17.05.1999

GROSSBRITANNIEN

Marschmusik für MI6

Ein verbitterter Ex-Spion hat dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 die schwerste Niederlage seiner Geschichte zugefügt. Trotz aller Versuche, eine Veröffentlichung zu verhindern, erschien Mitte vergangener Woche eine Liste mit den Namen, Einsatzorten und Geburtsjahren von 117 angeblichen britischen Agenten im Internet. Obwohl die Londoner Regierung Druck auf einzelne Provider ausübte, das Verzeichnis sofort wieder aus dem Internet herauszunehmen, war es bereits zu spät: Für jede entfernte Seite tauchten Kopien an anderer Stelle im weltweiten Netz auf. Zwar sind einige Namen - etwa die des derzeitigen MI6-Chefs sowie seiner direkten Vorgänger - allgemein bekannt; einige andere nun enttarnte Spione sind inzwischen pensioniert oder nicht mehr in Regierungsdiensten. Doch der Rest dieses Spionage-Who's-Who enthüllt die Namen wichtiger aktiver Agenten, die unter diplomatischer Tarnung an britischen Botschaften etwa in Washington, Moskau oder Bonn arbeiten.

Schlimmer noch: Einige Geheimdienstler tauchen nicht im Personalverzeichnis des diplomatischen Dienstes auf - "deep cover"-Agenten, die jetzt schleunigst in die MI6-Zentrale an der Themse zurückgeholt werden müssen. Eine ganze Generation britischer Agenten gilt damit als "verbrannt": jener Cambridge-Professor etwa, der seine klügsten Studenten für den Dienst rekrutierte, oder der Chef der Balkan-Operationen, der angeblich schon vor sieben Jahren Mordpläne gegen den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic ausheckte. Am schlimmsten erwischte es den MI6-Residenten in Lagos, über den der Listen-Verfasser gleich noch urteilte, der Mann sei ein "Wichser". Besonders lohnend für konkurrierende Geheimdienste ist der nun mögliche Karrierevergleich der einzelnen Agenten. Er läßt Rückschlüsse darauf zu, welche MI6-Stationen besonders wichtig sind und unter welchen diplomatischen Tarnungen Spione zu vermuten sind. "Nur Leute, die für den Dienst gearbeitet haben, können sich Zugang zu solchen Informationen beschaffen", glaubt ein britischer Fachmann. Und weil derartige Listen beim MI6 nicht einfach herumliegen, stehe zu vermuten, daß durch ihre Herstellung "ein sehr ernstes Verbrechen begangen wurde".

Dafür macht die britische Regierung den ehemaligen MI6-Agenten Richard Tomlinson, 36, verantwortlich. Zwar leugnet der Verdächtige, die Liste ins Internet gestellt zu haben, doch hat er in den vergangenen Monaten wiederholt genau damit gedroht. Noch Ende April erwirkte die britische Regierung gegen Tomlinson eine gerichtliche Verfügung in seinem Schweizer Exil, die ihm jede Verbreitung seines Geheimdienstwissens über das Internet untersagte. Schon vier Jahre führt Tomlinson eine heftige Fehde gegen seinen einstigen Arbeitgeber, der ihn gefeuert habe, weil er nach dem Krebstod seiner Freundin depressiv geworden sei. Seither fühlt er sich verfolgt - mit gutem Grund, aber nicht ohne eigenes Verschulden.

Nachdem das MI6 ihm Geld angeboten hatte, verzichtete er auf eine Wiedereinstellungsklage und gab seine Geheimdienstunterlagen ab. Doch als er zwei Jahre später einem Verleger die Idee für ein Buch skizzierte, wurde er verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung beantwortete er jede neue Schikane britischer Behörden mit pikanten Enthüllungen, etwa über die Positionierung eines britischen Spions bei der Bundesbank in Frankfurt. Wichtigste Waffe im Kampf gegen den MI6 ist seine eigene Web-Seite. Wer sie Ende letzter Woche anwählte, fand dort zwar nicht die verbotene Liste, wohl aber Hinweise auf andere MI6-Untaten, etwa die angebliche Verwicklung des Dienstes in den Pariser Unfalltod der Fürstin von Wales, Diana. Musikalisch untermalt wird das Sündenregister durch zackige britische Militärmärsche.


DER SPIEGEL 20/1999
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