17.05.1999

KOMMUNIKATIONDienstgespräche in der Sauna

Männer reden über vieles - aber kaum über ihr angebliches Thema Nummer eins. Ein Psychologe untersuchte männliches Redeverhalten und bescheinigt seinen Artgenossen Renommiersucht, Klatschlust und Verklemmtheit.
Die behaarten Beine lugten bei jedem Schritt hervor, sexy sah er aus, der Mann im Rock. So selbstverständlich trugen die Beaus der Modebranche auf den Frühjahrsschauen in diesem Jahr das vermeintlich feminine Kleidungsstück, daß der Massenkonfektionshersteller H&M den Rock in diesen Tagen erstmalig auch nicht-weiblichen Kunden anbietet.
Hat sich der Mann, nach erfolgreich absolvierten Koch- und Wickelkursen, endgültig dem Ewigweiblichen angeglichen? Keineswegs. Im wichtigsten Kommunikationsmittel zwischen und unter den Geschlechtern, dem Gespräch, sieht der münstersche Psychologieprofessor Alfred
* "Smoke", mit William Hurt, Harvey Keitel.
Gebert immer noch gravierende Unterschiede zwischen Mann und Weib.
"Männer sind Frauen bei der Gesprächsführung in einer Weise unterlegen, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte", behauptet der Forscher - und fügt Vernichtendes hinzu: "Männer können nicht zuhören; sie vergessen, was der Gesprächspartner ihnen zuvor erzählt hat, sie stellen kaum Fragen und fallen sich ins Wort - es ist beschämend."
Im Vergleich zu solchem Totalversagen schneiden Frauen bei Gebert gut ab: Sie bleiben oft lange bei einem Thema und gehen aufeinander ein. "Wahrscheinlich", so die resignierte Analyse des Psychologen, "haben wir uns vom menschlichen Urverhalten noch gar nicht weit entfernt." Will sagen: Männer sind auf der Jagd und müssen sich schnell und zielgerichtet entscheiden, Frauen sind durch die Kinderaufzucht an langwierige Prozesse gewöhnt.
Durch Zufall ist der Menschenkundler 1989 darauf gekommen, das Kommunikationsverhalten seiner Geschlechtsgenossen genauer zu untersuchen. Damals brachte er an der Beamtenfachhochschule in Münster angehenden Staatsdienern statistische Erhebungsverfahren in der Psychologie bei. Ein Student schlug vor, bei den vielen Kantinenbesuchen in seiner Behörde Gespräche unter Kollegen zu belauschen und aufzunehmen - so sollte protokolliert werden, welche Themen wie lange von den unfreiwilligen Probanden besprochen würden.
Das Konzept für diese Hausarbeit kopierten in den nachfolgenden Jahrgängen zahlreiche andere Studenten. Nun, nach zehn Jahren, hat Gebert über hundert Erhebungen vorliegen; kürzlich hat er sie ausgewertet.
Bei dieser Analyse kamen zur studentischen Fleißarbeit auch eigene Erkenntnisse hinzu, denn Gebert ist inzwischen selbst ein gewiefter Lauschangreifer geworden. Manchmal geht er sogar in Saunas, um Gespräche unter seinesgleichen mitzuhören - auch hier, im öffentlichen Schwitzkasten, bestätigt sich, was die Studenten in Kneipen, Bars und Diskotheken bereits vernommen hatten: "Männer reden fast nur vom Job. Selbst wenn sie nackt sind, verkünden sie permanent berufliche Triumphe."
Daß nicht der Job, sondern der Sex den Mann beherrscht, dieses Klischee meinte unlängst die Frauenzeitschrift "Petra" bestätigen zu können. Unter Berufung auf die Hirnforschung warnte sie, beim Manne "brodelt immer eine latente Kampf- und Sexbereitschaft". Derartige Hitzewallungen verleiten aber offenbar nicht zum Reden: "Sex und Beziehungen, diese Themen werden unter Männern nicht einmal gestreift", behauptet Gebert.
