17.05.1999

FUSSBALLKicker und Käfer

Durch die Hintertür hat die Volkswagen AG den VfL Wolfsburg übernommen. Das Autowerk will den Bundesligaclub zur internationalen Topadresse aufpäppeln.
Jeden Montag, morgens um elf, treffen sich die Vorstände der Volkswagen AG zu ihrer routinemäßigen Sitzung. Seit kurzem geht der Lagebesprechung ein immer gleiches Ritual voraus: Die Topmanager fachsimpeln über die Leistungen, die die Fußballprofis des VfL Wolfsburg am Wochenende vollbracht haben.
Selbst der Konzernchef, der sich bislang kaum dem Verdacht aussetzte, Fußballfan zu sein, beweist ungeahnte Detailkenntnis. Mal referiert Ferdinand Piëch vor der verblüfften Runde die wirtschaftlichen Eckdaten von Manchester United und empfiehlt, sich am englischen Branchenprimus ein Beispiel zu nehmen; mal gestattet er sich "zwischen Tür und Angel", wie der stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Sudholt zu berichten weiß, sachkundige Anmerkungen zum geplanten Stadionneubau.
Fußball ist salonfähig geworden in Wolfsburg. Denn entgegen sämtlichen Prognosen hat sich die Mannschaft von Trainer Wolfgang Wolf im oberen Tabellendrittel der Bundesliga festgesetzt. Die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb scheint greifbar nahe.
Noch nimmt das Establishment den Aufschwung des VfL mit vertrauter Arroganz zur Kenntnis. "Die Wolfsburger", lästerte unlängst Karl-Heinz Rummenigge aus dem fernen München, "will doch keiner sehen." Diese Einschätzung, die der Vizepräsident des FC Bayern pflegt, könnte sich allerdings als folgenschwerer Irrtum erweisen.
Mag der Erfolg dieser Tage noch wie der Zufallscoup eines Provinzclubs anmuten, auf Dauer droht der Bundesliga mit dem VfL ein ernsthafter Konkurrent zu erwachsen. Denn ähnlich wie Chemiegigant Bayer in Leverkusen und der Elektromulti Philips in Eindhoven, deren Teams längst internationales Format erreicht haben, strebt auch Volkswagen mit dem Fußballverein nach Höherem. Mehr als 20 Millionen Mark investierte der Konzern bereits in den letzten beiden Jahren - Peanuts im Vergleich zu dem, was die Vorstände als sportlichen Masterplan fürs nächste Jahrtausend beschlossen haben.
Noch Mitte der Neunziger steckte die Volkswagen AG rund hundert Millionen Mark in Rock-Legenden wie die Rolling Stones, Pink Floyd oder Genesis, um im Glanz der Bühnenauftritte die eigene Marke zu entstauben. Geblieben von der aufwendigen Image-Offensive sind allenfalls
* Beim Spiel gegen den VfB Stuttgart am 1. Mai, links Frank Verlaat.
die Schriftzüge der Band-Namen auf angejahrten Karossen.
Inzwischen glauben sich die VW-Strategen klüger. Kein noch so ausgefallener PR-Gag besetze den Namen des Unternehmens so positiv wie eine erfolgreich kickende Werksmannschaft. Die Sportler sollen Emotionen für die Marke schüren und mithin die Bindung zwischen Fan und Fahrzeug vertiefen.
Dafür, daß das Geld seriös verwaltet wird, hat VW gesorgt. Sämtliche Schaltstellen des VfL Wolfsburg haben führende Manager des Autokonzerns eingenommen. Im Aufsichtsrat des Clubs sitzen unter anderen VW-Markenvorstand Lothar Sander, VW-Aufsichtsrat Ekkehardt Wesner sowie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Volkert. Im Vorstand der Fußballabteilung lenken Betriebsrat Sudholt und Wolfgang Hotze, Leiter des Steuer- und Zollwesens im Unternehmen, die Vereinspolitik. Auch im operativen Geschäft überlassen die Autobauer nichts dem Zufall. Manager Peter Pander haben sie für VfL-Aufgaben ebenso freigestellt wie Marketing-Mann Peter Dierks und Uwe Stein, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit.
