir unter den Tisch und postulierten: Von Natur aus ist der Mensch gut.

Unsere Kinder waren autonome, unschuldige Wesen, und wenn sie nicht durch Repression beschädigt würden, müßten sie sich von selbst zu sensiblen und toleranten Individuen auswachsen. Daß von den Genen nichts außer ein paar äußerlichen Merkmalen zu erwarten war, sondern alles von der Erziehung abhinge, war unser Credo. Was wir besser als unsere Eltern machen wollten, subsumierten wir unter dem Begriff "antiautoritäre Erziehung".

Auf unserem Experimentierfeld hatten wir mit unseren Kindern viel Spaß, aber oft auch Mißvergnügen. Unvergessen die dreijährige Tochter eines SPD-Politikers, der später Karriere machte. Souverän bewegte sie sich in einer Runde von einem Dutzend Erwachsenen und schlug jedem mit ihrem Holzhammer auf den Kopf. Der Vater sagte nichts, die Mutter sagte nichts, keiner zuckte, bis der letzte den Schlag abfing und dem Kind den Hammer entwand mit der Bemerkung: "Jetzt bin ich hier wieder das einzige autoritäre Schwein." Die Kleine plärrte so laut, daß darüber gar nicht erst diskutiert werden konnte.

Wir machten bei der Erziehung unserer Kinder andere Fehler als unsere Eltern. Manches korrigierten die damals noch recht repressiven Schulen. Aber auch wir korrigierten einige Mißstände, wie die demütigende Praxis, Kinder mit dem Rücken zur Klasse in die Ecke zu stellen oder 30mal den stumpfsinnigen Satz schreiben zu lassen: "Ich darf in der Schulstunde nicht schwatzen." Ein von seinem Lehrer geschlagener Junge verließ die Schule und kehrte selbstbewußt mit einem Streifenwagen zurück.

Daß man auf unseren Schulen nicht lernen konnte, was man wollte, lernten unsere Kinder recht schnell. Im nachhinein betrachtet, war das so schlecht nicht. Seltsamerweise zeigte eine Reihe von Kindern, deren Eltern glühend die Abschaffung der Zensuren forderten, ein außerordentliches Interesse am Sammeln guter Noten. Wir Erwachsenen ließen sehr bald ab von der reinen Lehre des Lustprinzips und hielten fortan eine Kombination mit dem Leistungsprinzip für richtiger. Unsere Schmutzfinken wurden übrigens sehr gepflegte Teens, als sie sich für das andere Geschlecht zu interessieren begannen.

Eigentlich konnten unsere Kinder die vielen Fehler ihrer Eltern recht gut wegstecken. Erziehung, auch falsche Erziehung, war eben doch nicht die alleinige Prägekraft. Die neuere Wissenschaft räumt den Genen eine sehr viel größere Macht ein, als die Erziehungstheoretiker mit ihrer für das Jahrhundert revolutionären Revision der Vererbungslehre wahrhaben wollten. Wir ahnten es schon, als wir unsere Schwächen und Stärken in unseren heranwachsenden Kindern wiedererkannten und mit dem Konzept der sozialen Vererbung allein nicht erklären konnten.

Das komplizierte Zusammenspiel zwischen den mannigfachen Anlagen und den unzähligen Umwelteinflüssen mag unter Umständen der Chaos-Theorie folgen, wonach das Flügelschlagen eines Schmetterlings einen Tornado auslösen kann. Will heißen: Der Mensch bleibt eine Black box und wird kein Automat, in den man ein Erziehungsprogramm hineinsteckt und aus dem das erwartete Produkt herauskommt.

Nein, den Neuen Menschen haben wir nicht erschaffen. Unsere Hybris als junge, vielleicht viel zu junge Eltern ist mit wachsender Lebenserfahrung implodiert. Nach den Theorien der Soziobiologen sollte man sich die menschliche Natur als begabt zur Aggressivität und zum Altruismus aus Eigennutz vorstellen - mit extremen Abweichungen in beide Richtungen. Jedenfalls haben wir begriffen, daß jede Generation ein Zivilisierungsprogramm braucht.

Ausbrüche von Jugendgewalt und Fremdenhatz in den neunziger Jahren haben einstige Adepten der antiautoritären Erziehung nachdenklich gemacht. Sind ihre Ideen, die sie längst nicht mehr hegen, ein Teil des gesellschaftlichen Desasters?

Daß Kinder ihre Grenzen selbst finden, war kein Trugschluß. Sie tun das in der Regel durch Grenzüberschreitungen. Deshalb müssen die Grenzen so eng gesteckt werden, daß sie den humanitären Bereich nicht verlassen, wenn sie denn über die Stränge schlagen. Aus der antiautoritären Erziehung sind Ansprüche von Kindern auf eine humane Behandlung erwachsen - ein Segen. Aber die Erziehungsrevolution ist verkommen zu einer verbreiteten Nicht-Erziehung ohne zivilisatorische Grenzen - ein Fluch.

Barth, 57, ist SPIEGEL-Redakteurin.


DER SPIEGEL 20/1999
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