Daß in Skatrunden zölibatäre Hemmungen herrschen, ist zwar in Zeiten, in denen auf allen Fernsehkanälen Leib und Seele ausgezogen werden, kaum vorstellbar - doch der Männer-Analytiker liefert eine passende These zu seiner Verklemmtheitsdiagnose: Gerade in der Omnipräsenz der Potenz liege der Grund für das Schweigen der Männer. "Die Medien suggerieren, daß jeder über alles Bescheid weiß - deshalb traut sich der einzelne nicht, das eigene kleine Wissen und Bedürfnis anzusprechen."
Wer Schwächen zugibt, hat also schon verloren, das lustvolle Eingeständnis zahlloser Komplexe - bei Frauen entscheidender Bestandteil einer gelungenen Konversation - käme Männern demnach niemals in den Sinn.
In anderer Hinsicht jedoch sind die Herren dem anderen Geschlecht viel ähnlicher, als ihnen lieb sein dürfte. Von der Klatsch- und Tratschsucht können, wie es aussieht, Träger von XX- und XY-Chromosomen gleichermaßen befallen werden.
In Fragebögen behaupten Männer zwar oft, daß sie unentwegt über Politik und Kultur räsonierten, und vor kurzem hat ihnen auch eine in der "Frankfurter Allgemeinen" veröffentlichte Studie eine hohes Interesse an Staatstragendem bescheinigt, doch Gebert hält auch dies für eine Illusion: Wenn man genau hinhöre, komme das Thema Kultur in den Kneipenrunden so gut wie gar nicht vor und Politik auf eher schlichte Weise. "Als der neue Kanzler seine Regierungserklärung abgegeben hatte", berichtet Gebert, "unterhielten sich die Probanden nicht über die Inhalte der Rede, sondern über Schröders vierte Ehefrau und den Schnitt seines Anzugs."
Mit dieser Art Politikinterpretation offenbaren die Herren noch mehr als die reine Klatschlust: Auch die fatale Fixierung auf Aussehen und Kleidung haben sie inzwischen von den Damen übernommen. Immer mehr Männer beschwören, folgt man Gebert, die Vorzüge gesunder Kost - aber erklären dabei wieder die Problem- zur Tabuzone.
Denn sie jammern nicht wie Frauen über unliebsame Ausbuchtungen und Dellen, sondern lassen ihre Geschlechtsgenossen lieber großzügig an ihrem Herrschaftswissen teilnehmen: Bei Bauer Soundso gibt es den besten Spargel, lassen selbsternannte Feinkostexperten schon mal durchblicken, um dann in einem ernährungswissenschaftlichen Referat die entwässernde Wirkung des Gemüses zu lobpreisen.
Auch hier also ist, ähnlich wie in Plaudereien über Autos und Motoren, Prahlhans Küchenmeister - Geberts Studien legen die Befürchtung nahe, daß das Interesse der Frau am gepflegten Gespräch mit dem Gegengeschlecht nicht allzu groß sein kann.
Doch einen Trost hält der Forscher parat: "Es ist unglaublich, welche Kommunikationsfähigkeit ein Mann entwickeln kann, wenn er um eine Frau wirbt. Er nimmt jede Nuance wahr und fragt sogar hin und wieder nach."
Dieses bescheidene Talent scheint allerdings tatsächlich nur temporär aufzutreten. "Der verheiratete Mann hört in der Regel gar nicht zu", sagt Gebert - schlimmer noch, er neigt offenbar dazu, die Aussagen seiner Gattin beständig zu mißdeuten. Beklagt sich etwa die Angetraute, "die Einkaufstüten waren so schwer", bleibt das erwünschte "oh, das tut mir aber leid" meist aus. Statt dessen kommt etwas Rüdes, Besserwisserisches, wie etwa: "Dann geh das nächste Mal lieber zweimal in den Supermarkt."
Angesichts derart bedrückender Erkenntnisse sind die vor kurzem publizierten Ergebnisse anderer Forscher, die das Sprachverhalten der Geschlechter untersucht haben, nicht sehr trostreich: Sie wollen herausgefunden haben, daß Frauen 23 000 Wörter am Tag sprechen, Männer nur auf 12 000 kommen. Dieser Unterschied sei erblich bedingt - Frauen hätten, so übersetzte die "Bild"-Zeitung, ein sogenanntes Plapper-Gen.
Adam prahlt, und Eva plaudert. Der Geschlechterkampf geht weiter.
SUSANNE BEYER
* "Smoke", mit William Hurt, Harvey Keitel.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 20/1999
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