Demnächst wird die faktische Kontrolle des VfL durch das Autowerk auch juristisch festgezurrt: Die Fußballabteilung soll aus dem Verein ausgegliedert und in eine GmbH umgewandelt werden. Mehrheitseignerin in spe: die Volkswagen AG.
Das entspricht zwar nicht den Statuten des Deutschen Fußball-Bundes, die der Wirtschaft bei Bundesligaclubs nur Minderheitsbeteiligungen gestatten. Doch ein entsprechender Antrag liegt in der DFB-Zentrale in Frankfurt vor: Eine Ausnahmegenehmigung, wie sie der DFB der Leverkusener Bayer AG erteilt hat, soll her. "Wenn wir uns seit Jahren in diesem Ausmaß engagieren", betont VW-Vorstand Sander, "dann wollen wir auch die Richtung vorgeben."
Die freundliche Übernahme ist für VW so etwas wie der Grundstein eines im deutschen Sport bislang einmaligen Vorhabens: Am östlichen Rand des Werks, dem "Italienerdorf", stehen schmutzig-gelbe Baracken, in denen einst die ersten Gastarbeiter hausten und die heute Büros beherbergen. Nach den Plänen von Verein und Konzern soll an dieser Stelle binnen zwei Jahren ein Fußballtempel für 30 000 Zuschauer entstehen, selbstredend multifunktional und auf etwa 200 Millionen Mark veranschlagt. Ein Experte zur Verwirklichung der Visionen wurde vorvergangene Woche eingestellt: Klaus Fuchs, ehedem Manager des 1. FC Kaiserslautern. In der Pfalz machte er sich einen Namen, als das veraltete Stadion auf dem Betzenberg grundlegend modernisiert wurde.
Die neue Arena wäre das schmückende Kollier eines gigantischen Projekts, das die Volkswagen AG zur Zeit auf ihrem Gelände aus dem Boden stampft und das rund eine Milliarde Mark verschlingt. Die sogenannte Autostadt, deren launiges Logo in Wolfsburg schon jetzt allgegenwärtig ist, wird eine Reißbrett-Landschaft mit kindersicheren Wasserspielen, Kinos, Museen, zentraler Piazza und zwei gewaltigen Türmen aus Stahl und Glas, in denen, Reliquien gleich, polierte Fahrzeuge der VW-Gruppe vom Lupo bis zur Käfer-Adaption Beetle ausgestellt sein werden.
Die bombastische Selbstinszenierung ist ein Konzernbeitrag zur Weltausstellung Expo. Vom 1. Juli 2000 an werden jährlich 1,5 Millionen Menschen erwartet, die dort ihre Neuwagen in Empfang nehmen oder, ohne Kaufvertrag in der Tasche, ganz einfach dem Götzen Automobil huldigen wollen.
Noch ist die "Autostadt" eine Baustelle, deren Dimension an den Potsdamer Platz in Berlin erinnert. Die schiere Größe der Gruben und Gerüste macht den Anspruch des Unternehmens deutlich, der auch für die Pläne mit dem VfL Wolfsburg gilt: Wenn alles erst einmal fertig ist, muß es vom Feinsten sein.
Die Bürger der Stadt aus dem ehemaligen Zonenrandgebiet sollen sich endlich an Lebensqualität erfreuen dürfen. Denn bisher bot Wolfsburg, das erst einen Monat nach dem Autowerk im Juli 1938 gegründet wurde, nur Arbeit, kein Vergnügen. Das neue Konzernziel lautet: Brot und Spiele.
Die Region giert nach Helden, die sie nie gehabt hat. Volkswagen erschafft sie: den Trainer Wolfgang Wolf, den Stürmer Roy Präger, den Mittelfeldspieler Charles
* Beim entscheidenden Spiel zum Bundesliga-Aufstieg am 11. Juni 1997; links VW-Vorstand Peter Hartz, rechts Piëch-Ehefrau Ursula.
Akonnor. Eigentlich taugt jeder im Kader des VfL derzeit zum Idol, selbst Ersatzmann Peter Kleeschätzky. Denn der ist seit acht Jahren dabei, so lange wie kein anderer, und er weiß noch, wie es früher war.
1993, nach dem ersten Jahr in der Zweiten Liga, drohte der DFB, dem finanziell notleidenden Verein die Lizenz zu verweigern. Die Stadt sprang ein und kaufte dem VfL Wolfsburg das Erbbaurecht des Stadiongeländes für 3,8 Millionen Mark ab.
Die Volkswagen AG, obwohl damals schon personell eng verwoben mit dem Club, hielt sich bedeckt. Sie stiftete Geld allenfalls aus lokaler Verpflichtung - Fußball-Sponsoring in großem Stil galt der Konzernspitze als anrüchig. Zudem "hätte Volkswagen 1993 nichts freistellen können für solche Dinge", wie Arbeitnehmervertreter Sudholt zu bedenken gibt, "das hätte das Unternehmen politisch nicht durchgestanden". Zu viele Mitarbeiter hatten gerade ihre Stellen verloren.
Nun stehen die Zeichen günstiger. 1998 hat der VW-Konzern 4,75 Millionen Autos verkauft und 2,24 Milliarden Mark Gewinn erzielt: ein Rekord. 50 000 Menschen sind derzeit im Werk anscheinend in sicherer Stellung; die Arbeitslosenquote in Wolfsburg sank seit Herbst 1997 von 19,8 auf 12,9 Prozent.
Das wirtschaftliche Wohlbefinden schafft Freiräume. Daß die Gönner des Vereins ihren Sekt in einem überdimensionalen Zelt mit knarzenden Holzdielen statt in feinen Logen schlürfen, ist für Ekkehardt Wesner ein absehbares Provisorium: "Wir betreiben hier", sagt der Verantwortliche der VW-Sportförderung, "nur noch kurzfristige Mängelverwaltung." Die Zukunft ist längst geplant wie die nächste Generation des Golf.
Zuweilen schießen die VW-Bosse bei der Verschmelzung von Werk und Verein allerdings übers Ziel hinaus: Um den VfL-Aufsichtsrat vor den Launen mißliebiger Vereinsmitglieder zu verschonen, wurde die Satzung so zurechtgebosselt, daß das Präsidium sein Kontrollorgan selbst bestimmte. Der DFB, bei der Einflußnahme von Geldgebern auf die Bundesligaclubs in letzter Zeit ohnehin sensibilisiert, sah darin "ein etwas eigenes Demokratieverständnis", wie Fußball-Chef Sudholt konzediert. Der Verband mahnte einen Kurswechsel an: In Zukunft soll nun ein unabhängiger Wahlausschuß den Mitgliedern die Zusammensetzung des Aufsichtsrats vorschlagen.
Die Liaison VW/VfL ficht das nicht an. "Werk und Verein", sagt Wesner so durchdringend, als erteile er einen Marschbefehl, "lassen sich nicht mehr auseinanderdividieren." MICHAEL WULZINGER
* Beim Spiel gegen den VfB Stuttgart am 1. Mai, links Frank Verlaat. * Beim entscheidenden Spiel zum Bundesliga-Aufstieg am 11. Juni 1997; links VW-Vorstand Peter Hartz, rechts Piëch-Ehefrau Ursula.
Von Matthias Wulzinger

DER SPIEGEL 20/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL:
Kicker und Käfer

Video 01:27

Überschwemmte Straße in England Die einen schaffen's - und die anderen...

  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Internat für junge Kriminelle: Wadims wundersame Wandlung" Video 12:31
    Internat für junge Kriminelle: Wadims wundersame Wandlung
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?" Video 01:01
    US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?
  • Video "Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde" Video 00:57
    Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...